Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 76 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Baumgartenbrück

And thus an acry point he won,

Where, gleaming with the setting sun,

One burnished sheet of living gold,

Loch-Katrine lay beneath him roll’d.

 

Lady of the Lake

 

D ie Havel, als sie nach Süden hin den Schwielow-See bildete, um sich innerhalb dieses weiten Bassins zu ergehen, mußte doch schließlich aus dieser

Sackgasse wieder heraus, und die Frage war nur: wo? In der Regel behalten die

durchbrechenden Wogen die einmal eingeschlagene Richtung bei und ruhen

nicht eher, als bis sie, dem Durchbrechungspunkte gegenüber, einen Ausgang

gefunden oder gewählt und gebohrt haben. Nicht so hier. Die Havel schoß eben

nicht wie ein Pfeil von Nord nach Süd durch das Moor- und Sumpfbecken

hindurch, in welchem sie während dieser Stunden den Schwielow schuf, sie

erging sich vielmehr innerhalb desselben, entschlug sich jeder vorgefaßten

Richtung und nahm endlich ihren Abfluß halbrückwärts, keine zweitausend

Schritt von der Stelle entfernt, wo sie kurz vorher den Damm durchbrochen

hatte. An dieser Abflußstelle, wo also die Havel nach ihrer Schwielow-

Promenade sich wieder verengt, um nordwestwärts weiter zu fließen, liegt

Baumgartenbrück.

Dies Baumgartenbrück wird schon frühe genannt und bereits im 13.

Jahrhundert findet sich eine Burg Bomgarde oder Bomgard verzeichnet, ein

sonderbares Wort, in dem unsere Slawophilen, nach Analogie von Stargard,

Belgard, eine halbwendische Bezeichnung haben erkennen wollen. Was es nun

aber auch mit dieser Bomgarde auf sich haben möge, ob sie wendisch oder

deutsch, soviel verbleibt ihr, daß sie seit historischen Tagen und namentlich

seitdem ein Bomgarden-Brück daraus geworden, immer ein Punkt von

Bedeutung war, ein Punkt, dessen Wichtigkeit gleichen Schritt hielt mit dem

industriellen Aufblühen der Schwielow- und Havel-Ufer. Die Einnahmen

verzehnfachten sich und wenn früher hier ein einfacher, altmodischer Zoll

gezahlt worden war, um die Landreisenden trocken von einem Ufer zum andern

zu bringen, so kamen nun die viel einträglicheren Tage, wo, neben dem

Brückenzoll für Pferd und Wagen, vor allem auch ein Brücken-Aufzugzoll für

alle durchpassierenden Schiffe gezahlt werden mußte. Der Kulturstaat etablierte

hier eine seiner Doppelpressen; zu Land und zu Wasser — gezahlt mußte

werden, und Baumgartenbrück wurde für Brückengeld-Einnehmer allmählich das, was die Charlottenburger Chausseehäuser für Chausseegeld-Einnehmer

waren. Und so ist es noch. —

Aber die lachenden Tage von Baumgartenbrück brachen doch erst an, als,

vor etwa vierzig Jahren, aus dem her stehenden Brückenwärterhaus ein Gasthaus

wurde, ein Vergnügungsort für die Potsdamer schöne Welt, die mehr und mehr

anfing, ihren Brauhausberg und ihren Pfingstberg den Berlinern abzutreten und

sich eine stille Stelle für sich selber zu suchen. Sie verfuhren dabei kurz und

sinnig wie die Schweizer, die ihre Allerwelts-Schönheitspunkte: den Genfer- und

den Vierwaldstättersee den Fremden überlassen, um an irgend einer abgelegenen

Stelle der Glarner Alpen „ihre Schweiz für sich“ zu haben. Die Potsdamer

wählten zu diesem Behufe Baumgartenbrück.

Und es war eine vorzügliche Wahl! Es vereinigt sich hier alles, was einem

Besuchsorte zur Zierde und Empfehlung gereichen kann: Stille und Leben,

Abgeschlossenheit und Weitblick, ein landschaftliches Bild ersten Ranges und

eine vorzügliche Verpflegung. Hier unter den Laubgängen zu sitzen, nach einem

tüchtigen Marsch oder einer Fahrt über den See, ist ein Genuß, der alle Sinne

gefangen nimmt; nur muß man freilich die Eigenart des Platzes kennen und

beispielsweise wissen, daß hier nur eines getrunken werden darf: eine

Werdersche.

Mit der Werderschen, und wir treten damit in eine bukolische Betrachtung

ein, ist es nämlich ein eigen Ding. Sie ist entweder zu jung, oder zu alt, entweder

so phlegmatisch, daß sie sich nicht rührt, oder so hitzig, daß sie an die Decke

fährt; in Baumgartenbrück aber steht sie im glücklichen Mittelpunkt ihres

Lebens; gereift und durchgeistigt, ist sie gleich weit entfernt von schaler Jugend,

wie von überschäumendem Alter. Die Werdersche hier hat einen festen, drei

Finger breiten Schaum; feinfarbig, leicht gebräunt, liegt er auf der dunkeln und

doch klaren Flut. Der erste Brauer von Werder ist Stammgast in

Baumgartenbrück; er trinkt die Werdersche, die er selber ins Leben rief, am

besten an dieser Stelle. Er ist wie ein Vater, der seinen früh aus dem Hause

gegebenen Sohn am Tisch eines Pädagogen wohlerzogen wiederfindet.

Baumgartenbrück, trotz des Verkehrs, der an ihm vorüber gleitet, ist ganz

ausgesprochen ein stiller, lauschiger Platz; vor allem kein Platz prätentiöser

Konzerte. Kein Podium mit Spitzbogen-Fassade und japanischem Dach stellt

sich hier, wie eine beständige Drohung, in die Mitte der Versammlung hinein

und keine Riesenplakate erzählen dem arglos Eingetretenen, daß er gezwungen

sei, zu Nutz und Frommen eines Abgebrannten oder Überschwemmten zwei

Stunden lang sich ruhig zu verhalten. Diese Ungemütlichkeiten haben keine

Stätte unter den Bäumen von Baumgartenbrück.

Hier ist nur der böhmische Musikant zu Hause, der des Weges zieht und mit

dem Notenblatt sammelt. Eben treten wieder ihrer sieben ein, stellen sich

schüchtern seitwärts, und wohl wissend, wie gefährlich jedes Zaudern für sie ist,

beginnen sie sofort. Il Baccio eröffnet den Reigen. Wohl ist es hart. Die Posaune,

mit beinah künstlerischem Festhalten eines Tones, erinnert an das

Nachtwächterhorn alter Tage; die Trompete kreischt, der Triangel bimmelt

erbärmlich. Wie immer auch, seid mir gegrüßt! —

Wenn ich dieser alten Gestalten mit den schadhaften Bärten und den

verbogenen Käppis ansichtig werde, lacht mir immer das Herz. Nicht aus

Sentimentalität, nicht weil sie mich an Jugendtage erinnern, sondern weil sie so

bequem, so harmlos sind, während der moderne Künstler, nach eigner Neigung

und vor allem auch durch die feierliche Gutheißung des Publikums, sich mehr

und mehr zu einem Tyrannen der Gesellschaft aufgeschwungen hat. Du bist

irgendwo in ein Gespräch verwickelt, nehmen wir an in das unbedeutendste von

der Welt, über Drainierung, oder Spargelzucht, oder luftdichte Ofentüren;

niemand verliert etwas, der von diesem Gespräche nichts hört, aber Dir und

Deinem Nachbar gefällt es, euch beiden ist es lieb und wert, und ihr treibt

behaglich auf der Woge der Unterhaltung. In diesem Augenblick stillen,

harmlosen Glückes gibt irgend ein dicker oder dünner primus inter pares mit

seiner silbernen Klappentrompete ein Zeichen und verurteilt Dich ohne weiteres

zum Schweigen. Willst Du nicht darauf achten, so wirst Du gesellschaftlich in

den Bann getan: Du mußt zuhören, Du mußt die „lustigen Weiber von Windsor“

sich zum zehnten Male zanken, oder gar die Prinzessin Isabella zum hundertsten

Male um „Gnade“ rufen hören. Nichts hilft dagegen. Wie anders diese echten

und unechten Bergmanns-Virtuosen! Sie blasen drauf los, alle Kinder sind

entzückt, Du selber folgst lachend den stolpernden Dissonanzen und hast dabei

das süße Gefühl bewahrter persönlicher Freiheit. Die allgemein anerkannte

künstlerische Unvollkommenheit wird zum rettenden Engel.

Baumgartenbrück ist noch ein Platz dieser Freiheit.

Aber was dauernd hier fesselt, weit über das beste Bier und die

bescheidenste Musik hinaus, das sind doch die Gaben der Natur, das ist — wir

deuteten es schon an — die seltene Schönheit des Platzes. Es ist eine „Brühlsche

Terrasse“ am Schwielow-See. Bastionartig springt ein mit Linden und Kastanien

dicht bestandener Uferwall in den See hinein, und so viele Bäume, so viele

Umrahmungen eines von Baum zu Baum wechselnden Panoramas. Welche

Reihenfolge entzückender Bilder! Man sitzt wie auf dem Balkon eines Hauses,

das an der Schmalseite eines langen Squares gelegen ist, und während das Auge

über die weite Fläche des oblongen Platzes hingleitet, zieht unmittelbar unter dem Balkon das Treiben einer belebten Straße fort. Der Platz ist der Schwielow-

See, die belebte Straße ist die Havel, deren Fahrwasser an dem Quai vorüber und

durch die unmittelbar zur Rechten gelegene Brücke führt.

Ist es hier schön zu allen Tageszeiten, so waltet hier ein besonderer Zauber

um die sechste Stunde; dann schwimmen, kommend und gehend, aus dem

Schwielow hinaus und in den Schwielow hinein, aber alle von der Abendsonne

beschienen, die Havelkähne in ganzen Geschwadern heran und zwischen ihnen

hindurch gleitet von Werder her der obstbeladene Dampfer. Die Zugbrücke steigt

und fällt in beständigem Wechsel, bis mit dem Niedergehen der Sonne auch der

Verkehr zu Ende geht.

Nun dunkelt es. In den Lindenlauben werden die Lichter angezündet und

spiegeln im See. Noch hallt dann und wann ein Ruf herüber, oder ein

Büchsenschuß aus dem Fercher Forst her rollt im Echo über den See; — dann

alles still. Die Lichter löschen aus, wie die Glühpunkte in einem

niedergebrannten Papier. Ein Huschen noch hier hin, dort hin; nun verblitzt das

letzte.

Nacht liegt über Baumgartenbrück und dem Schwielow.