Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 59 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Kapitel 2

 

Wo nun Gras und Staude beben,

Hat in froher Kraft geblüht,

Ist zu Asche bald verglüht

Manches reiche Menschenleben.

 

Die der Tod hinweg genommen,

Die hier einst so glücklich war:

Der geschiednen Seelen Schar,

Nachtigall, Du hörst sie kommen.

 

Lenau

 

Das Schloß in Paretz

 

So ging das Geplauder. Die wachsende Schwüle des Julinachmittags, wir

empfanden sie nicht; ein leiser Luftstrom zog von der Havel her herauf und trug

uns die Kühle des Wiesengrundes und den Duft der Resedabeete zu. Es war eine

halbe Stunde, wie sie nur an dieser Stelle erlebt werden kann, hier, wo sich Stille

und Erinnerung die Hand reichen.

Wir hingen noch den letzten Worten nach, der Schloßdiener öffnete die

Läden und lüftete die Zimmer, in die wir einzutreten hatten, als die Szene sich

plötzlich änderte. Ein Windstoß, jäh und heftig, fuhr durch den Park, die uns

zunächst stehenden hohen Pappeln beugten sich, Blätter, wie Flocken, fielen auf

uns nieder, die Chaussee herauf kam eine Wolke von Kies und Staub und über

den ganzen Himmel hin rollte die erste Ankündigung des Gewitters. Es war, als

ob wir erleben sollten, daß auch diese Stille täusche. Überall rollen die Donner

Gottes und kündigen, daß kein ewiger Friede sei.

Einen Augenblick schwankten wir, ob wir von der Poesie des Gegensatzes

Nutzen ziehen und die sich öffnenden Schloßräume, die verblaßten Zeichen

stillen Familienglücks, bei Gewitterschein in Augenschein nehmen sollten, aber

das mahnende Wort: „das kommt schwer herauf“ gab uns doch zu denken, und

nachdem erst einmal gezweifelt und der „angebornen Farbe der Entschließung“

die bekannte Gedankenblässe angekränkelt war, gaben wir es auf und nahmen

die Einladung an, die uns in die Wohnung des Hofgärtners führte. Es war die

höchste Zeit; noch trafen uns die ersten großen Tropfen; kaum unter Dach und das Schauspiel begann: Regen und Feuer fielen vom Himmel nieder. Als es

vorüber war, war es zu spät, den Rückweg anzutreten; die Wege waren grundlos,

die tiefen Stellen unter Wasser; wir blieben zu Nacht. Wer eingeregnet und

eingewittert, möge es immer so gastlich treffen, wie wir im Gärtnerhause zu

Paretz.

Ein Morgen kam, wie er nur nach solchem Abend kommt. Die Sonne

funkelte wie gebadet, und als die Läden des Schlosses sich wieder öffneten,

schoß das Licht hinein und lief wie ein Blitz durch alle Räume. Das Dunstige

und Trübselige, das sonst in solchen Räumen zu Hause ist, es war wie ausgefegt;

Licht macht wohnlich, alles schien bereit; es war, als solle das schöne königliche

Paar, das hier vor siebenzig Jahren lebte und lachte, jeden Augenblick wieder

seinen Einzug halten.

Und wenn es so wäre, sie würden die Stätte ihres Glücks wenig verändert

finden. Da sind noch dieselben Tapeten und Wandgemälde, dieselben

kissenreichen, mit Zitz überzogenen Sofas und Ottomanen, dieselben gemalten

Papageien und Fasanen, dieselben Büsten und Bilder. Bilder wohl tausend an der

Zahl, englische Stiche in Nußbaum und Ebenholzumrahmung, wie sie jeder von

uns aus dem Hause der Großeltern oder aus den Gast- und Logierstuben der

Landedelleute kennt. Wie diese Gaststuben gemeinhin neben der

Rumpelkammer liegen, so sind sie auch, in allem, was Kunst angeht, die

Vorbereitung, die Etappe zu ihr. Ein junges Mädchen mit Kaninchen spielend,

ein junges Mädchen mit einem Taubenkorb, die Grotte der Egeria, die Kaskaden

von Tivoli, so folgen die Blätter auf einander, abwechselnd in Schwarz- und in

Buntfarbendruck, und alle einer Lordship oder Royal Highness respectfully

devoted.

Tausend Blätter, aber keines von Bedeutung, mit Ausnahme eines einzigen,

das durch seinen Gegenstand und seine Schicksale ein gewisses Interesse

einflößt. Es ist dies „die Zusammenkunft des preußischen Königspaares und des

Kaisers von Rußland in Memel, 1802.“ Der Stich nach diesem Bilde ist

allgemein bekannt; hier befindet sich das Original, eine Arbeit Dählings, in

Gouache sauber ausgeführt. Schloß Paretz ist genau der Punkt, wo dieses Bild

seine Stelle finden mußte, denn die Personen, die es darstellt, sind recht

eigentlich Paretzer Personen, Gestalten, die dem Schloß „Still-im-Land“ in der

Epoche von 1795 bis 1805 angehörten. Es sind, außer dem Kaiser auf der einen

und dem König und der Königin auf der andern Seite, die folgenden: Prinz

Wilhelm, Prinz Heinrich, Feldmarschall von Kalckreuth, Hofmarschall von

Massow, Gräfin von Voß, General von Köckritz, die Kammerherren von

Schilden und von Buch, die Kammerdame von Moltke und der Major von Jagow. Dies Gouachebild Dählings, das auf der Rückseite mit drei verschiedenen

Zetteln oder Briefen beklebt ist, denen wir auch diese Notizen entnehmen, war

wohl, wenn nicht direkt im Auftrage des Hofes, so doch wenigstens in der

Hoffnung angefertigt worden, daß der Hof es erstehen würde; die Katastrophe

von Jena fuhr aber dazwischen und so ging dies Bild, das seinem Gegenstande

nach in das Boudoir einer Fürstin oder Oberhofmeisterin gehörte, in

kleinbürgerliche Hände über und wechselte mehrfach seine Eigentümer. Bis

1821 besaß es Herr Asner in Berlin, dann kam es nach Schlesien, und der letzte

der drei aufgeklebten Briefzettel, womit dann (1850) die Irrfahrten dieses Bildes

schließen, lautet wie folgt: „Der gegenwärtige Eigenthümer dieses Bildes ist der

königl. Kreisgerichtssekretär und Kanzleidirektor Wilhelm Heinrich aus Glatz,

zur Zeit in Breslau, bis 17. August in Berlin. Beim Doktor Stoll in der Charité zu

erfragen.“ Das Weitere ergibt sich leicht. Der Kanzleidirektor, in richtiger

Erkenntnis dessen, was er besaß, bot ein Gemälde, das recht eigentlich ein

hohenzollernsches Haus- und Familienbild war, dem König Friedrich Wilhelm

IV. zum Kauf an und hatte richtig gerechnet. Der König gab dem Bilde seinen

Platz: Paretz.

Die Räume des Schlosses erlitten geringe Umwandlungen seit 1805; ein

Zimmer blieb völlig intakt, das Schlafzimmer. Die Himmelbetten stehen noch

wie damals; die Tische und Toiletten, das kleine Klavier, das die Königin selbst

benutzte, die Kommoden in den Formen des ersten Kaiserreichs, — alles

behauptet noch die alte Stelle; auch die „Supraporten“ blieben, die Genien und

Amoretten über der Tür. Noch flattern ihre Bänder, noch streuen sie Rosen, aber

die Bänder sind vergilbt und die Rosen sind verwelkt. Selbst das Bild des

Glückes konnte die Jugend nicht wahren.

Wir treten zurück in den Park. Alles Leben und Licht. Das Einzelne fällt,

das Ganze bleibt.

 

Die Kirche

 

Dem Schloß gegenüber, hinter einem uralten Maulbeerbaum halb versteckt,

liegt die Kirche, ein weit zurückgehender Bau, dessen Alter bei den vielen

Wandlungen, die er durchzumachen hatte, schwer zu bestimmen ist. Dabei

stellen wir die letzten Renovierungen, weil diese seinen Stil wenigstens

unverändert ließen, nicht einmal mit in Rechnung. Eine letzte gründliche

Wandlung erfuhr die Kirche wahrscheinlich verhältnismäßig spät, in Jahren, da

der Protestantismus schon die Oberhand im Lande hatte; — einige Glasbilder

tragen die Zahl 1539. Um eben diese Zeit, so schließen wir, oder doch nicht viel

früher, erfolgte die Gotisierung des Baues, der vorher längst vorhanden und, wie alle die zahlreichen Feldsteinkirchen in der Mark, romanisch war.

Wie jetzt das Kirchlein sich präsentiert, sticht es jedenfalls sehr vorteilhaft

von dem gegenüber gelegenen Schloßbau ab, mit dem es nur das

Alleräußerlichste und Gleichgültigste, die gelbe Tünche, gemein hat. Wieviel

Anheimelndes in dieser gotischen Formenfülle, in diesem Reichtum von Details,

und wieviel Erkältendes in dieser bloß durchfensterten Fläche, die sich nirgends

zu einem Ornament erhebt! Eine indifferente Alltagsschönheit, die den Dünkel

hat, keinen Schmuck tragen zu wollen. Erst die Phantasie, die geschichtskundig

das Schloß mit Leben und Gestalten füllt, macht es uns lieb und wert, hebt über

den ersten Eindruck der Nüchternheit hinweg.

An dem Maulbeerbaum vorbei treten wir jetzt in die Kirche ein. Wir wählen

das Westportal. Der Eindruck besonderer Gefälligkeit, den schon das Äußere

übt, er wiederholt sich hier; die Restaurierung ist pietätvoll zuwege gegangen.

Alles Anmutige und Zierliche, alles, was in Form oder Farbe auch das Laienauge

angenehm berühren konnte, man ließ es der Kirche und sorgte nur, wie es sein

soll, für Luft und Licht, für Raum und Bequemlichkeit. Die nördliche Hälfte des

Querschiffs wurde zum „Königsstuhl“, der Raum hinter dem Altar, also der hohe

Chor, zu einer Art Kunstkammer hergerichtet.

Um diese beiden Punkte drehte sich das Interesse der Kirche. Zuerst der

Chor. Mannigfach sind die Geschenke, womit königliche Munifizenz ihn

bedachte. Auf engem Raume drängen sich hier die Bilder, meist Jugendarbeiten

des trefflichen Wach: „Johannes der Täufer“, „Christus mit Johannes und

Matthäus“, „Christus auf Gethsemane“. Das größte und bedeutendste aber, das

sich hier findet, ist eine „Grablegung“ von Schumann; die ohnmächtig

niedersinkende Maria gilt als vorzugsweise gelungen. — Reich geschmückt, wie

dieser Raum hinter dem Altar, ist vor allem auch der Altar selbst; eine schwere,

grüne Damastdecke, mit eingestickten goldenen Kreuzen, deckt den

Abendmahlstisch; Kruzifix und Altarleuchter, größer und reicher, als sie sonst in

Dorfkirchen heimisch sind, deuten auf den königlichen Geber; zu Füßen des

Kruzifixes aber liegt die sogenannte Kurfürstenbibel, mit vielen Stichen und

Bildern, prächtig gebunden. Der breite Goldschnitt zeigt oben und unten, wie

auch in Front, drei zierliche Aquarellbilder: die Taufe, das Abendmahl, die

Himmelfahrt, — eine Art der Ornamentierung, der wir hier zum ersten Male

begegneten. Es sind Arbeiten (ihrem Kunstwert nach unseren

Porzellanmalereien verwandt), wie sie damals in Dresden nach berühmten

Poussins und Carraccis gut und mannigfach ausgeführt wurden.

Durch eine Balustrade vom Kirchenschiff getrennt ist der „Königsstuhl“. Er

hat die Dimensionen eines kleinen Zimmers; die Herrichtung ist einfach; an der Westwand erhebt sich, in das Mauerwerk eingelassen, eine durch den Stich

mannigfach bekannt gewordene Arbeit Schadows: „Die Apotheose der Königin

Louise“. Mehr eigentümlich, als schön. In ihrer Mischung von christlicher und

heidnischer Symbolik ist uns die Arbeit kaum noch verständlich, jedenfalls

unserem Sinne nicht mehr adäquat. Sie gehört, ihrer Grundanschauung nach,

jener wirren Kunstepoche an, wo der große Fritz in Gefahr war, unter die

Heiligen versetzt zu werden, wo er im Elysium, mit Sternenkranz und

Krückstock angetan, die der Zeitlichkeit entrückten preußischen Helden wie zur

Parade empfing. Eine Art Sanssouci auch dort oben.

Schadow, sonst von so gutem Geschmack, vergriff sich in diesem Falle, wie

uns scheinen will, und die Inschrift eines von einem Engel gehaltenen Schildes

gibt Auskunft darüber, wie er sich vergriff. Diese Inschrift lautet: „Hohenzieritz,

den 19. Juli 1810, vertauschte Sie die irdische Krone mit der himmlischen,

umgeben von Hoffnung, Liebe, Glaube und Treue, und in tiefe Trauer versinken

Brennus und Borussia.“ Wir haben hier Kunstmengerei und Religionsmengerei,

alles beieinander. Die Verdienste der Arbeit sind nichtsdestoweniger bedeutend,

aber sie sind mehr technischer Natur und greifen zum Teil auf das Gebiet der

Kunstindustrie hinüber.

Die anderweitigen Schätze, die die Paretzer Kirche, weit über diese großen

Schildereien hinaus, in ihrer Mitte birgt, sind zwei Erinnerungsstücke, alt und

neu, das eine aus der Zeit der kirchlichen, das andere aus der Zeit der politischen

Umgestaltung, die dieses Land erfuhr, beinahe dreihundert Jahre liegen

dazwischen. Aus dem Jahre 1539, wie die eingebrannte Jahreszahl zeigt, stammt

das Bildnis des heiligen Mauritius, das aus dem Spitzbogen des Chorfensters in

die Kirche hinein grüßt; zu Füßen des alten Schutzpatrons dieser Lande aber

steht ein zierlicher, mit Tapisseriebildern versehener Kasten, in dem ein

blauseidenes silbergesticktes Tuch zusammengefaltet liegt. Es ist das Tuch, das

Königin Louise bei ihrem letzten Besuch an dieser Stelle trug. Der König, nach

ihrem Tode, breitete es, als das Liebste, was er hatte, über den Altartisch, bis es,

halb zerfallen in seinem leichten Gewebe, durch den Damast abgelöst wurde,

der, mit goldenen griechischen Kreuzen geschmückt, jetzt dieselbe Stelle ziert.

Aber in dem Kästchen liegen doch, wie verkörpert, die Erinnerungen dieser

Stätte.

 

Der „Tempel“

 

Die Kirche von Paretz ist ein Platz reicher Erinnerungen, aber Paretz hat

der Erinnerungsplätze mehr. Speziell der Erinnerungen geweiht ist der „Tempel“. Er befindet sich in einer verschwiegenen Ecke des Parks, wo dieser die Havel

berührt, und bildet einen Teil des an dieser Stelle künstlich aufgeworfenen

Aussichtshügels, der auf seiner Spitze ein japanisches Häuschen, auf seiner

westlichen Seite eine Rokokogrotte und nach Süden hin eben diesen „Tempel“

trägt.

Dieser Tempel, eine bloße Fassade, die auf halbversunkenen dorischen

Säulen ruht und zunächst keinem anderen Zwecke gedient haben mochte, als

Schutz gegen Regen und Sonne zu gewähren, scheint von Anfang an ein

bevorzugter Platz gewesen zu sein, wie es auch in dem laubenreichsten Garten

immer noch eine Lieblingslaube gibt, woran sich Leid und Freud des Hauses

knüpfen: der erste Kuß, die stille Verlobung, Abschied und Wiedersehen.

Zu solchem Platze wuchs der Tempel heran, und der ziemlich nichtssagende

Bau, der bei seiner Anlage nichts gewesen war, als eine Gärtnerlaune, ein

Schnörkelornament, wurde zu einer Familienstätte, zu einem der Erinnerung

geweihten Platz.

Dies geschah zuerst im Sommer 1797. Im Winter vorher, am 28. Dezember,

war Prinz Ludwig gestorben, der Bruder, zugleich der Schwager Friedrich

Wilhelms III., und an der bevorzugten Plauderstelle wurde in den Stein

geschrieben: „Er ist nicht mehr“.

Die Jahre gingen; so kam der Juli 1810. In der Parkgruft zu Charlottenburg

senkte sich der Sarg der Königin; in die Tempelwand zu Paretz wurde eine graue

Marmortafel eingelassen, die nunmehr die Inschrift empfing: „Gedenke der

Abgeschiedenen.“ Mehr und mehr erhob sich der Tempel zu einer Stätte des

Familienkultus; in seiner Front, an eben der Stelle, wo die heimgegangene

Königin so oft geruht hatte, wurde ein Friedensengel mit Kranz und

Palmenzweig errichtet; der Tempel von Paretz war zu einem Vereinigungspunkt,

fast zu einem Symbol geworden, das jedem Familiengliede das Beste bedeutete,

was der Mensch hat: Liebe, Treue, Pietät. In diesem Sinne schrieb König

Friedrich Wilhelm III. in seinem Testament: „Meine Zeit in Unruhe, meine

Hoffnung in Gott... Wenn dieser mein letzter Wille meinen innigst geliebten

Kindern zu Gesicht kommen wird, bin ich nicht mehr unter ihnen und gehöre zu

den Abgeschiedenen. Mögen sie dann bei dem Anblick der ihnen wohlbekannten

Inschrift: ‚Gedenke der Abgeschiedenen!‘ auch meiner liebevoll gedenken.“

Und sie gedenken seiner. Der 7. Juni, der Sterbetag des Königs, ist zu

einem Gedächtnistag geworden, und kein Sohn oder Enkel betritt Paretz, ohne

an die graue Marmortafel zu treten und freiwillig zu tun woran ihn die Inschrift

mahnt.

Der „tote Kirchhof“

 

„Gedenke der Abgeschiedenen!“ so klingt es überall in Paretz, auch über

den Kreis des Schlosses hinaus. Erinnerung und Pietät, die hier ihre Stätte haben,

sie haben sie auch in den Herzen der Paretzer; still und unbemerkt üben sie ihren

Totendienst; „Gedenke der Abgeschiedenen“ durchklingt es auch sie.

Um die Kirche herum liegt ein Kirchhof, ein sogenannter „toter Kirchhof“;

der „lebende“, die Stätte, wo begraben wird, liegt draußen, am Rande des

Dorfes.

Die alte Stätte ist nur ein Grasplatz noch, niedergetreten, ohne Kreuz und

Stein, aber wer scharf zusieht, der nimmt bald wahr, daß hinter dieser

Verwahrlosung noch immer eine Liebe lebt. Hier und dort wächst eine

Schwertlilie, ein Hagebuttenstrauch unvermittelt aus dem niedergetretenen Grase

auf, und alle diese Stellen kennen die Dörfler wohl, es sind die Gräber ihrer

Teuren, die sie verstohlen hegen und pflegen, in heimlicher Liebe. Denn der

Kirchhof soll tot sein, der offizielle Platz für Blumen und Tränen liegt draußen.

Aber welchem Herzen ließe sich gebieten!

Paretz ist eine Stätte der Erinnerung und Pietät — auch der „tote Kirchhof“.

 

[39] General von Köckritz mochte wohl so schreiben. Dieser liebenswürdige Mann

(den Stein wohl zu hart beurteilt hat, denn „niemand ist verpflichtet, ein großer Mann zu sein“) stand damals auf der Höhe seiner Gunst und seines Ansehens. Es war so recht eigentlich die Köckritz-Epoche. In diese Epoche fällt auch die seinerzeit viel bewunderte Geschichte vom „Pfeifchen und Fidibus“, die beide dem überraschten General, einem leidenschaftlichen Raucher, von der Königin präsentiert wurden. Wir übergehen diese Anekdote nicht nur deshalb, weil sie oft erzählt worden ist, sondern viel mehr noch aus ästhetischen Bedenken, weil sie einen Hergang festzuhalten trachtet, der als Erlebnis reizend, als Plauder-Anekdote, über den Tisch hin, annehmbar, aber als gedruckte Geschichte mindestens entbehrlich ist. Schwarz auf weiß macht schwerfällig und entzaubert manches. Man kann dreist behaupten, die Helden, die durch solche oder ähnliche Anekdoten glorifiziert werden sollen, haben unter ihnen zu leiden, wie unter einer Jugendtorheit. Es gilt hier fein zu unterscheiden. Dieselbe Geschichte, die, auf einem jungen Damen-Kaffee vorgetragen, ein ungeteiltes und berechtigtes Entzücken weckt, wird sich in einem Zeitungsblatt etwas insipide ausnehmen, und die bejubeltste, als unbedingt „bester Witz der Neuzeit“ proklamierte Jagd- und Portwein-Anekdote wird am besten tun, auf Darstellung in Typen ganz zu verzichten.

[40] Allerhand Spiele: Turnen, Wettlaufen, waren an der Tagesordnung; die Sieger

wurden beschenkt. Unter Anleitung der jungen Prinzen Karl und Albrecht kam die Bildung einer Art „Paretzer Legion“ zustande, die im Feuer exerzierte und manövrierte, wobei sieben kleine Kanonen benutzt wurden, von denen eine, mit dem Greif und der Jahreszahl 1588, bis diesen Tag unter den Dörflern existiert. Bei einer bestimmten Gelegenheit, — es mochte um 1820 sein, als die „Russen“ einen ihrer Sommerbesuche machten, — kam es zu einem vollständigen Gefecht zwischen der Paretzer Legion und den Zöglingen des Potsdamer Militär-Waisenhauses, die nach Paretz hinaus befohlen und mit ihren Waffen erschienen

waren. Die Legionäre nahmen ihnen in einem unbewachten Augenblick die Waffen fort, bezogen unter Führung und Anfeuerung des Großfürsten eine Art Waldposition und behaupteten sich im Besitz ihrer Beutestücke. Der König folgte der Bataille mit dem lebhaftesten Interesse und meinte schließlich: „Die Dorfluft scheine doch derber zu machen.“