Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
2. Försterei Brieselang
2.
Försterei Brieselang
Lesen konnt ich in seinen festen Zügen
Seinen lang und treu bewahrten Entschluß:
Auch mit keinem Fingerdrucke zu lügen;
Sicher und wohl ward mir bei seinem Gruß.
Nic. Lenau
U nter solchem Geplauder hatten wir eine Stelle erreicht, wo der Weg, die bis dahin innegehaltene Scheidelinie zwischen Wald und Wiese aufgebend, nach
links hin scharf einbiegt. Hier schlug sich Lampe in die Tiefen des Waldes,
während wir, den Weg weiter verfolgend, alsbald auf eine große Lichtung mit
Gärten, Häusern und Stallgebäuden hinaus traten. Wir hatten den Zentralpunkt
dieser Waldregionen erreicht: Försterei Brieselang. Daneben das „Remonte-
Depot“ gleichen Namens. Die Lichtung, die diese beiden Häuserkomplexe
einschließt, hat den Charakter einer großen Waldwiese. Ein Wasserlauf, „der
neue Graben“, der in früheren Jahren das Sumpfland entwässert hat und nun zum
Holzflößen dient, zieht sich quer durch die ganze Breite; eine Brücke führt
darüber hin. Jenseits des Wasserlaufes aber steigt der Wald („die Büten-Heide“)
aufs neue an und schließt gegen Norden hin das Bild. Am jenseitigen Rande des
Waldes: die Königseiche und Dorf Pausin.
Ein Hirschgeweih über der Tür ließ uns nicht lange in Zweifel, wo wir die
Försterei, für die wir einen Gruß mitbrachten, zu suchen hätten. Wir traten ein.
Es war um die dritte Stunde. Der Förster, ein Mann von nah an siebzig, fuhr aus
seinem Nachmittagsschlaf auf, strich sich die momentane Runzel von der Stirn
und stand grüßend vor uns. Wer in solchen Momenten Haltung bewahrt, ist
allemal eine liebenswürdige Natur.
Wenn dies je zutraf, so hier. Wir setzten uns zunächst in eine Geisblattlaube,
die den Eingang umrankte, als aber die Nachmittagsschwüle zu drücken begann,
rückten wir, — ein paar Forsteleven hatten sich uns zugesellt — weiter vor und
stellten die Bänke ins Freie. Und nun die ganze Waldwiese samt Graben, Brücke
und Remonte-Depot (das zur Hälfte eine Brandstelle war) vor uns, begann das
Geplauder.
Der alte Förster verstand es. Ich darf wohl sagen, so hob er an, der liebe
Gott hat es gut mit mir gemeint. Mein Großvater war Förster, mein Vater war Förster, ich bin Förster und meine drei Jungens sind auch Förster, oder sollen es
werden. Wir haben alle Waldblut in den Adern, Brieselang-Blut. Ein Jahr bin ich
einmal in einer Kiefern-Heide gewesen, aber mir wurde erst wieder wohl, als ich
wieder Elsen und Eichen um mich her hatte.
Ist der Brieselang ihre Heimat?
Nicht so ganz, aber doch beinah. Wir sind auf dem Glin zu Hause. Mein
Vater war in Diensten beim alten Blücher, der dazumal Groß-Ziethen hatte. Ich
habe oft auf des alten Feldmarschalls Knie geritten. „Willst Du auch ein Förster
werden?“ Das will ich. „Na, denn werd’ ein so braver Kerl wie dein Vater.“ Das
hab’ ich nicht vergessen. Es war doch ein gnädiger, alter Herr. Als es Anno 15
wieder losging, sagte er zu meinem Vater: „Grote, denk Dir, der Deubelskerl ist
wieder da; wir müssen ihm noch ’mal eins geben; aber diesmal ordentlich, daß er
genug hat un nich wiederkommt.“ Und dabei sah er ganz ernsthaft aus, gar nicht
so schabernackisch wie sonst wohl; es mocht’ ihm wohl schwanen, daß er am
Ende selber nicht wiederkommen könne. Und hören Sie, es war auch dichte
dran, als er da bei Ligny unter seinem Schimmel lag!
Wir nickten alle. Vom Wald her aber schmetterte Finken- und Drosselschlag
immer frischer zu uns herüber und mit dem Daumen rückwärts deutend, sagte
der alte Förster: ja, das klingt ins Herz.
Das tut’s, erwiderte jetzt mein Reisegefährte (den es nachgerade wohl Zeit
ist aus seiner stummen Rolle zu erlösen, in der er bisher eigensinnig beharrte),
aber wollen Sie glauben, Herr Förster, daß es Gegenden gibt, wo die Vögel denn
doch noch anders singen, so melodisch, so tieferschütternd, daß man aufhorcht,
als habe man den Klang einer Menschenstimme, die ersten Töne einer
wehmütigen Volksweise gehört.
Der Tausend auch, sagte der Förster, Sie machen mich neugierig.
Und diese Vögel, von denen ich spreche, die singen da, wo wir’s am
wenigsten glauben möchten, in Australien bei den Antipoden. Ein Engländer ist
dort gereist, hat die Waldstimmen belauscht, hat die Töne in Noten festgehalten
und zuletzt eine Art Melodien-Buch herausgegeben, aus dem wir nun genau
erfahren können, wie die australischen Vögel singen.
Ist es möglich!
Es ist sogar gewiß. Ich habe das Buch. Und unter all diesen Stimmen ist
eine, die es mir besonders angetan hat, das ist die Stimme des Leather-head.
Leather-head heißt Lederkopf, ein Name, den dieser Vogel führt, weil er einen
völlig kahlen Kopf hat. Ich will Ihnen die Melodie pfeifen; sie geht leise; Sie
müssen scharf aufhorchen.
Unser Reisegefährte pfiff nun in langgezogenen Tönen die Klagemelodie des Leather-head. Selbst im Walde war es still geworden. Es war, als ob die
Vögel drinnen mit zu Rate saßen.
Das ist schön, sagte der Förster, aber Ihr Engländer kann sich die Melodie
erfunden haben.
Ich gestehe, fuhr unser Reisegefährte fort, daß ich dann und wann
denselben Verdacht hatte. Aber denken Sie, wo mir plötzlich die Gewißheit kam!
Sie haben vom Aquarium gehört. Nun, in dem Aquarium befindet sich auch eine
Vogelhecke, die mir das Liebste vom ganzen ist. Jeder hat so seinen Geschmack.
Und wie ich nun den Gang entlang komme und das Gezwitscher der anderen
Vögel einen Augenblick schweigt, was höre ich da plötzlich aus der Voliere
heraus? Die leisen, langgezogenen Töne meines Leather-head, einmal, zweimal,
dreimal. Mir war, als ob ich einen alten Bekannten wiedersähe. Da saß er und
starrte mich lange an, wie wenn er gefühlt hätte: der hat dich verstanden.
Alles schwieg. Der Erzähler pfiff die Melodie noch einmal. Dann knipste
der Förster mit den Fingern und sagte: nichts für ungut, aber ich bin doch für
eine richtige Brieselang-Drossel; ihr Leather-head hat mich ganz melancholisch
gemacht. Ich bin für das Fidele.
Ich auch, ich auch, riefen die anderen. Der Lederkopf war abvotiert.
Inzwischen begann sich Gewölk am Himmel zu sammeln. Dann brach die
Sonne wieder durch, aber die Schwüle wuchs. „Haben Sie viel Gewitter im
Brieselang?“ fragte ich.
Oft nicht, aber wenn sie kommen, kommen sie gut. Im vorigen Juli ging es
hier eine Stunde toll her. Sehen Sie dort die Brandstelle (er zeigte nach rechts);
da stand vor Jahresfrist noch das Remonte-Depot, einhundertundachtzig Pferde,
alle schwarz.
Und es schlug ein?
Es schlug ein und es gab ein Wetter, wie ich es hier nicht wieder haben
möchte, und doch war es zugleich eine Stunde, daß mir das Herz im Leibe lacht,
wenn ich daran denke. Da habe ich gesehen, was ein preußischer Futtermeister
ist.
Ein Futtermeister?
Ja, solch Remonte-Depot, müssen Sie wissen, hat einen Wachtmeister von
altem Schrot und Korn, der regiert das Ganze; er ist wie ein kleiner König. Und
ich sage Ihnen, dieser Futtermeister, ... nun, der verstand es. Das Remonte-Depot
hatte acht Türen. Als nun das Wetter über uns stand und die ersten Blitze
herunterfuhren, stellte er seine acht Knechte an die acht Eingänge, sich selber
aber mitten auf diesen Platz da.
Da stand er wie ein Feldherr, während das Feuer in breiten Scheiben niederfiel. „Kerls“, schrie er, „wenn ich rufe: Vorwärts, Türen auf! dann ist’s
Zeit, dann hat’s eingeschlagen“. So vergingen wohl zehn Minuten; die Blitze
ließen nach, ein Hagelwetter kam, Körner wie die Tauben-Eier. Mit einemmal
schwieg auch das; der Hagel war wie abgeschnitten. Aber im nächsten
Augenblick „Krach“ und der Blitz lief über den First hin. „Vorwärts!“ Alle
Türen flogen auf; die Schloßen fielen nieder wie ausgeschüttet, und im nächsten
Moment jagten die einhundertundachtzig schwarzen Pferde an mir vorbei, hier
über die Brücke hin, in die Büten-Heide hinein, auf Pausin zu. Zwölf Minuten
später hatten wir die Spritzen hier; denn als die einhundertundachtzig schwarzen
Pferde wie die wilde Jagd durchs Dorf jagten, da wußten die Pausiner, was los
war. „Das Remonte-Depot brennt“ und heidi ging es in den Wald hinein, auf das
Depot zu. Solch Wettfahren hat die alte Büten-Heide ihr Lebtag nicht gesehen.
Ein schöner Tag war es, aber ich mag ihn nicht wieder erleben.