Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Bornstädt
Nun weiß ich auf der Erde
Ein einzig Plätzchen nur,
Wo jegliche Beschwerde,
Im Schoße der Natur,
Wo jeder eitle Kummer
Dir wie ein Traum zerfließt,
Und dich der letzte Schlummer
Im Bienenton begrüßt.
Waiblinger
B ornstädt und seine Feldmark bilden die Rückwand von Sanssouci. Beiden gemeinsam ist der Höhenzug, der zugleich sie trennt: ein langgestreckter Hügel,
der in alten Topographien den Namen „der Galberg“ führt. Am Südabhange
dieses Höhenzuges entstanden die Terrassen von Sanssouci; am Nordabhange
liegt Bornstädt. Die neuen Orangeriehäuser, die auf dem Kamme des Hügels in
langer Linie sich ausdehnen, gestatten einen Überblick über beide, hier über die
Baum- und Villenpracht der königlichen Gärten, dort über die rohrgedeckten
Hütten des märkischen Dorfes; links steigt der Springbrunnen auf und glitzert
siebenfarbig in der Sonne, rechts liegt ein See im Schilfgürtel und spiegelt das
darüber hinziehende weiße Gewölk.
Dieser Gegensatz von Kunst und Natur unterstützt beide in ihrer Wirkung.
Wer hätte nicht an sich selbst erfahren, wie frei man aufatmet, wenn man aus der
kunstgezogenen Linie auch des frischesten und natürlichsten Parkes endlich über
Graben und Birkenbrücke hinweg in die weitgespannte Wiesenlandschaft
eintritt, die ihn umschließt! Mit diesem Reiz des Einfachen und Natürlichen
berührt uns auch Bornstädt. Wie in einem grünen Korbe liegt es da.
Aber das anmutige Bild, das es bietet, ist nicht bloß ein Produkt des
Kontrastes; zu gutem Teile ist es eine Wirkung der pittoresken Kirche, die in
allen ihren Teilen deutlich erkennbar, mit Säulengang, Langschiff und
Etagenturm, aus dem bunten Gemisch von Dächern und Obstbäumen
emporwächst. Diese Kirche ist eine aus jener reichen Zahl von Gotteshäusern,
womit König Friedrich Wilhelm IV. Potsdam gleichsam umstellte, dabei von dem in seiner Natur begründeten Doppelmotiv geleitet: den Gemeinden ein
christliches Haus, sich selber einen künstlerischen Anblick zu gewähren. Auch
für Bornstädt wählte er die Basilika-Form.
Über die Zulässigkeit dieser Form, speziell für unser märkisches Flachland,
ist viel hin und her gestritten worden, und es mag zugestanden werden, daß sie,
samt dem daneben gestellten Kampanile, vorzugsweise ein coupiertes Terrain
und nicht die Ebene zur Voraussetzung hat. Deshalb wirken diese Kirchen in den
flachen und geradlinigen Straßen unserer Residenzen nicht eben allzu
vorteilhaft, und der unvermittelt aufsteigende, weder durch Baumgruppen noch
sich vorschiebende Bergkulissen in seiner Linie durchschnittene Etagenturm,
tritt — an die Porzellantürme Chinas erinnernd — in einen gewissen
Widerspruch mit unserem christlichen Gefühl. Mit unseren baulichen
Traditionen gewiß! Aber so unzweifelhaft dies zuzugestehen ist, so
unzweifelhaft sind doch die Ausnahmen, und eine solche bietet Bornstädt. Es
wird hier ein so malerischer Effekt erzielt, daß wir nicht wissen, wie derselbe
überboten werden sollte. Der grüne Korb des Dorfes schafft eine glückliche
Umrahmung und während das Hochaufragende des Etagenturms etwas von dem
Poetisch-Symbolischen der alten Spitztürme bewahrt, wird doch zugleich dem
feineren Sinn eine Form geboten, die mehr ist als der Zuckerhut unserer alten
Schindelspitzen. Der Ruf dieser hat sich nur, faute de mieux im Zeitalter der
Laternen- und Butterglocken-Türme entwickeln können.
Die bornstädter Basilika samt Säulengang und Etagenturm ist ein Schmuck
des Dorfes und der Landschaft; aber was doch weit über die Kirche hinausgeht,
das ist ihr Kirchhof, dem sich an Zahl berühmter Gräber vielleicht kein anderer
Dorfkirchhof vergleichen kann. Wir haben viele Dorfkirchhöfe gesehen, die um
ihres landschaftlichen oder überhaupt ihres poetischen Zaubers willen einen
tieferen Eindruck auf uns gemacht haben; wir haben andere besucht, die
historisch den bornstädter Kirchhof insoweit in Schatten stellen, als sie ein Grab
haben, das mehr wiegt als alle bornstädter Gräber zusammengenommen; aber
wir sind nirgends einem Dorfkirchhofe begegnet, der solche Fülle von Namen
aufzuweisen hätte.
Es hat dies einfach seinen Grund in der unmittelbaren Nähe von Sanssouci
und seinen Dependenzien. Alle diese Schlösser und Villen sind hier eingepfarrt,
und was in Sanssouci stirbt, das wird in Bornstädt begraben, — in den meisten
Fällen königliche Diener aller Grade, näher und ferner stehende, solche, deren
Dienst sie entweder direkt an Sanssouci band, oder solche, denen eine besondere
Auszeichnung es gestattete, ein zurückliegendes Leben voll Tätigkeit an dieser
Stätte voll Ruhe beschließen zu dürfen. So finden wir denn auf dem bornstädter Kirchhofe Generale und Offiziere, Kammerherren und Kammerdiener, Geheime-
Räte und Geheime-Kämmeriere, Hofärzte und Hofbaumeister, vor allem —
Hofgärtner in Bataillonen.
Der Kirchhof teilt sich in zwei Hälften, in einen alten und einen neuen.
Jener liegt hoch, dieser tief. Der letztere (der neue) bietet kein besonderes
Interesse.
Der alte Kirchhof hat den freundlichen Charakter einer Obstbaumplantage.
Die vom Winde abgewehten Früchte, reif und unreif, liegen in den geharkten
Gängen oder zwischen den Gräbern der Dörfler, die in unmittelbarer Nähe der
Kirche ihre letzte Rast gefunden haben. Erst im weiteren Umkreise beginnt der
Fremdenzuzug, gewinnen die Gäste von Sanssouci her die Oberhand, bis wir am
Rande des Gemäuers den Erbbegräbnissen begegnen. Wir haben also drei Zirkel
zu verzeichnen: den Bornstädter-, den Sanssouci- und den Erbbegräbnis-Zirkel.
An einige Grabsteine des mittleren, also des Sanssouci-Zirkels, treten wir
heran; nicht an solche, die berühmte Namen tragen (obschon ihrer kein Mangel
ist), sondern an solche, die uns zeigen, wie wunderbar gemischt die Toten hier
ruhen. Da ruht zu Füßen eines Säulenstumpfes Demoiselle Maria Theresia
Calefice. Wer war sie? Die Inschrift gibt keinen Anhalt: „Gott und Menschen
lieben, Gutes ohne Selbstsucht tun, den Freund ehren, dem Dürftigen helfen —
war ihres Lebens Geschäft.“ Ein beneidenswertes Los. Dazu war sie in der
bevorzugten Lage, diesem „Geschäft“ zweiundachtzig Jahre lang obliegen zu
können. Geboren 1713, gestorben 1795. Wir vermuten eine reponierte Sängerin.
Nicht weit davon lesen wir: „Hier ruht in Gott Professor Samuel Rösel,
geboren in Breslau 1769, gestorben 1843. Tretet leise an sein Grab, ihr Männer
von edlem Herzen, denn er war euch nahe verwandt.“ Wer war er? Ein
gußeisernes Gitter, einfach und doch zugleich abweichend von allem
Herkömmlichen, schließt die Ruhestätte ein; um die rostbraunen Stäbe winden
sich Vergißmeinnicht-Ranken und zu Häupten steht eine Hagerose.
Noch ein dritter Fremder an dieser Stelle: Heinrich Wilhelm Wagenführer,
geboren zu Neuwied 1690. Er wurde vom Rhein an die Havel verschlagen, wie
es scheint zu seinem Glück. Der Grabstein nennt ihn mit Unbefangenheit „einen
vornehmen Kauf- und Handelsmann zu Potsdam.“ Diese Inschrift, mit den
Daten, die sie begleiten, ist nicht leicht zu entziffern, denn ein alter Ulmenbaum,
der zur Seite steht, hat sein Wurzelgeäst derart über den Grabstein hingezogen,
daß es aussieht, als läge eine Riesenhand über dem Stein und mühe sich, diesen
an seiner Grabesstelle festzuhalten. Gespenstisch am hellen, lichten Tag!
Wir gehen vorbei an allem, was unter Marmor und hochtönender Inschrift
an dieser Stelle ruht, ebenso an den Erbbegräbnissen des dritten Zirkels und treten in eine nach links hin abgezweigte Parzelle dieses Totenackers ein, die den
Namen des „Selloschen Friedhofs“ führt. Die Sellos sind Sanssouci-Gärtner seit
über hundert Jahren. Ihre Begräbnisstätte bildet eine Art vorspringendes Bastion;
ein niedriges Gitter trennt sie von dem Rest des Kirchhofs. Hier ruhen, außer der
„Dynastie Sello“, mit ihnen verschwägerte oder befreundete Sanssoucimänner,
die „Eigentlichsten“.
Karl Timm, Geheimer Kämmerier, gestorben 1839.
Emil Illaire, Geheimer Kabinettsrat, gestorben 1866.
Peter Josef Lenné, Generaldirektor der königlichen Gärten, gestorben
1866.
Friedrich Ludwig Persius, Architekt des Königs, gestorben 1845.
Ferdinand von Arnim, Hofbaurat, gestorben 1866.
Denkmal an Denkmal hat diese Begräbnisstätte der Sellos zugleich zu einer
Kunststätte umgeschaffen: Marmorreliefs in der Sprache griechischer und
christlicher Symbolik sprechen zu uns; hier weist der Engel des Friedens nach
oben; dort, aus dem weißen Marmorkreuz hervor, blickt das Dornenantlitz zu
uns nieder, das zuerst auf dem Schweißtuche der heiligen Veronika stand. Nur
die Sellos, die eigentlichen Herren des Platzes, haben den künstlerischen
Schmuck verschmäht: einfache Feldsteinblöcke tragen ihre Namen und die
Daten von Geburt und Tod.
Sie haben den künstlerischen Schmuck verschmäht, nur nicht den, der ihnen
zustand. Die alten Gärtner wollten in einem Garten schlafen. So viele Gräber, so
viele Beete, — das Ganze verandaartig von Pfeilern und Balkenlagen umstellt.
Die Pfeiler wieder hüllen sich in Efeu und wilden Wein, Linden und Nußbäume
strecken von außen her ihre Zweige weit über die Balkenlagen fort, zwischen
den Gräbern selbst aber stehen Taxus und Zypressen, und die brennende Liebe
der Verbenen spinnt ihr Rot in das dunkelgrüne Gezweig.
Aus der Selloschen Begräbnisparzelle sind wir auf den eigentlichen
Kirchhof zurückgeschritten.
Noch ein Denkmal verbleibt uns, an das wir heranzutreten haben: ein
wunderliches Gebilde, das, in übermütigem Widerspruch mit Marmorkreuz und
Friedensengel, den Ernst dieser Stunde wie ein groteskes Satyrspiel beschließt.
Es ist dies das Grabdenkmal des bekannten Freiherrn Paul Jakob von Gundling,
der Witz und Wüstheit, Wein- und Wissensdurst, niedere Gesinnung und
stupende Gelehrsamkeit in sich vereinigte, und der, in seiner Doppeleigenschaft
als Trinker und Hofnarr, in einem Weinfaß begraben wurde. In der Bornstädter
Kirche selbst, in der Nahe des Altars. Über seinem Grabe ließ König Friedrich
Wilhelm I. einen Stein errichten, der trotz des zweifachen Neubaus, den die Kirche seitdem erfuhr, derselben erhalten blieb. Dies Epitaphium, ein Kuriosum
ersten Ranges, bildet immer noch die Hauptsehenswürdigkeit der Kirche.
Hübsche Basiliken gibt es viele; ein solches Denkmal gibt es nur einmal. Ehe
wir eine Beschreibung desselben versuchen, begleiten wir den Freiherrn durch
seine letzten Tage, auf seinem letzten Gange. Wir benutzen dabei, mit geringen
Abweichungen, einen zeitgenössischen Bericht:
„von Gundling wurde vor Ostern des Jahres 1731 krank und starb den 11.
April auf seiner Stube im königlichen Schlosse zu Potsdam. Sein Körper ward
sogleich auf einem Brette nach dem Witwenhause der Lakaienfrauen getragen
und hier von den Wundärzten geöffnet. In seinem Magen fand man ein Loch.
Sein Leichenbegängnis war äußerst lustig und seinem geführten
Lebenswandel völlig angemessen. Schon vor zehn Jahren hatte ihm der König
seinen Sarg in Form eines Weinfasses verfertigen lassen. Es war schwarz
angestrichen und auf dem obern Teile mit einem weißen Kreuze geschmückt,
welches nach allen vier Seiten herunterging. Es wird erzählt, daß Gundling sich
schon bei Lebzeiten öfters in diesen Sarg gelegt und zur Ergötzung des Hofes ein
Glas Wein darin getrunken habe. Nachdem er tot war, legte man ihn in seinem
rotsamtenen, mit blauen Aufschlägen besetzten Kleide, desgleichen mit roten
seidenen Strümpfen und einer großen Staatsperücke, in dasselbe hinein. Umher
stellte man zwölf Gueridons mit brennenden weißen Wachskerzen. In dieser
Parade ward er jedermann öffentlich gezeigt. Besonders kamen viele Fremde
nach Potsdam, um ihn zu sehen.
Nachdem der Kastellan des Schlosses vom Könige den Befehl erhalten
hatte, alles zum Begräbnis Erforderliche zu besorgen, ward dem Verstorbenen
die Kirche zu Bornstädt als Ruhestätte bestimmt. Zur Leichenbegleitung wurden
mehr als fünfzig Offiziere, Generale, Obersten und andere angesehene
Kriegsbediente, die Geistlichen, die Potsdamer Schule, die königlichen
Kabinettssekretäre, Kammerdiener, Küchen- und Kellerei-Bediente eingeladen.
Hierzu kam noch der Rat und die Bürgerschaft der Stadt, welche sich sämtlich,
mit schwarzen Mänteln angetan, bei dieser Handlung einfinden mußten. Alle
diese Begleiter waren bereit und willig, Gundlingen die letzte Ehre zu erweisen,
bis auf die lutherischen und reformierten Geistlichen, die zu erscheinen sich
weigerten. Da sie um die Ursache befragt wurden, schützten sie die Gestalt des
Sarges vor, welche nicht erlaube, daß sie dabei ohne Anstoß erscheinen könnten.
Man fand nicht für gut, sie weiter zu nötigen, und ließ sie weg.
Nun stellte sich aber ein zweiter Umstand dar, welcher neue
Schwierigkeiten hervorbrachte. Da die Geistlichkeit, von der ein lutherisches
Mitglied die Parentation halten sollte, nicht erschien, so war man verlegen, wer dies Geschäft nun übernehmen würde. Nachdem man hin und her gesonnen
hatte, verfiel man endlich auf des Verstorbenen Erzfeind, auf David Faßmann.
Dieser übernahm es und hielt wirklich die Leichenrede.
Nach Schluß derselben wurden Lieder gesungen und alle Glocken geläutet.
Der bis dahin offen gestandene Sarg ward zugemacht, ein Bahrtuch darüber
geworfen, und so ging es in bester Ordnung und unter fortgesetztem Läuten bis
vor den Schlagbaum von Potsdam hinaus. Hier blieb die Prozession zurück, und
nur wenige folgten der Leiche, die auf einen Wagen gesetzt und nach Bornstädt
gefahren wurde. Hier wurde sie abgeladen und inmitten der Kirche eingesenkt.
— Ein großer, zierlich ausgehauener Leichenstein erhielt folgende Inschrift:
Allhier liegt begraben der weyland Hoch- und Wohlgeborne Herr,
Herr Jakob Paul Freiherr von Gundling,
Sr. K. Majestät in Preußen Hochbestallt gewesener Ober-
Ceremonienmeister, Kammerherr, Geh. Ober-Appellations-, Kriegs-, Hof-,
Kammer-Rath, Präsident der K. Societät der Wissenschaften, Hof- und
Kammergerichtsrat, auch Historiographus etc., welcher von Allen, die ihn
gekannt haben,
wegen seiner Gelehrsamkeit bewundert,
wegen seiner Redlichkeit gepriesen,
wegen seines Umgangs geliebt und
wegen seines Todes beklagt worden.
Anno 1731.
Darunter befindet sich groß und in sauberer Ausführung das freiherrliche
Wappen.“
So etwa der zeitgenössische Bericht.
Des Wappens auf dem Leichensteine wird nur in aller Kürze Erwähnung
getan, und doch ist dasselbe von besonderem Interesse. Es zeigt, daß des Königs
Geneigtheit, an Gundling seinen Spott zu üben, auch über den Tod des letzteren
fortdauerte. Hatte er schon früher durch Erteilung eines freiherrlichen Wappens,
auf dem die angebrachten drei Pfauenfedern die Eitelkeit des Freiherrn geißeln
sollten, seinem Humor die Zügel schießen lassen, so ging er jetzt, wo es sich um
die Ausmeißelung eines Grabsteins für Gundling handelte, noch über den
früheren Sarkasmus hinaus, und das Grabstein-Wappen erhielt zwei neue
Schildhalter: eine Minerva und einen aufrecht stehenden Hasen. Die
Hieroglyphensprache des Grabsteins sollte ausdrücken: er war klug, eitel, feige.
Dieser interessante Stein lag ursprünglich im Kirchenschiff; jetzt ist er senkrecht in die Frontwand eingemauert und wirkt völlig wie ein errichtetes
Denkmal.
Wenn der weiße Marmor so vieler Gräber draußen längst zerfallen sein und
kein rot-dunkles Verbenen-Beet den Veranda-Begräbnisplatz der Sellos mehr
schmücken wird, wird dies wunderliche Wappen-Denkmal, mit den
Pfauenfedern und dem aufrechtstehenden Hasen, noch immer zu unsern Enkeln
sprechen, und das Märchen von „Gundling und dem Weinfaß-Sarge“ wird dann
wundersam klingen wie ein grotesk-heiteres Gegenstück zu den Geschichten
vom Oger.