Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 1 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Die Wenden und die Kolonisation der Mark durch die Zisterzienser

Die Wenden

 

und die Kolonisation der Mark

durch die Zisterzienser

Die Wenden in der Mark

 

1.

Geographisch-Historisches

 

Lichthelle Götter,

Höret,

Höret unser Flehen um Sieg!

Wir kämpfen für Leben und Freiheit,

Für Weib und Kind.

Notschirmer Radigast,

Krieghelfer Svantevit,

Leidwahrer Triglaw,

O, verleihet uns Sieg!

 

Karl Seidel

 

A m Nordufer der Mittel-Havel, den ganzen Havelgau und südlich davon die „Zauche“ beherrschend, lag die alte Wendenfeste Brennabor. Ihre Eroberung

durch Albrecht den Bären (1157) entschied über den Besitz dieses und der

benachbarten Landesteile, die von da ab ihrer Christianisierung und, was

insonderheit die Havelgegenden angeht, auch ihrer Germanisierung rasch

entgegen gingen. Diese Germanisierung, soweit sie durch die Klöster erfolgte,

soll uns in den nächsten Kapiteln beschäftigen; unsere heutige Aufgabe aber

wendet sich ausschließlich der heidnischen Epoche vor 1157 zu und versucht in

dieser Vorgeschichte der Mark eine Geschichte der märkischen Wenden zu

geben. Dieser Ausdruck ist nicht völlig korrekt. Es soll heißen: Wenden, die,

noch ehe es eine „Mark“ gab, in demjenigen Landesteile wohnten, der später

Mark Brandenburg hieß.

Zuerst ein Wort über die Wenden überhaupt. Sie bildeten den am meisten

nach Westen vorgeschobenen Stamm der großen slavischen Völkerfamilie;

hinter ihnen nach Osten und Südosten saßen die Polen, die Südslaven, die Groß-

und Klein-Russen.

Die Wenden rückten, etwa um 500, in die halb entvölkerten Lande

zwischen Oder und Elbe ein. Sie fanden hier noch die zurückgebliebenen Reste der alten Semnonen, jenes großen germanischen Stammes, der vor ihnen das

Land zwischen Elbe und Oder inne gehabt und es — entweder einem Drucke

von Osten her nachgebend, oder aber durch Abenteuerdrang dazu getrieben —

im Laufe des fünften Jahrhunderts verlassen hatte. Nur Greise, Weiber und

Kinder waren teilweis zurückgeblieben und kamen in Abhängigkeit von den

vordringenden Wenden. Diese wurden nunmehr der herrschende Stamm und

gaben dem Lande sein Gepräge, den Dingen und Ortschaften ihre wendischen

Namen. Als nach drei-, vier- und fünfhundert Jahren die Deutschen zum ersten

Male wieder mit diesem Lande „zwischen Elbe und Oder“ in Berührung kamen,

fanden sie, wenige Spuren ehemaligen deutschen Lebens abgerechnet, ein völlig

slavisches, d. h. wendisches Land vor.

Das Land war wendisch geworden, ebenso die östlicheren Territorien

zwischen Oder und Weichsel. Aber das westliche Wendenland war doch die

Hauptsache. Hier, zwischen Oder und Elbe, standen die berühmtesten Tempel,

hier wohnten die tapfersten und mächtigsten Stämme.

Dieser Stämme, wenn wir von kleineren Gemeinschaften vorläufig absehen,

waren drei: die Obotriten im heutigen Mecklenburg, die Liutizen in Mark und

Vorpommern und die Sorben oder Serben im Meißnischen und der Lausitz.

Unter diesen drei Hauptstämmen der Westwenden, ja vielleicht der Wenden

überhaupt, waren wiederum die Liutizen, denen also die märkischen Wenden als

wesentlicher Bruchteil zugehörten, die ausgedehntesten und mächtigsten. Mit

ihnen stand und fiel die Vormauer des Slaventums, und der beste, zuverlässigste

und wichtigste Teil der ganzen Wendengeschichte ist die Geschichte dieses

Stammes, die Geschichte der Liutizen. Šafařik sagt von ihnen: „Unter den

polabischen, d. h. den an der Elbe wohnenden Slaven waren die Liutizen oder

Lutizer oder Weleten durch ihre Volksmenge und Streitbarkeit, wie durch ihre

Ausdauer bei alten Sitten und Gebräuchen, die berühmtesten. Ihr Name wird in

den deutschen Annalen von Karl dem Großen bis zu ihrer völligen Unterwerfung

(1157) öfter denn irgend ein anderer Volksname genannt; er herrscht sogar in

altdeutschen Sagen und Märchen. In russischen Volkssagen wird er noch

heutigestags vom Volke mit Schrecken erwähnt.“ So weit Šafařik. Ehe wir

indessen zu einer kurzgefaßten Geschichte der Liutizen überhaupt übergehen,

schicke ich den Versuch einer politischen Geographie des Liutizer-Landes

voraus.

Die Liutizen, wie schon angedeutet, hatten ihre Sitze nicht bloß in der

Mark; einige ihrer hervorragendsten Stämme bewohnten Neu-Vorpommern,

noch andere das heutige Mecklenburg-Strelitz. Sie lebten innerhalb dieser drei

Landesteile: Mark, Strelitz, Vorpommern, in einer nicht genau zu bestimmenden Anzahl von Gauen, von denen folgende die wichtigsten waren oder doch die

bekanntesten gewesen sind.

In der Mark: die Brizaner in der Priegnitz; die Morizaner in der Gegend

von Leitzkau, Grabow, Nedlitz; die Stodoraner und Heveller in Havelland und

Zauche; die Spriavaner im Teltow und Nieder-Barnim, also zu beiden Seiten der

Spree; die Rizianer in der Nähe von Wriezen, am Rande des Oderbruches hin;

die Ukraner in der Nähe von Pasewalk.

In Pommern und Mecklenburg-Strelitz: die Chizziner in der Nähe von

Güstrow; die Circipaner um Wolgast herum; die Dolenzer um Demmin und

Stolp; die Ratarer oder Redarier zwischen Ober-Havel, Peene und Tollense; die

Woliner auf Wollin und Usedom; die Rugianer oder Ranen auf Rügen. Kleinere

eingestreute Gaue waren: Sitna oder Ziethen; der Murizzi-Gau am Müritz-See;

der Dossaner Gau an der Dosse bei Wittstock.

Unter allen diesen Völkerschaften, Stämmen und Stämmchen, man könnte

sie Clans nennen, waren wohl die Ranen und die Redarier am wichtigsten, beide

als Hüter der zwei heiligsten Tempelstätten Rethra[1] und Arkona. Die Ranen

außerdem noch ausgezeichnet als Seefahrer und siegreich über die Dänen.

Die märkischen Wenden konnten nach dieser Seite hin mit den Wenden in

Pommern und Mecklenburg nicht wetteifern, aber andererseits fiel ihnen die

Aufgabe zu, in den jahrhundertelangen Kämpfen mit dem andringenden

Deutschtum beständig auf der Vorhut zu stehen, und in dem Mute, den die

Spree- und Havelstämme in diesen Kämpfen entwickelt haben, wurzelt ihre

Bedeutung. Wenn die Ranen, und namentlich auch die Retarier, wie ein Stamm

Levi, kirchlich vorherrschten, so prävalierten die märkischen Wenden politisch.

Brandenburg, das wir wohl nicht mit Unrecht als den wichtigsten Punkt dieses

märkischen Wendenlandes ansehen, wurde neunmal erobert und wieder verloren,

siebenmal durch Sturm, zweimal durch Verrat. Die Kämpfe drehten sich mehr

oder weniger um seinen Besitz.

Die ersten Berührungen mit der wendischen Welt, mit den Volksstämmen

zwischen Elbe und Oder, fanden unter Karl dem Großen statt; sie führten zu

nichts Erheblichem. Erst unter dem ersten Sachsenkaiser, Heinrich dem Finkler,

wurde eine Unterwerfung der Wenden versucht und durchgeführt.

Diese Kämpfe begannen im Jahre 924 durch einen Einfall Heinrichs in das

Land der Stodoraner und durch Wegnahme Brennabors. Dieser Wegnahme

folgten Aufstände der Retarier, Stodoraner und Ukraner, woran sich dann neue

deutsche Siege reihten.

Es war eine endlos ausgesponnene Kette, in der jedes einzelne Glied so

Ursach wie Wirkung war. Die deutsche Grausamkeit schuf wendische Aufstände, und den wendischen Aufständen folgten erneute Niederlagen, die,

von immer neuen Grausamkeiten des Siegers begleitet, das alte Wechselspiel

wiederholten. So war es unter Kaiser Heinrich, und so war es unter Otto dem

Großen. Zweimal wurden die Wenden in blutigen Schlachten niedergeworfen,

929 bei Lunkini (Lenzen),[2] 935 am Dosa-Fluß (an der Dosse), aber ihre Kraft

war ungebrochen, und der Tag kam heran, der bestimmt war, alle Niederlagen

quitt zu machen. Dies war die Schlacht am Tanger-Fluß 983. Da von dieser Zeit

an das schon halb tot geglaubte Wendentum einen neuen Aufschwung nahm und

noch einmal in aller Macht und Furchtbarkeit aufblühte, so mag es gestattet sein,

bei den Vorgängen einen Augenblick zu verweilen, die zu dieser Schlacht am

Tanger führten.

Mistewoi war Obotritenfürst und bereits Christ geworden. Er hielt zum

Herzog Bernhard, der damals Markgraf von Nordmark war, und fühlte sich

demselben an Macht, Geburt und Ansehen nah genug, um um dessen Nichte

anzuhalten. Der Markgraf versprach sie ihm; Mistewoi aber, um ganz in die

Reihe christlicher Fürsten einzutreten, zog zunächst mit tausend wendischen

Edelleuten nach Italien und focht an Kaiser Ottos Seite in der großen Schlacht

bei Basantello. Als er zurückgekehrt war, erschien er vor Markgraf Bernhard und

wiederholte seinen Antrag. Dieser schwankte jetzt aber, und ein anderer

deutscher Fürst, der zugegen war, raunte dem Markgrafen zu: „Mit nichten;

eines deutschen Herzogs Blutsverwandte gehört nicht an die Seite eines

wendischen Hundes.“ Mistewoi hatte gehört, was der Nebenstehende halblaut

vor sich hin gesprochen hatte, und verließ die Halle. Bernhard, der das nun

Bevorstehende ahnen mochte, schickte dem tödlich verletzten Wendenfürsten

Boten nach, aber dieser ließ nur antworten: „Der Tag kommt, wo die Hunde

beißen.“ Er ging nun nach Rethra, wo der Haupttempel aller wendischen

Stämme stand, und rief — die Obotriten standen selbstverständlich zu ihm —

auch alle liutizischen Fürsten zusammen und erzählte ihnen die erlittene

Schmach. Dann tat er sein Christentum von sich und bekannte sich vor dem

Bilde Radegasts aufs neue zu den alten Göttern. Gleich darauf ließ er dem

Sachsengrafen sagen: „Nun hab acht, Mistewoi der Hund kommt, um zu bellen

und wird bellen, daß ganz Sachsenland erschrecken soll.“ Der Markgraf aber

antwortete: „Ich fürchte nicht das Brummen eines Bären, geschweige das Bellen

eines Hundes.“ Am Tangerfluß kam es zur Schlacht, und die Sachsen wurden

geschlagen. Das hatte Mistewoi der Hund getan. Die Unterwerfung, die 924

begonnen hatte, hatte 983 wieder ein Ende.

Der Dom zu Brandenburg wurde zerstört, und aus dem Harlunger Berge

erhob sich das Bild des Triglaw. Von dort aus sah es noch wieder einhundertundfünfzig Jahre lang in wendische Lande hinein. Die Liutizen waren

frei.

Drei Generationen hindurch hielt sich, nach diesem großen Siege, die

Macht der Wenden unerschüttert; Kämpfe fanden statt, sie rüttelten an der

wiedererstandenen Wendenmacht, aber sie brachen sie nicht. Erst mit dem

Eintritt des zwölften Jahrhunderts gingen die Dinge einer Wandlung entgegen;

die Wendenstämme, unter einander in Eifersüchteleien sich aufreibend, zum Teil

auch uneins durch die rastlos weiter wirkende Macht des Christentums, waren

endlich wie ein unterhöhlter Bau, der bei dem ersten ernsteren Sturme fallen

müßte. Die Spree- und Havellandschaften waren, so scheint es, die letzten

Zufluchtsstätten des alten Wendentums; Brennabor, nachdem rund umher immer

weiteres Terrain verloren gegangen war, war mehr und mehr der Punkt

geworden, an dessen Besitz sich die Frage knüpfte, wer Herrscher sein solle im

Lande, Sachse oder Wende, Christentum oder Heidentum. Das Jahr 1157, wie

eingangs schon bemerkt, entschied über diese Frage. Albrecht der Bär erstürmte

Brennabor, die letzten Aufstände der Brizaner und Stodoraner wurden

niedergeworfen, und mit der Unterwerfung des Spree- und Havellandes empfing

das Wendenland zwischen Elbe und Oder überhaupt den Todesstoß. (Rethra war

schon vorher gefallen, wenigstens seiner höchsten Macht entkleidet worden. Nur

der Swantewittempel auf Arkona hielt sich um zwanzig Jahre länger, bis der

Dänenkönig „Waldemar der Sieger“ auch diesen zerstörte.)

Soviel in kurzen Zügen von der Geschichte des Wendenlandes zwischen

Elbe und Oder. Wir wenden uns jetzt einer mehr kulturhistorischen

Untersuchung zu und stellen zusammen, was wir über Charakter, über Sitte,

Recht und Kultur des alten Wendentums wissen.