Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Potsdam und Umgebung
Die Havelschwäne
Da geht’s an ein Picken,
An ein Schlürfen, an ein Hacken;
Sie stürzen einander über die Nacken,
Schieben sich, drängen sich, reißen sich,
Jagen sich, ängsten sich, beißen sich,
Und das all’ um ein Stückchen Brot.
(Lilis Park)
D ie Havel, um es noch einmal zu sagen, ist ein aparter Fluß; man könnte ihn seiner Form nach den norddeutschen oder den Flachlands-Neckar nennen. Er
beschreibt einen Halbkreis, kommt von Norden und geht schließlich wieder gen
Norden, und wer sich aus Kindertagen jener primitiven Schaukeln entsinnt, die
aus einem Strick zwischen zwei Äpfelbäumen bestanden, der hat die
geschwungene Linie vor sich, in der sich die Havel auf unseren Karten
präsentiert. Das Blau ihres Wassers und ihre zahllosen Buchten (sie ist
tatsächlich eine Aneinanderreihung von Seen) machen sie in ihrer Art zu einem
Unikum. Das Stückchen Erde, das sie umspannt, eben unser Havelland, ist, wie
ich in den voraufgehenden Kapiteln gezeigt habe, die Stätte ältester Kultur in
diesen Landen. Hier entstanden, hart am Ufer des Flusses hin, die alten Bistümer
Brandenburg und Havelberg. Und wie die älteste Kultur hier geboren wurde, so
auch die neueste. Von Potsdam aus wurde Preußen aufgebaut, von Sanssouci aus
durchleuchtet. Die Havel darf sich einreihen in die Zahl deutscher Kulturströme.
Aber nicht von ihren Großtaten gedenke ich heute zu erzählen, nur von
einer ihrer Zierden, von den Schwänen.
Die Schwäne sind auf dem ganzen Mittellauf der Havel zu Hause. Die
zahlreichen großen Wasserbecken, die sich hier finden: der Tegler-See, der
Wann-See, der Schwielow, die Schlänitz, die Wublitz, sind ihre Lieblingsplätze.
Ihre Gesamtzahl beträgt zweitausend. In früheren Jahren war es nicht möglich,
diese hohe Zahl zu erreichen. Während der Franzosenzeit waren sie, als ein
bequemes Jagdobjekt, zu hunderten getötet worden; später wurden die
großstädtischen Eiersammler ihrer Vermehrung gefährlich. Erst die Festsetzung
strenger Strafen machte diesem Übelstande ein Ende. Seitdem ist ihre Zahl in
einem steten Wachsen begriffen. Wie mächtige weiße Blumen blühen sie über
die blaue Fläche hin; ein Bild stolzer Freiheit.
Ein Bild der Freiheit. Und doch stehen sie unter Kontrolle, in Sommertagen
zu der Menschen, in Wintertagen zu ihrem eigenen Besten. Im Sommer werden sie eingefangen, um gerupft, im Winter, um gefüttert zu werden. So bringt der
Hofstaat oder vielleicht der Fiskus, dem sie zugehören, seine sommerliche Untat
durch winterliche Guttat wieder in Balanze. Auf die Prozedur des Einfangens
kommen wir weiterhin zurück.
Die zweitausend Schwäne zerfallen in Schwäne der Ober- und Unter-Havel;
das Gebiet der einen reicht von Tegel bis Potsdam, das der andern von Potsdam
bis Brandenburg. Die Glienicker Brücke zieht die Grenze. Die Schwäne der
oberen Havel stehen unter der Herrschaft der Spandauer, die Schwäne der
unteren Havel unter der der Potsdamer Fischer. Man könnte dies die Einteilung
der „Provinz Havelschwan“ in zwei Regierungsbezirke nennen. Diese großen
Bezirke aber zerfallen wieder in eben so viele Kreise, als es Haveldörfer gibt,
besonders auf der Strecke von Potsdam bis Brandenburg. Die Ützer Fischer
beherrschen die Wublitz, die Marquardter Fischer den Schlänitz-See, die Fischer
von Kaputh den Schwielow usw. Auf der Unterhavel allein befinden sich gewiß
zwanzig solcher Arrondissements, alle mit gewissen Rechten und Pflichten
ausgerüstet, aber alle den beiden Hauptstädten dienstbar, alle in Abhängigkeit
von Potsdam und Spandau.
Wir wenden uns nun dem Sommerfang der Schwäne zu. Er erfolgt zweimal
und hat den doppelten Zweck: den Jung-Schwan zu lähmen und den Alt-Schwan
zu rupfen. Über die Lähmung ist nicht viel zu sagen; ein Flügelglied wird
weggeschnitten, damit ist es getan. — Desto komplizierter ist der Prozeß des
Rupfens. Er geschieht an zwei verschiedenen Stellen. Die Schwäne der Ober-
Havel werden auf dem Pichelswerder, die Schwäne der Unter-Havel auf dem
„Depothof“ bei Potsdam gerupft. Das Verfahren ist an beiden Orten dasselbe.
Wir geben es, wie wir es auf dem Depothof sahen.
Der „Schwanenmeister“, Gesamtbeherrscher des ganzen Volkes cygnus
zwischen Tegel und Brandenburg, gibt die Order: „Am 20. Mai (der Tag
wechselt) wird gerupft.“ Nun beginnt das Einfangen. Die Fischer der
verschiedenen Haveldörfer machen sich auf, treiben die auf ihrem Revier
schwimmenden Schwäne in eine Bucht oder Ecke zusammen, fahren dann mit
einem zehn Fuß langen Hakenstock in die Schwanenmassen hinein, legen den
Haken, der wie bei dem Schäferstock eine halboffene Öse bildet, geschickt um
den Hals des Schwanes, ziehen ihn heran und in ihr Fahrzeug hinein. Dies
geschieht mit großer Schnelligkeit, so daß binnen ganz kurzer Zeit das Boot mit
dicht neben einander hockenden Schwänen besetzt ist und zwar derart, daß die
langen Hälse der Schwäne, über die Bootkante fort, nach außen blicken. Ein sehr
eigentümlicher, grotesker Anblick.
In dieser Ausrüstung treffen nun die Boote aus wenigstens zwanzig Dörfern auf dem Depothof ein und liefern ihre Schwanenfracht in die dort befindlichen
Hürden ab, von wo sie nach und nach zur Rupfbank geschleppt werden.
Die Rupfbank ist ein langer Tisch, der in einem mächtigen Schuppen steht.
An der einen Seite des Tisches entlang, mit scharfem Auge und flinker Hand,
sitzen die Rupfweiber, meist Kietzfischer-Frauen. Ein Schwanenknecht trägt nun
Stück auf Stück die Schwäne herein, reicht sie über den Tisch, die Frauen
packen zu und klemmen den Hals zwischen die Beine ein, während der Knecht
den auf dem Tische liegenden Schwan festhält. Nun beginnt das Rupfen mit
eben soviel Vorsicht als Virtuosität. Erst die Federn, dann die Daunen; kein
Fleck von Fleisch darf sichtbar werden. Nach Beendigung der Prozedur aber
nimmt der Schwanenknecht den Schwan wieder in seinen Arm, trägt ihn zurück
und wirft ihn mit Macht in die Havel. Der Schwan taucht nieder und segelt nun
mit aller Gewalt quer über den Fluß, um seinen Quälern zu entfliehen. Bald aber
friert ihn, und zunächst sonnige Ufer- und Inselstellen aufsuchend, eilt er erst
den zweiten oder dritten Tag wieder seinen Heimatplätzen im Schwielow oder
Schlänitz zu.
Einen ganz anderen Zweck, wie schon angedeutet, verfolgt das Einfangen
im Winter, wenn die Havel zugeht. Die schönen Tiere würden im Eise
umkommen. Sie werden also abermals zusammengetrieben und eingesammelt,
um an solche Havelstellen gebracht zu werden, die nie zufrieren, oder doch fast
nie zufrieren. Der Prozeß des Einfangens ist derselbe, wie im Sommer, aber
nicht der Transport an die eisfreien Stellen, welche letzteren sich
glücklicherweise bei Potsdam selbst, fast mitten in der Stadt befinden. Die
Überführung in Booten ist jetzt unmöglich, da schon ganze Partien des Flusses
durch Eis geschlossen sind; so treffen sie denn in allerhand Gefährt, in Bauer-
und Möbelwagen, selbst in Eisenbahnwaggons, in ihrem Potsdamer Winterhafen
ein.
Sie haben nun wieder sicheres Wasser unter den Füßen, die Gefahr des
Erfrierens ist beseitigt, aber die Gefahr des Verhungerns — 2000 Schwäne auf
allerkleinstem Terrain — würde jetzt um so drohender an sie herantreten, wenn
nicht durch Fütterung für sie gesorgt würde. Diese erfolgt in den Wintermonaten
täglich zweimal, morgens um acht Uhr und nachmittags um drei Uhr, immer an
derselben Stelle und zwar in der Nähe des Stadtschlosses.
Unmittelbar hinter der Eisenbahnbrücke, am Ende des Lustgartens, ist eine
Stelle welche wegen des starken Stromes nur selten zufriert. Diese ist
Rendezvous. Wir geben die Drei-Uhr-Fütterung.
Schon um Mittag ziehen sich die Schwäne von allen noch offenen Stellen
der Havel und aus den Kanälen der Stadt in der Nähe der Eisenbahnbrücke zusammen. Unruhig, ziehen sie nicht einzeln, sondern zu Hunderten, neben und
hintereinander, am Ufer hin und her, die alten und erfahreneren aber unter dem
letzten Bogen der Eisenbahnbrücke hindurch, auf eine Stelle zu, von wo sie mit
hochaufgerecktem Halse über die Uferbrüstung hinweg den langen Wallweg
hinunter sehen können, auf dem der Schwanenmeister mit seinem Kornkarren
heranfahren muß. Sie kennen ihn auch schon in weitester Entfernung, und kaum
taucht seine Mütze zwischen den Bäumen auf, so fährt eine ganz besondere
Unruhe in das zahlreiche Rudel. In höchster Anstrengung rudern sie sofort unter
der Eisenbahnbrücke hindurch, nach dem Futterplatze, und wenn sie ihn dort
noch nicht angekommen sehen, wieder zurück zu der Stelle, wo sie seine
Annäherung beobachten können. Diese unruhige Wanderung wiederholt sich so
lange, bis der Schwanenmeister mit Karre und Gerstensack an der Brücke
angekommen ist. Nun entsteht ein wahrer Tumult unter den Tieren. Alles stürzt
übereinander und nebeneinander hin und reckt die Hälse, um nur ja keine
Bewegung ihres Hüters zu übersehen und den ersten Schaufelwurf nicht zu
versäumen. Noch ist es indessen nicht so weit. Der Schwanenmeister geht erst
auf die Brücke, um in langgezogenen Tönen sein „Hans! Hans!“ zu rufen, auf
welchen Ruf die etwa noch Verspäteten von allen Seiten herbei schwimmen. So
lange dies Rufen dauert, halten sich die Schwäne in der Nähe der Brücke. Hört
es aber auf, und wendet der Rufende sich zu dem eigentlichen Fütterungsplatze,
so rauscht das ganze Schwanenheer in einer großen, blendend weißen Masse,
drängend wie ein Keil und gewaltsam wie die Räder eines Dampfschiffs, im
Wasser neben dem am Ufer gehenden Schwanenmeister her. Während der Sack
aufgebunden wird, schroten sich einige der Gierigsten über die Eisschollen und
Ränder am Ufer auf das feste Land, watscheln unbehülflich zum Karren, um wo
möglich die ersten zu sein, die etwas erhalten. Ihre Berechnung wird aber
jedesmal getäuscht, denn, wenn recht viele aus dem Wasser heraus und andere
im Begriff sind, ihnen zu folgen, wird der Gerstenkarren rasch auf die
entfernteste Stelle des Futterplatzes geschoben. Kaum sehen die ans Land
gekommenen Schwäne, daß ihnen ihre Eile nichts hilft, so stürzen sie sich so
rasch wie möglich in das Wasser zurück; aber es hält schwer, in der
dichtgedrängten Masse der schwimmenden Schwäne ein Fleckchen zu finden,
wo sie noch Platz hätten. Mit einer unglaublichen Gewaltsamkeit drängen die
Hintersten gegen das Ufer. Nun erfolgt der erste Wurf weit ins Wasser hinein,
und wo die Gerste das Wasser berühren kann, verschwinden im Nu alle Hälse,
und man sieht plötzlich Hunderte von Zuckerhüten auf dem Wasser schwimmen.
Unmittelbar am Ufer aber gelangt die Gerste gar nicht ins Wasser, sondern bleibt
auf den dicht aneinander gedrängten Rücken der Schwäne liegen. Um sie
aufzulesen, verschlingen die langen Hälse sich hin und wieder zu Knoten, so daß es oft den Anschein hat, als könnten sie kaum wieder auseinander kommen. So
weit jeder Wurf reicht, tritt für einige Augenblicke eine gewisse Ruhe ein; desto
unruhiger und drängender geht es rings umher zu. Mit Bissen und
Flügelschlägen suchen sich die Entferntesten Bahn in den dichten Haufen zu
brechen; aber vergebens, denn es kann keines der Tiere Platz machen, wenn es
auch wollte, aber es will auch nicht, sondern beißt und schlägt abwehrend auf
seinen Angreifer los. Wieder kommt ein Wurf und wieder beruhigt sich eine
Gruppe; ein dritter, ein vierter — der letzte ist aber noch nicht geschehen, und
schon kommen die, welche zuerst gefressen, wieder herbeigerauscht und
drängen die Fressenden zu einem dichten Knäuel zusammen. Wild treibende
Eisschollen, vom Föhn durcheinander gewälzte Schneemassen, können kein
seltsameres Bild geben als diese blendend weißen, belebten Körper auf dem
dunklen Wasser der Havel, rings von Eis und Schnee umgeben, so daß man
kaum unterscheiden kann, wo das Eis des Ufers aufhört und der
Schwanenknäuel anfängt.
Täglich werden auf diese Weise drei Scheffel Gerste verfüttert. Vergleicht
man indessen das Volumen all’ dieser herzudrängenden Schwäne mit den
anderthalb Scheffeln, die ihnen morgens und eben soviel nachmittags
zugeworfen werden, so begreift man, daß die Tiere beim Weggehen ihres
Pflegers noch ziemlich ebensolange Hälse machen wie bei seinem Kommen.
Eine Zeitlang verweilen sie noch; erst wenn sie Gewißheit haben, daß alles
Warten nicht mehr fruchtet, schwimmen sie langsam fort. Zurück bleiben nur
noch die Kranken, die jetzt einen Versuch machen, eine kümmerliche Nachlese
zu halten und die letzten Körnchen zu entdecken.
Zu der Havelschönheit tragen die Schwäne ein sehr Erhebliches bei. Sie
geben dem Strom auf seiner breiten Fläche eine königliche Pracht, und eine
schönere Einfassung aller dieser Schlösser und Residenzen ist kaum denkbar. In
neuerer Zeit hat man diesen Zauber dadurch noch gesteigert, daß man, durch
Unterlassung der Flügellähmung, den Wildschwan wieder hergestellt hat. Man
wurde dazu durch verschiedene Rücksichten bestimmt. Das Nächstbestimmende
war die größere Schönheit des wilden Schwans; er ziert die Fläche mehr, die er
durchschwimmt, und sein Flug durch die Luft, den er wenigstens gelegentlich
macht, gewährt einen imposanten Anblick. Was aber mehr als diese
Schönheitsrücksicht den Ausschlag gab, war der Wunsch, einen neuen jagdbaren
Vogel, einen neuen Sport zu schaffen. Es werden jetzt von Zeit zu Zeit
Wildschwanen-Jagden abgehalten.
Anfangs, wo man diese Jagden in unmittelbarer Nähe Potsdams abhielt,
scheiterten sie. Die Tiere, zu den zahmen Schwänen sich haltend, waren zahm und vertraulich wie diese und entzogen sich kaum der Büchse des Schützen,
wenn auch einzelne von ihnen schon dem Blei des letzteren erlegen waren —
das war keine Jagd, das war bloßes Totschießen, und man stand auf dem Punkt,
die Sache wieder aufzugeben. Da entdeckte man indessen plötzlich, daß der
Wildschwan bei Potsdam und der Wildschwan flußabwärts auf den weiten,
einsamen Flächen des Schwielow, der Schlänitz und der Wublitz ein ander Ding
sei, und eine erste Jagd auf den großen Seen wurde abgehalten. Sie schlug ein.
Hier war der Schwan noch scheu, und speziell auf der stillen, abgelegenen
Wublitz, auf der bloß die gelben Mummeln und die weißen Schwäne zu Hause
sind, bot ein treffliches Jagdrevier. So oft das Boot durch Schilf und Rohr
heranschlich, horchte der Wildschwan auf, hier hatte er noch den Instinkt der
Gefahr, und wenn der erste Schuß fiel, erhoben sich fünfzig der majestätischen
Vögel und rauschten mit schwerem Flügelschlage durch die Luft.
Die Schönheit und Poesie dieses Tieres aber, vor allem die mächtige
Schußfläche, die es bietet, werden sehr wahrscheinlich immer ein Hindernis
bleiben, die Schwanenjagd in Jägeraugen zu etwas besonders Wünschenswertem
zu machen. Es unterbricht nur einmal den gewöhnlichen Lauf der Dinge. Ein
Zwischengericht, das willkommen ist.
Die Schwäne der Havel bilden auch einen Versand-Artikel. Viele, von näher
gelegenen Punkten zu schweigen, gehen bis Petersburg und nach den großen
Städten der Union. Mannigfach sind die Versuche, ihn auch an andern Stellen
einzubürgern. Es mag indessen lange dauern, ehe der Havel-Schwan übertroffen
wird.
Der Limfjord, auf jenen weiten Wasserbassins, wo Tausende von Möven
wie weiße Nymphäen schwimmen, bietet ein ähnliches Bild. Aber doch nur ein
ähnliches. Die Möve ist eben kein Schwan.
Noch ist die Havel mit ihren zweitausend Schwänen unerreicht.