Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 69 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Wust seit 1850

 

Im Herbst 1850 trat der gegenwärtige Besitzer, ein Katte von der

uckermärkischen Linie, in das Wuster Erbe ein. Ein besseres Loos konnte

diesem letzteren nicht fallen. Hier, wo seit ziemlich einem Jahrhundert immer

nur Torheit in den verschiedensten Formen tätig gewesen war, erschien plötzlich

die Kehrseite davon, und ein Geist gewissenhaftester Ordnung griff Platz. Die

Äcker wurden wieder bestellt und wo so lange bloß „Hof gehalten war“, erstand

wieder ein Hof, wie er auf einem solchen Besitze sein soll: ein Wirtschafts-Hof.

Scheunen, Ställe, Betriebsgebäude wurden aufgeführt und Wust wurde eine

Musterwirtschaft, was es mutmaßlich nie vorher gewesen war.

Aber mehr als das. Nicht bloß über das Gut war eine rettende Hand

gekommen, ebenso über den Erinnerungsschatz, den das alte Herrenhaus

umschloß. Vieles, das Meiste war zerstört. Manches aber hatte der Zerstörung

getrotzt und noch anderes, wie bereits hervorgehoben, hatte sich in Ecken und

Winkeln der Hand des Vandalismus entzogen. Dies alles wurde jetzt

hervorgesucht, gesammelt, geordnet. Frau von Katte, mit sich gleichbleibender

Pietät, dazu mit immer wachsender Liebe für die Aufgabe, die sie sich gesetzt,

stellte aus Bruchstücken vieles wieder her und ihrem unermüdlichen Eifer

verdanken wir das Meiste von dem, was wir hier mitteilen konnten.

 

Ein heller Augusttag führte uns als Gast in das alte, nun wieder hergestellte

Herrenhaus. Der große Empfangssaal nahm uns auf, in dem einst (im Oktober

1806, wenn ich nicht irre) Marschall Soult gesessen und dekretiert hatte.

Es ist dies das interessanteste Zimmer des Hauses. Das Meiste von seinen

alten Erinnerungsstücken findet sich hier zusammen, namentlich von Bildern.

Drei derselben stammen aus der historischen Zeit von Wust, also aus der ersten

Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Es sind der Feldmarschall von Katte in Koller

und Küraß, seine Gemahlin zweiter Ehe und der Sohn erster Ehe, Hans

Hermann. Das Bild des letzteren, der hier etwa 24 Jahre alt erscheint, nimmt

selbstverständlich das Hauptinteresse in Anspruch. Er trägt die Uniform des

Regiments Gensd’armes, dazu das gepuderte Haar rechts und links in drei

Locken gelegt. Seine Züge, weder hübsch noch häßlich, verraten Klugheit,

Energie und einen gewissen Standesdünkel. Der Kunstwert ist nur ein mittlerer.

Auch scheint es durch Übermalung gelitten zu haben. Vgl. Band II, 7. Aufl., S.

336.

Wir musterten diese und andere Bilder. Dann, nach einem Umgange durch das Haus, schritten wir über die Dorfgasse hin, um zunächst der alten Kirche,

dann dem Gruft-Anbau unseren Besuch zu machen. In der Kirche war seit 150

Jahren so ziemlich alles beim alten geblieben, die Grabsteine, die wir eingangs

geschildert, standen noch an alter Stelle und nur einige Deckenmalereien hatten

dem Ganzen mehr Farbe, wenn auch freilich nicht mehr Schönheit gegeben.

Wenn nun aber die Kirche wenig verändert war, wie anders war es in der

Gruft geworden! Sarg bei Sarg, der Raum gefüllt bis auf den letzten Platz. Dazu

ein völliges Dunkel; die weiße Tünche längst einem tiefen Grau gewichen. Wir

öffneten beide Torflügel, um etwas Helle zu schaffen, und der eindringende

Luftzug setzte die Spinnweben am Portal in Bewegung. Aber dies Licht von

außen war zu schwach, es drang nur zwei Schritt weit in die dunkle Behausung

ein und dahinter blieb alles Nacht.

Ein Kind, das uns begleitet hatte, wurde deshalb mit der Weisung

zurückgeschickt, daß ein Diener Licht bringen solle. Mittlerweile setzten wir uns

auf das dürre Gras verfallener Gräber und sahen in die Gruft hinein, die, voll

geheimnisvollen Zaubers, mit ihrem Pomp und ihrem Grausen vor uns lag.

Machte dies schon einen Eindruck auf mich, so verschwand es neben dem

Bilde, das die nächsten Minuten brachten.

Ein reichgalonierter Diener kam vom Herrenhause herüber und schritt mit

einem doppelarmigen, silbernen Leuchter in der Hand über den Kirchhof hin und

auf uns zu. Wir erhoben uns. Der Diener nahm den Vortritt, strich mit einem

Phosphorholz an dem rostigen Eisenbeschlag des einen Türflügels entlang,

zündete die beiden Wachskerzen an und trat dann dienstmäßig und völlig ruhig

zwischen die dichtgestellten Särge. Wir folgten, so gut wir konnten. Als wir die

Mitte der Gruft erreicht hatten, hob er den Leuchter höher. Es war ein Bild, das

ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Die Kerzen warfen helle Streifen durch

das Dunkel und von der Decke herab wehte es in langen, grauen Fahnen. Stein-

und Eichensärge ringsum. Inmitten dieser Machtzeugen des Todes aber

bewegten wir uns in der ganzen Buntheit modernen Lebens, die lange blaue

Seidenrobe der einen Dame bauschte und knisterte bei jeder Bewegung und die

Tressen und Fangschnüre des Dieners blitzten im Licht.

Wir standen jetzt so, daß wir durch Heben und Senken unserer zwei Kerzen

die prächtigsten Sarkophage: den Steinsarg des Feldmarschalls und rechts und

links daneben die Särge seiner beiden Gemahlinnen ohne Mühe sehen und ihre

Ausschmückung bewundern konnten. Aber wo stand Hans Hermann? Wir taten

scheu die Frage, die der Diener seinerseits ohne jegliches Bedenken aufnahm

und abermals voranschritt. Wir folgten ihm, nach links hin, bis in die Ecke des

Raums. Die Särge standen hier minder dicht. Einer unter ihnen war ein schlichter, langer Holzsarg, dessen Farbe teils abgegriffen, teils abgesprungen

war. Das war er. Der Diener gab mir den Leuchter, faßte den Deckel und schob

ihn bei Seite. Noch verbarg sich uns sein Inhalt. In dem äußeren Sarge stand ein

zweiter, der eigentliche, vielleicht der, in den man ihn zu Küstrin gelegt hatte,

eine bloß zugeschrägte Kiste mit einem flachen Deckel. Nun hoben wir auch

diesen und blickten auf alles Irdische, was von dem unglücklichen Katte noch

übrig ist.

Ein hellblauer Seidenmantel umhüllt den Körper. Da wo dieser Mantel nach

oben hin aufhört, liegt ein Schädel, neben dem Schädel eine blaue, kunstvoll

zurechtgemachte, mit Spitzenüberresten geschmückte Schleife, die früher das

schöne Haar des Toten zusammenhielt. Noch in den zwanziger Jahren dieses

Jahrhunderts war der Schädel wohl erhalten, seitdem aber, weil niemand lebte,

der die Gruft und speziell diesen Sarg vor Unbill geschützt hätte, trat der Verfall

ein, der sich jetzt zeigt. Es erging in Wust den Überresten des jungen Katte

genau ebenso, wie es in Gusow den Überresten des alten Derfflinger erging;

frivole Neugier, renommistischer Hang und Kuriositätenkrämerei führten zu

offenbarer Entweihung.

Über einzelnes wird berichtet. Ein junger Ökonom im Dorfe wettete in

heiterer Mädchengesellschaft gegen einen Kuß, er wolle den Katteschen Schädel

um Mitternacht herbeiholen und wieder an seine Stelle tragen. Er gewann auch

die Wette, bestand aber nicht auf Zahlung und erklärte hinterher: nie wieder.

Etwa um dieselbe Zeit, oder schon etwas früher, erschien ein Engländer in

Wust, ließ sich die Gruft aufschließen und trat an den geöffneten Sarg. Er war

offenbar ein Kenner, suchte unter den Halswirbeln umher, fand endlich den, den

das Richtschwert durchschnitten hatte, und führte ihn im Triumphe weg. Andere

nahmen die Zähne des Enthaupteten als Erinnerungsstücke mit, so daß, als

Anfang der fünfziger Jahre das traurige Administrations-Interregnum endlich

sein Ende erreichte, der neue Besitzer ein wüstes Durcheinander vorfand. Die

Pietät kam zu spät. Was noch geschehen konnte, geschah, ganz besonders auch

an dieser Stelle. Eine Art Ordnung wurde wieder eingeführt, das Eine oder

Andere gerettet und beispielsweise ein Rest Katteschen Haares in einer Kapsel

sorglich verwahrt. Aber die Zerstörung der voraufgegangenen dreißig Jahre

konnte nicht wieder ausgeglichen, das, was fort war, nicht wieder gewonnen

werden.

Wir schlossen die Sargkiste, traten in das Licht des Tages zurück und

schritten auf das Herrenhaus zu. Aber es duldete uns nicht in den geschlossenen

Räumen, und der stille Park und seine breiten Rüster-Alleen nahmen uns alsbald

auf. Da lagen die umgestürzten Statuen, zerbrochen, zerschlagen, halb überwachsen von grünem Gesträuch. Auch hier die Bilder der Vergänglichkeit.

Unser Weg führte uns zuletzt bis an die Grenze des Parks. Eine

Birkenbrücke, über einen Graben hinweg, ging ins Freie, breite Wiesen dehnten

sich vor uns, jenseit stiegen Kirchentürme auf und aus der Niederung zog ein

Nebel langsam zu uns her.

Es dämmerte.

Und wie Dämmerung kam es über uns selbst, jener traumwache Zustand,

dem Leid und Freud’, dem Trauerspiel und Posse, dem der enthauptete und der

Stiefel-Katte gleichmäßig zu Bild und Erscheinung werden, — zu Gliedern in

derselben Kette.