Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Paretz
1.
Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.
Tasso
V on Ütz nach Paretz ist noch eine gute halbe Meile. An einem Sommernachmittag ein entzückender Spaziergang. Der Weg führt durch Wiesen
rechts und links; der Heuduft dringt von den Feldern herüber und vor uns ein
dünner, sonnendurchleuchteter Nebel zeigt uns die Stelle, wo die breite, buchten-
und seenreiche Havel fließt. Paretz selbst verbirgt sich bis zuletzt. Nun endlich
wird der Weg ein aufgeschütteter Damm, an die Stelle der Obstbäume, die uns
bisher begleiteten, treten hohe Pappeln, überall die spalierbildende Garde
königlicher Schlösser, und alsbald über eine zierliche Brücke hinweg, die den
Namen „Infantenbrücke“ trägt, beschreiten wir die Dorfstraße. Diese führt
mitten durch den Park, macht eine Biegung, verbreitert sich, und — wir sind am
Ziel: links das Schloß, ein langgestreckter, schmuckloser Parterre-Bau mit
aufgesetztem niedrigen Stock, rechts eine Gruppe alter Eichen, und ihnen zur
Seite die gotische Kirche des Dorfes. Über die Straße hin grüßen sich beide, in
ihrer Erscheinung und in ihrem Eindruck so verschieden, wie die Zeiten, denen
sie angehören. Die Poesie fällt der älteren Hälfte zu.
Es ist um die fünfte Stunde. Eine Schwüle liegt in der Luft; selbst das
Pappellaub, das immer plaudert, ist still; das Schloß blickt uns an, wie
verwunschen; seine Läden sind geschlossen. Nur der Vorgarten, mit kleinen
gezirkelten Beeten, hier mit Aurikeln, dort mit Reseda eingefaßt, liegt offen da.
Wir treten ein. Der seltene Besuch hat Neugierige herbeigelockt, der
Schloßdiener kommt, zuletzt er, der diesen stillen Platz zu hüten hat, — der
Hofgärtner. Er begrüßt uns. Erhitzt vom Marsch, sprechen wir den Wunsch aus,
uns erst wieder frisch machen zu dürfen, ehe wir in die dumpfe Kühle des
Schlosses eintreten. So nehmen wir denn Platz auf einer Sommerbank und
plaudern.
Paretz ist alt-wendisch. Die Nachrichten sind sehr lückenhaft. Es gehörte
ursprünglich zur Kirche von Ketzin, kam dann in den Besitz der Arnims und
Dirikes, welch’ letztere es 1658 an die Familie Blumenthal veräußerten. Die
Blumenthals, später freiherrlich und gräflich, saßen hier in drei Generationen,
bis Oberstleutnant Hans August von Blumenthal es 1795 an den damaligen
Kronprinzen, späteren König Friedrich Wilhelm III., verkaufte. Es entsprach
ganz den gestellten Bedingungen und Wünschen.
Paretz von 1796 bis 1806
Diese Wünsche gingen vor allem auf Stille, Abgeschiedenheit. Sehr bald
nach seiner Vermählung hatte sich der Kronprinz Schloß Oranienburg zum
Aufenthalt ausersehen, dessen landwirtschaftlicher Charakter, beiläufig bemerkt,
eine große Verwandtschaft mit dem von Paretz zeigt. Aber das Schloß daselbst
— damals noch viel von der Pracht aufweisend, die ihm Kurfürst Friedrich III.
gegeben hatte — war ihm viel zu groß und glänzend, und so kam ihm die
Nachricht überaus erwünscht, daß das stille Paretz, das er zufällig aus seinen
Kindertagen her kannte (Oberstleutnant von Blumenthal war damals Prinzen-
Gouverneur gewesen), zu verkaufen sei. General von Bischofswerder, von dem
benachbarten Marquardt aus, machte den Vermittler, das Geschäftliche wurde
schnell erledigt, und unter des Hofmarschalls von Massow Aufsicht begann der
Abbruch des alten Wohnhauses und der Aufbau des neuen Schlosses. Dieser
erfolgte, nach einem Plane des Oberbaurats Gilly, in „ländlichem Stile.“ „Nur
immer denken, daß Sie für einen armen Gutsherrn bauen“ sagte der Kronprinz,
dem im übrigen die Vollendung des Baues sehr am Herzen lag. Alles wurde denn
auch dergestalt beschleunigt, daß der neue Gutsherr mit seiner Gemahlin schon
im Jahre 1796 einige Tage in Paretz zubringen konnte. Um dieselbe Zeit waren
Parkanlagen in Angriff genommen worden, und zwar durch den neu angestellten
Hofgärtner David Garmatter, einen Erbpächtersohn der nahen Schweizerkolonie
Neu-Töplitz, der seine Aufgabe mit ziemlichem Geschick löste, und Natur und
Kunst vereinend, in den drei durch Landstraßen umschlossenen Parkanlagen eine
bescheidene Nachahmung der Gärten von Klein-Trianon versuchte.
Wohl angebrachte Durchblicke ließen die landschaftliche Fernsicht über die
üppigen Havelwiesen und Seen nach den bewaldeten Höhen von Phöben und
Töplitz hin frei. An einer anderen Stelle schweifte der Blick nach dem
romantisch gelegenen Ütz, bis weiter hinaus zu den Höhen von Potsdam. Von
anderen Standpunkten aus blickte man über die sich schlängelnde Havel nach
der Stadt Werder und dem Wildpark, und zur Rechten, tief in die flache Zauche
hinein, bis an die Wälder des Klosters Lehnin. Dazu überraschten an geeigneten Punkten kleine bauliche Anlagen: Tempel und Pavillons, Moos- und
Muschelgrotten. Auch die Dorfschmiede, an einer Durchsicht erbaut, täuschte
durch eine gotische Fassade mit Spitzbogen-Fenstern. Außerdem wurde ein
Fasanerie-Wäldchen angelegt, und vor und hinter dem Landhause ein
Bowlinggreen mit Blumenbuketts.
So war ein Sommerschloß gewonnen, anmutig, hell, geräumig; aber in
allem übrigen von einer Ausschmückung, die heutzutage kaum noch den
Ansprüchen eines Torf-Lords genügen würde. 1797 erfolgte die Renovierung der
Kirche, drei Jahre später der Neubau des Dorfes, wobei zugleich festgesetzt
wurde, daß die im Giebel jedes Hauses befindliche Stube jederzeit für die
königliche Dienerschaft, ebenso ein auf jedem Gehöft erbauter Pferdestall für
die herrschaftlichen Pferde reserviert bleiben müsse. Seit 1797 war der
Kronprinz König.
In diesem also umgeschaffenen Paretz, das bei Freunden und Eingeweihten
alsbald den schönen Namen „Schloß Still-im-Land“ empfing, erblühten dem
Königspaare Tage glücklichsten Familienlebens. Die Familie und die Stille
waren der Zauber von Paretz.
Diesen Zauber empfand die Königin, die wir gewohnt sind uns neben dem
einsilbigen Gemahl als das gesprächigere, den Zerstreuungen zugeneigtere
Element zu denken, fast noch lebhafter als dieser. Sie selbst äußerte sich darüber:
„Ich muß den Saiten meines Gemüts jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen, um
sie gleichsam wieder aufzuziehen, damit sie den rechten Ton und Anklang
behalten. Am besten gelingt mir dies in der Einsamkeit; aber nicht im Zimmer,
sondern in den stillen Schatten der Natur. Unterlaß ich das, so fühl’ ich mich
verstimmt. O welch ein Segen liegt doch im abgeschlossenen Umgange mit uns
selbst!“
Zu diesem „Umgange mit sich selbst“ war nun „Schloß Still-im-Land“ der
geeignetste Platz, keine Straße führte vorüber, die Ruhe, wenn man sie haben
wollte, war beinahe unbedingt; aber man ließ sie gern durch die Heiterkeit des
Dorfes unterbrechen.
So wurde das Erntefest vonseiten des Hofes alljährlich mitgefeiert. Wir
finden darüber folgende Aufzeichnungen. „Das Fest begann am frühen
Nachmittag. Sobald die Herrschaften sich von der Tafel erhoben hatten, setzten
sich die festlich angetanen Schnitter und Schnitterinnen vom Amte aus in
Bewegung. Geschart um ihr Feldbanner, den reichbebänderten Kranz von Ähren
und Blumen, marschierten sie nach dem Takte der Dorfmusik auf das Schloß.
Dort auf dem freien Platze hielt der Zug und stellte sich im Halbkreis auf. Der
königliche Gutsherr trat heraus, hörte die an ihn gerichtete Rede der Großmagd an und schickte die Sprecherin sodann mit der Erntekrone hinein in das Schloß.
Nun zeigte sich auch die Königin, und mit dem Erscheinen der ‚gnädigen Frau
von Paretz‘ begann der Tanz. Das königliche Paar mischte sich in die Reihen der
Landleute, die Herren und Damen folgten und sogar die Frau Oberhofmeisterin
(Frau von Voß) konnte nicht umhin, auf diesem bal champêtre mitzuwirken.“
„Den ersten Tanz spielten die Dorfmusikanten, den zweiten die Garde-
Hautboisten aus Potsdam; Bursche und Mädchen tanzten sich außer Atem; dann
gliederte sich der Zug von neuem und bewegte sich dahin zurück, von wo er
gekommen war — nach dem Amte. Im Dorfe mittlerweile wimmelte es von
Käufern und Verkäufern; innerhalb der eigentlichen Straße zog sich noch eine
Budenstraße, und inmitten des Gedränges, Einkäufe und Geschenke machend,
gewahrte man die hohen Gestalten des königlichen Paares.“
Diese Erntefeste, die bald einen Ruf gewannen, machten das stille Paretz zu
einem Wallfahrtsort für nah und fern. Jeder Besucher hatte Zutritt, König und
Königin ließen sich die Fremden vorstellen, äußerten ihre Freude über
zahlreichen Zuspruch und baten: „über’s Jahr wieder unter den Gästen zu sein.“
Es waren wirkliche Volksfeste, und wohl mochte der General von Köckritz
damals schreiben: „Ich habe in Paretz wieder allerfroheste Tage verlebt. Wir
haben uns ungemein divertiert und alles Angenehme des Landlebens in ganzer
Fülle genossen, wobei die Jagd und Wasserfahrt die Hauptbelustigung waren.
Ein besonderer Festtag aber war das Erntefest. Die Königin mischte sich in die
lustigen Tänze. Hier war Freiheit und Gleichheit; ich selbst, trotz meiner
fünfundfünfzig Jahre, tanzte mit.“[39]
Im Sommer 1805 hielten sich der König und die Königin länger in Paretz
auf als gewöhnlich. Wie in einem Vorgefühl kommender Stürme genossen sie
das Glück, das dieser stille Hafen bot, noch einmal in vollen Zügen. Man blieb
bis zum 15. Oktober, dem Geburtstage des nunmehr zehnjährigen Kronprinzen.
Er empfing nach der Sitte des königlichen Hauses den Degen und die Offiziers-
Uniform, und trat in die Armee. Die Königin sprach ermahnende Worte. Dann
schied sie von ihrem lieben Paretz, das sie nur noch einmal auf wenige Stunden
wiedersehen sollte.
Paretz 20. Mai 1810
Im Spätsommer des nächsten Jahres (1806) standen bereits die großen
Wetter über Thron und Land; am 14. Oktober wurde das alte Preußen begraben;
der folgende Tag war der Geburtstag des Kronprinzen — keinen unglücklicheren
hat er erlebt. Der Hof ging nach Königsberg; erst im Jahre 1809 kehrte das durch Jahre der Prüfung gegangene Königspaar nach Berlin zurück.
Der Winter verging, der schöne Frühling des Jahres 1810 kam; die Königin
empfand eine tiefe Sehnsucht, ihr geliebtes Paretz wieder zu sehen. Wir finden
darüber folgendes: „Am 20. Mai fuhr sie allein mit ihrem Gemahl dorthin — es
sollte nach Gottes Ratschluß das letztemal sein! Erinnerungsvoll begrüßten sie
die alten, traulichen Stätten, die sie so oft in glücklichen Tagen mit Freud und
Wonne gesehen; nicht trennen konnte und wollte sie sich von jener Anhöhe im
Park, die das Rohrhaus trägt, und die an jenem Tage eine weite Fernsicht über
den mit schwellenden Segeln und zahllosen Schwänen belebten Havelstrom mit
seinen Buchten und Seen, sowie auf die im schönsten Maiengrün prangenden
Wiesen und Äcker bot. Zu ihren Füßen lag das friedsame Paretz, im Grün der
Bäume halb versteckt die Kirche. Die Sonne neigte sich; tiefer und länger
dehnten sich die Schatten über die Landschaft und mahnten zum Aufbruch. Aber
die Königin wollte so lange als möglich an diesem ihrem Lieblingsorte
verbleiben; sie wartete bis zum Niedergang der Sonne und sprach dann vor sich
hin:
„Die Sonne eines Tages geht dahin:
Wer weiß
Wie bald die Sonne unsres Lebens scheidet.“
Auf den Wunsch der Königin, den Wagen nicht an dem entfernter liegenden
Schlosse, sondern hier an der Landstraße besteigen zu dürfen, wodurch der
Aufenthalt verlängert wurde, war das Gefährt beim Rohrhause angelangt. Die
Königin schritt am Arm ihres Gemahls den kurzen Gang zu Füßen der Anhöhe
hinab und durch die Parktür nach der Landstraße.“ Das war am 20. Mai. Am
19. Juli starb sie.
Unvergeßlich blieb dem Könige die Stätte, unvergeßlich das Wort, das sie
hier gesprochen. Er besuchte oft diese Stelle, doch stets allein, ohne jede
Begleitung. Zum Andenken ließ er hier, wo sie den Park verlassen und den
Wagen bestiegen, wo ihr Fuß zum letztenmal die Erde von Paretz berührt hatte,
eine gußeiserne gotische Pforte aufstellen.
Diese Pforte, wie es für solchen Platz sich ziemt, entzieht sich fast dem
Auge. Abgelegen an sich, an dunkelster Stelle des Parks, birgt sich das Gittertor
in dichtem Akaziengebüsch; nur der Spitzbogen ragt in die Helle auf und trägt
ein L. und die Inschrift: „den 20. Mai 1810“.
Paretz von 1815 bis 1840
Die Stürme waren verweht; das gedemütigte Preußen war zweimal, unter
den Klängen des „Pariser Einzugsmarsches“, in die feindliche Hauptstadt
eingezogen; Friede war wieder, und die Paretzer Tage brachen wieder an. Nicht
mehr Tage ungetrübten Glücks; sie, die diese Tage verklärt, diese Tage erst zu
Tagen des Glücks gemacht hatte, sie war nicht mehr; aber Tage der Erinnerung.
Die Zeit heilt alles; nur ein leises Weh bleibt, das in sich selber ein Glück ist; ein
klarer Spätsommertag, mit einem durchleuchteten Gewölk am Himmel, so
erschien jetzt Paretz.
Nach wie vor wurde das Erntefest gefeiert; ein Jahrzehnt verging, ein
zweites begann. Die Heiterkeit der Dörfler war dieselbe geblieben, auch ihre
Unbefangenheit im Verkehr mit der „Herrschaft“. Eine Alte, der der König im
Vorübergehen versicherte, mit Nächstem würden alle seine Kinder zu Besuch
eintreffen, antwortete ohne weiteres: „Die Russen ooch?“ Diese vertrauliche
Ausdrucksweise mußte sich, hinter seinem Rücken wenigstens, der allmächtige
Zar gefallen lassen! Der König hatte herzliche Freude an solcher Unbefangenheit
und nährte sie durch hundert kleine Dinge, die zuletzt auch die Scheu des Allerbefangensten besiegen mußten. Bei einer der Festlichkeiten, die den
„Russen“ zu Ehren gegeben wurden, drängte sich des Schäfers Sohn herzu, ein
unglückliches Kind, das an beiden Füßen gelähmt war, und strengte sich an, über
den dichten Kreis der Umstehenden hinwegzusehen. Niemand sah es, nur der
König. Er ließ ihn zu sich führen, sprach freundlich zu ihm und gab ihm einen
Platz an seiner Seite.
Überhaupt die junge Welt hatte es vor allem gut. [40] Der König, im großen
Verkehr beinahe menschenscheu, war ein ausgesprochener Kinderfreund. So
begegnete er einstmals, während er im Schloßpark aus einem mit Pflaumen und
Weintrauben gefüllten Körbchen aß, einem Jungen und fragte ihn, ob er wohl
eine Pflaume haben wollte. Der Junge, ein echter Märker, schielte über das
Körbchen hin und bemerkte: „Nee; Plummen hebben wir alleen to Huus; wenn’t
noch ’ne Wiendruv’ wär.“ Der König lachte und gab. — Einen andern hübschen
Zug erzählt Ehlert:
„Hast Du schon mal Ananas gegessen?“ fragte der König. „Nee, Majestät“.
— „Na, dann iß, aber mit Bedacht. Was schmeckst Du heraus?“ Der Junge, an
den die Frage gerichtet war, kaute, besann sich und sagte dann: „Wurst“. Alles
lachte. Der König aber bemerkte ruhig: „So trägt jeder seinen Maßstab in sich.
Dem einen schmeckt die Ananas wie Melone, dem andern wie Birne oder
Pflaume, diesem wie Wurst. Er bleibt in seinem Gefühlskreise.“ In den
Speisesaal zurücktretend, wo sich ein Fenster mit vielfarbigem Glase befand,
fuhr er fort: „Wer die Gegenstände draußen durch diese violettfarbige Scheibe
anschaut, hält alles, was er sieht, für violett; so ein anderer alles für grün oder
gelb, je nach dem Glas, durch das er blickt. Jeder behauptet recht zu haben, und
doch haben alle unrecht und des Widerspruchs und Disputierens ist kein Ende.
So geht es vor allem den Herren Theologen. Jeder hat da sein Glas.“
Derselbe Erzähler, an anderer Stelle das Paretzer Leben während der
zwanziger und dreißiger Jahre zusammenfassend, gibt folgende Schilderung:
„Die ruhigsten und glücklichsten Stunden, die dem Könige noch beschieden
waren, hat er in diesem stillen Haveldorfe verlebt. Alle Singvögel schienen im
Paretzer Park ihren Lieblingsaufenthalt zu haben; über der Landschaft lag ein
Duft, die Wiesen immer frisch, und über das Sumpfland hin schritten die
Störche. Der König hatte ein Auge für solche Bilder. Wenn er allein sein wollte,
hier fand er, was er suchte. Viele wichtige Verfügungen sind von diesem
abgelegenen Punkte ausgegangen. Hier senkten sich tiefer und fester in sein
Gemüt die Lebensansichten und Grundsätze, die den innern Frieden bewahren.
Sein patriarchalischer Sinn, hier fand er Genüge.“
Wann er zuletzt an dieser Stelle war, ist nicht verzeichnet; wahrscheinlich im Herbst 1839. Im Mai des folgenden Jahres, als mit dem Frühling draußen ein
frisches Leben nicht wiederkommen wollte, sprach er mehr als einmal: „Wenn
ich nur nach Paretz könnte!“ Hoffte er Genesung, oder wollte er Abschied
nehmen von der Stätte stillen Glücks! Gingen seine Gedanken zurück bis an den
20. Mai 1810?
Wer sagt es? Als das nächste Erntefest kam, war alles vorüber. Eine stillere
Stätte hatte ihn aufgenommen, als selbst Paretz.
Paretz seit 1840
Am 7. Juni 1840 war Friedrich Wilhelm III. aus dieser Zeitlichkeit
geschieden; Paretz, samt den zwei angrenzenden Schatulle-Gütern Ütz und
Falkenrehde, fiel dem Thronfolger, Friedrich Wilhelm IV., zu; 1862, nachdem
auch dieser aus der Unruhe in die Ruhe gegangen war, kam der schöne,
erinnerungsreiche Besitz an den jetzigen Kronprinzen.
Die Glanztage von Paretz sind nicht wiedergekehrt und sie werden kaum
wiederkehren. Es bedurfte des eigenartig-scheuen Charakters Friedrich Wilhelms
III., um diesen Platz über sich selbst zu erheben. Ein rechter „out of the way-
palace“, hindert ihn jetzt seine Abgeschiedenheit eben so sehr, wie ihn dieselbe
einst zu ungeahnten Ehren führte. Was ihn jetzt noch hält, ist Pietät,
Haustradition; — nur das Wohlwollen der „neuen Herrschaft“ ist ihm geblieben.
Alle zwei Jahre, am Geburtstage des Kronprinzen, werden die Dorfkinder neu
eingekleidet: die Knaben erhalten des „Königs Rock“, der Uniform des 24.
Landwehrregiments nachgebildet, während die Mädchen in russisch-grünen
Tibetkleidern ihren Umzug halten.
Das Wohlwollen gegen die Paretzer ist das alte geblieben. Aber Paretz
selbst ist nicht mehr was es war. Kein Sehnsuchtspunkt mehr, nur noch ein Punkt
für Erinnerung und stille Betrachtung.