Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
2. Illuminaten und Rosenkreuzer
An einem der letzten Meßtage, am 7. Oktober 1774, lud er Bischofswerder
und Hopfgarten, nebst noch zwei anderen, zum Abendessen ein. Als sie
beisammen waren, sagte er: „Diese Nacht legen wir uns nicht zu Bett, denn
morgen mit dem Frühesten, noch vor Sonnenaufgang, sollen Sie ein ganz neues
Schauspiel zu sehen bekommen. Bis jetzt hab ich Ihnen Verstorbene gezeigt, die
ins Leben zurückgerufen wurden; morgen aber sollen Sie einen Lebenden sehen,
den Sie für tot halten werden.“ Nach diesen Worten legte er sich aufs Sofa und
schlief fest. Als der Tag anbrach, stand er auf mit den Worten: „Nun, meine
Herren, ist es Zeit, daß wir gehen“ und alle begaben sich nach dem Rosenthal.
Schrepfer, der auf dem Wege die vollkommenste Gemütsruhe zeigte, wies seinen
Begleitern, als sie an einer bestimmten Stelle angelangt waren, ihre Plätze an,
indem er zu ihnen sagte: „Rühren Sie sich nicht von der Stelle, bis ich Sie rufen
werde; ich gehe jetzt in dieses Gebüsch, wo Sie bald eine wunderbare
Erscheinung sehen sollen“. Er entfernte sich und bald darauf fiel ein Schuß; im
Dickicht fanden die Herren ihren Propheten tot. Er hatte sich mit einem
Taschenpistol erschossen.
So viel über Schrepfer, in dem sich die Lug- und Trug-Geheimbündelei, die
ideenlose und karikierte Entartung des Ordenswesens verkörperte. Wir haben in
den kurzen Lebensabriß, den wir von ihm gegeben, den Briefwechsel zwischen
ihm und Dr. Stark mit besonderem Vorbedacht eingeschoben, um einen
Gegensatz und dadurch zugleich einen Übergang zu schaffen zu jenen ernsteren
Bestrebungen, die, wie befangen auch in Menschlichkeiten, doch ein Prinzip
vertraten und zugleich jene Sache selbst waren, von der Schrepfer nur die
Karikatur bildete.
Von diesen ernsteren Bestrebungen in dem folgenden Kapitel.
2.
Illuminaten und Rosenkreuzer
Ei, Possen, das ist nur zum Lachen;
Sei nur nicht ein so strenger Mann!
Sie muß als Arzt ein Hokuspokus machen.
„Faust“
Der Hang nach Macht, der im absoluten Staate (außer im Dienste
desselben) keine Befriedigung fand, schuf, so sagten wir, die Geheimbündelei
überhaupt; der Hang nach Freiheit, der im absoluten Staate begreiflicherweise
nicht besser fuhr, als jener, schuf eine besondere Abzweigung, eine ideale Blüte
der Geheimbündelei: den Illuminaten-Orden. Dieser Orden, auf seinen
gedanklichen Kern angesehen, war kaum etwas anderes als ein modifizierter,
vielleicht ein potenzierter Freimaurer-Orden, hätte also allen Anspruch darauf
gehabt, neben diesem zu leben und zu wirken, auch wurde in der Tat um 1780
eine Vereinigung beider erstrebt; die besonderen Umstände aber, unter denen der
neue Orden ins Leben trat, seine Rührigkeit, seine Aggression, seine Übergriffe
führten rasch zu seinem Untergange, nachdem er etwa ein Jahrzehnt lang eine
hervorragende politische Rolle gespielt und sich als ein Repräsentant jener
Freiheitsströmung gezeigt hatte, die damals durch Europa ging.
Der Stifter des Ordens war Adam Weishaupt, der, 1748 zu Ingolstadt
geboren, an der Universität seiner Vaterstadt studiert und 1775 ebendaselbst die
Professur des Natur- und kanonischen Rechts erhalten hatte. Schon als Student
— es lag eben in der Zeit — hatte ihn die Stiftung eines Ordens beschäftigt;
jetzt, gereifter, entwarf er die Statuten für den Orden der „Perfektibilisten“, die
dann später den mehr bezeichnenden und besser sprechbaren Namen der
Illuminaten annahmen. Die Gründung des Ordens erfolgte 1776. Weishaupt
selbst bezeichnete als Aufgabe desselben: „Selbstdenkende Menschen aus allen
Weltteilen, von allen Ständen und aus allen Religionen durch ein gegebenes
höheres Interesse in ein einziges Band dauerhaft zu vereinigen und sie dahin zu
leiten, aus wahrer Überzeugung und von selbst zu tun, was kein öffentlicher
Zwang, seit Welt und Menschen sind, je bewirken konnte.“ In einem Briefe gab
er sich noch deutlicher und zuversichtlicher: „Der Endzweck des Ordens ist, daß
es Licht werde und wir sind die Streiter gegen die Finsterniß. In fünf Jahren
sollen Sie erstaunen, was wir gethan haben. Merken Sie sich’s, der Endzweck
des Ordens ist frei zu sein. Wenn sich Alles so fortentwickelt, wie seit einiger
Zeit, so gehört in Kurzem unser Vaterland uns. Habe ich einmal den Grund des
Baues festgestellt, so mag geschehen was wolle. Man wird dann, auch wenn man
wollte, nicht mehr im Stande sein, die Sache zu Grunde zu richten.“
Die ersten Erfolge des Ordens entsprachen dieser Zuversicht; viele vornehme, gelehrte und rechtschaffene Männer traten ihm bei, darunter Knigge
(1780), der alsbald eine besonders umsichtige und energische Tätigkeit zu
entfalten begann. Aber diese Blüte, so rasch sie gezeitigt war, so rasch ging sie
vorüber. Knigge und Weishaupt, von verschiedenen Ansichten geleitet,
entzweiten sich; der erstere trat zurück, mit ihm eine Anzahl Mitglieder, und so
in sich geschädigt und zerfallen, erlag der Orden dem Sturme, der jetzt von
außen her ihn traf. Alles Illuminatentum wurde in Bayern, das den Hauptsitz
bildete, verboten und Weishaupt 1785 seines Amtes entsetzt. Er fand bei dem
Herzoge Ernst von Gotha Aufnahme; aber der Orden selbst erlag der staatlichen
Obergewalt, die ihn, mit Prozessen und Strafverfügungen energisch vorgehend,
wie einen Brand austrat.
So viel über die Illuminaten. Ein kurzes Leben. Sehr wahrscheinlich, daß
dieser Orden, wie so viele andere Verbindungen jener Zeit, ohne Sang und Klang
und ohne ein Blatt in der Geschichte vom Schauplatz abgetreten wäre, wenn er
nicht während der kurzen Dauer seiner Existenz eine Gegenströmung
hervorgerufen hätte, die, berühmter werdend als der Illuminatenorden selbst,
diesem alsbald einen Reflex der eigenen Berühmtheit lieh. Mit anderen Worten,
das Illuminatentum wäre vielleicht vergessen, wenn nicht der
geheimbündlerische Drang sofort einen feindlichen Bruder geboren hätte. Dies
waren die Rosenkreuzer, ein alter Name, aber eine neue Sache.
Wir beginnen mit einem historischen Rückblick.
Die Rosenkreuzer waren eine alte alchymistische Verbrüderung, die weit in
die Geschichte zurückgeht. Ihr Stifter war Frater Rosenkreuz, ein Deutscher, wie
sein Name bezeugt. Daß ein solcher Mönch wirklich gelebt und mit seinen
Adepten die Goldmachekunst getrieben habe, scheint unzweifelhaft; über diese
einfache Tatsache hinaus aber hüllt sich alles in Nebel und die Geschichte vom
Tode und von der Wiederauffindung des alten Rosenkreuz gibt sich nicht einmal
die Mühe, ihren Fabel-Charakter zu verbergen. Diese Geschichte lautet wie
folgt:
„Frater Rosenkreuz, nachdem er seiner Reisen durch Arabien und Afrika
und seines vieljährigen Verkehrs mit den ‚afrikanischen Weltweisen‘ müde
geworden war, begab sich nach England und wohnte nicht weit von London,
woselbst er eine unterirdische Höhle errichtete und ein Buch schrieb, worauf er
G. L. statt des Titels setzte. Sein Vetter Benedikt Rosenkreuz war gemeiniglich
um ihn. Diesem befahl er, bei Ablegung eines großen Schwurs, daß er nach
seinem Tode sogleich das Gewölbe zuschließen und eine bestimmte große Tafel
davor setzen sollte, worauf die Namen seiner Schüler standen; den Zugang selbst
sollte er mit Erde verschütten. Alles dies geschah mit der größten Genauigkeit, so daß man von Rosenkreuz nichts weiter hörte. Über dieser Höhle stand aber
ein sehr alter Akazienbaum, unter dessen Schatten Rosenkreuz öfters seinen
Gedanken nachgehangen. Nach einhundertundzwanzig Jahren fiel einem Bauern
ein, diesen Baum umzuhauen und seine Wurzeln auszugraben. Er kam an
Steinplatten, nahm eine nach der andern fort und ehe er sichs versah, fiel er in
eine Höhle fünfzehn Fuß tief in die Erde hinein. Kaum hatte er sich von seinem
Fall und Schrecken erholt, so wurde er gewahr, daß diese unterirdische Gruft
erleuchtet war, und ein alter, ehrwürdiger Mann vor einem Tische saß und in
einem Buche las. Als er (der Bauer) sich nun einen Schritt näherte, erhob sich
der Alte, der einen Stab in Händen hielt. Bei dem zweiten Schritt hob er seinen
Stab in die Höhe, bei dem dritten schlug er so gewaltig auf die Lampe, daß
solche zerbrach und erlosch. Der Bauer stürzte vor Schreck nieder; so fand man
ihn und hörte seinen Bericht. Zugleich fand man eine Leiche, die ein Buch in
Händen hielt. Dies letztere war das Buch Rosenkreuzers, das alle Weisheit, die
Ausbeute seines Lebens, seiner Studien umfaßte.“
So die Erzählung von Frater Rosenkreuz und seinem Weisheits-Buch. Dies
Weisheits-Buch, auf das es ankam, gaben nun die modernen Rosenkreuzer, die
wir gleich näher charakterisieren werden, als ihren Besitz aus; es sei ihnen auf
rätselhafte Weise zu Händen gekommen und um den Verdacht oder den Vorwurf
der Modernität von sich abzustreifen, nannten sie sich, eben auf die vorgeblich
alte Weisheit gestützt, die Rosenkreuzer alten Stils. Ihr Spruch war: Lux in
Cruce et Crux in Luce. Die Welt erkannte sehr bald, und sie sollte es auch
erkennen, daß die sich so nennenden Rosenkreuzer mit den wirklichen
Rosenkreuzern alten Stils nicht das Geringste gemein hatten und mit Fug und
Recht durfte Dr. Semler, der „Vater des Rationalismus“, von Halle aus schreiben:
„Seit einiger Zeit haben wir von einer jetzt fortdauernden Rosenkreuzerei so
manche wichtige Nachrichten, Nachrichten, aus denen wir erkennen können, daß
eine große Partei mit gewiß weit aussehenden Absichten, die Magie und
Alchemie nur als Maske benutzt. Ein „Hirtenbrief“ dieser Rosenkreuzer, der mir
vorliegt, ist ein auffallender Beweis von der dreisten und entschlossenen
Denkungsart dieser geheimen Partei, welche ganz merklich es auf eine
öffentliche Revolution im Sinne des Rückschrittes absieht.... Die Historie kann es
am gewissesten dartun, daß diese jüngeren Rosenkreuzer ganz andere Leute sind
als die alten, die kein papistisches Mitglied unter sich duldeten.“
Im wesentlichen hatte es der alte Rationalist hier richtig getroffen. Ob
Papismus und Jesuitismus dahinter steckten, war damals fraglich und ist fraglich
geblieben, aber um Reaktion, um einen Kampf gegen die Neologen und
Ideologen, gegen die Aufklärer und Freimaurer, gegen die Demokraten und Illuminaten handelte es sich allerdings, die alten Elemente in Staat und Kirche,
ganz wie in unsern Tagen, nahmen einen organisierten Kampf gegen den
Liberalismus in allen seinen Gestalten und Verzweigungen auf. Nur die
Organisation war verschieden, heute öffentlich in Kammer, Lehrstuhl, Presse,
damals geheim in Orden und Brüderschaften. Jede Zeit hat ihre Kampfesformen;
der Kampf bleibt derselbe.
Wie recht der alte Semler hatte, darüber gaben die trotz aller Vorsicht und
Geheimtuerei nach und nach in die Öffentlichkeit dringenden Schriften des
modernen Rosenkreuzertums die beste Auskunft. Umkehr, Absolutismus,
Orthodoxie — das war ihr Inhalt. Wir geben einige Belegstellen zunächst aus der
„Original-Instruktion für die Oberen der unteren Klassen.“
pag. 27:
Der hohe Orden, der die Sache Christi mit Macht und Eifer betreibt, weil
sie seine eigene ist, hat die Größe des Menschengeschlechtes sehr am Herzen.
pag. 30:
Der Zirkel-Direktor soll den Brüdern tiefe Ehrfurcht gegen den Befehl
Gottes einprägen, daß wir hier glauben und dort erst schauen. Er soll ihnen auch
die gewisse und freudige Hoffnung machen, daß, bei zunehmendem Wachsthum
im Orden, ihr Glaube viele starke Stützen erhalten und sie manches, ihnen jetzt
noch Unbegreifliche in den Geheimnissen unserer allerheiligsten Religion mit
mathematischer Gewißheit einsehen werden.
pag. 88:
Der Orden kettet den Himmel an die Erde und öffnet den versperrten Weg
zum Paradiese wiederum. Seine höchsten Vorsteher sind, im allergenauesten
Verstande, Freunde Gottes, wahre Jünger Christi, weit über den Rest der
Sterblichen erhaben, Meister über die ganze Natur, die mit der einen Hand auf
das siegreiche Kreuz der Versöhnung gelehnt, mit der andern die lange
Ordenskette festhalten.
So weit die Auszüge aus der „Instruktion“.
Energischer noch traten die Grundgedanken des Ordens, die man vielleicht
am besten mit „Umkehr zu Strenggläubigkeit und Mystizismus“ bezeichnen
kann, in einem 1782 zu Berlin erschienenen Buche hervor, das den Titel führte:
„Die Pflichten der Gold- und Rosenkreuzer alten Systems; von Chrysophiron.“
Dies Buch wurde bloß für die Junioren des Ordens gedruckt und sehr geheim
gehalten. Ein Exemplar besaß der russische Major Kutusow, der, wie man
glaubt, eben dieser Verbindung halber, mehrere Jahre in Berlin lebte und daselbst
starb. Dies Exemplar wurde bei der stattfindenden Auktion öffentlich versteigert,
und kam dadurch in fremde Hände. In der Vorrede zu diesem Buche fanden sich folgende Stellen:
pag. XIII:
Gottes Barmherzigkeit über Deutschland hat noch kein Ende, sondern sie
ist alle Morgen neu, und seine Treue ist groß. Der ewige Erbarmer hat sich durch
das Gebet unserer gütigen Oberen endlich erweichen lassen. Was unsere Väter
von sich stießen, das ist nach hundert Jahren ihren glücklichen Kindern, ist Uns,
zu Theil geworden.
pag. XXXIX:
Gott hat sie, hat mich, hat alle Mitglieder unsres hohen Ordens vor
Millionen Menschen werthgeachtet, an dem paradiesischen Segen Antheil zu
nehmen, den er nach seiner grundlosen Barmherzigkeit bei dem Falle Adams
nicht aus der Welt hinausnahm, sondern ihn nur verbarg, damit diejenigen unter
den Menschen, welche in allen Jahrhunderten der Welt es werth würden, diesen
Segen finden und genießen könnten.
pag. XL:
Nur der ist dieses Segens im Orden werth, der Jesum Christum, den
Schlangentreter, recht kennt, sein tinkturalisches Versöhnungsblut ganz auffasset
und durch seinen starken Glauben mit ihm innigst vereinigt ist. Nur solchen gab
er Macht, nur diesen dreimal glücklichen Ordensbrüdern gab er Macht, Gottes
Kinder zu heißen, die an seinen Namen glauben. Joh. 1, 12.
Und an eben dieser Stelle (pag. XL.):
Ich habe Ihnen hiermit genug gesagt, und schließe mit den Worten Pauli 1.
Korinther 16, V. 22. Wer unsern Herrn Jesum Christum nicht lieb hat, der sei
verpflucht oder Anathema maharam Motha. Das heißt: durch den großen Bann
der göttlichen Strafgerechtigkeit ausgesetzt. Amen! Amen! Amen!
Diese Schriften riefen im gegnerischen Lager, also unter Freimaurern und
Nationalisten, einen Zorn hervor, den wir in unsern Tagen, wo dergleichen in
offener Befehdung der Gegensätze jeden Tag gedruckt wird, einfach nicht zu
fassen vermögen, wenn wir nicht gegenwärtig haben, wer jene Schriften schrieb,
wer Chrysophiron war und welche staatliche Gewalt schützend hinter diesem
Orden der Gold- und Rosenkreuzer stand. Dies alles waren nicht Blasen, die ein
beliebiger Sektengeist warf, sondern diese Anschauungen herrschten an oberster
Stelle, drohten in Edikten und Gesetzen bestimmend, maßgebend für Millionen
Andersdenkender zu werden und traten schließlich wirklich als Landesgesetze in
Kraft. Hinter dieser Rosenkreuzerei standen auf länger denn zehn Jahre hin die
Machthaber Preußens: der König, Wöllner, Bischofswerder. Chrysophiron war
Pseudonym für Wöllner.
Dies wird genügen, die oben erwähnte bittre Feindschaft zu erklären, die durch die liberale Welt ging. In Frankreich der Sieg des Voltairianismus bis in
seine letzten Konsequenzen und — in Preußen, an dessen Spitze beinah fünfzig
Jahre lang der Philosoph von Sanssouci gestanden und der Aufklärung eine
Stätte bereitet hatte, in diesem Preußen: Umkehr, Gewissensdruck,
Rosenkreuzerei. So lange hinter dieser letztern die staatliche Macht stand,
solange sie mit dieser identisch war, war ein Kampf dagegen unmöglich, aber
kaum daß der Sarg Friedrich Wilhelms II. in die Gruft des Domes niedergelassen
war, so brach es hervor. An der Spitze der alte Nicolai. In der Vorrede zum
sechsundfünfzigsten Bande der „Neuen Allgemeinen deutschen Bibliothek“
führte er nunmehr über die Rosenkreuzer, die jetzt freilich ein toter Percy waren,
folgende Sprache:
„Sehr bald nach dem Tode Friedrichs des Großen fanden bei seinem
Nachfolger Männer Gehör, welche zu mehreren nachtheiligen Maßregeln Anlaß
gaben. Dieselben waren großentheils durch eine geheime Macht, durch den
Gold- und Rosenkreuzer-Orden und durch den Einfluß der ‚unbekannten Väter‘
geleitet, welche diesen Orden ungefähr seit 1778, noch zu Lebzeiten des großen
Königs, unglaublich weit in Deutschland auszubreiten wußten. Wo die
‚unbekannten Väter‘ sich aufhielten, wußten die Ordensgenossen nicht; aber
wenn dunkle Winke hin und wieder gegeben wurden, so ward allemal auf
katholische Orte gedeutet. Alle diese Innern Orden verlangten blindes Vertrauen
auf die unbekannten Oberen; ... der tollen Geisterseherei wurde nach und nach
Thür und Thor geöffnet, damit der freie Gebrauch der Vernunft gehemmt und
nach und nach der Herrschsucht der Hierarchie und ihrer eigenen Herrschsucht
ein ausgedehnterer Wirkungskreis bereitet würde.
Es ist auch selbst dem allgemeinen Publikum nicht ganz unbekannt
geblieben, welche wichtige Folgen von 1786 bis 1797 in den preußischen
Staaten durch die Anhänglichkeit an die Rosenkreuzer bewirkt worden sind.
Wenngleich dieselben keineswegs all ihre schädlichen Pläne haben durchsetzen
können, so kann doch derjenige, der einigermaßen die Umstände kennt, kaum
zweifeln, daß die Rosenkreuzerei auf die in die Augen fallende Veränderung der
Verfügungen in Absicht auf die Religionen (das Wöllnersche Religions-Edikt ist
gemeint) einen wichtigen Einfluß gehabt habe. Dank sei es den
menschenfreundlichen Privatgesinnungen König Friedrich Wilhelms II., daß die
Absicht der Obskuranten, alle Aufklärung auszurotten, nicht bis zur Absetzung
der Aufklärer von ihren Ämtern, bis zur ihrer Einschließung in Gefängnisse oder
ihrer Verjagung aus dem Lande fortgesetzt ward. Es gab Leute, denen es an
Willen hierzu nicht fehlte und noch weniger an Drohungen.“
Zu dieser Sprache, die außerdem noch mit Bezeichnungen wie „bübisch“, „schmutzig“, „betrügerisch“ reichlich verbrämt war, war Nicolai als Parteimann,
als ausgesprochener Widerpart, dazu als Mann, der persönliche Kränkungen und
Schädigungen erfahren hatte, zu gutem Teile berechtigt, — wir nachträglich
haben die Pflicht, unparteiischer auf das Getriebe dieses Ordens und der beiden
einflußreichen, den Staat lenkenden Männer zu blicken, die entweder an der
Spitze des Ordens standen oder doch seine wichtigsten, ja überhaupt die einzig
wichtigen Mitglieder waren. Ohne die Namen Bischofswerder und Wöllner
wären die Rosenkreuzer wie so viele andere Orden jener Zeit ohne Sang und
Klang vom Schauplatz abgetreten.
Was wollte der Orden? wie entstand er? Er war, seinem Kern und Wesen
nach, eine Unausbleiblichkeit, weil ein naturgemäßer Rückschlag. Wir
konstatieren einfach eine Tatsache, wenn wir hervorheben, daß man in den
letzten Regierungsjahren Friedrichs des Großen in vielen Kreisen anfing, der
Aufklärung wenig froh zu werden. Gegensätze, die sich befehden, die beide in
der Natur des Menschen ihre Wurzel und ihre Berechtigung finden, pflegen sich
unter einander in Herrschaft und Obmacht abzulösen. Dem Puritanismus folgte
Libertinage, der starren Orthodoxie Friedrich Wilhelms I. folgte der
Voltairianismus der Fridericianischen Zeit, dem Kosmopolitismus folgte eine
nationale Bewegung und dem Illuminatentum, das überall ein Licht anzünden
wollte, mußte naturgemäß irgend ein Rosenkreuzertum folgen, das davon
ausging: alles Tiefe liegt nicht im Licht, sondern im Dunkel. Das Empfinden der
Zeiten und der Individuen wird in bezug auf diese Frage immer aus einander
gehen und jene Enthusiasten, die überall ein Rätsel, ein Wunder, ein direktes
Eingreifen Gottes sehen, wo der Nüchternheitsmensch einfach das Verhältnis
von Ursache und Wirkung zu erkennen glaubt, diese phantasiereicheren, unserer
besten Überzeugung nach höher angelegten Naturen, dürfen mindestens eins
verlangen: Gleichstellung in bürgerlicher Ehre. Es ist nichts damit getan, ihnen
einfach den Zettel „Dunkelmänner“ aufzukleben und sie damit, zu beliebiger
Verhöhnung, auf den Markt zu stellen. Seinem Kern und Wesen nach war das
moderne Rosenkreuzertum nichts als eine Vereinigung von Männern, die, ob
katholisierend oder nicht, an den dreieinigen Gott glaubten und diesen Glauben
dem Deismus, dem Pantheismus und Atheismus gegenüberstellten.
Wer will in dieser Reaktionsbewegung, die den Glaubensinhalt vergangener
Jahrhunderte zurückverlangt, ein- für allemal einen geistigen Rückschritt, eine
Einbuße an ideellen Gütern erkennen? Wer hat den Mut, die Glaubenskraft des
Menschen unter die Verstandeskraft zu stellen? Glaube und wissenschaftliche
Erkenntnis schließen einander nicht aus, und mit höchster Geisteskraft ist
höchste Glaubenskraft durch ganze Epochen hin vereinigt gewesen. Das Rosenkreuzertum hat dadurch keine Sünde auf sich geladen, daß es das
Gegenteil von [38] dem wollte, was der alte Nicolai wollte.
Wenn wir dennoch das Auftreten des Rosenkreuzertums zu beklagen und
sein Erlöschen nach kurzer Allmacht als ein Glück für das Land zu bezeichnen
haben, so liegt das in Nebendingen, in begleitenden Zufälligkeiten, die, teils
irrtümlicherweise, von den Feinden aber in wohlüberlegter Absicht in den
Vordergrund gestellt worden sind, um das moralische Ansehen des Gegners zu
diskreditieren. Wir meinen hier die Geistererscheinungen, den ganzen Apparat,
der von den Rosenkreuzern in Bewegung gesetzt wurde, um einen trägen
Glauben künstlich zu beleben.
Wegzuleugnen sind diese trüben Dinge nicht, wiewohl sie höchst
wahrscheinlich eine viel geringere Rolle gespielt haben, als man gewöhnlich
annimmt. Gleichviel: man hat zu diesen Hilfsmitteln gegriffen und wir
perhorreszieren es, daß es geschehen. Es war unwürdig, bei dem betrügerischen
Schrepfer so zu sagen auf Borg zu gehen, seine im Dienst der Lüge klug
verwandten Künste in den Dienst einer Sache zu stellen, die, für unsere
Überzeugung wenigstens, ganz unbestritten einen idealen Kern hatte. Es war ein
Unrecht. Aber betonen wir dies Unrecht nicht stärker als nötig. Beurteilen wir
die Dinge aus der Zeit heraus. Auch das sittliche Empfinden stellt sich in
verschiedenen Jahrhunderten verschieden. Eine Politik, wie sie der große
Kurfürst, ein frommer, strenggläubiger Mann, gegen Polen und Schweden übte,
würde heute verabscheut werden; damals nahm niemand Anstoß daran; man
bewunderte nur den klugen, patriotischen Fürsten; — und zu allen Zeiten sind
Wunder gemacht worden, nicht bloß von Betrügern, sondern auch von Priestern,
die an einen ewigen, allmächtigen und wundertätigen Gott in aller Aufrichtigkeit
glaubten. Wie wir schon an früherer Stelle sagten: das kleine Mit-Eingreifen, das
Mit-Spielen ist kein Beweis für ein frivoles Sich drüber stellen über die
transzendentale Welt.
Der Hokuspokus bleibt ein Fleck an jener interessanten geheimen
Vergesellschaftung, die durch eine seltsame Verkettung von Umständen in die
Lage kam, Preußen auf zwölf Jahre hin zu regieren, aber ein billiges Urteil über
den moralischen Wert derjenigen, die damals an der Spitze diesen Ordens
standen, wird doch nur derjenige haben, der sich die Frage nach dem „guten
Glauben“ der Betreffenden vorlegt und gewissenhaft beantwortet. Daß
Bischofswerder diesen „guten Glauben“ hatte, haben wir in dem Kapitel
Marquardt darzulegen getrachtet; in betreff Wöllners steht uns das
unverfänglichste Zeugnis zur Seite, das Zeugnis seines Antagonisten Nicolai
selbst. Dieser schreibt über ihn: „Eine Menge kabbalistischer und magischer Worte verdunkelte nach und nach seinen hellen Kopf, und seine irregeleitete
Einbildungskraft ließ ihn allenthalben Geheimnisse und Wunder sehen. Im Jahre
1778 war er bereits so weit, daß er die geheime Lehre der rosenkreuzerischen
Philosophie für das einzig wahre Wissen hielt, für ein Wissen, das bald ganz
allgemein werden und alle andere Philosophie verdrängen würde.“
So Nicolai. Die Verurteilung der Richtung Wöllners wird hier,
unbeabsichtigt, zur Anerkennung seiner persönlichen Aufrichtigkeit. Und dies
genügt uns. Wie wenig Nicolai fähig war, der Richtung gerecht zu werden,
glauben wir im vorhergehenden gezeigt zu haben.
1800 starb Wöllner zu Groß-Rietz, 1803 Bischofswerder zu Potsdam. Das
Rosenkreuzertum ging mit ihnen zu Grabe.
[37] Der betreffende Brief gibt sich das Ansehen, als sei er aus Wien datiert und als
habe die ganze Szene auf einem Landgut in der Nähe Wiens gespielt. Wer aber je in Marquardt war, und den dortigen Park, den See, die Grotte, das Schloß und seinen tiefen Doppelkeller kennen gelernt hat, dem wird sichs zunächst aufdrängen, daß hier durchaus Marquardt gemeint sein müsse. Es ist aber trotz alledem nicht der Fall, kann nicht sein, da Marquardt erst 1795 in die Hände Bischofswerders kam.
[38] Wie wenig der alte Nicolai mit all seinen Meriten imstande war, einer Erscheinung
wie der des Rosenkreuzer-Ordens gerecht zu werden, geht aus seinen eigenen Aufzeichnungen am besten hervor. Er sah in allem, was damals in Dichtung und Philosophie den Vorhang von einer neuen Welt hinwegzuziehen gedachte, nur Eitelkeit, Anmaßung, Phantasterei und Geisterschwindel, und stand gegen die ganze junge Literatur, wenigstens soweit sie romantisch war, ebenso feindselig, wie gegen Wöllner und die Rosenkreuzerei. „Die Herren Fichte, Schelling, Hegel, Schlegel, Tieck“ so schreibt er „und wie die sich wichtig dünkenden Männer und Männchen weiter heißen, preisen sich zwar fleißig einer den andern und sprechen von allen Philosophen und Dichtern, welche nicht zu ihrer geheiligten Kirche gehören, so wie auch von der gesunden Vernunft und Aufklärung aufs verächtlichste. Aber auch das Verachten will nicht gelingen ... Sie versichern daher die Entdeckung gemacht zu haben, daß Fichte und Schelling, ob sie gleich, leider! schon anfangen von einander zu differieren (wie uns Hr. Hegel, ein neulichst berühmt werden-wollender Philosoph, in einer besondern Schrift des breiteren auseinandersetzt), dennoch die einzigen Philosophen sind, denen, auch wenn sie nicht übereinstimmen, allein das wahre Wissen vom Subjekt-Objekte gebührt. Ferner noch haben diese Herren durch ihre intellektuelle Anschauung deutlich erkannt, daß Wieland und Klopstock keine Dichter sind, hingegen Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck Dichter vom größten Genie!“ — So eifert Nicolai über viele Seiten hin. An einer andern Stelle zieht er direkt Parallelen zwischen den Rosenkreuzern einerseits und Fichte-Schelling andererseits und findet, daß die Philosopheme beider sich als „gleich ungereimt“ erweisen. All das ging ihm eben über Kraft und Verständnis.