Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 39 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Die Fahrlander Chronik

 

Und eintrug er, was geschah,

In sein „Buch der Chronika“.

 

I n der Pfarre zu Fahrland befindet sich ein Schatz: die Fahrlander Chronik. Auf unsern vielen Hin- und Herzügen in der Mark sind wir keinen

handschriftlichen Aufzeichnungen begegnet, selbst die Kirchenbuch-Notizen aus

der Schwedenzeit nicht ausgenommen, die an Interesse dieser „Fahrlander

Chronik“ gleichkämen. Sie bildet einen starken Quartband, hat festes Papier und

einen blaugemaserten Deckel, und führt die Aufschrift: „Die Pfarre Fahrland;

Nachrichten und Tagebuch seit 1774.“ Diese Aufschrift ist aber halb verwischt

und man findet in dicken Buchstaben darüber geschrieben: „Fahrland; Chronik

des Pastor Moritz.“ Man nennt es gemeinhin: Die Fahrlander Chronik. Vor

kurzem hat man dem Buche einen neuen Rücken gegeben und diese Rückseite

mit drei Streifen Goldpapier ornamentiert, was sehr sonderbar aussieht.

Der Verfasser dieser Chronik, wie die vorstehenden Zeilen bereits

andeuteten, ist Pastor Moritz. Er begann seine Arbeit 1787 und führte sie fort bis

1794. Gleich auf dem ersten Blatte begegnen wir, nach Art einer Vorrede,

Folgendem:

 

Es ist kläglich, wenn man eine Pfarre bezieht und findet nicht einen

geschriebenen Bogen von Nachricht. So ging es mir in Geltow. In Fahrland

fand ich einige Blätter, aber von dem Orte und der Pfarre enthalten sie

nichts. Überdies gehen einige Bogen leicht verloren, sonderlich im Vakanz-

Jahr und beim Abzug. Die geistlichen Frauen verstehens nicht. Der Bogen

wird als Makulatur verbraucht.

So ließ ich denn dies Buch binden und heute den 1. August 1787

schreibe ich dieses. Ich bezeuge hiermit vor dem Allwissenden, daß ich nur

Wahrheit schreiben will, es betreffe meine Zeit, oder es betreffe die alten

einzelnen Papiere.

Moritz.

 

Nun beginnt er.

Sich in seinen Aufzeichnungen zurecht zu finden, ist nicht leicht, da er Zurückliegendes und Gegenwärtiges, Biographisches und Kritisch-

Betrachtendes, Allgemeines und Persönliches, Kirchliches und

Wissenschaftliches, Fahrlander Vorkommnisse und Vorkommnisse in den

Filialen, oft ohne Scheidung und Übergänge, hintereinander fort folgen läßt.

Liest man aber liebevoll und wiederholentlich, so klärt sich zuletzt das Bild, die

ganze Gegend: Fahrland und Satzkorn, Sakrow und Marquardt, Ütz und

Döberitz, die Gutsherrschaften und Amtmänner, die Pastoren und Küster, die

Beziehungen zu Potsdam und Sanssouci, — alles tritt einem entgegen, und es

wird einem zu einer eigentümlichen Freude, die Zeit, die doch beinahe hundert

Jahre zurückliegt, so bis in die kleinsten Züge hinein, aus dem Grabe steigen zu

sehen. Neben dem Inhaltlichen ist die „Chronik“ auch sprachlich interessant. Es

kommen Wendungen darin vor, die man für ganz modern halten möchte,

beispielsweise wie „legère“ oder „fidèle“ oder „Schmu machen“. Dann wieder

heißt es: „Der Graf hatte viel nach mich gefragt“ und gleich darauf: „nach mich

hatte er nicht gefragt“. Dies ist aber nicht als ein Zeichen mangelnder Bildung zu

nehmen; Pastor Moritz war sehr gescheit, ein Gelehrter, ohne Pedant zu sein.

Über den Gang seines Lebens wird seine Autobiographie, die wir ebenfalls

der „Chronik“ entnehmen, Auskunft geben. Hier nur einige Vorbemerkungen.

1774 erhielt er die Pfarre. Das Jahr vorher war Pastor Schmidt, sein

Amtsvorgänger, gestorben. Er traf die Witwe (die Mutter Schmidts von

Werneuchen) noch im Pfarrhause an. Es war eine hübsche Frau, in der Mitte der

dreißiger, mit viel Familienanhang und Freundschaft. Diese ganze „Schmidtsche

Koterie“ hatte Pastor Moritz, den man einfach als einen „armen Teufel“ und

zugleich als einen bloßen Eindringling ansah, von Anfang an gegen sich. Die

Koterie hoffte ihn stürzen zu können. Man hatte sich aber sehr in ihm verrechnet.

Er war sittenstreng, tapfer, gescheit, voll moralischer Kraft und Energie; so focht

er denn seine Kämpfe siegreich durch, behauptete sie gegen immer neue

Kabalen, die von Amtmanns- und Pastorenfrauen (alles war versippt und

verschwägert) gegen ihn ins Werk gesetzt wurden, aber er mußte seinen Sieg mit

dem Frieden seines Lebens bezahlen. Er kam aus der Mißstimmung nicht heraus.

Ein Teil der Schuld lag bei ihm. Er war eine herbe Natur; sein Auftreten

konnte nicht versöhnen. Er hatte nichts Verbindliches, er machte keine

Konzessionen, er akkomodierte sich in nichts. Er focht gegen den Teufels- und

Gespenster-Glauben, den sich die Fahrlander nicht nehmen lassen wollten, mit

Heftigkeit, er drang ihnen das neue Gesangbuch auf im Gefühl seines auf die

Matrikel gestützten Rechts einerseits und seiner geistigen und sittlichen

Überlegenheit andrerseits, ja, ließ es sie wohl gelegentlich auch fühlen, daß er

sie für „dumme Kerle“ halte. Er mochte Recht haben. Ein eigentlich geistiger Hochmut tritt einem nirgends entgegen.