Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 29 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Potsdam und Umgebung

Die Havelschwäne

Da geht’s an ein Picken,

An ein Schlürfen, an ein Hacken;

Sie stürzen einander über die Nacken,

Schieben sich, drängen sich, reißen sich,

Jagen sich, ängsten sich, beißen sich,

Und das all’ um ein Stückchen Brot.

 

(Lilis Park)

 

D ie Havel, um es noch einmal zu sagen, ist ein aparter Fluß; man könnte ihn seiner Form nach den norddeutschen oder den Flachlands-Neckar nennen. Er

beschreibt einen Halbkreis, kommt von Norden und geht schließlich wieder gen

Norden, und wer sich aus Kindertagen jener primitiven Schaukeln entsinnt, die

aus einem Strick zwischen zwei Äpfelbäumen bestanden, der hat die

geschwungene Linie vor sich, in der sich die Havel auf unseren Karten

präsentiert. Das Blau ihres Wassers und ihre zahllosen Buchten (sie ist

tatsächlich eine Aneinanderreihung von Seen) machen sie in ihrer Art zu einem

Unikum. Das Stückchen Erde, das sie umspannt, eben unser Havelland, ist, wie

ich in den voraufgehenden Kapiteln gezeigt habe, die Stätte ältester Kultur in

diesen Landen. Hier entstanden, hart am Ufer des Flusses hin, die alten Bistümer

Brandenburg und Havelberg. Und wie die älteste Kultur hier geboren wurde, so

auch die neueste. Von Potsdam aus wurde Preußen aufgebaut, von Sanssouci aus

durchleuchtet. Die Havel darf sich einreihen in die Zahl deutscher Kulturströme.

Aber nicht von ihren Großtaten gedenke ich heute zu erzählen, nur von

einer ihrer Zierden, von den Schwänen.

Die Schwäne sind auf dem ganzen Mittellauf der Havel zu Hause. Die

zahlreichen großen Wasserbecken, die sich hier finden: der Tegler-See, der

Wann-See, der Schwielow, die Schlänitz, die Wublitz, sind ihre Lieblingsplätze.

Ihre Gesamtzahl beträgt zweitausend. In früheren Jahren war es nicht möglich,

diese hohe Zahl zu erreichen. Während der Franzosenzeit waren sie, als ein

bequemes Jagdobjekt, zu hunderten getötet worden; später wurden die

großstädtischen Eiersammler ihrer Vermehrung gefährlich. Erst die Festsetzung

strenger Strafen machte diesem Übelstande ein Ende. Seitdem ist ihre Zahl in

einem steten Wachsen begriffen. Wie mächtige weiße Blumen blühen sie über

die blaue Fläche hin; ein Bild stolzer Freiheit.

Ein Bild der Freiheit. Und doch stehen sie unter Kontrolle, in Sommertagen

zu der Menschen, in Wintertagen zu ihrem eigenen Besten. Im Sommer werden sie eingefangen, um gerupft, im Winter, um gefüttert zu werden. So bringt der

Hofstaat oder vielleicht der Fiskus, dem sie zugehören, seine sommerliche Untat

durch winterliche Guttat wieder in Balanze. Auf die Prozedur des Einfangens

kommen wir weiterhin zurück.

Die zweitausend Schwäne zerfallen in Schwäne der Ober- und Unter-Havel;

das Gebiet der einen reicht von Tegel bis Potsdam, das der andern von Potsdam

bis Brandenburg. Die Glienicker Brücke zieht die Grenze. Die Schwäne der

oberen Havel stehen unter der Herrschaft der Spandauer, die Schwäne der

unteren Havel unter der der Potsdamer Fischer. Man könnte dies die Einteilung

der „Provinz Havelschwan“ in zwei Regierungsbezirke nennen. Diese großen

Bezirke aber zerfallen wieder in eben so viele Kreise, als es Haveldörfer gibt,

besonders auf der Strecke von Potsdam bis Brandenburg. Die Ützer Fischer

beherrschen die Wublitz, die Marquardter Fischer den Schlänitz-See, die Fischer

von Kaputh den Schwielow usw. Auf der Unterhavel allein befinden sich gewiß

zwanzig solcher Arrondissements, alle mit gewissen Rechten und Pflichten

ausgerüstet, aber alle den beiden Hauptstädten dienstbar, alle in Abhängigkeit

von Potsdam und Spandau.

Wir wenden uns nun dem Sommerfang der Schwäne zu. Er erfolgt zweimal

und hat den doppelten Zweck: den Jung-Schwan zu lähmen und den Alt-Schwan

zu rupfen. Über die Lähmung ist nicht viel zu sagen; ein Flügelglied wird

weggeschnitten, damit ist es getan. — Desto komplizierter ist der Prozeß des

Rupfens. Er geschieht an zwei verschiedenen Stellen. Die Schwäne der Ober-

Havel werden auf dem Pichelswerder, die Schwäne der Unter-Havel auf dem

„Depothof“ bei Potsdam gerupft. Das Verfahren ist an beiden Orten dasselbe.

Wir geben es, wie wir es auf dem Depothof sahen.

Der „Schwanenmeister“, Gesamtbeherrscher des ganzen Volkes cygnus

zwischen Tegel und Brandenburg, gibt die Order: „Am 20. Mai (der Tag

wechselt) wird gerupft.“ Nun beginnt das Einfangen. Die Fischer der

verschiedenen Haveldörfer machen sich auf, treiben die auf ihrem Revier

schwimmenden Schwäne in eine Bucht oder Ecke zusammen, fahren dann mit

einem zehn Fuß langen Hakenstock in die Schwanenmassen hinein, legen den

Haken, der wie bei dem Schäferstock eine halboffene Öse bildet, geschickt um

den Hals des Schwanes, ziehen ihn heran und in ihr Fahrzeug hinein. Dies

geschieht mit großer Schnelligkeit, so daß binnen ganz kurzer Zeit das Boot mit

dicht neben einander hockenden Schwänen besetzt ist und zwar derart, daß die

langen Hälse der Schwäne, über die Bootkante fort, nach außen blicken. Ein sehr

eigentümlicher, grotesker Anblick.

In dieser Ausrüstung treffen nun die Boote aus wenigstens zwanzig Dörfern auf dem Depothof ein und liefern ihre Schwanenfracht in die dort befindlichen

Hürden ab, von wo sie nach und nach zur Rupfbank geschleppt werden.

Die Rupfbank ist ein langer Tisch, der in einem mächtigen Schuppen steht.

An der einen Seite des Tisches entlang, mit scharfem Auge und flinker Hand,

sitzen die Rupfweiber, meist Kietzfischer-Frauen. Ein Schwanenknecht trägt nun

Stück auf Stück die Schwäne herein, reicht sie über den Tisch, die Frauen

packen zu und klemmen den Hals zwischen die Beine ein, während der Knecht

den auf dem Tische liegenden Schwan festhält. Nun beginnt das Rupfen mit

eben soviel Vorsicht als Virtuosität. Erst die Federn, dann die Daunen; kein

Fleck von Fleisch darf sichtbar werden. Nach Beendigung der Prozedur aber

nimmt der Schwanenknecht den Schwan wieder in seinen Arm, trägt ihn zurück

und wirft ihn mit Macht in die Havel. Der Schwan taucht nieder und segelt nun

mit aller Gewalt quer über den Fluß, um seinen Quälern zu entfliehen. Bald aber

friert ihn, und zunächst sonnige Ufer- und Inselstellen aufsuchend, eilt er erst

den zweiten oder dritten Tag wieder seinen Heimatplätzen im Schwielow oder

Schlänitz zu.

Einen ganz anderen Zweck, wie schon angedeutet, verfolgt das Einfangen

im Winter, wenn die Havel zugeht. Die schönen Tiere würden im Eise

umkommen. Sie werden also abermals zusammengetrieben und eingesammelt,

um an solche Havelstellen gebracht zu werden, die nie zufrieren, oder doch fast

nie zufrieren. Der Prozeß des Einfangens ist derselbe, wie im Sommer, aber

nicht der Transport an die eisfreien Stellen, welche letzteren sich

glücklicherweise bei Potsdam selbst, fast mitten in der Stadt befinden. Die

Überführung in Booten ist jetzt unmöglich, da schon ganze Partien des Flusses

durch Eis geschlossen sind; so treffen sie denn in allerhand Gefährt, in Bauer-

und Möbelwagen, selbst in Eisenbahnwaggons, in ihrem Potsdamer Winterhafen

ein.

Sie haben nun wieder sicheres Wasser unter den Füßen, die Gefahr des

Erfrierens ist beseitigt, aber die Gefahr des Verhungerns — 2000 Schwäne auf

allerkleinstem Terrain — würde jetzt um so drohender an sie herantreten, wenn

nicht durch Fütterung für sie gesorgt würde. Diese erfolgt in den Wintermonaten

täglich zweimal, morgens um acht Uhr und nachmittags um drei Uhr, immer an

derselben Stelle und zwar in der Nähe des Stadtschlosses.

Unmittelbar hinter der Eisenbahnbrücke, am Ende des Lustgartens, ist eine

Stelle welche wegen des starken Stromes nur selten zufriert. Diese ist

Rendezvous. Wir geben die Drei-Uhr-Fütterung.

Schon um Mittag ziehen sich die Schwäne von allen noch offenen Stellen

der Havel und aus den Kanälen der Stadt in der Nähe der Eisenbahnbrücke zusammen. Unruhig, ziehen sie nicht einzeln, sondern zu Hunderten, neben und

hintereinander, am Ufer hin und her, die alten und erfahreneren aber unter dem

letzten Bogen der Eisenbahnbrücke hindurch, auf eine Stelle zu, von wo sie mit

hochaufgerecktem Halse über die Uferbrüstung hinweg den langen Wallweg

hinunter sehen können, auf dem der Schwanenmeister mit seinem Kornkarren

heranfahren muß. Sie kennen ihn auch schon in weitester Entfernung, und kaum

taucht seine Mütze zwischen den Bäumen auf, so fährt eine ganz besondere

Unruhe in das zahlreiche Rudel. In höchster Anstrengung rudern sie sofort unter

der Eisenbahnbrücke hindurch, nach dem Futterplatze, und wenn sie ihn dort

noch nicht angekommen sehen, wieder zurück zu der Stelle, wo sie seine

Annäherung beobachten können. Diese unruhige Wanderung wiederholt sich so

lange, bis der Schwanenmeister mit Karre und Gerstensack an der Brücke

angekommen ist. Nun entsteht ein wahrer Tumult unter den Tieren. Alles stürzt

übereinander und nebeneinander hin und reckt die Hälse, um nur ja keine

Bewegung ihres Hüters zu übersehen und den ersten Schaufelwurf nicht zu

versäumen. Noch ist es indessen nicht so weit. Der Schwanenmeister geht erst

auf die Brücke, um in langgezogenen Tönen sein „Hans! Hans!“ zu rufen, auf

welchen Ruf die etwa noch Verspäteten von allen Seiten herbei schwimmen. So

lange dies Rufen dauert, halten sich die Schwäne in der Nähe der Brücke. Hört

es aber auf, und wendet der Rufende sich zu dem eigentlichen Fütterungsplatze,

so rauscht das ganze Schwanenheer in einer großen, blendend weißen Masse,

drängend wie ein Keil und gewaltsam wie die Räder eines Dampfschiffs, im

Wasser neben dem am Ufer gehenden Schwanenmeister her. Während der Sack

aufgebunden wird, schroten sich einige der Gierigsten über die Eisschollen und

Ränder am Ufer auf das feste Land, watscheln unbehülflich zum Karren, um wo

möglich die ersten zu sein, die etwas erhalten. Ihre Berechnung wird aber

jedesmal getäuscht, denn, wenn recht viele aus dem Wasser heraus und andere

im Begriff sind, ihnen zu folgen, wird der Gerstenkarren rasch auf die

entfernteste Stelle des Futterplatzes geschoben. Kaum sehen die ans Land

gekommenen Schwäne, daß ihnen ihre Eile nichts hilft, so stürzen sie sich so

rasch wie möglich in das Wasser zurück; aber es hält schwer, in der

dichtgedrängten Masse der schwimmenden Schwäne ein Fleckchen zu finden,

wo sie noch Platz hätten. Mit einer unglaublichen Gewaltsamkeit drängen die

Hintersten gegen das Ufer. Nun erfolgt der erste Wurf weit ins Wasser hinein,

und wo die Gerste das Wasser berühren kann, verschwinden im Nu alle Hälse,

und man sieht plötzlich Hunderte von Zuckerhüten auf dem Wasser schwimmen.

Unmittelbar am Ufer aber gelangt die Gerste gar nicht ins Wasser, sondern bleibt

auf den dicht aneinander gedrängten Rücken der Schwäne liegen. Um sie

aufzulesen, verschlingen die langen Hälse sich hin und wieder zu Knoten, so daß es oft den Anschein hat, als könnten sie kaum wieder auseinander kommen. So

weit jeder Wurf reicht, tritt für einige Augenblicke eine gewisse Ruhe ein; desto

unruhiger und drängender geht es rings umher zu. Mit Bissen und

Flügelschlägen suchen sich die Entferntesten Bahn in den dichten Haufen zu

brechen; aber vergebens, denn es kann keines der Tiere Platz machen, wenn es

auch wollte, aber es will auch nicht, sondern beißt und schlägt abwehrend auf

seinen Angreifer los. Wieder kommt ein Wurf und wieder beruhigt sich eine

Gruppe; ein dritter, ein vierter — der letzte ist aber noch nicht geschehen, und

schon kommen die, welche zuerst gefressen, wieder herbeigerauscht und

drängen die Fressenden zu einem dichten Knäuel zusammen. Wild treibende

Eisschollen, vom Föhn durcheinander gewälzte Schneemassen, können kein

seltsameres Bild geben als diese blendend weißen, belebten Körper auf dem

dunklen Wasser der Havel, rings von Eis und Schnee umgeben, so daß man

kaum unterscheiden kann, wo das Eis des Ufers aufhört und der

Schwanenknäuel anfängt.

Täglich werden auf diese Weise drei Scheffel Gerste verfüttert. Vergleicht

man indessen das Volumen all’ dieser herzudrängenden Schwäne mit den

anderthalb Scheffeln, die ihnen morgens und eben soviel nachmittags

zugeworfen werden, so begreift man, daß die Tiere beim Weggehen ihres

Pflegers noch ziemlich ebensolange Hälse machen wie bei seinem Kommen.

Eine Zeitlang verweilen sie noch; erst wenn sie Gewißheit haben, daß alles

Warten nicht mehr fruchtet, schwimmen sie langsam fort. Zurück bleiben nur

noch die Kranken, die jetzt einen Versuch machen, eine kümmerliche Nachlese

zu halten und die letzten Körnchen zu entdecken.

Zu der Havelschönheit tragen die Schwäne ein sehr Erhebliches bei. Sie

geben dem Strom auf seiner breiten Fläche eine königliche Pracht, und eine

schönere Einfassung aller dieser Schlösser und Residenzen ist kaum denkbar. In

neuerer Zeit hat man diesen Zauber dadurch noch gesteigert, daß man, durch

Unterlassung der Flügellähmung, den Wildschwan wieder hergestellt hat. Man

wurde dazu durch verschiedene Rücksichten bestimmt. Das Nächstbestimmende

war die größere Schönheit des wilden Schwans; er ziert die Fläche mehr, die er

durchschwimmt, und sein Flug durch die Luft, den er wenigstens gelegentlich

macht, gewährt einen imposanten Anblick. Was aber mehr als diese

Schönheitsrücksicht den Ausschlag gab, war der Wunsch, einen neuen jagdbaren

Vogel, einen neuen Sport zu schaffen. Es werden jetzt von Zeit zu Zeit

Wildschwanen-Jagden abgehalten.

Anfangs, wo man diese Jagden in unmittelbarer Nähe Potsdams abhielt,

scheiterten sie. Die Tiere, zu den zahmen Schwänen sich haltend, waren zahm und vertraulich wie diese und entzogen sich kaum der Büchse des Schützen,

wenn auch einzelne von ihnen schon dem Blei des letzteren erlegen waren —

das war keine Jagd, das war bloßes Totschießen, und man stand auf dem Punkt,

die Sache wieder aufzugeben. Da entdeckte man indessen plötzlich, daß der

Wildschwan bei Potsdam und der Wildschwan flußabwärts auf den weiten,

einsamen Flächen des Schwielow, der Schlänitz und der Wublitz ein ander Ding

sei, und eine erste Jagd auf den großen Seen wurde abgehalten. Sie schlug ein.

Hier war der Schwan noch scheu, und speziell auf der stillen, abgelegenen

Wublitz, auf der bloß die gelben Mummeln und die weißen Schwäne zu Hause

sind, bot ein treffliches Jagdrevier. So oft das Boot durch Schilf und Rohr

heranschlich, horchte der Wildschwan auf, hier hatte er noch den Instinkt der

Gefahr, und wenn der erste Schuß fiel, erhoben sich fünfzig der majestätischen

Vögel und rauschten mit schwerem Flügelschlage durch die Luft.

Die Schönheit und Poesie dieses Tieres aber, vor allem die mächtige

Schußfläche, die es bietet, werden sehr wahrscheinlich immer ein Hindernis

bleiben, die Schwanenjagd in Jägeraugen zu etwas besonders Wünschenswertem

zu machen. Es unterbricht nur einmal den gewöhnlichen Lauf der Dinge. Ein

Zwischengericht, das willkommen ist.

Die Schwäne der Havel bilden auch einen Versand-Artikel. Viele, von näher

gelegenen Punkten zu schweigen, gehen bis Petersburg und nach den großen

Städten der Union. Mannigfach sind die Versuche, ihn auch an andern Stellen

einzubürgern. Es mag indessen lange dauern, ehe der Havel-Schwan übertroffen

wird.

Der Limfjord, auf jenen weiten Wasserbassins, wo Tausende von Möven

wie weiße Nymphäen schwimmen, bietet ein ähnliches Bild. Aber doch nur ein

ähnliches. Die Möve ist eben kein Schwan.

Noch ist die Havel mit ihren zweitausend Schwänen unerreicht.