Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 63 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

2. General von Einsiedel

wieder hin!“

Diesem Befehle folgte der Page buchstäblich und als unmittelbar darauf

Kirchendiener und Maurer in die Kirche kamen, um das Grab wieder zu

schließen, bemerkten sie, daß der Kopf auf der Brust des Leichnams lag. Daraus

entstand das Gerücht, daß Graf Schwarzenberg enthauptet worden sei. 1777 ließ

der Prediger des damals zu Spandau in Garnison liegenden Regiments Prinz

Heinrich einen Aufsatz drucken, in dem er die Enthauptung bereits als

ausgemachte Tatsache hinstellte. Er beschrieb sogar den Ort in der Spandauer

Heide, wo die Hinrichtung stattgehabt hätte und fügte noch hinzu, daß man „im

Jahre 1755 bereits den Körper des Grafen ohne Sarg, nur zwischen einigen

Brettern liegend, vorgefunden habe.“

Aber durch eben diesen Aufsatz wurde auch die Anregung gegeben, näher

nachzuforschen und das Gerücht auf seine Grundlosigkeit zurückzuführen.

Oberst von Kalkstein, der ehemalige Kommandeur des Regiments, wollte

Gewißheit haben und ließ am 20. August 1777 abermals das Gewölbe öffnen,

wobei außer dem Herrn Obersten noch folgende Personen zugegen waren:

Regiments-Chirurgus Laube, der Garnison-Prediger, Justizrat Lemcke, Adjutant

von Bardeleben, Konrektor Dilschmann, Inspektor Schulz und Dr. Heim (der

spätere „alte Heim“, damals, von 1776 bis 1783, Arzt und Physikus in Spandau).

Den Deckel fand man neben dem Sarge sehr zertreten; der Sarg selbst war

mit violettfarbenem Samt ausgeschlagen und mit goldenen Tressen besetzt; der

Leichnam ruhte auf Kissen von weißem Taft. Bekleidet war der Graf mit einer

langen spanischen Weste von Silberstoff, an der Seite hatte er einen bereits

verrosteten, mit goldener Tresse verzierten Degen, seidene, fleischfarbige

Strümpfe bedeckten die Beine, und auf den Füßen trug er schwarzlederne

Schuhe mit sehr dicken Sohlen. Ein schwarzsamtner, mit einer goldenen

Rundschnur besetzter, niedergeschlagener Hut lag auf dem Körper und neben

demselben der Kopf.

Dr. Heim nahm den Kopf in die Hand, um ihn genau zu untersuchen;

hierbei fand sich, daß derselbe mit Kräutern angefüllt und einbalsamiert war. Die

Knochen waren noch nicht vermodert und die sieben Halswirbel fanden sich im

Sarge sämtlich unverletzt vor. Heim erklärte: „Der Graf ist nicht enthauptet

worden, sondern eines natürlichen Todes gestorben.“ Auch wurde eine Urkunde

darüber ausgestellt, die sich bis diesen Augenblick in einem verschlossenen

Kasten des Spandauer Kirchen-Archivs befindet.

 

2. General von Einsiedel

Ziemlich um dieselbe Zeit, als in Spandau die Enthauptungssage von Graf

Adam Schwarzenberg aufkam, also in den Jahren unmittelbar vor Ausbruch des

siebenjährigen Krieges, hieß es auch in Potsdam, als ob die beiden

Nachbarstädte auf diesen Punkt hin eifersüchtig gewesen wären: „General

Einsiedel sei heimlich enthauptet worden.“ Die Sache machte insofern noch ein

gesteigertes Aufsehen, als alles, was den „katholischen Grafen“

(Schwarzenberg) anging, um ein Jahrhundert zurücklag, während die Einsiedel-

Enthauptung eine Art Tages-Ereignis war. Lange hielt sich der Glaube daran, bis

endlich auch dieser „heimlich Enthauptete“ von den Tafeln der Geschichte

gestrichen wurde.

Wir geben, wie in dem Schwarzenberg-Fall, zunächst die Umstände, die die

Sage entstehen ließen.

Gottfried Emanuel von Einsiedel wurde 1690, wahrscheinlich im

Herzogtum Sachsen-Weißenfels, geboren. Er trat 1707 in die preußische Armee,

wurde „seiner ansehnlichen Körperlänge wegen“ ein Liebling Friedrich

Wilhelms I., trat in das rote Leib-Bataillon (die spätere Riesen-Garde) und

machte den Feldzug gegen die Schweden mit. Er avanzierte, vermählte sich mit

Margarethe von Rochow aus dem Hause Reckahn, und erhielt, neben anderen

Donationen, im Jahre 1726 das ehemalige Wartenbergsche Haus in Potsdam,

nebst angrenzenden Wohngebäuden, zum Geschenk. Auf dieser Stelle errichtete

er das Einsiedelsche Haus, das noch existiert und als „Hotel Einsiedler“ jedem

Potsdam-Besucher bekannt geworden ist. Das Allianz-Wappen der Familien von

Einsiedel und von Rochow über der Tür erinnert noch an den Erbauer.[41]

Die Huld, die von Einsiedel unter Friedrich Wilhelm I. erfahren hatte,

verblieb ihm auch unter dessen Nachfolger. Friedrich II. ernannte ihn zum

General-Major und zum Chef des neu formierten Grenadier-Garde-Bataillons.

Mit diesem nahm er an dem zweiten schlesischen Kriege teil und erhielt nach

der Einnahme Prags den Befehl über sämtliche, die Garnison dieser Hauptstadt

bildende Truppen. Es war ein höchst schwieriges Kommando, die Besatzung zu

schwach, um sich auf die Dauer zu halten, dazu völlig unzuverlässig. In der

Nacht vor dem Abzuge, der endlich stattfinden mußte, desertierten fünfhundert

Mann von den Wachen, während die nicht im Dienst befindlichen Mannschaften

der Sicherheit wegen in ihre Quartiere eingeschlossen wurden. Während des

Abzuges selbst steigerte sich das Übel; jede Minute brachte Verluste, die

Geschütze blieben in den grundlosen Wegen stecken, ganze Bataillone lösten

sich auf.

General von Einsiedel, als er mit den Überresten seines Korps in Schlesien

angekommen war, wurde vor ein Kriegsgericht gestellt. Schuldlos, wie er war, konnte seine Freisprechung kaum ausbleiben. Aber die Gnade des Königs war

verscherzt. An dem Feldzuge des nächsten Jahres durfte er nicht teilnehmen; er

blieb in Potsdam, wo er am 14. Oktober 1745 starb.

Als wenige Monate später die Grenadiere heimkehrten und das Haus ihres

Chefs verödet fanden, hieß es alsbald: er sei heimlich enthauptet. Mit allen

Details wurde es erzählt. Der Scharfrichter aus Berlin sei mit verbundenen

Augen herübergeholt worden; nachts, im Keller seines eigenen Hauses, habe die

Hinrichtung stattgefunden; in eben diesem Keller sei seine Leiche auch

verscharrt worden.

Die Zweifel, die laut zu werden versuchten, wurden niedergeschlagen, und

man muß einräumen, daß die Sache nicht nur ein verdächtiges Ansehen, sondern

auch manches um und an sich hatte, was die Annahme mehr oder weniger direkt

zu unterstützen schien. Die Vorgänge in Prag, das Kriegsgericht, die Ungnade

des Königs waren Tatsachen; in das Kirchenbuch der Garnisonkirche war sein

Tod nicht eingetragen. Was aber schwerer als alles andere ins Gewicht fiel und

dem Verdacht, von ganz anderer Seite her Nahrung zuführte, war der Umstand,

daß das Ländchen Bärwalde (damals noch eine preußische Enklave im

Kursächsischen) Einsiedelscher Besitz war und bei allen Schwarzsehern und

Geheimniskrämern alsbald die Frage anregte: ob nicht, mit Rücksicht auf die

Lage dieses Besitzes, ein Einverständnis von Einsiedels mit dem sächsischen

Hofe angenommen werden müsse? Solche Frage, einmal angeregt, wurde

selbstverständlich immer bestimmter mit „ja“ beantwortet, und in Potsdam, wie

im Ländchen Bärwalde selbst herrschte zu Anfang dieses Jahrhunderts nicht der

geringste Zweifel mehr. Generalleutnant von Einsiedel war und blieb „heimlich

enthauptet“, und die Bärwalder steigerten sich bis zu der grotesken Vorstellung,

„daß das Haupt, um die Hinrichtung auch im Tode noch zu cachieren, auf höchst

sinnreiche Weise an dem steifen Uniformkragen (den es damals gar nicht gab)

befestigt worden sei.“ Gegen all diese Annahmen war nichts zu machen. Die

heimlich bestrafte Untat hatte ein siegreich romantisches Interesse, während der

Gegenbeweis prosaisch und undankbar war.

Und doch kam die Zeit, wo er geführt werden mußte. Friedrich Wilhelm

IV., der in der immer wieder angeregten Frage endlich klar sehen wollte, gab

dem General Kurt von Schöning Auftrag: „die Sache ins reine zu bringen.“ Die

Resultate dieser Untersuchung liegen nun vor.

Es sind zunächst zwei Aufzeichnungen, zwei Dokumente, die den

Gegenbeweis übernehmen. Das erste derselben ist eine Zessionsurkunde, eine

gerichtliche Konvention, worin der Einsiedelschen Familie der Besitz des

Ländchens Bärwalde zugesichert wird. In dieser Konvention vom 7. Oktober 1745, die also nur sieben Tage vor dem Hinscheiden des Generals von diesem

selber ausgestellt wurde, nennt er sich: Sr. Kaiserlichen Majestät wohlbestallter

General-Leutnant, Oberst über ein Bataillon Grenadier-Garde, Erbherr zu

Bärwalde etc., woraus ersichtlich, daß die Ungnade des Königs keine besonders

strenge und bedrohliche gewesen sein kann. Dieser würde sonst unzweifelhaft,

vor Ausbruch und Rückkehr der Truppen, einen andern Chef des Garde-

Bataillons ernannt und den Namen von Einsiedels gestrichen haben.

Das zweite, wichtige Dokument ist das Kirchenbuch zu Meinsdorf, im

Ländchen Bärwalde, in dem wir von der Hand des damaligen Pfarres Presso

folgende Aufzeichnungen finden: „.... Gedachter Herr General-Leutnant von

Einsiedel ist gestorben zu Potsdam den 14. Oktober 1745, früh acht Uhr, im

57. Jahre; den 16. ist er im Erbbegräbnis zu Wiepersdorf beigesetzt worden. Den

30. Januar 1746 ist ein feierliches Leichenbegängnis gehalten, der Parade-Sarg

von der Reinsdorfer Grenze eingeholt und die Leichenrede vom Herrn

Hofprediger Ösfeld aus Potsdam gehalten worden.“

Für die absolut Ungläubigen reichte freilich auch dieses Dokument nicht

aus. Dieselben entnahmen aus dieser Pressoschen Kirchenbuch-Notiz weiter

nichts, als die Beisetzung in Wiepersdorf (statt der Verscharrung im Keller),

wohingegen der Beweis, daß dieser beigesetzte von Einsiedel kein zuvor

Enthaupteter gewesen sei, immer noch erübrigte.

Auch diese letzte Burg der Romantik mußte zerstört werden.

Es gab nur einen Weg. Man stieg in die Gruft hinunter, der Sarg wurde

geöffnet, in welchem der General von Einsiedel wohlerhalten lag. Eine Art

Mumifizierung, wie in so vielen Grüften der Mark, war eingetreten. Der Körper

erwies sich völlig unversehrt, derart, daß er sich am Kopfe in die Höhe heben

ließ. Eine Trennung von Haupt und Leib hatte also nicht stattgefunden.

Auch dieser „heimlich Enthauptete“ der Volkssage war uns also

genommen.

 

[41] Eben dieses Einsiedelsche Haus hatte, vielleicht aus derselben oder vielleicht auch

erst aus späterer Zeit stammend, ein Holzbildwerk an seiner schrägen Eckfront, den Diogenes in der Tonne darstellend. In den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts verschwand es, wurde später unter altem Gerümpel entdeckt, wieder hergestellt und aufs neue an seinem alten Platz befestigt, wo es sich bis diese Stunde befindet.