Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 52 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Marquardt von 1803 bis 1833 Frau von Bischofswerder, geborene von Tarrach, verwitwete Gräfin Pinto

So war es mit Bischofswerder. Was ihn bewog, den Aberglauben, dem er

dienstbar war, sich je zuweilen auch dienstbar zu machen, wird mutmaßlich

unaufgeklärt bleiben; ein von Parteistreit unverwirrter Einblick in sein Leben

spricht aber entschieden dafür, daß es nicht zu selbstischen Zwecken geschah.

Und das ist der Punkt, auf den es ankommt, wo sich Ehre und Unehre scheiden.

Der Umstand, daß die ganze Familie, weit über die letzten Jahre des vorigen

Jahrhunderts hinaus, in dieser Empfindungswelt beharrte, ist bei Beurteilung der

ganzen Frage nicht zu übersehen und mag allerdings als ein weiterer Beweis

dafür dienen, daß hier seit lange ein Etwas im Blute lag, das einer mystisch-

spiritualistischen Anschauung günstig war.

Wir kommen in der Folge darauf zurück und wenden uns zunächst einem

neuen Abschnitt des Marquardter Lebens zu.

 

Marquardt von 1803 bis 1833

Frau von Bischofswerder, geborene von Tarrach, verwitwete Gräfin Pinto

 

Beim Tode Bischofswerders war sein Sohn und Erbe erst acht Jahre alt; es

trat also eine Vormundschaft ein. Diese Vormundschaft führte die Mutter und

blieb, weit über die Minorennitätsjahre ihres Sohnes hinaus (den der Dienst in

Berlin und Potsdam fesselte), nicht de jure aber doch de facto, die Regentin von

Marquardt bis zu ihrem Tode. Auf diese dreißig Jahre richten wir jetzt unsere

Aufmerksamkeit. Zunächst auf die Dame selbst.

Frau Generalin von Bischofswerder war eine geborene von Tarrach. Ihr

Vater war der Geheime Finanzrat von Tarrach zu Tilsit, dessen Kinder es alle zu

hohen Stellungen in Staat und Gesellschaft brachten. Sein Sohn war in den

zwanziger Jahren preußischer Gesandter in Stockholm, eine jüngere Tochter

vermählte sich mit dem Marquis von Lucchesini, die älteste, Wilhelmine

Katharine, wurde die Frau des Günstlings-Generals und Ministers von

Bischofswerder.

Aber sie wurde es erst in zweiter Ehe. Ihre erste Ehe schloß sie mit dem

Grafen Ignaz Pinto, den Friedrich der Große um 1770 aus sardinischen Diensten

nach Preußen berufen, zum Flügeladjutanten gemacht und zum Mitbegründer

des unter ihm gebildeten Generalstabes, zum General-Feldbaumeister, zum

Maréchal de logis de l’armée und zum Generaladjutanten ernannt hatte.

Gleichzeitig hatte er ihm verschiedene Güter in Schlesien, darunter Mettkau im

Neumarkter Kreise, sowie das Inkolat als schlesischen Grafen verliehen. Man

sieht, es war dem Fräulein von Tarrach das seltene Glück beschieden, den

Günstlingen zweier Könige die Hand reichen zu können.

Graf Pinto starb 1788. Seine Witwe, die Gräfin, war damals einunddreißig

Jahre alt. Sie trat sehr bald zu Bischofswerder, der etwa um eben diese Zeit

Witwer geworden war, in nähere Beziehungen, und klug und schön wie sie war,

(sie „schoß“ ein wenig mit den Augen, und die medisierenden Hofleute sagten:

elle est belle, mais ses yeux „ne marchent pas bien“), nahm das Verhältnis einen

wirklichen Zärtlichkeitston an, der, wenigstens damals, zwischen Leuten von

Welt zu den Ausnahmen zählte. Es scheint, dieser Ton überdauerte selbst die

Flitterwochen, die sehr wahrscheinlich in den Sommer 1789 oder 1790 fielen.

1792 während des Champagne-Feldzuges wurde von französischen Truppen eine

eben eingetroffene preußische Feldpost erbeutet und acht Tage später las irgend

ein Montagnard in der National-Versammlung die Zeilen vor, die Frau von

Bischofswerder an ihren Gemahl ins Feldlager gerichtet hatte. Der entschieden

lyrische Grundton dieses Briefes erweckte die Heiterkeit der Versammlung.

Das war in den ersten Jahren. Aber die Intimität blieb. Ein Sohn und drei

Töchter wurden aus dieser zweiten Ehe geboren, so daß damals im Marquardter

Herrenhause alle Arten von Stiefgeschwistern anzutreffen waren: Kinder aus der

ersten Ehe des Herrn von Bischofswerder, Kinder aus der ersten Ehe der Frau

von Bischofswerder (mit dem Grafen Pinto) und Kinder aus der zweiten Ehe

beider. Die gräflich Pintoschen Kinder scheinen übrigens nur ausnahmsweise in

Marquardt gewesen zu sein, während die Bischofswerderschen Kinder aus seiner

ersten Ehe mit dem Fräulein von Wilke bis zuletzt die freundlichsten

Beziehungen zum Marquardter Herrenhause unterhielten.[34]

1803 starb der General. Wir haben seine Beisetzung geschildert. Seine Ehe,

wie schon hervorgehoben, war eine glückliche gewesen und die Wahrnehmung,

daß auch ein allmächtiger Minister irgendwo die Grenzen seiner Allmacht finden

müsse, hatte weder seinen Frieden noch seine Heiterkeit getrübt. Die „Gräfin“,

eine Benennung, die ihr vielfach blieb, hatte ihr Leben nach dem Satze

eingerichtet, daß „wer der herrschefähigste sei, auch die Herrschaft zu führen

habe“ und dies scheint uns der Ort, ehe wir in der Vorführung biographischen

Materials fortfahren, eine Charakterschilderung der Frau einzuschalten. Ihren

Mann, trotz all ihrer Herrschsucht, liebte sie wirklich und noch in den letzten

Lebensjahren pflegte sie halb scherzhaft zu sagen: „wenn ich im Himmel

meinem ersten Mann begegnen werde, so weiß ich nicht, wie er mich begrüßen

wird, aber vor meinem Bischofswerder ist mir nicht bange.“

Die „Gräfin“, auch wenn uns nichts Zuverlässigeres vorläge, als das Urteil

ihrer Neider und Tadler, war jedenfalls eine „distinguierte“ Frau. Es mußte

seinen Grund haben, daß zwei Günstlinge sich um ihre Gunst bewarben. Ein

Enkel von ihr mochte mit Fug und Recht schreiben: „Die in meinen Händen befindlichen Papiere, leider nur Bruchstücke, geben ganz neue Aufschlüsse.

Reichen sie auch zu einer klaren geschichtlichen Darstellung nicht aus, so haben

sie mir doch einen genügenden Anhalt geboten, die für Preußens Größe

begeisterte, die kühnsten Wünsche und Pläne hegende Frau verstehen zu lernen

und die Bitterkeit zu begreifen, als sie mehr und mehr einsah, daß nicht die

Macht der Verhältnisse, sondern die Schwäche der Menschen alles vereitelte und

häufig in das Gegenteil verkehrte.“ Wir haben nicht selbst Einblick in die

Papiere, die hier erwähnt werden, nehmen dürfen, aber nach allem, was uns

sonst vorliegt, sind wir geneigt, diese Schilderung für richtig zu halten. Sie war

keine liebenswürdige, aber eine bedeutende Frau, ein ausgesprochener

Charakter.

In den zahlreichen mehr oder weniger libellartigen Schriften jener Zeit, wie

auch im Gedächtnis der Marquardter Dorfbewohner, von denen sie noch viele

gekannt haben, lebt sie allerdings nur in zwei Eigenschaften fort, als habsüchtig-

geizig und bigott-katholisch. In den mehrfach schon zitierten „Vertrauten

Briefen“ finden wir zunächst: „Herrn von Bischofswerders Ehehälfte läßt sich

jedes gnädige Lächeln mit Geld aufwiegen“ und an anderer Stelle heißt es: „Die

in Südpreußen veranstalteten Güterverschleuderungen waren ihr Werk, indem sie

ihrem Manne beständig sagte: Sie werden wie ein Bettler sterben, wenn Sie nicht

noch die letzten Tage des Königs benutzen, um etwas für Ihre Familie zu tun.“

Das Fundament dieser Habsucht war mutmaßlich mehr Ehrgeiz als irgend

etwas andres. Sie wußte: „Besitz ist Macht“ und die Jahre, so scheint es,

steigerten diese Anschauung eher, als daß sie sie mäßigten. Ein Mann, der sie in

ihren alten Tagen kannte, schreibt: „Sie war herb und hart, ertragbar nur im

Verkehr mit kleinen Leuten und ausgiebig nur in Auflegung von Schminke.“

Ihr Katholizismus war von der ausgesprochensten Art, aber die Art, wie sie

ihn übte, die Entschiedenheit im Bekenntnis auf der einen Seite und andererseits

wieder in Toleranz gegen alle diejenigen, die nun mal auf anderem Boden

standen, gereichte ihr zu hoher Ehre. Ignaz Feßler, früher Mönch, der zum

Protestantismus übergetreten war, kam 1796 nach Berlin und — an

Bischofswerder empfohlen — auch nach Marquardt. „Bischofswerder wollte mir

wohl“, so schreibt er, „aber alles scheiterte an der Frau. Sie sah in mir nichts als

den Abtrünnigen von der römischen Kirche. Sie beherrschte ihren Gemahl

vollständig, und um des lieben Hausfriedens willen durfte er mich nicht mehr

sehen.“ Diese Strenge zeigte sie aber nur dem Konvertiten. In Marquardt griff sie

nie störend oder eigenmächtig in das protestantische Leben in der Gemeinde ein;

hatte vielmehr eine Freude daran, die evangelische Kirche des Dorfes mit allem

Kirchengerät und Kirchenschmuck, mit Altardecke und Abendmahlskelch zu beschenken.

Wir kehren nach diesem Versuch einer Charakterschilderung in das Jahr

1803 zurück. Ihren Gemahl hatte sie vollständig beherrscht; aber wenn sie nach

der Seite des Herrschens hin, bis zum Tode Bischofswerders, des Guten zu viel

getan haben mochte, so begannen doch nun alsbald die Jahre, wo die

„Gewohnheit des Herrschens“ zu einem Segen wurde. Dieser Zeitpunkt trat

namentlich ein, als die Franzosen ins Land kamen und auch die Havelgegenden

überschwemmten. Der „Gräfin“ Klugheit führte alles glücklich durch. Sie wußte,

wo ein Riegel vorzuschieben war, aber sie ließ auch gewähren. Eine rätselvolle

Geschichte ereignete sich in jenen Jahren. Französische Chasseurs zechten im

Saal; einer stieg in den Keller hinab, um eine Kanne „frisch vom Faß“ zu zapfen.

Nun trifft es sich, daß das Marquardter Herrenhaus einen doppelten Keller hat,

den einen unter dem andern. Wahrscheinlich erlosch das Licht, oder der Trunk

schläferte den Chasseur ein, kurzum er kam nicht wieder herauf: sein Hilferuf

verhallte, der Trupp, in halbem Rausche, verließ Schloß und Dorf, und des

Franzosen wurde erst wieder gedacht, als es im Hause zu rumoren begann. Nun

forschte man nach. An einer dunkelsten Stelle des Kellers lag der Unglückliche,

unkenntlich schon, neben ihm ein halbniedergebranntes Licht. „Die Gräfin“ gab

ihm ein ehrlich Begräbnis; da wurde es still. Sie ahnte damals nicht, daß sie im

Glauben des Volkes, im Geplauder der Spinnstuben, diesen Spuk einst ablösen

würde.

Die Franzosenzeit war vorüber, der Siegeswagen stand wieder auf dem

Brandenburger Tor, die Kinder des Marquardter Herrenhauses blühten auf; die

„Gräfin“, noch immer eine stattliche Frau, war nun sechzig. Die Jugend der

Kinder gab dem Hause neuen Reiz; es waren seit lange wieder Tage glücklichen

Familienlebens, und dies Glück wuchs mit der Verheiratung der Töchter. Die

älteste, Luitgarde, vermählte sich mit einem Hauptmann von Witzleben (später

General), der damals eine Kompagnie vom Kaiser-Franz-Regiment führte. Die

zweite, Blanka, geb. 1797, von der die „Gräfin“ mit mütterlichem Stolz zu sagen

pflegte:

 

Meine Blanka, blink und blank,

Ist die Schönst’ im ganzen Land

 

wurde die Gattin eines Herrn von Maltzahn; die jüngste, Bertha, geb. 1799,

gab ihre Hand einem Herrn von Ostau, damals Rittmeister im Regiment Garde

du Korps. Tage ungetrübten Glückes schienen angebrochen zu sein, aber nicht

auf lange. Die beiden jüngeren Töchter starben bald nach ihrer Verheiratung,

innerhalb Jahresfrist. Dem Tode der schönen Blanka ging ein poetisch-rührender Zug vorauf. Sie lag krank auf ihrem Lager. Da meldete der Diener, daß das