Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 28 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Das Belvedere im Schloßgarten zu Charlottenburg

Das Belvedere

im Schloßgarten zu Charlottenburg

 

Verschlossene Fenster,

Nichts ein noch aus,

Nur Spinnen und Gespenster

Sind hier zu Haus.

 

E s regnet. Auf den Plüschbänken des Charlottenburger Omnibus sitzt ein halbes Dutzend fröstelnde Gestalten, gleichgiltig oder verstimmt, jeder einen

abtröpfelnden Alpakka in Händen. Keiner spricht. Ein Dunst, wie wenn Wäsche

trocknet, nebelt um uns her, und ein Kautschuk-Mantel neben mir ist nicht

angetan, die klimatischen Verhältnisse zu bessern.

Es regnet, und am Ende mit Recht. Schreiben wir doch den 19. November!

Wer mag da Sonnenschein fordern, wenn es ihn lüstet, den Charlottenburger

Schloßgarten zu besuchen. Was von den Menschen gilt, gilt auch von den Tagen;

man muß sie nehmen, wie sie sind.

Da ist das „Knie“. Seine Rundung ist heute völlig reizlos. Das „türkische

Zelt“ sieht noch untürkischer aus als gewöhnlich, und bei Morellis hocken drei

Sperlinge auf dem schräg gestellten Gartentisch, ziehen die Köpfe ein und

schütteln die Federn. Nur die grüne Kuppel des Schlosses hat gewonnen; sie

sieht blau aus, frischer als sonst.

An den leeren Gewehrpfosten vorüber, trete ich an das halboffene

Parkgitter; der Türhüter schüttelt den Kopf. An solchem Tage Besuch! Er scheint

die Frage ergründen zu wollen, ob ich Untat gegen mich oder gegen andere

sinne. Ein Unglücklicher oder ...

„Ich möchte nach dem Belvedere. Erst durch die Orangerie, dann grade aus;

nicht wahr?“ So Lokalkenntnis und Unbefangenheit heuchelnd, schreite ich an

dem Bediensteten vorüber, der sich schließlich seinem Mienenspiele nach, damit

beruhigt: Freitag ist Besuchstag.

Asternbeete, Balsaminen; dann vorüber an den Kübeln des Gewächshauses;

noch ein Fliesengang und die Breite des eigentlichen Parkes liegt vor mir. An der

Rückseite des einen Schloßflügels hin stehen die Büsten römischer Kaiser, Nero,

Titus, Trajan; mir zunächst Tiberius. An seiner Nase hängt ein Regentropfen, fällt ab und erneut sich wieder. Es sieht so gemütlich, so einfach-menschlich aus,

daß man glauben könnte, seine „Wiederhersteller“ hätten Recht.

Weithin sichtbar laufen die Gänge des Schloßgartens bis zum Flusse nieder,

parallel mit ihnen ein Wasserbecken, halb Graben, halb Teich. Die Alleen sind

kahl. Nur einzelne Bäume, die windgeschützter standen, halten noch das je nach

der Art in allen Herbstesfarben spielende Laub fest; die Eiche goldbraun, die

Birke orangefarben, der Ahorn gelb; aber die meisten Blätter fielen ab und

liegen an tieferen Stellen zusammengeweht, oder schwimmen auf dem Wasser,

das uns bis in die Mitte des Parks begleitet.

Hier biegt das Wasser (der Teichgraben) plötzlich rechtwinklig ab und

durchschneidet den Weg. Eine Brücke führt darüber hin und unterhält den

Verkehr zwischen den beiden Ufern. Diesseits stand ein Alter und harkte das

Laub zusammen.

Ist dies die Brücke mit der Klingel?

Ja. Aber es kommt keiner mehr.

Ich weiß, Papa. Die alten Moosköpfe sind tot.

Er nickte und harkte weiter.

In der Tat befand ich mich an der vielgenannten „Klingelbrücke“, einer

ehemaligen Besuchsstation des Gartens, die viele Jahre hindurch neben dem

Mausoleum ihren Platz behauptet hatte. Der ernsten Erhebung gab man hier ein

heitres Nachspiel. Alles drängte herzu; wurde dann die Klingel gezogen, so

erschienen langsam und gravitätisch, aber immer hungrig, die berühmten

Mooskarpfen des Charlottenburger Parkes an der Oberfläche. Uralte Bursche,

wenn ich nicht irre, durch König Friedrich Wilhelm I. eigenhändig an dieser

Stelle eingesetzt. Ein eigentümlicher Sport, der darauf hinauslief, Hellinge,

Milchbrote, Kringel in die immer geöffneten Karpfenmäuler zu werfen, nahm

dann seinen Anfang. Er erinnerte an Ähnliches im zoologischen Garten, und

man darf sagen: wie sich die Schrippe zum Elefanten verhält, so verhielt sich die

Semmel zum Karpfen. Alte Frauen, nicht viel jünger wie die krokodilartigen

Ungeheuer der Tiefe, saßen hier sommerlang mit ihrem Backwerk und sahen

aus, als gehörten sie mit dazu. Es hatte etwas Spukhaftes, diese Altersanhäufung

und die Kinderwelt dazwischen.

Dieser Sport indessen sollte plötzlich ein Ende haben. Der Winter

vierundsechzig kam, das Wasser fror bis auf den Boden, die Karpfen suchten zu

retirieren, immer tiefer, aber das Eis kam ihnen nach, und eingemauert in ihrem

Moorgrund, wasser- und luftlos, mußten sie ersticken. Als im April das Eis

aufging, stiegen sie wieder an die Oberfläche, aber tot. Noch am selben Tage

wurden sie am Ufer begraben. Es waren sechsunddreißig Stück, keiner unter einhundertundfünfzig Jahre, keiner unter vier Fuß; alle trugen sie die

Karpfenkrone. „Wir haben nun neue eingesetzt,“ brummte der Alte, „aber was

will das sagen; sie sind wie Steckerlinge.“

Dieser wohlgemeinte Satz hatte mir Mut gegeben. „Ich will nach dem

Belvedere, Papa.“

„Nach’s Belfedehr. Ja, ja, da müssen Sie bis auf die Insel. Immer grad aus.

Die Fähre geht nicht mehr. Aber rechts weg, wo der rote Werft steht, da is’n

Steg. Nehmen’s sich in Acht; is alles frisch gestrichen mit Teer. Da drüber weg.“

„Dank schön, Papa.“ Damit stapfte ich weiter, durch Laub und

aufgeweichte Gänge hin, dem Rande des Parkes zu, voll wachsenden Dankes

gegen den Erfinder der Gummischuhe. Endlich stand ich an einem schmalen,

von der Spree her abgezweigten Wassergraben; zwei Pfosten hüben und drüben

und ein Tau dazwischen zeigten mir, daß dies die Fährstelle sei. Nach rechts hin

also mußte die Brücke sein. Richtig. Der frische Teergeruch ließ keinen Zweifel.

Ich schritt über die schmale Bohlenlage hin.

Der Regen ließ einen Augenblick nach und gestattete einen Umblick. Ich

stand ersichtlich auf einer Insel, der magre Boden mit dünnem Gras überzogen,

die Ufer von blutrotem Werft eingefaßt. Nach Westen hin Wiesenland, von

Spree-Armen und Eisenbahnbrücken durchzogen; am Horizonte grau in grau der

Spandauer Turm; unmittelbar vor mir aber ein seltsamer, jalousienreicher Bau,

rund, mit vier angeklebten flachen Balkonhäusern und einem kupfernen

Dachhelm, auf dessen Spitze drei Genien mit Genhimmelhaltung eines goldenen

Fruchtkorbes beschäftigt waren. Rokoko durch und durch. Im Grundriß ein

kurzes Kreuz, mit rundem Mittelstück. Dies war das Belvedere. Die drei Genien

mit dem Blumenkorb, unverkennbar an das Marmorpalais erinnernd. Die Tage

der Lichtenau standen wie auf einen Schlag vor mir: Sentimentalität und

Sinnlichkeit, Schäferspiele und kurze Röckchen, Antonius und Cleopatra. Nur

alles trivialisiert. Statt des Pharaonenkindes eine Stabstrompetertochter.

Ein Gartenarbeiter, wie ich bald wahrnahm, hatte in einem der angeklebten

Häuschen ein Unterkommen gefunden: es fand sich ein Schlüssel, der eine der

Haupttüren öffnete. Das Erdgeschoß, einst als Küchen- und Wirtschaftsraum

benutzt, war interesselos; eine schlank gewundene, von einem sauberen

Eisengitter eingefaßte Treppe führte in den ersten und zweiten Stock. Wir

stiegen hinauf. Ich hatte dieselbe Empfindung, als ging es hinunter in eine Gruft.

Abgestorbenes ringsum. Nur mumienhaft erhalten.

Die Einrichtung beider Stockwerke ist dieselbe: ein einziges saalartiges

Rundzimmer.

Der Saal des ersten Stockwerkes ist der reichere; der Fußboden parkettiert, die Wände rhombisch getäfelt mit rotbraunem Pflaumbaumholz. An der weißen

Decke kristallne Leuchter. Reliefdarstellungen aus dem Apollo- und Diana-

Mythus umziehen, halb fries-, halb supraportenartig, die obere Rundung,

während Ottomanen und Polsterstühle, in ihren Lehnen selbst wieder geschweift,

dem Rund der unteren Boisierung folgen. Zahlreiche Bilder, meist englische

Stiche nach den Dramen Shakespeares, stehen gruppenweis, die Rückseite nach

vorn, an den Wänden umher. Die dunkle Täfelung, dazu der blaue Moiré-Stoff,

der alle Polster überzieht, geben dem Zimmer einen festlichen, beinah ernsten

Charakter.

Anders der Rundsaal des zweiten Stockes. Hier ist dieselbe Art der

Ausschmückung aber ins Heitere übertragen. Wie dort Braun und ein tieferes

Blau den Ton angeben, so lacht hier alles in Weiß und Rot und Gold. Konsolen,

mit Tongefäßen in gefälliger Form, laufen girlandenartig um die Rundung her,

und die scharlachnen Seidenüberzüge, als sei es an ihrer leuchtenden Pracht

nicht genug, haben ihr Rot noch mit bunten Malereien, mit Blumen und Buketts

geschmückt. Wie im Zimmer des ersten Stockes, so lehnen sich auch hier zwei

Balkons und ein Kabinett an den Rundbau an; das Kabinett marmoriert und mit

Wandleuchtern von Goldbronze reich verziert.

In diesem Kabinett nun, nur durch zwei halb zurückgeschlagene Gardinen

von dem Rundsaal getrennt, saß König Friedrich Wilhelm II. Es war in den

ersten Jahren seiner Regierung. Eine Aufführung schien sich mit einer Art von

Feierlichkeit vorzubereiten. Und so war es. In den goldbronzenen Wandleuchtern

brannten ein paar Kerzen, aber ihr Licht, durch die schweren Gardinen

zurückgehalten, fiel nur in einzelnen Streifen nach vorn hin in den Saal.

In diesem herrschte Dämmer. Der König hatte den Wunsch ausgesprochen,

die Geister Marc Aurels, des Großen Kurfürsten und des Philosophen Leibnitz

erscheinen zu sehen. Und sie erschienen. Wie man dabei verfuhr, darüber

berichte ich an anderer Stelle. Nur dies noch. Dem Könige war gestattet worden,

Fragen an die Abgeschiedenen zu richten; er machte den Versuch, aber umsonst.

Es gelang ihm nicht, auch nur einen Laut über die bebenden Lippen zu bringen.

Dagegen vernahm er nun seinerseits von den heraufbeschworenen Geistern

strenge Worte, drohende Strafreden und die Ermahnung, auf den Pfad der

Tugend zurückzukehren. Er rief mit banger Stimme nach seinen Freunden; er bat

inständig, den Zauber zu lösen und ihn von seiner Todesangst zu befreien. Nach

einigem Zögern trat Bischofswerder in das Kabinett und führte den zum Tod

Erschöpften nach seinem Wagen. Er verlangte zur Lichtenau zurückgebracht zu

werden, ein Wunsch, dem nicht nachgegeben wurde. So kehrte er noch während

derselben Nacht nach Potsdam zurück.

Das war, wie schon angedeutet, mutmaßlich Anfang der neunziger Jahre.

Bestimmte Zeitangaben fehlen.

Von jenem Abend an stand das Belvedere fünfzig Jahre lang leer. Es war,

als wäre es an dieser Stelle nur aus der Erde gewachsen, um als Rokoko-

Schaubühne für eine Geisterkomödie, hinterher aber um als Wahrzeichen dafür

zu dienen, daß das alles einmal wirklich war.

Durch ein halbes Jahrhundert hin waren die Plätze wie verfehmt.

Marmorpalais, Belvedere, Marquardt, das Eckardtsteinsche Haus, auch andere

noch; man mied sie, man nannte sie kaum. Erst Friedrich Wilhelm IV., innerlich

freier, machte einen Versuch, den Bann der neunziger Jahre zu durchbrechen.

Das Marmorpalais sah wieder Gondeln an seiner Treppe; die Miniatur-Büste der

Lichtenau, ein Chef d’oeuvre, wurde an altem Platze aufgestellt; was einst

Abneigung erweckt hatte, weckte wieder Interesse. Auch das Belvedere schien

wieder zu Ehren kommen zu sollen. Von seinem Balkone aus sah der heitere

König, dessen eigene sittliche Integrität ihm die Milde, auch nach dieser Seite

hin, zum Bedürfnis machte, in Dämmerstunden, beim Teegeplauder, das Spreetal

hinunter, freute sich der Segelkähne, die kamen und gingen, der langen Züge, die

rasselnd, dampfend vorübersausten, der dunklen Flächen des Grunewaldes hier,

der Jungfernheide dort, endlich des roten Spandauer Turmes, der die Zickzack-

Festungswerke drüben am westlichen Horizont hoch überragte.

Das waren die Wiederbelebungsversuche für das Charlottenburger

Belvedere. Aber sie kamen und gingen wie bloße Träume. Bald schlief der Bau

mit seinen drei Rokoko-Genien weiter. Er schläft noch.

Etwas Unheimliches ist drumher, das nicht abzutun ist. Was ist es? Ist es,

weil es ein Spukhaus war, weil Gespenster hier umgingen?

Nein, denn man spielte hier nur Gespenst.

Aber fast scheint es, als ob ein doppeltes Grauen eben daraus erwuchs, daß

die Geister, die hier auftraten, nur ein Schein, eine Lüge waren.