Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Wust 1748
schwarz gestrichen, schmucklos, ohne Haspen und Beschlag.
Es dunkelte schon, als das Fuhrwerk vor dem Herrenhause hielt. Auf dem
Vorplatze standen mehrere Leute aus dem Dorf, in ihrer Mitte der alte Jerse, ein
siebziger jetzt, mit einer Laterne in der Hand. Zwei von den Tagelöhnern
nahmen die Pferde vorn am Zügel und Jerse schritt vorauf. So bogen sie quer
über die Straße, nach der gegenüber gelegenen Seite des Dorfes ein, und fuhren
langsam über den holprigen Kirchhof hin, bis sie vor der angebauten Gruft
hielten.
Drinnen war alles unverändert geblieben; ein einziger Steinsarkophag in
einem weiß getünchten Raume. „Nu droagt em in“, sagte Jerse, und die beiden
Männer, die bis dahin die Pferde geführt hatten, suchten jetzt an dem Sarge
umher, um einen Handgriff zu finden. Aber nichts derart war da. So schoben sie
denn das Brett, auf dem der Sarg stand, von vorn nach hinten, faßten das Brett
oben und unten und trugen es, samt dem Sarge, in den Anbau hinein. Als sie in
der Mitte der Gruft standen, fragte der Vorderste: „wo sall he hen?“ Jerse schien
unschlüssig und trat an den steinernen Sarkophag: „’t is ehr Söhn. Awer et jeiht
nich. Stellt em in de Eck.“ Und sie setzten alles nieder, hoben den Sarg einen
Augenblick und zogen das Brett fort. Und nun schlossen sich die Torflügel
wieder, und über den Kirchhof hin, an den schattenhaft dastehenden Kreuzen
vorbei, verschwand das Fuhrwerk im Dunkel. Jerse blieb noch. Er leuchtete
außen an der Gruft umher und murmelte, wie greisenhafte Leute tun,
Unverständliches vor sich hin, schüttelte dabei den Kopf und tappte zuletzt, wie
ein Irrer, zwischen den Gräbern hin in seine Wohnung zurück.
So wurde Hans Hermann von Katte beigesetzt. Ohne Sang und Klang.
Seine Familie hatten seinen Leichnam freigebeten und die Gnade des Königs
hatte es gewährt.
Wust 1748
Wieder achtzehn Jahre später. Im Herrenhause zu Wust ist es still geblieben
wie vordem, die Zimmer sind leer und nur die Gruft hat sich gefüllt. Die Mutter
Hans Hermanns und er selber sind längst nicht mehr die einzigen Bewohner
darin. Die ganze Familie des Feldmarschalls ist in den weißgetünchten Raum
eingezogen: er selber, seine zweite Frau, seine zwei Söhne zweiter Ehe. Die
Wuster Linie war mit ihnen ausgestorben und die Linie des anderen Bruders, des
Kammer-Präsidenten, war jetzt Besitzer von Wust geworden.
Aber auch dieser ältere Bruder hielt sich fern. Es schien, als ob Wust nur noch dazu dienen sollte, Begräbnisplatz der Familie zu sein.