Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 5 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Die Zisterzienser in der Mark

 

Der Morgen graut und lacht der Nacht entgegen;

Im Osten leuchtet schon des Lichtes Segen;

Die Finsternis entflieht.

 

Bruder Lorenzo (Romeo und Julia)

 

D ie beiden Ereignisse, die über das Wendentum an Havel und Spree entschieden, waren die Erstürmung Brennabors am 11. Juni 1157 und

unmittelbar darauf, wenn der halb sagenhaften Überlieferung Glauben zu

schenken ist, die „Havelschlacht gegenüber dem Schildhorn“, in der Jaczo, der

Neffe Pribislaws, und seine noch einmal zusammengeraffte Wendenmacht,

entscheidend geschlagen wurde.

Schon zweihundert Jahre früher, unter den ersten Sachsenkaisern, waren die

Deutschen bis ebenfalls an die östliche Havel vorgedrungen, und schon damals

waren, in ihren ersten Anfängen wenigstens, der Havelberger und Brandenburger

Dom gegründet worden, aber Leichtsinn, Unklugheit, Grausamkeit vonseiten der

Sieger hatten zunächst zu Auflehnungen der Besiegten und endlich zu völliger

Abschüttelung des Jochs geführt. Das alte Wendentum war auf einhundert und

fünfzig Jahre hin wieder glänzend aufgeblüht. Jetzt, nach der Niederwerfung

Jaczos war es zum zweitenmal unterlegen, und es galt nunmehr, die Mittel und

Wege ausfindig zu machen, um einer abermaligen Auflehnung vorzubeugen.

Albrecht der Bär, von dem es im Volksliede heißt:

 

Heinrich de Leuw und Albrecht de Bar,

Dartho Frederik mit den roden Haar,

Dat waren dree Herren,

De kunden de Welt verkehren —

 

dieser Albrecht der Bär war just dazu angetan, diese Mittel ausfindig zu

machen und das früher durch Unklugheit Gescheiterte durch Mut und Ausdauer

endgültig siegreich hinauszuführen. Es ist bekannt, daß er, nach Plan und

System, die Kolonisierung des Landes begann; zu den Kirchen und Burgen aber,

die schon einmal die Belehrung und Beherrschung des Landes versucht hatten, gesellte er, als ein neues, drittes, die Vereinigung von Burg und Kirche — die

Klöster. Mönche wurden ins Land gerufen, vor allem die Zisterzienser, ein

Orden, der eben damals auf seinem europäischen Siegeszuge bis an die Saale

und Unstrut vorgedrungen war.

Da diesem überall hin pionierenden Orden die Aufgabe zufiel, auch

namentlich für die Kultur und geistige Eroberung der Mark von hervorragender

Bedeutung zu werden, so mag es gestattet sein, bei seiner Entstehungs- und

Entwickelungsgeschichte einen Augenblick zu verweilen und das Fortschreiten

desselben auf seinen großen Etappen von West nach Ost zu begleiten.

Die ersten Klöster, die zumal in Süd- und West-Europa ins Leben gerufen

wurden, waren Benediktiner-Klöster, d. h. Klöster, in denen die Regeln des

heiligen Benedikt: Gehorsam, Armut, Keuschheit, die Fundamentalsätze alles

Klosterlebens, Geltung hatten. Die Benediktiner übten diese Tugenden

jahrhundertelang, aber jene Epoche, die den Kreuzzügen unmittelbar vorausging,

war eine Epoche des kirchlichen, mindestens des klösterlichen Verfalls, ganz in

ähnlicher Weise, wie derselbe fünf Jahrhunderte später zum zweitenmal in die

Geschichte eintrat, und „sittliche Reform“, worauf zunächst die Reformation

gerichtet war, war eine Parole, die, wie vielfach während des Lebens der Kirche,

so auch um die Zeit der ersten Kreuzzüge gehört wurde.

Dies Ringen nach Reform, nach Wiederherstellung jener Kloster-Heiligung,

wie sie die ersten Klöster gekannt hatten, gab Veranlassung zur Gründung eines

neuen Ordens. Dieser neue Orden war der der Zisterzienser. Sein nächster

Zweck war nicht Abzweigung vom Benediktinertum, aus dem er hervorging,

sondern Wiederherstellung desselben in seiner Ursprünglichkeit und Lauterkeit.

Aber es scheint das Los solcher und ähnlicher Bestrebungen — vielleicht nach

jenem Naturgesetz, welches die volle Wiederherstellung von etwas

Verschwundenem unmöglich macht — jedesmal zu einer Neuschöpfung zu

führen. Zu einer Neuschöpfung, die anfänglich, in aufrichtiger Demut, sich

selbst nicht als eine Neuschöpfung betrachtet sehen will und doch, sich selbst

zum Trotz, mit jedem Tage mehr eine solche wird.

So gingen, gegen den Willen des Gründers, die Zisterzienser aus den

Benediktinern hervor.

Verfolgen wir, nach diesen allgemeinen Bemerkungen, die Entwickelung

des neuen Ordens aus dem alten auch an den Trägern dieser Entwickelung, an

den Personen.

Robert (später der heilige Robert), Abt des Benediktinerklosters zu

Molesme an der Grenze von Champagne und Burgund, gab, um der

eingerissenen Verderbtheit willen, die er in seinem eigenen Kloster wahrnahm, das Kloster Molesme auf und zog sich in das unwirtliche, nur mit Dornen und

Gestrüpp bewachsene, durch ein Flüßchen kümmerlich bewässerte Tal von

Cîteaux (Cistercium) in der Nähe von Dijon zurück, um daselbst mit 20 anderen

Mönchen, die ihm gefolgt waren, getreu nach der ursprünglichen Vorschrift des

heiligen Benedikt zu leben. Seine Trennung war eine rein äußerliche und lokale,

er hatte sich von seinem Kloster getrennt, nicht von der ursprünglichen

Klosterregel, ja, er kehrte nach einjähriger Abwesenheit in Cîteaux, auf Befehl

des Papstes, in das Kloster Molesme zurück. Aber unwissentlich war ein neuer

Keim gepflanzt, und der bescheidene Versuch, der, wie schon vorstehend

angedeutet, eine alte Schöpfung nur neu gestalten sollte, schuf nicht in, sondern

neben dem Alten ein Neues. In dem Tale von Cisterz ging ein neues

Klosterleben auf. Die Träger dieses neuen Lebens aber waren nicht Benediktiner

mehr, sie waren Zisterzienser.

Bald zeigte sich die erfolgte Trennung auch in der äußeren Erscheinung,

bald auch in den Zwecken und Zielen des Ordens, in der Art, wie er seine

Aufgabe faßte. Was die Tracht angeht, so änderte bereits der heilige Alberich,

der zweite Abt von Cîteaux, die Kleidung seiner Mönche, und das Kleid, das

vorher schwarz gewesen war, wurde weiß mit einem schwarzen Gürtel und

schwarzem Skapulier. Nach der schönen Sage des Ordens war seine, des

Alberich, schwarze Kleidung unter der Berührung der heiligen Jungfrau weiß

geworden.[4]

Wichtiger aber als diese äußeren Abzeichen war die Wandlung, die der neue

Zweig der Benediktiner innerlich erfuhr. Er wurde eine Spezialität, er wurde der

Orden der Kolonisation.

Nie hat ein Orden einen rascheren und gewaltigeren Siegeszug über die

Welt gehalten. Aus dem Mutterkloster Cisterz, gegründet 1098, waren nach 15

Jahren schon vier mächtige Töchterklöster: La Ferté, Pontigny, Morimond und

Clairvaux hervorgegangen, den Töchtern folgten wieder Töchter und

Enkeltöchter, und ehe ein halbes Jahrhundert um war, war nicht nur ein Netz von

Zisterzienser-Klöstern über das ganze christliche Europa ausgebreitet, sondern

auch tief in heidnische Lande hinein waren die Mönche von Cisterz mit dem

Kreuz in der Linken, mit Axt und Spaten in der Rechten, lehrend und Acker

bauend, bildend und heiligend vorgedrungen. Es war ein in jenen raschen

Proportionen sich mehrendes Anwachsen, wie man es auf alten Stammbäumen

veranschaulicht sieht, wo, von Generation zu Generation, aus jedem einzelnen

Neuzweig wieder zahllos andere neue Zweige sprießen, anwachsend zu

Multiplikationen, die der bekannten Verdoppelung der Schachbrettfelder

entsprechen. Fünfzig Jahre nach der Gründung des Ordens gab es 500, hundert Jahre nach der Gründung bereits 2000 Zisterzienser-Klöster, und Kaspar

Jogelinus, ein Deutscher, hat uns allein die Beschreibung von 791 Zisterzienser-

Klöstern hinterlassen. Von diesen 791 Klöstern waren 209 in Frankreich, 126 in

England, Schottland und Irland und 109 in Deutschland.

Die Frage drängt sich auf, was diesem Orden zu so rapidem Wachstum

verhalf und ihm, zwei Jahrhunderte lang, in allen Ländern und an allen Höfen

ein alles überstrahlendes Ansehen lieh. Es waren wohl drei Ursachen, die

zusammen wirkten: die gehobene Stimmung der ganzen christlichen Welt

während der Epoche der ersten Kreuzzüge, die wunderbare, mit

unwiderstehlicher Gewalt ausgerüstete Erscheinung des heiligen Bernhard, der,

aus dem Orden heraus, bald nach Entstehung desselben erwuchs und ihn dann

durchleuchtete, und endlich drittens die besondere, schon in aller Kürze

angedeutete kolonisatorische Eigenart dieses Ordens, die ihn, in einer Zeit, in der

geistig und physisch überall auszuroden und urbar zu machen war, als ein

besonders geeignetes Werkzeug sowohl in der Hand der Kirche wie auch des

weltlichen Fürstentums erscheinen ließ.

1115 existierten nur fünf Zisterzienser-Klöster, 1119 bereits vierzehn, aber

sämtlich noch innerhalb Frankreichs und auf verhältnismäßig engem Gebiet.

Zwanzig Jahre später sehen wir den Orden, in immer rascherem Wachsen, von

der Loire an den Rhein, vom Rhein an die Weser und endlich von der Weser bis

an und über die Elbe vorgedrungen.

1180 erschienen seine ersten Mönche in der Mark.

An wenigen Orten mochten die Vorzüge dieses Ordens deutlicher

hervortreten als in der Mark, weil sie nirgends ein besseres Gebiet für ihre

Tätigkeit fanden. Wo die Unkultur zu Hause war, hatten die Kulturbringer ihr

natürlichstes Feld. Rechnen wir die Nonnenklöster desselben Ordens mit ein,

die, wenigstens was die Bekehrung, Lehre und Unterweisung angeht, die

gleichen Ziele wie die Mönchsklöster verfolgten, so haben wir über zwanzig

Zisterzienser-Klöster in der Mark und Lausitz zu verzeichnen, von denen die

große Mehrzahl vor Ablauf eines Jahrhunderts entstand. Weder die

Prämonstratenser und Karthäuser gleichzeitig mit ihnen, noch auch später die die

Städte suchenden Dominikaner und Franziskaner sind ihnen an Ansehen und

rascher Verbreitung gleich gekommen.

Dem Zeitpunkt ihrer Entstehung nach folgen diese märkisch-lausitzischen

Zisterzienser-Klöster wie folgt auf einander:

Zinna, Mönchskloster, in der Nähe von Jüterbog, 1171.

Lehnin, Mönchskloster, in der Nähe von Brandenburg, 1180.

Dobrilugk, Mönchskloster, in der Lausitz, 1181-1190.

Marienfließ oder Stepenitz, Nonnenkloster, in der Priegnitz, 1230.

Dransee, Mönchskloster, in der Priegnitz, 1233.

Paradies, Mönchskloster, im Posenschen (früher Neumark), 1234.

Marienthal, Nonnenkloster, in der Lausitz, 1234.

Zehdenick, Nonnenkloster, in der Uckermark, 1250.

Friedland, Nonnenkloster, im Ober-Barnim, um 1250.

Mariensee, Mönchskloster, auf der Insel Pehlitz im Paarsteiner See,

zwischen Oderberg und Angermünde (Uckermark), um 1260.

Marienstern, Nonnenkloster, in der Lausitz, 1264.

Neuzelle, Mönchskloster, in der Lausitz, 1268.

Chorin, Mönchskloster, in der Uckermark, 1272.

Marienwalde, Mönchskloster, in der Neumark, 1286.

Heiligengrabe, Nonnenkloster, in der Priegnitz, 1289.

Zehden, Nonnenkloster, in der Neumark, 1290.

Bernstein, Nonnenkloster, in der Neumark, 1290.

Reetz, Nonnenkloster, in der Neumark, 1294.

Himmelpfort, Mönchskloster, in der Uckermark, 1299.

Himmelstädt, Mönchskloster, in der Neumark, 1300.

Seehausen, Nonnenkloster, in der Uckermark, 1300.

Das wichtigste unter den hier aufgezählten märkisch-lausitzischen Klöstern

war wohl das Kloster Lehnin. Es wurde das Mutterkloster für diese Gegenden,

aus dem Neuzelle, Paradies, Mariensee, Chorin und Himmelpfort hervorgingen.

Alle diese Klöster, mit wenigen Ausnahmen, wurden in der Mitte des 16.

Jahrhunderts unter Joachim II. säkularisiert. Viele sind seitdem, namentlich

während des dreißigjährigen Krieges, bis auf die Fundamente oder eine stehen

gebliebene Giebelwand zerstört worden, andere existieren noch, aber sie dienen

der Kultur dieser Lande nur noch insoweit, als sie, oft in ziemlich prosaischer

Weise, der Agrikultur dienstbar gemacht worden sind. Die Abtwohnungen sind

zu Amtshäusern, die Refektorien zu Maischräumen und Brennereien geworden.

Es ist allen diesen Klöstern ergangen, wie ihrer großen, gemeinschaftlichen

mater, dem Kloster zu Cîteaux selber. Den Verfall, den Niedergang, den hier zu

Lande die Reformation still und allmählich einleitete, schuf dort die französische

Revolution auf einen Schlag. „Auf den Trümmern der Abtei — so erzählt der

Abbé Ratisbonne, der eine Geschichte des heiligen Bernhard geschrieben hat

und Cîteaux um 1839 besuchte — erhob sich in dem genannten Jahre eine

Runkelrübenzucker-Fabrik, die selber wieder in Trümmer zerfallen war, und ein

elender Schauspielsaal stand an der Stelle der Mönchs-Bibliothek, vielleicht an

der Stelle der Kirche. Die Zelle des heiligen Bernhard, die vor ungefähr zwanzig Jahren noch existierte, hatte inzwischen einem Schmelzofen Platz gemacht. Nur

noch der Schutt der Zelle war vorhanden. Aus den bloßen Trümmermassen des

Klosters waren drei Dörfer erbaut worden.“

In dieser kurzen Schilderung des Verfalls des Mutterklosters ist zugleich die

Geschichte von über hundert Töchter-Klöstern erzählt. Auch die Geschichte der

unsrigen.

Die Klöster selber sind hin. Viele von denen, die hierlands in alten

Klostermauern wohnen, wissen kaum, daß es Klostermauern sind, sicherlich

nicht, daß es Zisterzienser waren, die vor ihnen die Stätte inne hatten. Und

hörten sie je das Wort, so wissen sie nicht, was es meint und bedeutet. Und doch

waren es die Pioniere, die hundert und tausend andern Kolonisten, die nach

ihnen kamen, die Wege bahnten. Das Gedächtnis an sie und an das Schöne,

Gute, Dauerbare, das sie geschaffen, ist geschwunden; uns aber mag es

geziemen, darauf hinzuweisen, daß noch an vielen hundert Orten ihre Taten und

Wohltaten zu uns sprechen. Überall, wo in den Teltow- und Barnim-Dörfern, in

der Uckermark und im Ruppinschen alte Feldsteinkirchen aufragen mit kurzem

Turm und kleinen niedrigen Fenstern, überall, wo die Ostwand einen chorartigen

Ausbau, ein sauber gearbeitetes Sakristei-Häuschen, oder das Dach infolge

späteren Anbaues eine rechtwinklige Biegung, einen Knick zeigt, überall da

mögen wir sicher sein — hier waren Zisterzienser, hier haben Zisterzienser

gebaut und der Kultur und dem Christentum die erste Stätte bereitet.

[4] Dies weiße Kleid der Zisterzienser war ihr besonderer Stolz, und unter den

zahlreichen Legenden[5] dieses Ordens bezogen sich viele auf die besondere Gunst, in der bei Gott und Menschen, das „weiße Kleid“ stand. Im Jahre 1215 starb ein Zisterzienser-Mönch zu Cher in Frankreich und wurde ohne sein Chorkleid begraben. Er kam zurück, um sein Kleid zu holen, weil der heilige Benedikt ihm nicht anders den Himmel aufschließen wollte. Der Prior gab es ihm, und er hatte nun Ruhe und kam nicht wieder.

[5] Unter den anderweiten Legenden des Ordens ist mir keine schöner erschienen als

die folgende: Im Jahre 1167 dachte Mönch Heron in Galizien in der Frühmette über die Worte nach: „Tausend Jahre sind vor Dir, Herr, wie der Tag, der gestern vergangen ist.“ Er fand dies unbegreiflich und zweifelte. Als er aus der Kirche kam, flatterte ein bunter Vogel über ihm und sang sehr lieblich. Heron, von der Schönheit und dem Gesang des Vogels bezaubert, folgte ihm, wohin er flog, aus dem Kloster in einen benachbarten Wald, der Vogel hüpfte von Zweig zu Zweig und sang immerfort dreihundert Jahr lang. Als nun Heron dreihundert Jahr lang weder gehungert, noch gedürstet, sondern allein von dem lieblichen Vogelgesang gelebt hatte, flog der Zaubervogel davon, und die Entzückung hörte auf. Heron kam nun wieder zu sich selbst und besann sich, daß er soeben aus der Frühmette gekommen sei. Er kehrte zurück zum Kloster und klopfte an die Klosterpforte, aber da waren weder Pförtner, noch Abt, noch Brüder mehr, die ihn kannten. Sie waren alle längst tot; dreihundert Jahre waren verflossen. „Tausend Jahre sind wie ein Tag.“