Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
3. Die Königseiche
3.
Die Königseiche
Man sieht noch am zerhaunen Stumpf,
Wie mächtig war die Eiche.
Uhland
D iese Erzählung konnte nicht umhin, uns leise daran zu mahnen, daß wir noch einen Teil unserer Wanderung vor uns hätten, ein letztes Drittel, einen
Schlußabschnitt, den es auf alle Fälle gut sei hinter sich zu haben, umsomehr als
das sich ansammelnde grelldurchleuchtete Gewölk am Himmel das Einbrechen
eines Brieselang-Gewitters nicht geradezu unwahrscheinlich machte.
Ein Wind machte sich auf, das Gewölk zerstreute sich wieder, die Schwüle
ließ nach; so ging es vorwärts. Als wir den entgegengesetzten Waldrand nahezu
erreicht hatten, nahm unser Führer die Tete und brach mit dem Kommando „halb
rechts“ in das Unterholz der Bütenheide ein. Es schien undurchdringliches
Gestrüpp, bald aber lichtete es sich wieder und in eine breite, durch den Forst
gehauene Avenue tretend, hatten wir die Königseiche auf etwa dreihundert
Schritte vor uns. Wir ließen sie zunächst als ein Ganzes auf uns wirken. Sie steht
da, wie ein Riesen-Skelett mit gen Himmel gehobenen Händen. Die Avenue hat
ganz den Charakter eines feierlichen Aufgangs, einer Trauer-Allee, die zu einem
Denkmal oder Mausoleum führt. Erst ein Weißbuchen-, dann immer schmaler
werdend ein Weißdorn-Spalier, bis die Avenue in einen tannenumstellten Kreis
mündet, aus dessen Mitte die „Königs-Eiche“ aufsteigt.
Sie führt ihren Namen mit Recht. Es ist ein majestätischer Baum, acht Fuß
Durchmesser, achtzig bis hundert Fuß hoch; man braucht zwanzig Schritt, ihn zu
umschreiten. Sein Holzinhalt wird auf fünfundzwanzig Klafter und sein Alter
auf tausend Jahre berechnet. Bis vor kurzem lebte er noch; seit etwa drei Jahren
indes ist er völlig tot, nirgends ein grünes Blatt, die Rinde halb abgefallen. Aber
noch im Tode ist er gesund. Alles Kernholz. Die Forstleute sagen: er steht noch
hundert Jahr. Dem wird jeder zustimmen, der die „Königseiche“ sieht. Auf einen
Laien macht sie den Eindruck, als halte sie nur einen langen Winterschlaf, als
brauche sie dazu mehr Zeit als junge Bäume und müsse deshalb ein paar
Sommer überschlagen, aber als sei ihr Erwachen unter allen Umständen gewiß
und als würde es binnen kurzem im ganzen Brieselang heißen: sie lebt wieder.
Eine Welt von Getier bewohnt die alte Eiche. Der Bockkäfer in wahren
Riesenexemplaren hat sich zu Hunderten darin eingenistet; am ersten großen Ast
schwärmen Waldbienen um ihren Stock, und im kahlen Geäst, höher hinauf,
haben zahllose Spechte ihre Nestlöcher.
In den Tagen sich regenden deutschen Geistes, in den Tagen Jahns und der
Turnerei, wurde die Eiche Wanderziel und Symbol. Dies war ihre historische
Zeit. Damals vereinigte man sich hier, gelobte sich Treue und Ausharren und
befestigte in Mittelhöhe des Stammes die Inschrifttafel, die bis diese Stunde dem
Baum erhalten worden ist. Die Inschrift selbst aber, die um des Kaisergedankens
willen, den sie ausspricht, in diesem Augenblicke wieder ein besonderes
Interesse gewährt, ist die folgende:
Sinnbild alter deutscher Treue,
Das des Reiches Glanz gesehn,
Eiche, hehre, stolze, freie,
Sieh, Dein Volk wird auferstehn.
Brüder, alle die da wallen
Her zu diesem heil’gen Baum,
Laßt ein deutsches Lied erschallen
Auf dem altgeweihten Raum:
Wie in Sturmeswehn die Eiche,
Stehet fest bei Treu und Recht,
Einend schirme alle Zweige
Einer [16] Krone Laubgeflecht.
Außer diesen Turnerfahrten scheint die Eiche, vorher und nachher, nicht
allzuviel gesehen und erlebt zu haben. Sie lebte wie so mancher Alte, still und
abgeschieden. Ein beständiges Gleichmaß in beständigem Wechsel. Auf
Sommerdürre folgten die Stürme, dann fiel Schnee, dann war alles Sumpf und
Bruch, dann wieder Sommerdürre; — so kamen die Jahre, so gingen sie. Nichts
geschah. Es gibt Hollunderbäume in Pfarrgärten, die in fünfzig Jahren mehr
gesehen haben, als die große Eiche in fünfhundert. Nur die letzten Jahrzehnte
schufen einen Wandel: Landpartien und Berliner kamen.
Es handelte sich jetzt für uns darum, ihr ein besonderes Zeichen unserer
Huldigung zu geben. Ein dreimaliges Hurra erschien uns für unsere zivilen
Verhältnisse teils zu prätensiös, teils unausreichend. Aus dieser Verlegenheit
indes sollten wir alsbald gerissen werden; — unser Reisegefährte hatte alles
bereits sinnig erwogen. Er nahm seine umsponnene Flasche, füllte ein Glas mit
rotgoldenem Kap Konstantia-Wein, trat vor und sprach: „Eiche, tausendjährige,
sei uns gegrüßt! Hier hat der Wende gelagert und der Berliner, und allerlei Wein,
fränkischer und deutscher, nicht minder die ‚gebrannten Wasser‘ beider Indien,
Jamaikas und Goas, sind Dir zu Ehren an dieser Stelle verschüttet worden. Aber
ob Süd-Afrika, ob Mohrenland von jenseit der Linie, Dir je gehuldigt, das ist mindestens fraglich. Empfange denn die Gabe aus Gegenden, in denen nur
Freiligrath und der Kaffer ‚einsam schweift durch die Karroo‘, empfange diesen
Tropfen Kap Konstantia; — die Hänge des Tafelberges grüßen Dich und den
Brieselang!“ Damit goß er den Kapwein ihr zu Füßen. Wir schwenkten die Hüte,
stimmten Lieder an von Arndt und Körner und machten uns auf den Rückweg.
Im Fluge. Denn immer bedrohlicher zog sich’s über uns zusammen und
kein Wind machte sich mehr auf, das Gewölk zu zerstreuen. So ging es an den
alten Stätten vorbei, am Forsthaus, am Remonte-Depot, an dem Elsbusch, aus
dem uns Lampe, der „Jäger“, so bedrohlich entgegengetreten war. Als wir
Finkenkrug erreichten, war es die höchste Zeit, wenn uns daran lag, mit den
Extrazüglern, die eben in Sektionen formiert aufbrachen, den Rettungshafen der
Eisenbahn zu gewinnen. Musik vorauf, so ging es durch die letzte Waldstrecke.
Die Pauke tat wieder ihr Äußerstes, als plötzlich einer rief: „Pauke still!“ Und sie
schwieg wirklich. Über das weite Himmelsgewölbe hin rollte der erste Donner.
In den Wipfeln begann ein unheimliches Wehen, die obersten Spitzen brachen
fast. „Rasch, rasch“, hieß es, „Laufschritt“; alles drängte durcheinander, „sauve
qui peut“ und der Zug, der schon hielt, wurde im Sturm genommen. In
demselben Augenblick aber brach es los; die Blitze fuhren nieder, das Gekrach
überdröhnte das Gerassel des Zuges; wie ein Wolkenbruch fiel der Regen.
Als wir eine Stunde später im klapperigen Gefährt über die Alsenbrücke
fuhren, auf den Tiergarten zu, stand das Wasser in Lachen und Lanken. Wer um
diese Zeit vom Finkenkrug bis „zur Königseiche“ gewandert wäre, der hätte
wohl den Brieselang gesehen wie vor tausend Jahren!
[16] Diese Verse, wie ich nachträglich erfahre, rühren nicht aus der Jahnschen Zeit her,
sondern sind erst, vor kaum zwanzig Jahren, niedergeschrieben und an der Brieselang-Eiche befestigt worden. Das geschah an einem heißen August-Nachmittage 1862 durch zwei Mitglieder des kurz zuvor gegründeten Nauener Turnvereins. Der eine dieser beiden Turner hatte die Verse verfaßt, der andere die technische Niederschrift geliefert. Beide Turner blieben seitdem vereint; sie dienten in demselben Truppenteil der Garde; sie fochten am 3. Juli bei Königgrätz; und abermals an einem heißen Augusttage, heißer als jener Wandertag, der sie acht Jahre vorher zur Königseiche geführt hatte, stürmten sie gemeinschaftlich gegen St. Privat. Beide fielen schwerverwundet, der eine durch den Schenkel, der andere durch die Brust geschossen; beide sind genesen.