Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 61 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Falkenrehde

Die Sage gebiert und schafft und treibt.

Was will unser Licht? Ein Dunkel bleibt.

 

F alkenrehde, halbwegs zwischen Potsdam und Nauen, ist eines der reicheren Güter des Havellandes und bildet mit dem nachbarlichen Ütz und Paretz einen

Güterkomplex, dessen Erträge in die Königliche Schatulle fließen. In früheren

Jahrhunderten saßen hier die Bardeleben und Dirickes, später die Gröben, bis es,

zur Zeit des Großen Kurfürsten, an den berühmten Artillerieobersten Ernst von

Weiler und dessen weibliche Deszendenz überging. Eine der Weilerschen

Töchter war an den Minister von Kraut, einen besonderen Günstling Friedrich

Wilhelms I. vermählt. Diese Weilersche Zeit war die wichtigste. Sie gab dem

Dorfe seine Geschichte, auch wohl die Erscheinung, die es bis diesen

Augenblick noch zeigt.

Falkenrehde ist eines jener lachenden Dörfer, deren die Mark, ganz im

Gegensatz zu ihrem Ruf, so viele zählt. Prächtige alte Linden ziehen sich zu

beiden Seiten der Dorfstraße hin, saubere Häuser, von Kürbis- oder Pfeifenkraut

umsponnen, blicken zwischen den Stämmen durch und in nur kurzen Pausen

rollen Postwagen und Omnibusse auf und ab, die den Verkehr zwischen Potsdam

und den kleinen, aber wohlhabenden Städten des Havellandes unterhalten. In den

dreißiger Jahren war auch vornehmeres Gefährt auf dieser Straße heimisch:

Königliche Kutschen. Friedrich Wilhelm III. kam an schönen Sommerabenden

von dem nahen Paretz herüber, stieg in der Pfarre ab, nahm in einem

eigentümlich dekorierten Zimmer, dessen Wände einen deutschen Götterhain

und einen freiwilligen Jäger darstellten, den Freia mit dem Schwert umgürtet,

seinen Tee und plauderte mit dem pastor loci, während dessen Söhnlein, ein

vierjähriger Blondkopf, mit Säbel und Ulanenkaskett auf der Freitreppe Wache

stand. In Paretz hatte der König unbedingte Stille; hier erquickte ihn jene heitere

Geschäftigkeit, jener auf- und abwogende doch nie zudringliche Verkehr, der

wohl zerstreute, aber nicht störte.

Und diese heitere Geschäftigkeit, dieser nie rastende Verkehr, sie sind dem

Dorfe geblieben, ja mehr, sie sind gewachsen. Freilich, wer sich ihrer freuen

will, darf nicht gerade Novembertage wählen, wie wir es heute tun. Für unsern

Zweck indes vielleicht die beste Beleuchtung.

Tagüber war Regen. Nun hat sich mit Sonnenuntergang der Himmel

geklärt, eine eiskalte Luft geht über die Felder, das Wasser platscht in den breiten

Lachen, die wir durchfahren, und die Weidenzweige, an denen noch einzelne

Tropfen hängen, schlagen in den Wagen hinein. Selbst das Abendrot, das zwischen geballtem Gewölk steht, hat nichts Heiteres. Fröstelnd fahren wir in

die Falkenrehder Dorfstraße ein.

 

„Es wird heute nichts“, brummte mein Gefährte, ein havelländischer Herr,

aus seiner Kapuze heraus. „Um diese Stunde steigt keiner in die Gruft, am

wenigsten zu dem Enthaupteten.“

„Wir müssen’s versuchen. Tot ist tot, enthauptet oder nicht.“ Mit diesen

Worten hielten wir vor der Küsterwohnung, schlugen das Wagenleder zurück, so

rasch es unsere klammen Finger gestatteten und sprangen mit Vermeidung des

Tritts, dem man es ansah, daß er nur zum „Hängenbleiben“ da war, auf den

aufgeweichten Boden.

Die warme Stube drinnen tat uns wohl. Wir trugen dem Küster unser

Anliegen vor, der, unter Gräbern groß geworden und mit den Toten eingelebt,

sofort seine Bereitwilligkeit ausdrückte, dem „Enthaupteten“ einen nächtlichen

Besuch zu machen. Zu gleicher Zeit erfreute er das Ohr meines Reisegefährten

durch die Erklärung: „daß es für drei zu eng sei.“ Wir nahmen, während Laterne

und Kirchenschlüssel herbeigeschafft wurden, einen Augenblick Platz und

plauderten, was mir erwünschte Gelegenheit gab einige Fragen zu stellen.

„Nun sagen Sie, Herr Kantor, wie steht es damit, ist er wirklich

enthauptet?“

„Das ist er. Darüber kann kein Zweifel sein. Sie werden es sehen.“

„Wer ist es?“

„Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, was sich die Leute hier erzählen. Sie

sagen, es sei der Oberst von Weiler, der um 1680 Falkenrehde besaß. Sie sagen,

daß er Unterschleife machte, daß er heimlich hingerichtet wurde und daß die

Frau des Obersten die Leiche freibat, um sie hier beisetzen zu können.“

„Das ist alles?“

„Ja!“

„Glauben Sie es?“

„Ich darf wenigstens nicht sagen: ich glaub’ es nicht. Ein Enthaupteter ist

da. Irgend etwas muß passiert sein.“

Soweit war unsere Unterhaltung gediehen, als die Frau die brennende

Laterne brachte, was man so brennen heißt, vier angeblakte Scheiben mit einem

Lichtstumpfe drin. Der Küster nahm den Vortritt und so schritten wir auf die

Straße hinaus, wo inzwischen die Falkenrehder, bis zu dem benachbarten

Kirchhofe hin, Spalier gebildet hatten. Das Gerücht von unserm Vorhaben war

durchs Dorf gelaufen wie ein Feuer übers Strohdach. Alles sah uns nach, mit einem andächtigen Ernst, als ob wir auszögen den Lindwurm zu töten.

Alsbald hielten wir vor dem Kirchhofsportal, einem schmiedeeisernen

Gittertor, das an höchster Stelle zwei in Erz getriebene Lorbeerzweige und

inmitten derselben die vergoldeten Buchstaben E. v. W. (Ernst von Weiler)

zeigte. Gerade hinter diesen Buchstaben und ihrer Einfassung stand der Mond.

Über die Grabsteine von Pastoren und Amtleuten hinweg schritten wir nunmehr

auf die Kirche zu und traten durch die Seitentür in dieselbe ein.

Sie machte einen spukhaften Eindruck, weil sie überall da, wo das

Mondlicht durch die Scheiben fiel, so hell war wie bei Tage. Daneben lagen

breite Schattenstreifen. An den Wänden und Pfeilern hingen Totenkränze und

Brautkronen mit ihren langen bunten Bändern. Es war, als bewegten sie sich bei

unserem Eintreten. Wir schritten nun zunächst auf den Altar zu, wo ich im

Halbdunkel ein großes Bild zu bemerken glaubte. Wirklich, es war eine

Kreuzigung, alles in Rokokomanier, und die Magdalene mit hohem Toupet und

Adlernase sah aus wie die Frau von Pompadour. Ich darf sagen, daß das

Unheimliche des Ortes durch diese Anklänge nur noch gesteigert wurde.

Ich hatte, um an dem Bilde herumzuleuchten, die Laterne genommen und

fragte jetzt, wo die Gruft sei.

„Da müssen wir wieder zurück.“

Gut. Wir kehrten also um und gingen das Schiff hinunter, bis wir inmitten

der Kirche, vor einer in die Fliesen eingelassenen Bretterlage standen. Es war

alles so primitiv wie möglich; keine Falltür, kein eiserner Ring zum Hochheben,

nur eben drei eichene Bohlen. Und sie waren nicht leicht zu fassen. Endlich mit

Hilfe des schweren Kirchenschlüssels, den wir als Hebel benutzten, lüfteten wir

das erste Brett; dann die beiden andern. Die Stiege, die hinab führte, war

weniger eine Treppe als eine aus aufrechtstehenden Ziegeln gebaute Leiter; jede

Stufe so hoch und so schmal wie möglich. Alles voll Staub und Spinnweb. Ohne

Fährde indes kamen wir unten an; nur das Licht in der Laterne begann in

bedenklicher Weise zu flackern, erholte sich aber wieder und die Musterung

konnte beginnen. Wir zählten vier Särge, zwei wohlerhalten und mit Metall

beschlagen, die beiden anderen schon etwas schadhaft. Einer davon, von rechts

her gerechnet der dritte, hatte eine Öffnung am Kopfende: das verschließende

Brettchen fehlte. Es sah aus wie die offenstehende Tür eines kleinen Hauses.

„Das ist er“, sagte der Küster.

„Der Enthauptete?“

„Ja.“

Dabei fuhr er mit Totengräber-Gleichmut in die Öffnung des Sarges hinein,

suchte einen Augenblick wie in einem Kasten, in dem man Bescheid weiß, und kam dann mit einem Schädel wieder zum Vorschein. Und nun hielt er ihn mir

wie zur Begutachtung hin.

Ich nahm ihn in die Hand und sagte: „Das ist ein Schädel, nicht mehr und

nicht weniger. Wo aber steckt der Beweis, daß es der Schädel eines Enthaupteten

ist?“

Der Küster, statt aller Antwort, wies einfach auf einen fingerbreiten

Halslappen hin, der sich unter dem Kiefer hinzog. Dieser aufgetrocknete Streifen

war an seinem Rande so scharf, wie wenn man ein hartes Stück Leder mit einem

scharfen Messer durchschneidet.

Dies mochte in der Tat als Beweis gelten. Es war ganz unverkennbar eine

Schnittfläche. Irgend etwas Scharfes hatte hier Kopf und Rumpf getrennt. „Sie

haben Recht,“ — damit schoben wir den Schädel wieder in seine Behausung,

kletterten hinauf und deckten die Bohlen darüber.

Unser Rückzug war eiliger als unser Kommen. Mir war, als lache die Frau

von Pompadour hinter uns her, und über den Grabstein des alten Amtmanns

Kriele weg traten wir wieder in die Dorfstraße hinaus.

Alles stand noch in Gruppen. Wir mußten erzählen. Aber es war nur, was

jeder wußte.

 

In der Falkenrehder Gruft ruht ein Enthaupteter. Das scheint festzustehen.

Aber wer ist dieser Enthauptete? Die Sage, wie schon hervorgehoben, antwortet:

Oberst Ernst von Weiler; die Geschichte dagegen verneint, was die Sage sagt.

Oberst Ernst von Weiler, in seinen letzten Dienstjahren General, ist eine

historische Person, wie nur irgend wer, und wir können ihn bis an das Ende

seines Lebens verfolgen. In hohem Alter und hohem Ansehen ist er gestorben.

Wir erzählen, was man von ihm weiß.

Ernst von Weiler, aus einer angesehenen Patrizierfamilie, etwa um 1620

geboren, war der Sohn des kurbrandenburgischen Amtskammerrats und

Hofamtsmeisters Christian Weiler, Erbherrn auf Vehlefanz und Staffelde. Er trat

früh in die Armee, nahm wahrscheinlich noch an den letzten Kämpfen des

dreißigjährigen Krieges teil und focht 1674 (über seine Beteiligung an der

Schlacht von Warschau verlautet nichts) am Oberrhein gegen Turenne. Er war

damals mutmaßlich Oberstwachtmeister in der Artillerie. Zuerst wird er mit

Bestimmtheit 1675 genannt, wo er in der Schlacht bei Fehrbellin, die „mit

doppelter Bespannung versehenen Geschütze“ mit großer Auszeichnung zum

Siege führte.

Er hatte sich dabei das Zutrauen und Wohlwollen des Kurfürsten in einem besonders hohen Grade zu erringen gewußt, wurde 1677 Oberstleutnant und

Chef der Artillerie und leitete das Jahr darauf (1678) den artilleristischen Teil der

Belagerung von Stralsund. „Den 10. Oktober abends“, so heißt es in Paulis

Leben großer Helden, „machte Ernst Weiler auf den Ort aus 80 Stücken, meist

halben Kartaunen, 22 Mörsern und 50 Haubitzen ein entsetzliches Feuer. Mit

anbrechendem Morgen stand die halbe Stadt in Flammen. Den 11. Oktober nach

6 Uhr sah man auf Mauern und Türmen 3 weiße Fahnen ausgesteckt. Dies

machte, daß Ernst Weiler mit dem groben Geschütz zu spielen aufhörte.“

So Pauli. 1683 wurde Ernst Weiler Oberst. 1689, bei der Belagerung von

Bonn, General-Major. 1691 erhob ihn Kaiser Leopold in den Adelstand. Wann

Falkenrehde in seinen Besitz kam, ist nicht genau festzustellen gewesen,

jedenfalls schon vor 1684. In Berlin besaß er das Weilersche Haus, das

gegenwärtige Kronprinzliche Palais. Er starb am 28. November 1692. In der

Gunst des Großen Kurfürsten und seines Nachfolgers erhielt er sich bis zuletzt.

Gleichzeitige Schriftsteller rühmen ihn als einen „Meister in der

Geschützkunst“; die Erfindung der glühenden Kugeln aber, die ihm Feuquières

zuschreibt, ist viel älter. Frundsberg schon bediente sich derselben.

Dieser Ernst von Weiler kann also der Enthauptete in der Falkenrehder

Gruft unmöglich sein, und verbliebe somit nur noch eine vage Möglichkeit, daß

sein Sohn, der ebenfalls Artillerie-Oberst war und ebenfalls den Namen Ernst

(Ernst Christian) führte, irgend ein Vergehen mit gewaltsamem Tode gebüßt

habe. Aber auch dieser, wiewohl sein Leben allerhand Unkorrektheiten aufweist,

ist natürlichen Todes gestorben. Auch sein Leben läßt sich bis zu seiner letzten

Stunde verfolgen. Er war unglücklich verheiratet, entfloh mit einer Baronesse

Blumenthal, trat in österreichische Dienste, verheiratete sich ein zweites Mal und

starb zu Breslau, nachdem er vorher, auf ein Salvum conductum gestützt, für

kurze Zeit im Brandenburgischen eingetroffen war, um seine Angelegenheiten

zu ordnen. Auch er also ist es nicht. Alle weiteren von mir angestellten Fragen

und Untersuchungen sind erfolglos geblieben. Niemand weiß, wer der

Enthauptete in der Falkenrehder Gruft ist. Nur das Eine scheint festzustehen:

kein von Weiler. Die Archive, die Akten des Feldzeugamts geben keine weitere

Auskunft. Die Hoffnung ist schwach, dieses Dunkel je gelichtet zu sehen.

 

Auf der Dorfstraße, unter den vielen Neugierigen, die uns daselbst

empfingen, befand sich auch mein Reisegefährte, der, wie jene, nur das Resultat

unserer Expedition hatte abwarten wollen. Das lag nun vor, soweit es vorliegen

konnte. Er bestieg also seinen Wagen, der uns glücklich bis Falkenrehde

gebracht hatte, um seinerseits weiter ins Havelland hinein zu fahren. Ich meinesteils nahm herzlichen Abschied von ihm und meinem Kantor, und schritt

auf den Krug zu, um daselbst den Nauener Omnibus abzuwarten. In zehn

Minuten mußte er da sein.

Die Krugstube war nicht viel größer als die Gruft, aus der wir eben kamen,

aber es sah bunter darin aus. In einer Ecke hatte sich ein Kartentisch etabliert;

ihm gegenüber saßen zwei alte Frauen, von denen die eine, in allerhand

schottisch karrierte Lappen gekleidet, an die Norne in Walter Scotts „Piraten“

erinnerte. Beide tranken Kaffee und pusteten über die vollen Untertassen hin.

Was sonst noch da war, durchschritt den Stubenkäfig, am unruhigsten unter allen

ein hübscher, blonder Mann, Mitte dreißig, dessen Gesamthaltung, trotz einer

gewissen weltmännischen Tournüre, unverkennbar auf ein mühevoll absolviertes

Ober-Tertia hindeutete. Er hatte das Bedürfnis zu sprechen.

„Halb neun wird es wohl werden,“ hob er an.

„Halb neun! Ich bitte Sie, das wäre ja furchtbar. Fahren Sie auch bis

Potsdam?“

„Ja. Ich wohne in Potsdam. Ein teures Pflaster. Aber was will man machen?

Die Erziehung, die Schulen ... Ich bin Regierungsbeamter. Was nutzen einem

hundert Taler mehr in Schlochau oder Deutsch-Krone? Als Familienvater ...“

„Haben Sie mehrere Kinder?“

„Drei. Lauter Jungen. Und sehen Sie, das ist es eben. Ein Mädchen kann in

Deutsch-Krone besser gedeihen als in Potsdam, aber ein Junge — was ist ein

Junge ohne Gymnasium! Ich bin Regierungsbeamter. Ich kann meinen Kindern

nichts mitgeben, außer Bildung, aber daran halte ich fest.“

„Wissen Sie, man muß es nicht überschätzen. Der innere Mensch ....“

„Freilich, der innere Mensch bleibt immer die Hauptsache. Es muß drin

stecken. Aber eine Kinderseele ist eine zarte Pflanze. Vorbild, Beispiel,

elterliches Haus ....“

In diesem Augenblicke (mir durchaus gelegen) erschien der Kutscher des

inzwischen eingetroffenen Omnibus in der Tür, um allen Anwesenden, in einer

Sprache die mehr Vertraulichkeit als Respekt ausdrückte, das Signal zum

Aufbruch zu geben. Alles drängte hinaus, und fünf Minuten später saßen wir eng

zusammengerückt und fest wie ein Spiel alter Karten, auf den beiden

Längssitzen des Wagens. Die Pferde zogen an, und beinahe gleichzeitig rief eine

Stimme aus dem Hintergrunde des Wagens: „Fenster zu, daß es warm wird.“

Feste Kommandos werden immer befolgt. Eine geschäftige Hand zog sofort an

der Lederstrippe, das alte Klapperfenster flog in die Höhe und dreizehn

Personen, drei Zigarren und eine kleine Tranlampe, die zunächst noch ganz keck

und lustig brannte, unterzogen sich jetzt der gewünschten Erwärmungsaufgabe.

Als ich mich orientiert hatte, sah ich, daß der Schlachtschrei „Fenster zu“

nur von der alten Norne gekommen sein konnte. Sie zog nunmehr eine bunte

Kapuze über das graue Haar, packte ein paar Handschuhe ohne Finger in einen

Korb, den sie auf dem Schoße hielt, und sagte dann zu ihrem Nachbar, einem

bärtigen, graumelierten, mittelalterlichen Herrn: „Sehen Sie, Herr Inspektor, wir

sammeln und verlieren.“

„Jawohl, Mutter Sootzmann,“ erwiderte der Angeredete, der die Alte ganz

ersichtlich beschwichtigen wollte.

„In Nauen haben wir gesammelt, in Wustermark und Dyrotz haben wir

verloren, in Falkenrehde haben wir wieder gesammelt.“

„Jawohl, Mutter Sootzmann.“

„Alles im Leben ist sammeln und verlieren. Wenn der Mensch in

Falkenrehde Kaffee trinkt, hat er gesammelt. Ich habe gesammelt, Herr

Inspektor ....“

„Ja wohl, Mutter Sootzmann,“ unterbrach dieser jetzt rascher als vorher,

weil er irgend einen unharmonischen Abschluß befürchten mochte.

Immer dichter inzwischen wurde der Dunstkreis. Die Laterne begann zu

blaken, was kaum noch als ein Übelstand gelten konnte und der

„Regierungsbeamte“, gebildet bis zuletzt, sprach über Stickstoffoxyd und zu früh

zugemachte Ofenklappen, ein Thema, dessen Zeitgemäßheit nicht zu bezweifeln

war.

Ich weiß nicht mehr, was ich antwortete, oder ob ich überhaupt antwortete.

Ein Kopfweh, das schon die Grenzen des tic douloureux streifte, schlug meine

Artigkeit in Banden.

Und so fuhren wir nach Potsdam hinein.

Endlich Luft!

Im Freien begann ich über die verschiedenen Arten des Grauens zu

reflektieren.

Was war die Falkenrehder Gruft gegen diesen Nauener Omnibus und was

der „Enthauptete“ gegen Mutter Sootzmann, die Norne!