Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
4. Die Pfaueninsel 15. Juli 1852
die munteren Sprünge der Affen, die drollige Plumpheit der Bären, das seltsame
Hüpfen der Känguruhs hier zu sehen. Die tropischen Gewächse wurden mit
manchem Ach! des Entzückens bewundert. Man träumte in Indien zu sein und
sah mit einer Mischung von Lust und Grauen die südliche Tierwelt, Alligatoren
und Schlangen, ja das wunderbare Chamäleon, das opalisierend oft alle Farben
der blühenden Umgebung widerzuspiegeln schien.“
Meine eigenen Kindheitserinnerungen, wie ich sie eingangs ausgesprochen,
finden in dieser Schilderung ihre Bestätigung.
4.
Die Pfaueninsel 15. Juli 1852
Und Stille, wie des Todes Schweigen
Liegt überm ganzen Hause schwer.
„Die Kraniche des Ibykus“
Mit 1840 schied die Pfaueninsel aus der Reihe der herrschenden
Lieblingsplätze aus; Friedrich Wilhelm IV. griff auf die Friderizianische Zeit
zurück und Sanssouci samt seinen Dependenzien belebte sich wieder. Das
Rokoko-Schloß, das der Lichtenau ihre Entstehung verdankte, verfiel nicht, aber
es kam außer Mode und wie man die Jahrzehnte vorher gewallfahrtet war, um
den Rosengarten der Pfaueninsel zu sehn, so führte jetzt die Eisenbahn viele
Tausende hinüber, um, zu Füßen von Sanssouci, die Rosenblüte in Charlottenhof
zu bewundern. Die Pfaueninsel kam außer Mode, so sagte ich, aber wenn sie
auch nicht Sommerresidenz mehr war, so zählte sie doch noch immer zu jenen
bevorzugten Havelplätzen, wo Friedrich Wilhelm IV. an Sommerabenden zu
landen und in Stille, bei untergehender Sonne, seinen Tee zu nehmen liebte. Ein
solcher Sommerabend war auch der 15. Juli 1852. Wir berichten näher über ihn.
Kaiser Nikolaus war am preußischen Hofe zu Besuch eingetroffen. Ein oder
zwei Tage später erschien Demoiselle Rachel in Berlin, um daselbst ihr schon
1850 begonnenes Gastspiel zu wiederholen. Friedrich Wilhelm IV., mit seinem
kaiserlichen Gaste in Potsdam verweilend, gab, als er von dem Eintreffen der
berühmten Tragödin hörte, dem Hofrat Schneider Auftrag, dieselbe für eine
Pfaueninsel-Vorstellung zu engagieren. Über diesen allgemein gehaltenen
Auftrag hinaus wurde nichts angeordnet. Die nötigen Schritte geschahen; die
Rachel, die natürlich ein Auftreten im Neuen Palais oder doch mindestens im Stadttheater erwartete, sagte zu.
Am Nachmittage des festgesetzten Tages traf die Künstlerin, in Begleitung
ihres Bruders Raphael, auf dem Bahnhofe zu Potsdam ein. Hofrat Schneider
empfing sie.
Die Situation dieses letzteren, der, trotz aller Bemühungen nicht imstande
gewesen war, bestimmtere Orders, eine Art Festprogramm zu extrahieren, war
inzwischen eine ziemlich peinliche geworden. Die Tragödin verlangte Auskunft
über alles, während solche über nichts zu geben war. Als ihr schließlich, auf
immer direkter gestellte Fragen, gesagt werden mußte, daß es an all und jeder
Vorbereitung fehle, daß alles in die Macht ihrer Erscheinung und ihres Genius
gegeben sei, geriet sie in die höchste Aufregung, fast in Zorn, und drohte, mit
einem mehrfach wiederholten „jamais“, die Unterhandlungen abzubrechen. Ihr
Bruder Raphael bestärkte sie in ihrem Widerstande. „Eine Bänkelsängerin, eine
Seiltänzerin, nie, nie!“ Sie schickte sich an, mit dem nächsten Zuge nach Berlin
zurückzufahren.
Was tun? Eine Niederlage ohnegleichen schien sich vorbereiten zu sollen.
Aber die diplomatische Beredsamkeit des Unterhändlers wußte sie zu
vermeiden. Er erinnerte die Tragödin zunächst daran, daß Molière in ähnlicher
Situation vor dem Hofe Ludwigs XIV. gespielt und seine größten Triumphe
gefeiert habe, was Eindruck zu machen schien; als aber die Zuflüsterungen des
„linken Reiters“ (Bruder Raphael) dennoch wieder die Oberhand erlangen zu
wollen schienen, als das Wort „Bänkelsängerin“ immer von neuem fiel, griff
Hofrat Schneider endlich zu einem letzten Mittel. Er wußte, daß der berühmten
Tragödin ungemein daran lag, in Petersburg — das ihr seit 1848, wo sie, von der
Bühne herab, als Göttin der „Freiheit“ die Marseillaise gesungen hatte,
verschlossen war — wieder Zutritt zu gewinnen, und dieser Köder wurde jetzt
nicht vergeblich an die Angel gesteckt. Der diplomatische Plenipotentiaire
schilderte ihr mit lebhaftesten Farben, welch einen Eindruck es auf den Kaiser
machen müsse, wenn er, heute abend auf der Pfaueninsel landend, erfahren
würde, „Demoiselle Rachel habe es abgelehnt, zu erscheinen,“ wie sich ihr aber
umgekehrt eine glänzende, vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit biete, den
Kaiser zu versöhnen, hinzureißen, wenn sie ihrer Zusage getreu bleibe. Dies
schlug durch. „Je jouerai.“
Bedenken, die auch jetzt noch von Viertelstunde zu Viertelstunde
auftauchten, waren nur wie Wetterleuchten nach dem Gewitter und wurden mit
verhältnismäßiger Leichtigkeit beseitigt. Unter diesen kleinen Bedenken war das
erste, das laut wurde, die Kostümfrage. Nichts war zur Hand, nichts zu
beschaffen. Ihre eigene Gesellschaftsrobe half indessen über diese Verlegenheit am ehesten hinweg. Sie trug ein schwarzes Spitzenkleid. Dies wurde ohne Mühe
zu einem spanischen Kostüm hergerichtet. Ein Teil der kostbaren Alençons zu
einem aufrecht stehenden Kopfputze arrangiert, barg eine blutrote Rose; ein
schwarzer Schleier, ein irischer Kragen, vollendeten die Toilette. So traf man,
nach kurzem Aufenthalte in der Stadt, auf der Pfaueninsel ein.
Die Sonne war eben im Untergehen. Noch einmal ein flüchtiges Stutzen, als
auf die Frage: „où jouerai-je?“ stumm auf den Rasenfleck hingedeutet wurde,
der von rechts her bis dicht an das Schloß herantritt; — es war indessen die
Möglichkeit eines „nein“, nachdem man bereits bis hierher gediehen war, so gut
wie abgeschnitten, und zwar umsomehr, als eben jetzt der Hof, in seiner Mitte
der Kaiser, erschien und Kreis schließend, links auf dem Kieswege und rechts
auf dem Rasenplatze Aufstellung nahm. Nach rechts hin, unter den Ministern
und Generalen, stand auch die Rachel.
Es war inzwischen dunkel geworden, so dunkel, daß ihr Bruder ein in einer
Glasglocke steckendes Licht ergriff und an die Seite der Schwester trat;
späterhin, inmitten der Deklamation, reichte auch das nicht aus und die berühmte
Tragödin nahm dem Bruder das Windlicht aus der Hand, um sich selber die
Beleuchtung zu geben. Ihr Mienenspiel war ihre Größe. Sie hatte eine Stelle aus
der Athalie gewählt, jene, fünfter Akt fünfte Szene, wo sie dem hohen Priester
das Kind abfordert:
Ce que tu m’as promis, songe à exécuter:
Cet enfant, ce trésor, qu’il faut qu’on me remette,
Où sont-ils?
Sie spielte groß, gewaltig; es war, als ob das Fehlen alles Apparats die
Wirkung steigere. Der Genius, ungehindert durch Flitter und Dekorationen,
wirkte ganz als er selbst. Dabei brachen die Schatten des Abends immer mehr
herein; die Luft war lau, und aus der Ferne her klang das Plätschern der
Fontänen.
Alles war hingerissen. Zumeist der König. Kaum minder sein Gast, der
Kaiser. Er trat an die Tragödin heran:
J’espère de vous voir à Petersbourg.
Mille remercîments; mais .. Votre Majesté ..
Je vous invite, moi.
Die kaiserliche Einladung war ausgesprochen, das Ziel erreicht, der große
Preis des Abends gewonnen.