Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 14 von 82

PDF-Seiten

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Das Havelländische Luch

 

Es schien das Abendrot

Auf diese sumpfgewordne Urwald-Stätte,

Wo ungestört das Leben mit dem Tod

Jahrtausendlang gekämpfet um die Wette.

 

Lenau

 

D as Havelland, oder mit andern Worten jene nach drei Seiten hin von der [15] Havel, nach der vierten aber vom Rhin-Flüßchen eingeschlossene Havelinsel,

bestand in alter Zeit aus großen, nur hier und dort von Sand oder Lehm-Plateaus

unterbrochenen Sumpfstrecken, die sich, trotz der mannigfachen Veränderungen

und Umbildungen, bis diesen Tag unter dem Sondernamen „das Havelländische

Luch“ oder auch bloß „das Luch“ erhalten haben. Und sie haben in der Tat

Anspruch auf eine unterscheidende Bezeichnung, da sie in Form und Art von

den fruchtbaren Flußniederungen anderer Gegenden vielfach abweichen und z.

B. statt des Weizens und der Gerste nur ein mittelmäßiges Heu produzieren. Im

großen und ganzen darf man vom „Luche“ sagen, daß es weniger seine

Produkte, als vielmehr sich selbst zu Markte bringt — den Torf. Denn das Luch

besteht großenteils aus Torf. Seitdem es aufgehört hat, ein bloßer Sumpf zu sein,

ist es ein großes Gras- oder Torfland geworden. Linum, der Hauptsitz der

Torfgräbereien, ist das Newcastle unserer Residenz.

Wie das Havelland den Mittelpunkt Alt-Brandenburgs bildet, so bildet das

Luch wiederum den Mittelpunkt des Havellandes. Das letztere (d. h. also der

West- und Osthavelländische Kreis) ist ungefähr fünfzig Quadrat-Meilen groß;

in diesen fünfzig Quadrat-Meilen stecken die zweiundzwanzig Quadrat-Meilen

des Luchs wie ein Kern in der Schale. Die Form dieses Kernes ist aber nicht

rund, auch nicht oval oder elliptisch, sondern pilzförmig. Ich werde gleich näher

beschreiben, wie diese etwas ungewöhnliche Bezeichnung zu verstehen ist. Jeder

meiner Leser kennt jene Pilzarten mit kurzem dicken Stengel, die ein breites

schirmförmiges Dach und eine große kugelförmige Wurzel haben. Man nehme

den Längsdurchschnitt eines solchen Pilzes und klebe ihn auf ein kleines

Quartblatt Papier, so wird man ein ziemlich deutliches Bild gewinnen, welche

Form „das Luch“ innerhalb des Havellandes einnimmt. Gleich der erste Blick wird dem Beschauer zeigen, daß das Luch aus zwei Hälften, aus einer

schirmförmig-nördlichen und einer kugelförmig-südlichen besteht, die beide da,

wo der kurze Strunk des Pilzes läuft, nah zusammentreffen. Die schirmförmige

Hälfte heißt das Rhin-Luch, die kugelförmige das Havelländische Luch. Das

Verbindungsstück zwischen beiden hat keinen besonderen Namen. Dies

verhältnismäßig schmale, dem Strunk des Pilzes entsprechende

Verbindungsstück ist dadurch entstanden, daß sich von rechts und links her

Sandplateaus in den Luchgrund hineingeschoben haben. Diese Sandplateaus

führen wohlgekannte Namen; das östliche ist das zu besonderem historischen

Ansehen gelangte „Ländchen Bellin“, das westliche heißt „Ländchen Friesack“.

Diese beiden „Ländchen“ sind alte Sitze der Kultur, und ihre Hauptstädte,

Fehrbellin und Friesack, wurden schon genannt, als beide Luche, das Rhin-Luch

wie das Havelländische, noch einem See glichen, der in der Sommerzeit zu

einem ungesunden, unsicheren Sumpfland zusammentrocknete.

Klöden hat den früheren Zustand der Luchgegenden sehr schön und mit

poetischer Anschaulichkeit geschildert. Er schreibt: „Es war eine wilde

Urgegend, wie die Hand der Natur sie gebildet hatte, ein Seitenstück zu den

Urwäldern Südamerikas, nur kleiner und nicht Wald, sondern Luch. Es zeigte

damals in großer Ausdehnung, was kleinere Bruchflächen der Mark noch jetzt

zeigen. Weit und breit bedeckte ein Rasen aus zusammengefilzter Wurzeldecke

von bräunlich-grüner Farbe die wasserreiche Ebene, deren kurze Grashalme

besonders den Riedgräsern angehörten. In jedem Frühjahr quoll der Boden durch

das hervordringende Grundwasser auf, die Rasendecke hob sich in die Höhe,

bildete eine schwimmende, elastische Fläche, welche bei jedem Schritt unter den

Füßen einsank, während sich ringsum ein flach trichterförmig ansteigender

Abhang bildete. Andere Stellen, die sich nicht in die Höhe heben konnten,

sogenannte Lanken, wurden überschwemmt, und so glich das Luch in jedem

Frühjahr einem weiten See, über welchen jene Rasenstellen wie grüne,

schwimmende Inseln hervorragten, während an anderen Stellen Weiden, Erlen

und Birkengebüsch sich im Wasser spiegelten, oder da, wo sie aus einzelnen

Sandhügeln, den sogenannten Horsten, gewachsen waren, kleine Wald-Eilande

darstellten. Solcher Horsten gab es mehrere, von denen einige mitten im

Havelländischen Luche lagen. Die umliegenden Ortschaften versuchten es, dem

Luche dadurch einigen Nutzen abzugewinnen, daß sie ihre Kühe darin weiden

ließen und das freilich schlechte und saure Gras, so gut es ging, mähten. Beides

war nur mit großer Mühseligkeit zu erreichen. Das Vieh mußte häufig durch die

Lanken schwimmen, um Grasstellen zu finden, oder es sank in die weiche Decke

tief ein, zertrat dieselbe, daß bei jedem Fußtritt der braune Moderschlamm

hervorquoll, ja daß es sich oft nur mit großer Mühe wieder herausarbeitete. Oft blieb eine Kuh im Moraste stecken und ward nach unsäglicher Mühe kalt,

kraftlos und krank wieder herausgebracht, oder wenn dies zu schwer hielt, an

dem Orte, wo sie versunken war, geschlachtet und zerstückt herausgetragen. Nur

im hohen Sommer und bei trockener Witterung war der größte Teil des Luchs zu

passieren; dann mähte man das Gras, allein nur an wenigen Stellen konnte es

mittels Wagen herausgebracht werden; an den meisten mußte man es bis in den

Winter in Haufen stehen lassen, um bei gefrornem Boden es einzufahren. Unter

allen Umständen war das Gras schlecht und eine kümmerliche Nahrung. So

wenig nutzbar dieses Bruch für den Menschen und sein Hausvieh war, so

vortrefflich war es für das Wild geeignet. In früheren Zeiten hausten hier selbst

Tiere, welche jetzt in der Mark nicht mehr vorkommen, wie Luchse, Bären und

Wölfe. Besonders aber waren es die Sumpfvögel, Kraniche und Störche, welche

hochbeinig in diesem Paradiese der Frösche einherstolzierten, und mit ihnen

bewohnte die Wasser ein unendliches Heer von Enten aller Art, nebst einer

Unzahl anderer Wasservögel. Kibitze, Rohrsänger, Birkhähne, alles war da und

in den Flüssen fanden sich Schildkröten, wie allerhand Schlangen in dem mitten

im Luch gelegenen Zotzenwald.“

Im Rhin-Luch änderten sich die Dinge schon zu Anfang des sechzehnten

Jahrhunderts; Gräben wurden gezogen, das Wasser floß ab und die Herstellung

eines Dammes quer durch das Luch hindurch wurde möglich. Wo sonst die

Fehrbelliner Fähre, über Sumpf und See hin, auf- und abgefahren war, erstreckte

sich jetzt der Fehrbelliner Damm. Das Jahr genau zu bestimmen, wann dieser

Damm gebaut wurde, ist nicht mehr möglich; doch existiert schon aus dem Jahre

1582 eine Verordnung, in der vonseiten des Kurfürsten Johann Georg „dem

Capitul zu Cölln an der Spree, den von Bredows zu Kremmen und Friesack, den

Bellins zu Bellin und allen Zietens zu Dechtow und Brunne kund und zu wissen

gethan wird, daß der Bellinsche Fährdamm sehr böse sei und zu mehrerer

Beständigkeit mit Steinen belegt werden solle“.

Das große Havelländische Luch blieb in seinem Urzustand bis 1718, wo

unter Friedrich Wilhelm I. die Entwässerung begann. Vorstellungen vonseiten

der zunächst Beteiligten, die ihren eigenen Vorteil, wie so oft, nicht einzusehen

vermochten, wurden ignoriert oder abgewiesen und im Sommer desselben Jahres

begannen die Arbeiten. Im Mai 1719 waren schon über tausend Arbeiter

beschäftigt und der König betrieb die Kanalisierung des Luchs mit solchem

Eifer, daß ihm selbst seine vielgeliebten Soldaten nicht zu gut dünkten, um mit

Hand anzulegen. Zweihundert Grenadiere, unter Leitung von zwanzig

Unteroffizieren, waren hier in der glücklichen Lage, ihren Sold durch Tagelohn

erhöhen zu können. Im Jahre 1720 war die Hauptarbeit bereits getan, aber noch fünf Jahre lang wurde an der völligen Trockenlegung des Luchs gearbeitet.

Nebengräben wurden gezogen, Brücken und Stau-Schleusen angelegt, Dämme

gebaut und an allen trocken gelegten Stellen das Holz- und Strauchwerk

ausgerodet. Die Arbeiten waren zum großen Teil unter Anleitung holländischer

Werkführer und nach holländischen Plänen vor sich gegangen. Dies mochte den

Wunsch in dem König anregen, mit Hülfe der einmal vorhandenen Arbeitskräfte,

aus dem ehemaligen Sumpf- und Seelande überhaupt eine reiche, fruchtbare

Kolonie zu machen. Der Plan wurde ausgeführt und das „Amt Königshorst“

entstand an dem Nordrande des kreisförmigen Luchs ungefähr da, wo das vom

Rhin-Luch abzweigende Verbindungsstück in das Havelländische Luch

einmündet. Die Fruchtbarkeit freilich, die eben dem gewonnenen Grund und

Boden von Natur aus abging, hat kein Königlicher Erlaß ihm geben können; aber

in allem andern hat der „Soldatenkönig“ seinen Willen glücklich durchgeführt

und Königshorst mit seinen platten, unabsehbaren Grasflächen, seinen Gräben,

Deichen und Alleen, erinnert durchaus an die holländischen Landschaften des

Rhein-Deltas. Hier wie dort ist die grüne Ebene der Wiesen und Weiden belebt

von Viehherden, die hier gemischter Rasse sind: Schweizer, Holländer,

Oldenburger und Holsteiner.

Die Gewinnung guter Milch und Butter war von Anfang an ein Hauptzweck

gewesen, und es wurde demgemäß eine förmliche Lehr-Anstalt für die Kunst des

Butterns und Käsemachens eingerichtet, wohin die Beamten und kurmärkischen

Ämter eine Anzahl von Bauertöchtern, für deren gute Führung sie verantwortlich

waren, als Mägde zu schicken hatten. Diese Mägde wurden während eines

zweijährigen Dienstes in allem Nötigen unterwiesen. Dann mußten sie ohne

Hülfe der Holländerin eine Probe guter Butter bereiten, die der König selbst zu

prüfen nicht verschmähte. Fiel die Prüfung zugunsten der betreffenden Magd

aus, so verlieh ihr der König einen Brautschatz im Betrage von hundert Talern.

Diese Einrichtung hat bis zum Tode des Königs bestanden und zu ihrer Zeit

reiche Früchte getragen, die noch heutzutage nachwirkend sind. Auch Friedrich

II. widmete dem Amte Königshorst eine besondere persönliche Aufmerksamkeit.

Anfänglich ließ er den größten Teil der dortigen Ländereien zu Fettweiden

benutzen, um die Einfuhr von ausländischem Schlachtvieh für den Berliner

Markt entbehrlich zu machen; in späteren Regierungsjahren aber kehrte er ganz

zu dem Benutzungsplan des Gründers von Königshorst zurück und stellte das

von seinem Vater begründete Lehrinstitut als „eine — wie der König in einem

Erlaß vom 13. Mai 1780 sich ausdrückte — ordentliche Akademie des

Buttermachens“ wieder her. Bis diesen Tag gilt die Königshorster Butter

(Horstbutter) in Berlin als die beste. Eins fehlt ihr vielleicht — das Aroma. Das

Luchgras, was immer auch die Kultur zu seiner Verbesserung getan haben mag, kann nicht wetteifern mit dem süßen, saftigen, kräuterreichen Gras der Nordsee-

Marschen. Noch weniger ist es geglückt, das Sandland der alten Horsten

(Sandstellen im Sumpf) zu einem fruchtbaren Boden umzugestalten; nur

mühsam wird das Getreide gewonnen, das zum Unterhalt des Viehstandes nötig

ist. Von der Bedeutung jener Entwässerungsarbeiten aber, die durch König

Friedrich Wilhelm I. eingeleitet wurden, wird man sich am ehesten eine

Vorstellung machen können, wenn man erfährt, daß die Gesamtlänge der im

Luche befindlichen Gräben und Kanäle über einundsiebzig Meilen beträgt.

 

[15] Zu den vielen Eigentümlichkeiten der Havel gehört auch die, daß sie, von Norden

kommend, auf dem letzten Drittel ihres Laufes wieder nach Norden fließt. Sie beschreibt also einen Halbbogen und umfängt mit ihrem gekrümmten Arm ein fünfzig Quadratmeilen großes Stück Land, das „Havelland“.