Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Dorf Fahrland, sein Amtshaus, seine Kirche und Pfarre
schön und würde noch schöner sein, wenn nicht die Bäume, die den oberen
Abhang umstehen, mit ihren Kronen allmählich über die Kuppe des Berges
hinausgewachsen und dadurch einem Umblick hinderlich geworden wären. Wo
er sich indessen bietet, ist er von großem Reiz und dem Wald- und Wasser-
Panorama nah verwandt, das ein Blick von den Müggelbergen gewährt.
Wie der „Königswall“ unten, so ist die „Kirchbergs-Kuppe“ hier oben ein
ergiebiges Feld für die Konjektural-Historie; wie jener als ein Kamp der
Wenden, so wird dieser als eine Opferstätte bezeichnet. Sehr leicht möglich, aber
sehr schwer nachweisbar! Was man jetzt noch auf der Kuppe des Kirchberges
findet, deutet auf viel spätere Zeiten hin. Man begegnet Feldstein-Fundamenten,
dazu zerkrümelten Ziegel- und Mörtel-Resten, die, so gering sie sind, doch
keinen Zweifel darüber lassen, daß hier ein Backstein-Bau gestanden habe. Auch
ist es noch keine dreißig Jahre, daß hier, zehn Fuß hoch, ein Mauerwerk
aufragte, das unverkennbar einem christlichen Gotteshause zugehörte. Es befand
sich also hier, ganz wie auf dem Kapellenberge bei Blankensee, dessen
Bautrümmer überhaupt sehr lehrreich sind, eine jener weit ins Land
hinausschauenden, zugleich als Wegweiser dienenden kirchlichen Warten, die
symbolisch von allem Umherliegenden Besitz nahmen und der Bevölkerung
verkündeten: „So weit diese Kapelle blickt, ist alles dem Christengotte untertan.“
So war es unmittelbar nach der Christianisierung. Später wurden Pilgerstationen
und Wallfahrtskapellen daraus, die, in der Spätgotik, die sie unverkennbar
zeigen, einer verhältnismäßig neuen Zeit, oft erst, wie die Blankenseer Kapelle,
dem Schluß des fünfzehnten Jahrhunderts angehören mögen. Denn die gotische
Bauweise hielt sich in der Mark bis in die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts
hinein.
Dorf Fahrland, sein Amtshaus, seine Kirche und Pfarre
Drüben Fahrlands Turm, aus dessen Luke
Hörbar kaum die Abendglocke singt!
Sieh die Hirtenfrau, die Napf und Kruke
Ihrem Mann nach jener Hutung bringt;
Sieh den Waldrand, wo trotz härnen Schleifen
Unbesorgt die Sommerdrosseln pfeifen, —
Rings Wachholdersträuche, bunt zerstreut,
Deren Frucht die Juli-Sonne bläut.
Schmidt von Werneuchen
Eine offene Stelle, wo nur Hagebutten und verzwergte wilde Kirschen
stehen, gestattet uns auf der sonst in ihrer Aussicht beschränkten Kuppe einen
vollen Blick nach Nordwesten zu. Der nächste Punkt ist Fahrland. Wir steigen,
um uns den Weg zu kürzen, den steileren Abhang des Berges hinunter und nach
zehn Minuten haben wir rechts und links, flach wie die Tenne, die Fahrlander
Feldmark. Pappeln und Elsen fassen die zahlreichen Wege ein; Schlickmühlen
stehen an den Gräben hin, bereit um die Regenzeit, wenn alle Felder zu Inseln
geworden sind, ihre Tätigkeit zu beginnen. Im ganzen eine reizlose Landschaft,
gleich arm an charakteristischen wie an Schönheits-Punkten.
Nicht viel günstiger wirkt Fahrland selbst. Von dem dichterischen Reiz, mit
dem unser märkischer Poet par excellence dasselbe zu umkleiden wußte, ist
wenig zu entdecken. Wir passieren es also, um jenseits desselben den „Sipunt“
kennen zu lernen, der, in einem gleichnamigen Gedichte „Der Sipunt bei
Fahrland“, noch über die Dorfesherrlichkeit hinaus, eine poetische Glorifikation
gefunden hat. Dieser Schilderung nach mußten wir eine Wolfsschlucht oder
irgend eine Lieblingsstätte des wilden Jägers erwarten,[26] aber eine mit
Kropfweiden bepflanzte Niederung, die im Sommer den Charakter einer Wiese,
im Herbst und Frühjahr den eines Luches hat, war alles, was sich unsrem Auge
bot. Prosaische Tristheit an Stelle poetischer Gruslichkeit. Wir wählten deshalb
von zwei Übeln das kleinere und kehrten in das Dorf zurück, das immerhin drei
bemerkenswerte Stätten hat: das Amtshaus, die Kirche und die Pfarre.
[Das Amtshaus], ein relativ moderner Bau, auf dessen Entstehung wir
zurückkommen, wirkt so nüchtern wie möglich. Die Stelle, auf der es steht, ist
aber alter historischer Boden. Hier ging die Grenzscheide, hier stand das feste
Schloß „Vorland“, ein Name, der sich erst um die Mitte des fünfzehnten
Jahrhunderts in Fahrland umwandelte.
Um eben diese Zeit, nachdem „Schloß Vorland“ bis dahin landesherrliche
Vogtei gewesen war, saßen hier die Stechows, die damals in verschiedenen
Zweigen blühten und im Havellande reich begütert waren. Sie besaßen zunächst
Stechow selbst, dann Satzkorn, Dyrotz, Groß-Glienicke, Heinenholz und
Fahrland. Hier in Fahrland hatten sie drei Rittergüter.
Im allgemeinen wird wenig von ihnen gemeldet, doch erfahren wir aus den
Kirchenbüchern, daß um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts einer von der
Familie lutherischer Prediger zu Fahrland war. Er hieß Hans von Stechow und
starb 1558.[27] Beinahe hundert Jahre später erfolgte dann ein Rückschlag und
wir finden um das Jahr 1646 folgende Aufzeichnung: „Christoph von Stechow bekennt sich zur römisch-katholischen Lehre. Seine Mutter hält noch lutherisch
aus. Gott kräftige sie.“ Es ist also ersichtlich, daß ein Zweig der Stechows
ebenso wie der Rochows und anderer märkischer Familien, während des
dreißigjährigen Krieges wieder katholisch wurde. Es wäre gewiß interessant, zu
erforschen, was diese Wandlung herbeiführte. War es einfach ein religiöser Zug,
der in der einen Kirche keine Befriedigung fand und sie bei der andern suchte,
oder war es deutsch-nationales Gefühl, Hinneigung zum Kaiser und Haß gegen
Schweden, dessen bloß ehrgeizige Absichten damals bereits klar zutage lagen?
Die Fahrlander Stechows waren sehr wahrscheinlich noch 1699 katholisch,
wenigstens einige von ihnen, wie aus folgendem Schreiben hervorgeht, das 1788
in Fahrland eintraf und den Kirchenakten einverleibt wurde. Das Schreiben
lautete: „Herr Christoph von Stechow besaß mit seinem Bruder Johann
Wolfgang von Stechow, Domherrn und nachherigem Domdechant zu
Halberstadt, das Lehngut Fahrland in der Mittelmark, und verkaufte solches für
fünfzigtausend Taler an den damaligen Kurfürsten zu Brandenburg, nachherigen
König von Preußen Friedrich I. Anno 1699. Herr Christoph von Stechow zog
darauf nach Schlesien, kaufte daselbst Güter und ward vom Kaiser Leopold
nebst seiner männlichen und weiblichen Deszendenz in den alten Freiherrnstand
des Königreichs Böhmen erhoben. Seine Gemahlin war Thekla Margaretha von
Mönster, mit welcher er in Fahrland zwei Kinder erzeugt hat: Maria Josepha von
Stechow, welche 1690 und Franz Wolfgang von Stechow, welcher 1694 geboren
wurde. Da diese Kinder in Fahrland das Licht der Welt erblickten und vermutlich
in der dortigen Kirche getauft wurden, so wird um deren Taufschein ergebenst
gebeten.“ (Diesem Wunsche konnte willfahrt werden. Man fand beide Kinder im
alten Kirchenbuch verzeichnet und ihre Taufscheine wurden ausgestellt.)
Von 1699 ab war Fahrland kurfürstlich bez. königlich. Kurfürst Friedrich
III. ließ das alte Schloß abtragen und dafür „ein neues Schloß oder Lusthaus von
zwei Etagen mit sieben Logamenten“, welches zugleich als Amtshaus dienen
sollte, erbauen. Bei Herstellung desselben wurde die alte Kirche auf dem
Kirchberg als Steinbruch benutzt und die schönen Gewölbe und Spitzbogen
fielen, um als „Amtshaus im Kasernenstil“ wieder aufzustehen.
[Die Kirche] in Fahrland wirkt nicht besser. Sie präsentiert sich als
schmuckloser Bau, in dem direkte Überreste alter Gotik so geschickt bekalkt und
bemörtelt sind, daß nichts übrig geblieben ist als Wand und Fenster und der
Unterbau eines Turms. Auch das Innere wirkt nüchtern. Aber der Kirchhof ist
nicht ohne Interesse, besonders an der schattigen Stelle, wo er seinen Rasen in
einen durch Kirche und Sakristei gebildeten Winkel einschiebt. Hier wurden die
Geistlichen bestattet; die Grabsteine erzählen davon. In Dörfern, in denen die adeligen Geschlechter wegsterben, treten die Pfarrherren in gewissem Sinne an
die Stelle derselben; sie werden die Herren, jedenfalls die Repräsentanten des
Dorfs, alle entsprechenden Ehren fallen ihnen zu und ihre Grabsteine fangen an
die bevorzugten Stellen innerhalb und außerhalb der Kirche einzunehmen. So
auch hier.
[Das Pfarrhaus.] Einer der Grabsteine, hochaufgemauert, gönnt, wie ein
kleines Kastell, einen Überblick und zwischen schrägstehenden, dickstämmigen
Maulbeerbäumen hindurch, über die alte Kirchhofsmauer hinweg, trifft unser
Auge auf das still und abgelegen daliegende Predigerhaus. Ein märkisches Haus,
so einfach wie möglich, einstöckig, zwei mächtige Linden vor der Tür, die Front
des Hauses von wildem Wein umrankt; die Fensterpfeiler so schmal, daß das
Ganze wie ein Glashaus aussieht, oder wie die Predigerhäuser auf alten
holländischen Bildern. Über der Tür ein kurzes: Friede sei mit euch.
Wir treten ein. Es ist ein historisches Haus. An eben dieser Stelle, wenn
auch nicht unter diesem Dach, wurde Schmidt von Werneuchen geboren. Es
entspricht in nichts dem reizenden Bilde, das unser viel und gern-zitierter Freund
in seinem besten Gedichte („Fahrland“) von dem zu seiner Zeit hier stehenden
Predigerhause entworfen hat:
Ha! ich kenne Dich noch, als hätt’ ich Dich gestern verlassen,
Kenne das hangende Pfarrhaus noch mit verwittertem Rohrdach,
Kenne die Balken des Giebels, wo längst der Regen den Kalk schon
Losgewaschen, die Tür mit großen Nägeln beschlagen.
Kenne das Gärtchen vorn mit dem spitzen Stacket, und die Laube
Schräg mit Latten benagelt, und rings vom Samen der dicken
Ulme des Nachbars umstreut, den gierig die Hühner sich pickten.
Von all dem ist nichts mehr wahrzunehmen, das Haus ist hinüber wie die
Menschen, die damals ihre Stätte in ihm hatten. Selbst die vorerwähnten
Grabsteine, drüben zwischen Kirche und Sakristei, gehören einer anderen
Epoche an, und nur einer ist da, der an jene Schmidtschen Tage mahnt. Er ist in
die Kirchenwand eingelassen und seine Inschrift lautet: „Vor diesem Stein ruht
Mutter und Kind. Jene war die wohlgeborene und tugendbegabte Frau, Frau
Sophie Schmidtin, älteste Tochter des Königlich Preußischen Stallmeisters in
Potsdam Herrn Ludwig Samson. Sie war geboren den 25. Februar 1724, ward
verheiratet an Herrn Bernhard Daniel Schmidt, Prediger in dieser Gemeinde, den
13. Juli 1751 und starb den 7. Juli 1752, nachdem sie drei Tage vorher von
einem toten Söhnlein entbunden worden, das ihr zur linken Seite liegt.“
Der Grabstein Bernhard Daniel Schmidts selbst fehlt, ebenso der seiner zweiten Frau, der Mutter unseres „Schmidt von Werneuchen“.
Aber während sie an dieser Stelle vergessen scheinen, leben sie doch recht
eigentlich hier, und zwar mit Hilfe eines jeweilig geführten „Tagebuches,“ das
seit etwa hundert Jahren einen Schatz der Fahrlander Pfarre bildet. Wie
zerstreute Blätter eines Romans einen Lebenslauf vor uns auftun, vielfach
lückenhaft zwar, aber doch auch wieder vollständig genug, um die Personen in
aller Anschaulichkeit vor uns schreiten zu sehen, so auch die Blätter dieses
Tagebuches, das den Namen führt: „die Fahrlander Chronik“.
Von diesem Tagebuch, das uns vielfach auch von der Familie Schmidt
unterhält, in dem folgenden Kapitel.
[26] Es heißt in dem genannten Gedichte, das allerdings mehr den Charakter einer
Romanze als eines Idylls hat, wörtlich:
Wir sind da! Faßt Dich ein süßer Schrecken
Zwischen diesen Bergen hier von Kalk,
Wo der Blutfink baut in Kreuzdornhecken,
In der Eiche Kranz der Lerchenfalk?
Witterst Du der wilden Erdbeer Würze
Und des wilden Wermuts bittren Duft?
Mahnt Dich an des Herbstes Regenstürze
Des zerriss’nen Berghangs tiefe Schlucht?
So geht es weiter im Stile von „Spinneweb mit Blut betaut“, ohne daß von Blutfink und
Lerchenfalk das geringste zu bemerken wäre. Überhaupt ist es charakteristisch für die ganze Dichtungsweise Schmidts von Werneuchen, daß er sich in allen Gattungen der beschreibenden Poesie der höchsten Korrektheit, die dann sein Stolz war, befleißigt, sofort aber in Unnatur verfällt, wenn er den Boden des äußerlich Gegebenen verläßt und aus sich selbst zu schöpfen beginnt.
[27] Eine spätere Notiz des Kirchenbuchs ist nicht gut auf diesen Hans von Stechow,
der der erste lutherische Prediger in Fahrland war, zu sprechen. Es wird darin gleichsam Protest gegen die Ernennung von Junkern zu Pfarrherren eingelegt, wenn die betreffende Pfarre auf dem Grund und Boden derselben adligen Familie, der der Junker angehört, gelegen ist. Die Notiz lautet kurz und barsch: „War Hans von Stechow des Gutsherrn Vetter oder Sohn? etwa Cadet des Hauses? warum ward die Einrichtung des Dorfes und der Pfarre damals nicht besser gemacht? etwa darum, weil der Junker seinen Auszug aus dem Gute bekam und also doch leben konnte. Das wäre nichts, wenn nur die gnädigen Junker gnädigst geruhen würden, Landprediger zu werden! Kurz, wir freuen uns unseres Ahnherrn nicht, da er die zukünftigen Zeiten nicht besser beherziget hat. Aus der Hölle ist keine Erlösung. Und der Schlendrian herrscht nirgends ärger als im heiligen statu ecclesiastico.“