Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Sakrow von 1787 bis 1794
den Meinigen.
Sakrow von 1787 bis 1794
Der Graf Hordt hatte in Berlin eine reiche Witwe geheiratet, die schon drei
Männer und darunter einen Herrn v. H. gehabt hatte. Der Sohn dieser Dame,
Leutnant im Regiment Gendarmes, sollte nun Sakrow bewirtschaften.
Den sechsten Sonntag Trinitatis hielt ich in Sakrow Abendmahl. Herr v. H.,
der nunmehrige Besitzer, war da und ich speiste wie gewöhnlich bei ihm. Ein
Leutnant, Hr. von Sobbe, vom Regiment Herzog Friedrich, ingleichen ein
Frauenzimmer, waren auch da. Über Tisch kam eine Amme herein mit einem
Kinde. „Es ist mein Sohn“, sagte er. Und nun hätte ich nur fragen dürfen: „Und
die Mutter?“ Aber ich vermied alle Weitläufigkeit. Es war ein allerliebstes Kind.
Das Frauenzimmer wird Mamsell genannt.
Sonntag den 15. September war ich wieder in Sakrow. Traf niemand. Der
Leutnant war abermals des Morgens um acht Uhr weggefahren. Auch war der
Graf Hordt zweimal dagewesen, einmal mit seiner Gemahlin. Nach mir hat er
nicht gefragt. Des Morgens kommen sie an, besehen sich, essen zu Mittag,
fahren wieder ab.
Weihnachten 1787. Den 29. Dezember taufte ich des Küsters Söhnlein. Herr
von H. war Gevatter und schickte seinen Jäger. Er kam mit der Mamsell ins
Küsterhaus, als wir uns eben zu Tische setzen wollten. Sie blieb, er ging weg;
dann kam er noch mal und ließ sie herausrufen. Sie kamen nicht wieder.
[1788.] Neujahr. Der Herr Leutnant war da, fuhr aber unter der Kirche ab.
Sexagesima. Es fiel mir diesmal auf: gerade in der Minute, da ich an dem
einen Ende hereinkam, fuhr der Dorfherr zum andern heraus. Seit dem
fünfundzwanzigsten Sonntag Trinitatis vorigen Jahres hatte ich ihn nicht
gesehen.
Elften Sonntag Trinitatis hielt ich Abendmahl. Dann ins Schloß. Nebst der
Herrschaft war zu Tische Herr Jäger Sonnenberg aus Gatow, cum uxore. Den 4.
August fuhr ich nach Döberitz. Unterdes war Herr von H. cum amasia hier
gewesen.
Den zweiten Advent hielt ich Abendmahl. Der Herr Inspektor Schübe
speiste mit. Er kommunizierte mir die Memoiren d’un comte suédois. Der
schwedische Graf schließt mit folgenden Versen:
Las d’espérer et de me plaindre
Des grands de la terre et du sort,
C’est ici que j’attends la mort
Sans la souhaiter, sans la craindre.
Den 28. November starb zu Lentzke Frau Marie Luise, geb. von Schlegel,
verehelichte Baronesse von Fouqué, im neunundvierzigsten Jahre ihres Alters,
nach einem sechswöchentlichen Krankenlager.
[1789.] Den 11. Januar. Wegen des außerordentlich vielen Schnees konnte
ich ohne Lebensgefahr weder auf Weihnacht noch Neujahr nach Sakrow fahren.
Heute wagte ich es, weil der Einwohner Weber gern seinen verstorbenen Sohn
feierlich beerdigen lassen wollte. Ich predigte und begrub. Der Herr des Gutes
war da. Ich ging nachher herauf, traf ihn cum annexis. 25. Januar. Der Weg war
überaus beschwerlich. Ich fuhr einundeinehalbe Stunde. Er und sie waren da.
Zwischen dem 11. und 25. war das zweite Kind verstorben. Man überreichte mir
eine kleine Summe Geld und sagte: „Für den verstorbenen Junker.“
8. März. Predigt über die Epistel. Er war nicht da, hat in Berlin abermals
einen Sohn taufen lassen. — Schwerer Tag für mich. Bittre Kälte, dabei
Ostwind. Ich fuhr also gegen den Wind und war schon seit acht Uhr in der Arbeit
und Kälte gewesen. Fünf Frauen und sechs Männer kamen zur Kirche. Mein
Körper fror zusammen; meine Seele war ganz niedergeschlagen. Fand nirgends
ein freundlich Gesicht. — Auch du, Sakrow, so klein du bist, auch du bist seit
1776 herabgesunken. Die Exempel deiner Vorgesetzten haben dich verdorben.
Unter Hordt war Sakrow fromm, denn er war zu der Zeit bigott. Unter Fouqué
ward es leichtsinnig, endlich frech. Der Küster hatte oft nur drei Zuhörer. Das
Verständnis der Baronin mit dem Grafen Schmettau wirkte schädlich auf die
Sitten. Unter von H. ist alles frank und frei.
12. April. Ostertag. Achtundvierzig Zuhörer. Er hatte Fremde aus Berlin.
Welch Exempel geben unsere Vorgesetzten!
Pfingsten. Der Herr Superintendent hat am Himmelfahrtstage mit
außerordentlicher Lobeserhebung vom Könige und seiner Gottesfurcht
gesprochen, da er einen seit zehn Jahren abgeschafften Fasttag wieder hergestellt
hat. Was doch alles vorkommt!
Den 30. August, nachmittags 3 Uhr traute ich den Jäger Lindner. Es war
wie Jahrmarkt und Puppenspiel. Der Roggenkranz hatte hunderte von
Potsdamern nach Sakrow gezogen. Die Kirche war so voll, daß ich kaum mein
Plätzchen vor dem Altare behielt; Toben, Schreien der Kinder, Lachen über
meine Worte, alles machte, daß ich mich kurz faßte. Die Braut war ein Affe; sie
zog sich die Handschuh an, anstatt sich die Hände zu geben. An eben dem Tage hat der Oberst von Winning auf Glienicke seinem Jäger die Hochzeit gemacht,
auf eine anständige Art. Die Gemeinde war aufs Schloß invitieret. Er und sein
Sohn führten den Bräutigam in den Saal, sie und die älteste Tochter die Braut. Es
wurde ordentlich gesungen, geopfert, alles gespeiset.
[1790.] Den ersten Epiphanias hielt ich Abendmahl. Der Herr Baron von H.
ging auch mit, kniete sogar mit vor dem Altar. Im übrigen war er noch geiziger
wie Graf Hordt. Zu Tische war der Herr Leutnant von Öttinger mit. Mamsell war
so beredt, wie die Hausfrau zu sein pflegt. Man nahm es mir recht im Ernst übel,
daß ich meine Tochter nicht mitgebracht hatte, denn man hatte sie namentlich
invitieret.
20. November. In der Berlinischen Zeitung hieß es heute: Seine Königliche
Majestät haben den einzigen Sohn des verstorbenen Geheimen Legationsrat und
Gesandten am dänischen Hofe, Herrn August Ferdinand von H., Erbherrn auf
Sakrow, aus ganz besonderen Gnaden und in Rücksicht der von seinen Voreltern
dem königlichen Hause geleisteten distinguierten Dienste in den Grafenstand
allergnädigst erhoben. Der Großvater des Grafen mütterlicherseits war Heinrich
Graf von Podewils, erster Kabinettsminister, welche Würde er dreißig Jahre bis
zu seinem Tode bekleidet hat.
1791. Am Sonntag Reminiscere, den 20. März, war der Jäger Lindner
betrunken und haselierte mit den beiden Frauensleuten rechts und links ganz
unverschämt. Ich ärgerte mich gewaltig und schalt ihn. Der Jäger wollte mich
später zur Rede setzen. Ich schrieb darüber an die Herrschaft. Den nächsten
Sonntag kamen sie hierher und sagten: „daß sie die Leute, die den Lärm
unterstützt, gerichtlich wollten bestrafen lassen.“ Das ist geschehen. Den Jäger
Lindner hat er ans Regiment abgeliefert, weil er in all den vorgekommenen
Fällen als Urheber befunden worden ist. Sein Intimus Plage hat am Sonntage vor
der Kirchtür etliche Stunden mit einem Zettel vor der Brust gestanden, rechts
und links ein Gerichtsdiener.
Meine Pfarre ist eine beschwerliche Pfarre. Sakrow (nur Filial) liegt eine
Meile ab, auf einer Straße, die niemand bereiset als ich, was denn beim Schnee
desto beschwerlicher fällt, noch dazu, da es durch die Heide geht, wo der Wind
oft sehr zusammen treibt. Es ist in allem Betracht ein verdrießlich Filial, und
doch muß ich es alle vierzehn Tage bereisen. Gott! Du weißt es, wie ich dann
den ganzen Tag über vom Morgen bis Abend fahren und reden muß, wie sauer es
mir jetzt wird in der Hitze des Sommers, in der Kälte des Winters. Aber du weißt
es auch Gott, wie treu ich darin gewesen bin, auch für Sakrow, das mein
Vorgänger nur sah, wenn die Herrschaften da waren. Und doch achten sie mich
gering und versagen mir das Kleinste. Werd’ ich eine Wandlung erleben? Nein.
[28] Diese Aufzeichnungen sind im wesentlichen wörtlich wiedergegeben, nur selten
gebot es sich, einzelne Worte, Namen, Sätze fortzulassen oder umgekehrt zur Erklärung einzuschalten. Alles trägt den Stempel des Ernstes, der Wahrheit und absoluter Phrasenlosigkeit. Das letztere führt zu einer gewissen Herbheit; nichts ist beschönigt, das Leben, eignes wie fremdes, gegeben wie es war. Darin liegt aber, bei manchem ästhetisch Anfechtbaren, auch wieder der Wert dieser Notizen. Sie geben ein Zeit- und Sittenbild aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts; die Laxheit des Herrenhauses, die Kümmerlichkeit der Pfarren, beide finden eine gleich treffende Darstellung.