Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Baumgartenbrück
And thus an acry point he won,
Where, gleaming with the setting sun,
One burnished sheet of living gold,
Loch-Katrine lay beneath him roll’d.
Lady of the Lake
D ie Havel, als sie nach Süden hin den Schwielow-See bildete, um sich innerhalb dieses weiten Bassins zu ergehen, mußte doch schließlich aus dieser
Sackgasse wieder heraus, und die Frage war nur: wo? In der Regel behalten die
durchbrechenden Wogen die einmal eingeschlagene Richtung bei und ruhen
nicht eher, als bis sie, dem Durchbrechungspunkte gegenüber, einen Ausgang
gefunden oder gewählt und gebohrt haben. Nicht so hier. Die Havel schoß eben
nicht wie ein Pfeil von Nord nach Süd durch das Moor- und Sumpfbecken
hindurch, in welchem sie während dieser Stunden den Schwielow schuf, sie
erging sich vielmehr innerhalb desselben, entschlug sich jeder vorgefaßten
Richtung und nahm endlich ihren Abfluß halbrückwärts, keine zweitausend
Schritt von der Stelle entfernt, wo sie kurz vorher den Damm durchbrochen
hatte. An dieser Abflußstelle, wo also die Havel nach ihrer Schwielow-
Promenade sich wieder verengt, um nordwestwärts weiter zu fließen, liegt
Baumgartenbrück.
Dies Baumgartenbrück wird schon frühe genannt und bereits im 13.
Jahrhundert findet sich eine Burg Bomgarde oder Bomgard verzeichnet, ein
sonderbares Wort, in dem unsere Slawophilen, nach Analogie von Stargard,
Belgard, eine halbwendische Bezeichnung haben erkennen wollen. Was es nun
aber auch mit dieser Bomgarde auf sich haben möge, ob sie wendisch oder
deutsch, soviel verbleibt ihr, daß sie seit historischen Tagen und namentlich
seitdem ein Bomgarden-Brück daraus geworden, immer ein Punkt von
Bedeutung war, ein Punkt, dessen Wichtigkeit gleichen Schritt hielt mit dem
industriellen Aufblühen der Schwielow- und Havel-Ufer. Die Einnahmen
verzehnfachten sich und wenn früher hier ein einfacher, altmodischer Zoll
gezahlt worden war, um die Landreisenden trocken von einem Ufer zum andern
zu bringen, so kamen nun die viel einträglicheren Tage, wo, neben dem
Brückenzoll für Pferd und Wagen, vor allem auch ein Brücken-Aufzugzoll für
alle durchpassierenden Schiffe gezahlt werden mußte. Der Kulturstaat etablierte
hier eine seiner Doppelpressen; zu Land und zu Wasser — gezahlt mußte
werden, und Baumgartenbrück wurde für Brückengeld-Einnehmer allmählich das, was die Charlottenburger Chausseehäuser für Chausseegeld-Einnehmer
waren. Und so ist es noch. —
Aber die lachenden Tage von Baumgartenbrück brachen doch erst an, als,
vor etwa vierzig Jahren, aus dem her stehenden Brückenwärterhaus ein Gasthaus
wurde, ein Vergnügungsort für die Potsdamer schöne Welt, die mehr und mehr
anfing, ihren Brauhausberg und ihren Pfingstberg den Berlinern abzutreten und
sich eine stille Stelle für sich selber zu suchen. Sie verfuhren dabei kurz und
sinnig wie die Schweizer, die ihre Allerwelts-Schönheitspunkte: den Genfer- und
den Vierwaldstättersee den Fremden überlassen, um an irgend einer abgelegenen
Stelle der Glarner Alpen „ihre Schweiz für sich“ zu haben. Die Potsdamer
wählten zu diesem Behufe Baumgartenbrück.
Und es war eine vorzügliche Wahl! Es vereinigt sich hier alles, was einem
Besuchsorte zur Zierde und Empfehlung gereichen kann: Stille und Leben,
Abgeschlossenheit und Weitblick, ein landschaftliches Bild ersten Ranges und
eine vorzügliche Verpflegung. Hier unter den Laubgängen zu sitzen, nach einem
tüchtigen Marsch oder einer Fahrt über den See, ist ein Genuß, der alle Sinne
gefangen nimmt; nur muß man freilich die Eigenart des Platzes kennen und
beispielsweise wissen, daß hier nur eines getrunken werden darf: eine
Werdersche.
Mit der Werderschen, und wir treten damit in eine bukolische Betrachtung
ein, ist es nämlich ein eigen Ding. Sie ist entweder zu jung, oder zu alt, entweder
so phlegmatisch, daß sie sich nicht rührt, oder so hitzig, daß sie an die Decke
fährt; in Baumgartenbrück aber steht sie im glücklichen Mittelpunkt ihres
Lebens; gereift und durchgeistigt, ist sie gleich weit entfernt von schaler Jugend,
wie von überschäumendem Alter. Die Werdersche hier hat einen festen, drei
Finger breiten Schaum; feinfarbig, leicht gebräunt, liegt er auf der dunkeln und
doch klaren Flut. Der erste Brauer von Werder ist Stammgast in
Baumgartenbrück; er trinkt die Werdersche, die er selber ins Leben rief, am
besten an dieser Stelle. Er ist wie ein Vater, der seinen früh aus dem Hause
gegebenen Sohn am Tisch eines Pädagogen wohlerzogen wiederfindet.
Baumgartenbrück, trotz des Verkehrs, der an ihm vorüber gleitet, ist ganz
ausgesprochen ein stiller, lauschiger Platz; vor allem kein Platz prätentiöser
Konzerte. Kein Podium mit Spitzbogen-Fassade und japanischem Dach stellt
sich hier, wie eine beständige Drohung, in die Mitte der Versammlung hinein
und keine Riesenplakate erzählen dem arglos Eingetretenen, daß er gezwungen
sei, zu Nutz und Frommen eines Abgebrannten oder Überschwemmten zwei
Stunden lang sich ruhig zu verhalten. Diese Ungemütlichkeiten haben keine
Stätte unter den Bäumen von Baumgartenbrück.
Hier ist nur der böhmische Musikant zu Hause, der des Weges zieht und mit
dem Notenblatt sammelt. Eben treten wieder ihrer sieben ein, stellen sich
schüchtern seitwärts, und wohl wissend, wie gefährlich jedes Zaudern für sie ist,
beginnen sie sofort. Il Baccio eröffnet den Reigen. Wohl ist es hart. Die Posaune,
mit beinah künstlerischem Festhalten eines Tones, erinnert an das
Nachtwächterhorn alter Tage; die Trompete kreischt, der Triangel bimmelt
erbärmlich. Wie immer auch, seid mir gegrüßt! —
Wenn ich dieser alten Gestalten mit den schadhaften Bärten und den
verbogenen Käppis ansichtig werde, lacht mir immer das Herz. Nicht aus
Sentimentalität, nicht weil sie mich an Jugendtage erinnern, sondern weil sie so
bequem, so harmlos sind, während der moderne Künstler, nach eigner Neigung
und vor allem auch durch die feierliche Gutheißung des Publikums, sich mehr
und mehr zu einem Tyrannen der Gesellschaft aufgeschwungen hat. Du bist
irgendwo in ein Gespräch verwickelt, nehmen wir an in das unbedeutendste von
der Welt, über Drainierung, oder Spargelzucht, oder luftdichte Ofentüren;
niemand verliert etwas, der von diesem Gespräche nichts hört, aber Dir und
Deinem Nachbar gefällt es, euch beiden ist es lieb und wert, und ihr treibt
behaglich auf der Woge der Unterhaltung. In diesem Augenblick stillen,
harmlosen Glückes gibt irgend ein dicker oder dünner primus inter pares mit
seiner silbernen Klappentrompete ein Zeichen und verurteilt Dich ohne weiteres
zum Schweigen. Willst Du nicht darauf achten, so wirst Du gesellschaftlich in
den Bann getan: Du mußt zuhören, Du mußt die „lustigen Weiber von Windsor“
sich zum zehnten Male zanken, oder gar die Prinzessin Isabella zum hundertsten
Male um „Gnade“ rufen hören. Nichts hilft dagegen. Wie anders diese echten
und unechten Bergmanns-Virtuosen! Sie blasen drauf los, alle Kinder sind
entzückt, Du selber folgst lachend den stolpernden Dissonanzen und hast dabei
das süße Gefühl bewahrter persönlicher Freiheit. Die allgemein anerkannte
künstlerische Unvollkommenheit wird zum rettenden Engel.
Baumgartenbrück ist noch ein Platz dieser Freiheit.
Aber was dauernd hier fesselt, weit über das beste Bier und die
bescheidenste Musik hinaus, das sind doch die Gaben der Natur, das ist — wir
deuteten es schon an — die seltene Schönheit des Platzes. Es ist eine „Brühlsche
Terrasse“ am Schwielow-See. Bastionartig springt ein mit Linden und Kastanien
dicht bestandener Uferwall in den See hinein, und so viele Bäume, so viele
Umrahmungen eines von Baum zu Baum wechselnden Panoramas. Welche
Reihenfolge entzückender Bilder! Man sitzt wie auf dem Balkon eines Hauses,
das an der Schmalseite eines langen Squares gelegen ist, und während das Auge
über die weite Fläche des oblongen Platzes hingleitet, zieht unmittelbar unter dem Balkon das Treiben einer belebten Straße fort. Der Platz ist der Schwielow-
See, die belebte Straße ist die Havel, deren Fahrwasser an dem Quai vorüber und
durch die unmittelbar zur Rechten gelegene Brücke führt.
Ist es hier schön zu allen Tageszeiten, so waltet hier ein besonderer Zauber
um die sechste Stunde; dann schwimmen, kommend und gehend, aus dem
Schwielow hinaus und in den Schwielow hinein, aber alle von der Abendsonne
beschienen, die Havelkähne in ganzen Geschwadern heran und zwischen ihnen
hindurch gleitet von Werder her der obstbeladene Dampfer. Die Zugbrücke steigt
und fällt in beständigem Wechsel, bis mit dem Niedergehen der Sonne auch der
Verkehr zu Ende geht.
Nun dunkelt es. In den Lindenlauben werden die Lichter angezündet und
spiegeln im See. Noch hallt dann und wann ein Ruf herüber, oder ein
Büchsenschuß aus dem Fercher Forst her rollt im Echo über den See; — dann
alles still. Die Lichter löschen aus, wie die Glühpunkte in einem
niedergebrannten Papier. Ein Huschen noch hier hin, dort hin; nun verblitzt das
letzte.
Nacht liegt über Baumgartenbrück und dem Schwielow.