Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Wust 1820
Flora und Pomona. Ein Verkehr begann, für den das Rheinsberger Leben das
Vorbild, und das Leben in Tamsel, in Schwedt, in Friedrichsfelde die Parallelen
lieferte: Schäferspiele, Theater im Freien, Grotten und Tempel, Koketterie und
Courmachen, Kunstprätensionen ohne Sinn und Verständnis, wenig Witz und
viel Behagen. Eine ganze Seite des Hauses bestand aus Gesellschaftszimmern,
an den Wänden hin hingen große Tableaux, und die Tafel, wenn im Gartensaal
gedeckt wurde, zeigte fürstliche Pracht. Auf der Tafel selbst aber, als
Tafelaufsatz, standen die zwölf Apostel in Silber. Das Silberzeug, das auflag,
hatte den Wert eines Rittergutes. Es verlohnte sich schon, diesen Reichtum zu
entfalten, denn der Verkehr des Hauses ging über den benachbarten Landesadel
hinaus und prinzliche Kutscher und Vorreiter waren damals eine häufige
Erscheinung an dieser Stelle. Die Dame des Hauses war mit der Gemahlin des
Prinzen Ferdinand, einer geborenen Prinzessin von Brandenburg-Schwedt, intim
befreundet und man divertierte sich bei diesen Gelegenheiten um so mehr, als es
in der Friederizianischen Zeit ein eigentliches Hofleben nicht gab und bei der
Seltenheit großer Couren und dem Fehlen einer allgemeineren Hof-Geselligkeit
die kleinen Hofhaltungen (an denen dann auch der reichere Landes-Adel teil
nahm) für das aufkommen mußten, woran es im großen und ganzen gebrach.
Das waren heitere, stolze Stunden, aber doch weit über die Mittel der alten
märkischen Familien hinausgehend, und so kam es, daß Insolvenzen alsbald an
der Tages-Ordnung waren. Die Elle ward überall länger als der Kram. Auch in
Wust. Schon Ende der siebziger Jahre begann der Brunnen ziemlich trocken zu
gehen; eine zeitlang kam wieder Zufluß, aber er entsprach nicht den
Ansprüchen, die an ihn gemacht wurden.
So, zwischen Hangen und Bangen, vergingen die Jahre, während das
Äußerste mehr und mehr hereinzubrechen drohte. Es blieb freilich aus, aber nur
weil der Tod dazwischen trat. Das Paar, das unter so vielen Ansprüchen in diesen
Besitz eingetreten war, starb mutmaßlich zu Anfang oder in der Mitte der
neunziger Jahre und hinterließ Wust seinen zwei Söhnen.
Wust 1820
1820 waren auch diese beiden Söhne hinüber. Wunderliche Zeiten hatte
Wust derweilen gesehen.
Der älteste der beiden Söhne war auch ein Hermann von Katte. Er hatte von
seinen Eltern die Vergnügungssucht, den Hang zur Verschwendung geerbt. Die
schon zerrütteten Finanzen wieder in Ordnung zu bringen, dazu war er am wenigsten angetan. Jener Rolas du Rosey-Reichtum, der dreißig Jahre lang den
Extravaganzen der Eltern widerstanden hatte, jetzt brach er zusammen. Dieser
Hermann von Katte hatte den Beinamen der „Spieler“. In der Umgegend von
Wust mied man ihn, und so kam es, daß er Kunstreisen in die großen Städte
machte. So lange es sich ermöglichte, trat er standesgemäß auf, ja über Stand
und Verhältnisse hinaus. In Leipzig erschien er mit Equipage und vierspännig,
und als alles verspielt war, setzte er noch die Equipage auf eine Karte und kam
per Fahrpost nach Wust zurück. Die Verpflichtungen häuften sich und die
Schuldhaft wurde gegen ihn ausgesprochen. Tagelang ging die Auktion. Er
selber wurde inhaftiert und nach Stettin auf die Festung abgeführt.
Dies war zu Anfang des Jahrhunderts, und Wust ging um diese Zeit an den
jüngeren Bruder Ferdinand von Katte über. Ob er die Erbschaft des devastierten
Gutes gleich antrat, ist nicht mit Bestimmtheit zu ersehen; erst nach Schluß der
Napoleonischen Kriege scheint er auf dem Gute Wohnung genommen zu haben.
Er führte den Beinamen der „Stiefel-Katte“. Völlig geistesgestört, war er nur von
einer einzigen Leidenschaft beherrscht, und zwar von dem Verlangen, so viele
Stiefel wie möglich zu besitzen, große und kleine, alte und neue, für jede neue
Situation oder Beschäftigung auch neue Stiefel, Stiefel zum Fahren, zum Gehen,
zum Reiten, Jagdstiefel und Tanzstiefel, alle von den verschiedensten Formen
und Farben und von jeglicher Art von Leder. An diese Passion setzte er den Rest
vom Vermögen, den die Verschwendungssucht der Eltern und die Spielsucht des
Bruders ihm übrig gelassen hatte. Die Stiefelsucht tat das letzte. Er wurde unter
Kuratel gestellt; aber es war zu spät. Die volle Verwüstung der einst so schönen
Besitzung hatte bereits Platz gegriffen: die Statuen im Park wurden zerschlagen
und bildeten auf Jahrzehnte hin den Steinbruch für alle Fundament-Bauten im
Dorf, die Akten und Briefschaften, darunter mutmaßlich Dinge von
unschätzbarem Wert, wurden zum Heizen und Gänse-Sengen benutzt, und die
kostbaren alten Familien-Bilder, aus ihren Barock-Rahmen herausgeschnitten
und mit zwei angenähten Hängseln versehen, mußten es sich gefallen lassen, als
Maurer-Schürzen vorgebunden zu werden. So gingen die Dinge, bis zuletzt die
Zerstörung aufhörte, nur deshalb, weil von offen Daliegendem und jedem
Zugänglichen nichts mehr zu zerstören war. Ein Verwalter, dem, bis zur
Regelung aller Verhältnisse, die Verwaltung des Gutes übergeben wurde, zog in
einen Seitenflügel; das alte Herrenhaus selbst wurde geschlossen. Und dies war
ein Glück. Was noch in Boden- und Giebelstuben versteckt, in Ecken und
Winkeln vergraben lag, war nunmehr gerettet und konnte in einer andern Zeit,
die herauf dämmerte, wieder gefunden und geborgen werden.