Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 38 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Dorf Fahrland, sein Amtshaus, seine Kirche und Pfarre

schön und würde noch schöner sein, wenn nicht die Bäume, die den oberen

Abhang umstehen, mit ihren Kronen allmählich über die Kuppe des Berges

hinausgewachsen und dadurch einem Umblick hinderlich geworden wären. Wo

er sich indessen bietet, ist er von großem Reiz und dem Wald- und Wasser-

Panorama nah verwandt, das ein Blick von den Müggelbergen gewährt.

Wie der „Königswall“ unten, so ist die „Kirchbergs-Kuppe“ hier oben ein

ergiebiges Feld für die Konjektural-Historie; wie jener als ein Kamp der

Wenden, so wird dieser als eine Opferstätte bezeichnet. Sehr leicht möglich, aber

sehr schwer nachweisbar! Was man jetzt noch auf der Kuppe des Kirchberges

findet, deutet auf viel spätere Zeiten hin. Man begegnet Feldstein-Fundamenten,

dazu zerkrümelten Ziegel- und Mörtel-Resten, die, so gering sie sind, doch

keinen Zweifel darüber lassen, daß hier ein Backstein-Bau gestanden habe. Auch

ist es noch keine dreißig Jahre, daß hier, zehn Fuß hoch, ein Mauerwerk

aufragte, das unverkennbar einem christlichen Gotteshause zugehörte. Es befand

sich also hier, ganz wie auf dem Kapellenberge bei Blankensee, dessen

Bautrümmer überhaupt sehr lehrreich sind, eine jener weit ins Land

hinausschauenden, zugleich als Wegweiser dienenden kirchlichen Warten, die

symbolisch von allem Umherliegenden Besitz nahmen und der Bevölkerung

verkündeten: „So weit diese Kapelle blickt, ist alles dem Christengotte untertan.“

So war es unmittelbar nach der Christianisierung. Später wurden Pilgerstationen

und Wallfahrtskapellen daraus, die, in der Spätgotik, die sie unverkennbar

zeigen, einer verhältnismäßig neuen Zeit, oft erst, wie die Blankenseer Kapelle,

dem Schluß des fünfzehnten Jahrhunderts angehören mögen. Denn die gotische

Bauweise hielt sich in der Mark bis in die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts

hinein.

 

Dorf Fahrland, sein Amtshaus, seine Kirche und Pfarre

 

Drüben Fahrlands Turm, aus dessen Luke

Hörbar kaum die Abendglocke singt!

Sieh die Hirtenfrau, die Napf und Kruke

Ihrem Mann nach jener Hutung bringt;

Sieh den Waldrand, wo trotz härnen Schleifen

Unbesorgt die Sommerdrosseln pfeifen, —

Rings Wachholdersträuche, bunt zerstreut,

Deren Frucht die Juli-Sonne bläut.

Schmidt von Werneuchen

 

Eine offene Stelle, wo nur Hagebutten und verzwergte wilde Kirschen

stehen, gestattet uns auf der sonst in ihrer Aussicht beschränkten Kuppe einen

vollen Blick nach Nordwesten zu. Der nächste Punkt ist Fahrland. Wir steigen,

um uns den Weg zu kürzen, den steileren Abhang des Berges hinunter und nach

zehn Minuten haben wir rechts und links, flach wie die Tenne, die Fahrlander

Feldmark. Pappeln und Elsen fassen die zahlreichen Wege ein; Schlickmühlen

stehen an den Gräben hin, bereit um die Regenzeit, wenn alle Felder zu Inseln

geworden sind, ihre Tätigkeit zu beginnen. Im ganzen eine reizlose Landschaft,

gleich arm an charakteristischen wie an Schönheits-Punkten.

Nicht viel günstiger wirkt Fahrland selbst. Von dem dichterischen Reiz, mit

dem unser märkischer Poet par excellence dasselbe zu umkleiden wußte, ist

wenig zu entdecken. Wir passieren es also, um jenseits desselben den „Sipunt“

kennen zu lernen, der, in einem gleichnamigen Gedichte „Der Sipunt bei

Fahrland“, noch über die Dorfesherrlichkeit hinaus, eine poetische Glorifikation

gefunden hat. Dieser Schilderung nach mußten wir eine Wolfsschlucht oder

irgend eine Lieblingsstätte des wilden Jägers erwarten,[26] aber eine mit

Kropfweiden bepflanzte Niederung, die im Sommer den Charakter einer Wiese,

im Herbst und Frühjahr den eines Luches hat, war alles, was sich unsrem Auge

bot. Prosaische Tristheit an Stelle poetischer Gruslichkeit. Wir wählten deshalb

von zwei Übeln das kleinere und kehrten in das Dorf zurück, das immerhin drei

bemerkenswerte Stätten hat: das Amtshaus, die Kirche und die Pfarre.

[Das Amtshaus], ein relativ moderner Bau, auf dessen Entstehung wir

zurückkommen, wirkt so nüchtern wie möglich. Die Stelle, auf der es steht, ist

aber alter historischer Boden. Hier ging die Grenzscheide, hier stand das feste

Schloß „Vorland“, ein Name, der sich erst um die Mitte des fünfzehnten

Jahrhunderts in Fahrland umwandelte.

Um eben diese Zeit, nachdem „Schloß Vorland“ bis dahin landesherrliche

Vogtei gewesen war, saßen hier die Stechows, die damals in verschiedenen

Zweigen blühten und im Havellande reich begütert waren. Sie besaßen zunächst

Stechow selbst, dann Satzkorn, Dyrotz, Groß-Glienicke, Heinenholz und

Fahrland. Hier in Fahrland hatten sie drei Rittergüter.

Im allgemeinen wird wenig von ihnen gemeldet, doch erfahren wir aus den

Kirchenbüchern, daß um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts einer von der

Familie lutherischer Prediger zu Fahrland war. Er hieß Hans von Stechow und

starb 1558.[27] Beinahe hundert Jahre später erfolgte dann ein Rückschlag und

wir finden um das Jahr 1646 folgende Aufzeichnung: „Christoph von Stechow bekennt sich zur römisch-katholischen Lehre. Seine Mutter hält noch lutherisch

aus. Gott kräftige sie.“ Es ist also ersichtlich, daß ein Zweig der Stechows

ebenso wie der Rochows und anderer märkischer Familien, während des

dreißigjährigen Krieges wieder katholisch wurde. Es wäre gewiß interessant, zu

erforschen, was diese Wandlung herbeiführte. War es einfach ein religiöser Zug,

der in der einen Kirche keine Befriedigung fand und sie bei der andern suchte,

oder war es deutsch-nationales Gefühl, Hinneigung zum Kaiser und Haß gegen

Schweden, dessen bloß ehrgeizige Absichten damals bereits klar zutage lagen?

Die Fahrlander Stechows waren sehr wahrscheinlich noch 1699 katholisch,

wenigstens einige von ihnen, wie aus folgendem Schreiben hervorgeht, das 1788

in Fahrland eintraf und den Kirchenakten einverleibt wurde. Das Schreiben

lautete: „Herr Christoph von Stechow besaß mit seinem Bruder Johann

Wolfgang von Stechow, Domherrn und nachherigem Domdechant zu

Halberstadt, das Lehngut Fahrland in der Mittelmark, und verkaufte solches für

fünfzigtausend Taler an den damaligen Kurfürsten zu Brandenburg, nachherigen

König von Preußen Friedrich I. Anno 1699. Herr Christoph von Stechow zog

darauf nach Schlesien, kaufte daselbst Güter und ward vom Kaiser Leopold

nebst seiner männlichen und weiblichen Deszendenz in den alten Freiherrnstand

des Königreichs Böhmen erhoben. Seine Gemahlin war Thekla Margaretha von

Mönster, mit welcher er in Fahrland zwei Kinder erzeugt hat: Maria Josepha von

Stechow, welche 1690 und Franz Wolfgang von Stechow, welcher 1694 geboren

wurde. Da diese Kinder in Fahrland das Licht der Welt erblickten und vermutlich

in der dortigen Kirche getauft wurden, so wird um deren Taufschein ergebenst

gebeten.“ (Diesem Wunsche konnte willfahrt werden. Man fand beide Kinder im

alten Kirchenbuch verzeichnet und ihre Taufscheine wurden ausgestellt.)

Von 1699 ab war Fahrland kurfürstlich bez. königlich. Kurfürst Friedrich

III. ließ das alte Schloß abtragen und dafür „ein neues Schloß oder Lusthaus von

zwei Etagen mit sieben Logamenten“, welches zugleich als Amtshaus dienen

sollte, erbauen. Bei Herstellung desselben wurde die alte Kirche auf dem

Kirchberg als Steinbruch benutzt und die schönen Gewölbe und Spitzbogen

fielen, um als „Amtshaus im Kasernenstil“ wieder aufzustehen.

[Die Kirche] in Fahrland wirkt nicht besser. Sie präsentiert sich als

schmuckloser Bau, in dem direkte Überreste alter Gotik so geschickt bekalkt und

bemörtelt sind, daß nichts übrig geblieben ist als Wand und Fenster und der

Unterbau eines Turms. Auch das Innere wirkt nüchtern. Aber der Kirchhof ist

nicht ohne Interesse, besonders an der schattigen Stelle, wo er seinen Rasen in

einen durch Kirche und Sakristei gebildeten Winkel einschiebt. Hier wurden die

Geistlichen bestattet; die Grabsteine erzählen davon. In Dörfern, in denen die adeligen Geschlechter wegsterben, treten die Pfarrherren in gewissem Sinne an

die Stelle derselben; sie werden die Herren, jedenfalls die Repräsentanten des

Dorfs, alle entsprechenden Ehren fallen ihnen zu und ihre Grabsteine fangen an

die bevorzugten Stellen innerhalb und außerhalb der Kirche einzunehmen. So

auch hier.

[Das Pfarrhaus.] Einer der Grabsteine, hochaufgemauert, gönnt, wie ein

kleines Kastell, einen Überblick und zwischen schrägstehenden, dickstämmigen

Maulbeerbäumen hindurch, über die alte Kirchhofsmauer hinweg, trifft unser

Auge auf das still und abgelegen daliegende Predigerhaus. Ein märkisches Haus,

so einfach wie möglich, einstöckig, zwei mächtige Linden vor der Tür, die Front

des Hauses von wildem Wein umrankt; die Fensterpfeiler so schmal, daß das

Ganze wie ein Glashaus aussieht, oder wie die Predigerhäuser auf alten

holländischen Bildern. Über der Tür ein kurzes: Friede sei mit euch.

Wir treten ein. Es ist ein historisches Haus. An eben dieser Stelle, wenn

auch nicht unter diesem Dach, wurde Schmidt von Werneuchen geboren. Es

entspricht in nichts dem reizenden Bilde, das unser viel und gern-zitierter Freund

in seinem besten Gedichte („Fahrland“) von dem zu seiner Zeit hier stehenden

Predigerhause entworfen hat:

 

Ha! ich kenne Dich noch, als hätt’ ich Dich gestern verlassen,

Kenne das hangende Pfarrhaus noch mit verwittertem Rohrdach,

Kenne die Balken des Giebels, wo längst der Regen den Kalk schon

Losgewaschen, die Tür mit großen Nägeln beschlagen.

Kenne das Gärtchen vorn mit dem spitzen Stacket, und die Laube

Schräg mit Latten benagelt, und rings vom Samen der dicken

Ulme des Nachbars umstreut, den gierig die Hühner sich pickten.

 

Von all dem ist nichts mehr wahrzunehmen, das Haus ist hinüber wie die

Menschen, die damals ihre Stätte in ihm hatten. Selbst die vorerwähnten

Grabsteine, drüben zwischen Kirche und Sakristei, gehören einer anderen

Epoche an, und nur einer ist da, der an jene Schmidtschen Tage mahnt. Er ist in

die Kirchenwand eingelassen und seine Inschrift lautet: „Vor diesem Stein ruht

Mutter und Kind. Jene war die wohlgeborene und tugendbegabte Frau, Frau

Sophie Schmidtin, älteste Tochter des Königlich Preußischen Stallmeisters in

Potsdam Herrn Ludwig Samson. Sie war geboren den 25. Februar 1724, ward

verheiratet an Herrn Bernhard Daniel Schmidt, Prediger in dieser Gemeinde, den

13. Juli 1751 und starb den 7. Juli 1752, nachdem sie drei Tage vorher von

einem toten Söhnlein entbunden worden, das ihr zur linken Seite liegt.“

Der Grabstein Bernhard Daniel Schmidts selbst fehlt, ebenso der seiner zweiten Frau, der Mutter unseres „Schmidt von Werneuchen“.

Aber während sie an dieser Stelle vergessen scheinen, leben sie doch recht

eigentlich hier, und zwar mit Hilfe eines jeweilig geführten „Tagebuches,“ das

seit etwa hundert Jahren einen Schatz der Fahrlander Pfarre bildet. Wie

zerstreute Blätter eines Romans einen Lebenslauf vor uns auftun, vielfach

lückenhaft zwar, aber doch auch wieder vollständig genug, um die Personen in

aller Anschaulichkeit vor uns schreiten zu sehen, so auch die Blätter dieses

Tagebuches, das den Namen führt: „die Fahrlander Chronik“.

Von diesem Tagebuch, das uns vielfach auch von der Familie Schmidt

unterhält, in dem folgenden Kapitel.

 

[26] Es heißt in dem genannten Gedichte, das allerdings mehr den Charakter einer

Romanze als eines Idylls hat, wörtlich:

Wir sind da! Faßt Dich ein süßer Schrecken

Zwischen diesen Bergen hier von Kalk,

Wo der Blutfink baut in Kreuzdornhecken,

In der Eiche Kranz der Lerchenfalk?

Witterst Du der wilden Erdbeer Würze

Und des wilden Wermuts bittren Duft?

Mahnt Dich an des Herbstes Regenstürze

Des zerriss’nen Berghangs tiefe Schlucht?

So geht es weiter im Stile von „Spinneweb mit Blut betaut“, ohne daß von Blutfink und

Lerchenfalk das geringste zu bemerken wäre. Überhaupt ist es charakteristisch für die ganze Dichtungsweise Schmidts von Werneuchen, daß er sich in allen Gattungen der beschreibenden Poesie der höchsten Korrektheit, die dann sein Stolz war, befleißigt, sofort aber in Unnatur verfällt, wenn er den Boden des äußerlich Gegebenen verläßt und aus sich selbst zu schöpfen beginnt.

[27] Eine spätere Notiz des Kirchenbuchs ist nicht gut auf diesen Hans von Stechow,

der der erste lutherische Prediger in Fahrland war, zu sprechen. Es wird darin gleichsam Protest gegen die Ernennung von Junkern zu Pfarrherren eingelegt, wenn die betreffende Pfarre auf dem Grund und Boden derselben adligen Familie, der der Junker angehört, gelegen ist. Die Notiz lautet kurz und barsch: „War Hans von Stechow des Gutsherrn Vetter oder Sohn? etwa Cadet des Hauses? warum ward die Einrichtung des Dorfes und der Pfarre damals nicht besser gemacht? etwa darum, weil der Junker seinen Auszug aus dem Gute bekam und also doch leben konnte. Das wäre nichts, wenn nur die gnädigen Junker gnädigst geruhen würden, Landprediger zu werden! Kurz, wir freuen uns unseres Ahnherrn nicht, da er die zukünftigen Zeiten nicht besser beherziget hat. Aus der Hölle ist keine Erlösung. Und der Schlendrian herrscht nirgends ärger als im heiligen statu ecclesiastico.“