Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Kapitel 2
Wo nun Gras und Staude beben,
Hat in froher Kraft geblüht,
Ist zu Asche bald verglüht
Manches reiche Menschenleben.
Die der Tod hinweg genommen,
Die hier einst so glücklich war:
Der geschiednen Seelen Schar,
Nachtigall, Du hörst sie kommen.
Lenau
Das Schloß in Paretz
So ging das Geplauder. Die wachsende Schwüle des Julinachmittags, wir
empfanden sie nicht; ein leiser Luftstrom zog von der Havel her herauf und trug
uns die Kühle des Wiesengrundes und den Duft der Resedabeete zu. Es war eine
halbe Stunde, wie sie nur an dieser Stelle erlebt werden kann, hier, wo sich Stille
und Erinnerung die Hand reichen.
Wir hingen noch den letzten Worten nach, der Schloßdiener öffnete die
Läden und lüftete die Zimmer, in die wir einzutreten hatten, als die Szene sich
plötzlich änderte. Ein Windstoß, jäh und heftig, fuhr durch den Park, die uns
zunächst stehenden hohen Pappeln beugten sich, Blätter, wie Flocken, fielen auf
uns nieder, die Chaussee herauf kam eine Wolke von Kies und Staub und über
den ganzen Himmel hin rollte die erste Ankündigung des Gewitters. Es war, als
ob wir erleben sollten, daß auch diese Stille täusche. Überall rollen die Donner
Gottes und kündigen, daß kein ewiger Friede sei.
Einen Augenblick schwankten wir, ob wir von der Poesie des Gegensatzes
Nutzen ziehen und die sich öffnenden Schloßräume, die verblaßten Zeichen
stillen Familienglücks, bei Gewitterschein in Augenschein nehmen sollten, aber
das mahnende Wort: „das kommt schwer herauf“ gab uns doch zu denken, und
nachdem erst einmal gezweifelt und der „angebornen Farbe der Entschließung“
die bekannte Gedankenblässe angekränkelt war, gaben wir es auf und nahmen
die Einladung an, die uns in die Wohnung des Hofgärtners führte. Es war die
höchste Zeit; noch trafen uns die ersten großen Tropfen; kaum unter Dach und das Schauspiel begann: Regen und Feuer fielen vom Himmel nieder. Als es
vorüber war, war es zu spät, den Rückweg anzutreten; die Wege waren grundlos,
die tiefen Stellen unter Wasser; wir blieben zu Nacht. Wer eingeregnet und
eingewittert, möge es immer so gastlich treffen, wie wir im Gärtnerhause zu
Paretz.
Ein Morgen kam, wie er nur nach solchem Abend kommt. Die Sonne
funkelte wie gebadet, und als die Läden des Schlosses sich wieder öffneten,
schoß das Licht hinein und lief wie ein Blitz durch alle Räume. Das Dunstige
und Trübselige, das sonst in solchen Räumen zu Hause ist, es war wie ausgefegt;
Licht macht wohnlich, alles schien bereit; es war, als solle das schöne königliche
Paar, das hier vor siebenzig Jahren lebte und lachte, jeden Augenblick wieder
seinen Einzug halten.
Und wenn es so wäre, sie würden die Stätte ihres Glücks wenig verändert
finden. Da sind noch dieselben Tapeten und Wandgemälde, dieselben
kissenreichen, mit Zitz überzogenen Sofas und Ottomanen, dieselben gemalten
Papageien und Fasanen, dieselben Büsten und Bilder. Bilder wohl tausend an der
Zahl, englische Stiche in Nußbaum und Ebenholzumrahmung, wie sie jeder von
uns aus dem Hause der Großeltern oder aus den Gast- und Logierstuben der
Landedelleute kennt. Wie diese Gaststuben gemeinhin neben der
Rumpelkammer liegen, so sind sie auch, in allem, was Kunst angeht, die
Vorbereitung, die Etappe zu ihr. Ein junges Mädchen mit Kaninchen spielend,
ein junges Mädchen mit einem Taubenkorb, die Grotte der Egeria, die Kaskaden
von Tivoli, so folgen die Blätter auf einander, abwechselnd in Schwarz- und in
Buntfarbendruck, und alle einer Lordship oder Royal Highness respectfully
devoted.
Tausend Blätter, aber keines von Bedeutung, mit Ausnahme eines einzigen,
das durch seinen Gegenstand und seine Schicksale ein gewisses Interesse
einflößt. Es ist dies „die Zusammenkunft des preußischen Königspaares und des
Kaisers von Rußland in Memel, 1802.“ Der Stich nach diesem Bilde ist
allgemein bekannt; hier befindet sich das Original, eine Arbeit Dählings, in
Gouache sauber ausgeführt. Schloß Paretz ist genau der Punkt, wo dieses Bild
seine Stelle finden mußte, denn die Personen, die es darstellt, sind recht
eigentlich Paretzer Personen, Gestalten, die dem Schloß „Still-im-Land“ in der
Epoche von 1795 bis 1805 angehörten. Es sind, außer dem Kaiser auf der einen
und dem König und der Königin auf der andern Seite, die folgenden: Prinz
Wilhelm, Prinz Heinrich, Feldmarschall von Kalckreuth, Hofmarschall von
Massow, Gräfin von Voß, General von Köckritz, die Kammerherren von
Schilden und von Buch, die Kammerdame von Moltke und der Major von Jagow. Dies Gouachebild Dählings, das auf der Rückseite mit drei verschiedenen
Zetteln oder Briefen beklebt ist, denen wir auch diese Notizen entnehmen, war
wohl, wenn nicht direkt im Auftrage des Hofes, so doch wenigstens in der
Hoffnung angefertigt worden, daß der Hof es erstehen würde; die Katastrophe
von Jena fuhr aber dazwischen und so ging dies Bild, das seinem Gegenstande
nach in das Boudoir einer Fürstin oder Oberhofmeisterin gehörte, in
kleinbürgerliche Hände über und wechselte mehrfach seine Eigentümer. Bis
1821 besaß es Herr Asner in Berlin, dann kam es nach Schlesien, und der letzte
der drei aufgeklebten Briefzettel, womit dann (1850) die Irrfahrten dieses Bildes
schließen, lautet wie folgt: „Der gegenwärtige Eigenthümer dieses Bildes ist der
königl. Kreisgerichtssekretär und Kanzleidirektor Wilhelm Heinrich aus Glatz,
zur Zeit in Breslau, bis 17. August in Berlin. Beim Doktor Stoll in der Charité zu
erfragen.“ Das Weitere ergibt sich leicht. Der Kanzleidirektor, in richtiger
Erkenntnis dessen, was er besaß, bot ein Gemälde, das recht eigentlich ein
hohenzollernsches Haus- und Familienbild war, dem König Friedrich Wilhelm
IV. zum Kauf an und hatte richtig gerechnet. Der König gab dem Bilde seinen
Platz: Paretz.
Die Räume des Schlosses erlitten geringe Umwandlungen seit 1805; ein
Zimmer blieb völlig intakt, das Schlafzimmer. Die Himmelbetten stehen noch
wie damals; die Tische und Toiletten, das kleine Klavier, das die Königin selbst
benutzte, die Kommoden in den Formen des ersten Kaiserreichs, — alles
behauptet noch die alte Stelle; auch die „Supraporten“ blieben, die Genien und
Amoretten über der Tür. Noch flattern ihre Bänder, noch streuen sie Rosen, aber
die Bänder sind vergilbt und die Rosen sind verwelkt. Selbst das Bild des
Glückes konnte die Jugend nicht wahren.
Wir treten zurück in den Park. Alles Leben und Licht. Das Einzelne fällt,
das Ganze bleibt.
Die Kirche
Dem Schloß gegenüber, hinter einem uralten Maulbeerbaum halb versteckt,
liegt die Kirche, ein weit zurückgehender Bau, dessen Alter bei den vielen
Wandlungen, die er durchzumachen hatte, schwer zu bestimmen ist. Dabei
stellen wir die letzten Renovierungen, weil diese seinen Stil wenigstens
unverändert ließen, nicht einmal mit in Rechnung. Eine letzte gründliche
Wandlung erfuhr die Kirche wahrscheinlich verhältnismäßig spät, in Jahren, da
der Protestantismus schon die Oberhand im Lande hatte; — einige Glasbilder
tragen die Zahl 1539. Um eben diese Zeit, so schließen wir, oder doch nicht viel
früher, erfolgte die Gotisierung des Baues, der vorher längst vorhanden und, wie alle die zahlreichen Feldsteinkirchen in der Mark, romanisch war.
Wie jetzt das Kirchlein sich präsentiert, sticht es jedenfalls sehr vorteilhaft
von dem gegenüber gelegenen Schloßbau ab, mit dem es nur das
Alleräußerlichste und Gleichgültigste, die gelbe Tünche, gemein hat. Wieviel
Anheimelndes in dieser gotischen Formenfülle, in diesem Reichtum von Details,
und wieviel Erkältendes in dieser bloß durchfensterten Fläche, die sich nirgends
zu einem Ornament erhebt! Eine indifferente Alltagsschönheit, die den Dünkel
hat, keinen Schmuck tragen zu wollen. Erst die Phantasie, die geschichtskundig
das Schloß mit Leben und Gestalten füllt, macht es uns lieb und wert, hebt über
den ersten Eindruck der Nüchternheit hinweg.
An dem Maulbeerbaum vorbei treten wir jetzt in die Kirche ein. Wir wählen
das Westportal. Der Eindruck besonderer Gefälligkeit, den schon das Äußere
übt, er wiederholt sich hier; die Restaurierung ist pietätvoll zuwege gegangen.
Alles Anmutige und Zierliche, alles, was in Form oder Farbe auch das Laienauge
angenehm berühren konnte, man ließ es der Kirche und sorgte nur, wie es sein
soll, für Luft und Licht, für Raum und Bequemlichkeit. Die nördliche Hälfte des
Querschiffs wurde zum „Königsstuhl“, der Raum hinter dem Altar, also der hohe
Chor, zu einer Art Kunstkammer hergerichtet.
Um diese beiden Punkte drehte sich das Interesse der Kirche. Zuerst der
Chor. Mannigfach sind die Geschenke, womit königliche Munifizenz ihn
bedachte. Auf engem Raume drängen sich hier die Bilder, meist Jugendarbeiten
des trefflichen Wach: „Johannes der Täufer“, „Christus mit Johannes und
Matthäus“, „Christus auf Gethsemane“. Das größte und bedeutendste aber, das
sich hier findet, ist eine „Grablegung“ von Schumann; die ohnmächtig
niedersinkende Maria gilt als vorzugsweise gelungen. — Reich geschmückt, wie
dieser Raum hinter dem Altar, ist vor allem auch der Altar selbst; eine schwere,
grüne Damastdecke, mit eingestickten goldenen Kreuzen, deckt den
Abendmahlstisch; Kruzifix und Altarleuchter, größer und reicher, als sie sonst in
Dorfkirchen heimisch sind, deuten auf den königlichen Geber; zu Füßen des
Kruzifixes aber liegt die sogenannte Kurfürstenbibel, mit vielen Stichen und
Bildern, prächtig gebunden. Der breite Goldschnitt zeigt oben und unten, wie
auch in Front, drei zierliche Aquarellbilder: die Taufe, das Abendmahl, die
Himmelfahrt, — eine Art der Ornamentierung, der wir hier zum ersten Male
begegneten. Es sind Arbeiten (ihrem Kunstwert nach unseren
Porzellanmalereien verwandt), wie sie damals in Dresden nach berühmten
Poussins und Carraccis gut und mannigfach ausgeführt wurden.
Durch eine Balustrade vom Kirchenschiff getrennt ist der „Königsstuhl“. Er
hat die Dimensionen eines kleinen Zimmers; die Herrichtung ist einfach; an der Westwand erhebt sich, in das Mauerwerk eingelassen, eine durch den Stich
mannigfach bekannt gewordene Arbeit Schadows: „Die Apotheose der Königin
Louise“. Mehr eigentümlich, als schön. In ihrer Mischung von christlicher und
heidnischer Symbolik ist uns die Arbeit kaum noch verständlich, jedenfalls
unserem Sinne nicht mehr adäquat. Sie gehört, ihrer Grundanschauung nach,
jener wirren Kunstepoche an, wo der große Fritz in Gefahr war, unter die
Heiligen versetzt zu werden, wo er im Elysium, mit Sternenkranz und
Krückstock angetan, die der Zeitlichkeit entrückten preußischen Helden wie zur
Parade empfing. Eine Art Sanssouci auch dort oben.
Schadow, sonst von so gutem Geschmack, vergriff sich in diesem Falle, wie
uns scheinen will, und die Inschrift eines von einem Engel gehaltenen Schildes
gibt Auskunft darüber, wie er sich vergriff. Diese Inschrift lautet: „Hohenzieritz,
den 19. Juli 1810, vertauschte Sie die irdische Krone mit der himmlischen,
umgeben von Hoffnung, Liebe, Glaube und Treue, und in tiefe Trauer versinken
Brennus und Borussia.“ Wir haben hier Kunstmengerei und Religionsmengerei,
alles beieinander. Die Verdienste der Arbeit sind nichtsdestoweniger bedeutend,
aber sie sind mehr technischer Natur und greifen zum Teil auf das Gebiet der
Kunstindustrie hinüber.
Die anderweitigen Schätze, die die Paretzer Kirche, weit über diese großen
Schildereien hinaus, in ihrer Mitte birgt, sind zwei Erinnerungsstücke, alt und
neu, das eine aus der Zeit der kirchlichen, das andere aus der Zeit der politischen
Umgestaltung, die dieses Land erfuhr, beinahe dreihundert Jahre liegen
dazwischen. Aus dem Jahre 1539, wie die eingebrannte Jahreszahl zeigt, stammt
das Bildnis des heiligen Mauritius, das aus dem Spitzbogen des Chorfensters in
die Kirche hinein grüßt; zu Füßen des alten Schutzpatrons dieser Lande aber
steht ein zierlicher, mit Tapisseriebildern versehener Kasten, in dem ein
blauseidenes silbergesticktes Tuch zusammengefaltet liegt. Es ist das Tuch, das
Königin Louise bei ihrem letzten Besuch an dieser Stelle trug. Der König, nach
ihrem Tode, breitete es, als das Liebste, was er hatte, über den Altartisch, bis es,
halb zerfallen in seinem leichten Gewebe, durch den Damast abgelöst wurde,
der, mit goldenen griechischen Kreuzen geschmückt, jetzt dieselbe Stelle ziert.
Aber in dem Kästchen liegen doch, wie verkörpert, die Erinnerungen dieser
Stätte.
Der „Tempel“
Die Kirche von Paretz ist ein Platz reicher Erinnerungen, aber Paretz hat
der Erinnerungsplätze mehr. Speziell der Erinnerungen geweiht ist der „Tempel“. Er befindet sich in einer verschwiegenen Ecke des Parks, wo dieser die Havel
berührt, und bildet einen Teil des an dieser Stelle künstlich aufgeworfenen
Aussichtshügels, der auf seiner Spitze ein japanisches Häuschen, auf seiner
westlichen Seite eine Rokokogrotte und nach Süden hin eben diesen „Tempel“
trägt.
Dieser Tempel, eine bloße Fassade, die auf halbversunkenen dorischen
Säulen ruht und zunächst keinem anderen Zwecke gedient haben mochte, als
Schutz gegen Regen und Sonne zu gewähren, scheint von Anfang an ein
bevorzugter Platz gewesen zu sein, wie es auch in dem laubenreichsten Garten
immer noch eine Lieblingslaube gibt, woran sich Leid und Freud des Hauses
knüpfen: der erste Kuß, die stille Verlobung, Abschied und Wiedersehen.
Zu solchem Platze wuchs der Tempel heran, und der ziemlich nichtssagende
Bau, der bei seiner Anlage nichts gewesen war, als eine Gärtnerlaune, ein
Schnörkelornament, wurde zu einer Familienstätte, zu einem der Erinnerung
geweihten Platz.
Dies geschah zuerst im Sommer 1797. Im Winter vorher, am 28. Dezember,
war Prinz Ludwig gestorben, der Bruder, zugleich der Schwager Friedrich
Wilhelms III., und an der bevorzugten Plauderstelle wurde in den Stein
geschrieben: „Er ist nicht mehr“.
Die Jahre gingen; so kam der Juli 1810. In der Parkgruft zu Charlottenburg
senkte sich der Sarg der Königin; in die Tempelwand zu Paretz wurde eine graue
Marmortafel eingelassen, die nunmehr die Inschrift empfing: „Gedenke der
Abgeschiedenen.“ Mehr und mehr erhob sich der Tempel zu einer Stätte des
Familienkultus; in seiner Front, an eben der Stelle, wo die heimgegangene
Königin so oft geruht hatte, wurde ein Friedensengel mit Kranz und
Palmenzweig errichtet; der Tempel von Paretz war zu einem Vereinigungspunkt,
fast zu einem Symbol geworden, das jedem Familiengliede das Beste bedeutete,
was der Mensch hat: Liebe, Treue, Pietät. In diesem Sinne schrieb König
Friedrich Wilhelm III. in seinem Testament: „Meine Zeit in Unruhe, meine
Hoffnung in Gott... Wenn dieser mein letzter Wille meinen innigst geliebten
Kindern zu Gesicht kommen wird, bin ich nicht mehr unter ihnen und gehöre zu
den Abgeschiedenen. Mögen sie dann bei dem Anblick der ihnen wohlbekannten
Inschrift: ‚Gedenke der Abgeschiedenen!‘ auch meiner liebevoll gedenken.“
Und sie gedenken seiner. Der 7. Juni, der Sterbetag des Königs, ist zu
einem Gedächtnistag geworden, und kein Sohn oder Enkel betritt Paretz, ohne
an die graue Marmortafel zu treten und freiwillig zu tun woran ihn die Inschrift
mahnt.
Der „tote Kirchhof“
„Gedenke der Abgeschiedenen!“ so klingt es überall in Paretz, auch über
den Kreis des Schlosses hinaus. Erinnerung und Pietät, die hier ihre Stätte haben,
sie haben sie auch in den Herzen der Paretzer; still und unbemerkt üben sie ihren
Totendienst; „Gedenke der Abgeschiedenen“ durchklingt es auch sie.
Um die Kirche herum liegt ein Kirchhof, ein sogenannter „toter Kirchhof“;
der „lebende“, die Stätte, wo begraben wird, liegt draußen, am Rande des
Dorfes.
Die alte Stätte ist nur ein Grasplatz noch, niedergetreten, ohne Kreuz und
Stein, aber wer scharf zusieht, der nimmt bald wahr, daß hinter dieser
Verwahrlosung noch immer eine Liebe lebt. Hier und dort wächst eine
Schwertlilie, ein Hagebuttenstrauch unvermittelt aus dem niedergetretenen Grase
auf, und alle diese Stellen kennen die Dörfler wohl, es sind die Gräber ihrer
Teuren, die sie verstohlen hegen und pflegen, in heimlicher Liebe. Denn der
Kirchhof soll tot sein, der offizielle Platz für Blumen und Tränen liegt draußen.
Aber welchem Herzen ließe sich gebieten!
Paretz ist eine Stätte der Erinnerung und Pietät — auch der „tote Kirchhof“.
[39] General von Köckritz mochte wohl so schreiben. Dieser liebenswürdige Mann
(den Stein wohl zu hart beurteilt hat, denn „niemand ist verpflichtet, ein großer Mann zu sein“) stand damals auf der Höhe seiner Gunst und seines Ansehens. Es war so recht eigentlich die Köckritz-Epoche. In diese Epoche fällt auch die seinerzeit viel bewunderte Geschichte vom „Pfeifchen und Fidibus“, die beide dem überraschten General, einem leidenschaftlichen Raucher, von der Königin präsentiert wurden. Wir übergehen diese Anekdote nicht nur deshalb, weil sie oft erzählt worden ist, sondern viel mehr noch aus ästhetischen Bedenken, weil sie einen Hergang festzuhalten trachtet, der als Erlebnis reizend, als Plauder-Anekdote, über den Tisch hin, annehmbar, aber als gedruckte Geschichte mindestens entbehrlich ist. Schwarz auf weiß macht schwerfällig und entzaubert manches. Man kann dreist behaupten, die Helden, die durch solche oder ähnliche Anekdoten glorifiziert werden sollen, haben unter ihnen zu leiden, wie unter einer Jugendtorheit. Es gilt hier fein zu unterscheiden. Dieselbe Geschichte, die, auf einem jungen Damen-Kaffee vorgetragen, ein ungeteiltes und berechtigtes Entzücken weckt, wird sich in einem Zeitungsblatt etwas insipide ausnehmen, und die bejubeltste, als unbedingt „bester Witz der Neuzeit“ proklamierte Jagd- und Portwein-Anekdote wird am besten tun, auf Darstellung in Typen ganz zu verzichten.
[40] Allerhand Spiele: Turnen, Wettlaufen, waren an der Tagesordnung; die Sieger
wurden beschenkt. Unter Anleitung der jungen Prinzen Karl und Albrecht kam die Bildung einer Art „Paretzer Legion“ zustande, die im Feuer exerzierte und manövrierte, wobei sieben kleine Kanonen benutzt wurden, von denen eine, mit dem Greif und der Jahreszahl 1588, bis diesen Tag unter den Dörflern existiert. Bei einer bestimmten Gelegenheit, — es mochte um 1820 sein, als die „Russen“ einen ihrer Sommerbesuche machten, — kam es zu einem vollständigen Gefecht zwischen der Paretzer Legion und den Zöglingen des Potsdamer Militär-Waisenhauses, die nach Paretz hinaus befohlen und mit ihren Waffen erschienen
waren. Die Legionäre nahmen ihnen in einem unbewachten Augenblick die Waffen fort, bezogen unter Führung und Anfeuerung des Großfürsten eine Art Waldposition und behaupteten sich im Besitz ihrer Beutestücke. Der König folgte der Bataille mit dem lebhaftesten Interesse und meinte schließlich: „Die Dorfluft scheine doch derber zu machen.“