Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 66 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Wust 1748

schwarz gestrichen, schmucklos, ohne Haspen und Beschlag.

Es dunkelte schon, als das Fuhrwerk vor dem Herrenhause hielt. Auf dem

Vorplatze standen mehrere Leute aus dem Dorf, in ihrer Mitte der alte Jerse, ein

siebziger jetzt, mit einer Laterne in der Hand. Zwei von den Tagelöhnern

nahmen die Pferde vorn am Zügel und Jerse schritt vorauf. So bogen sie quer

über die Straße, nach der gegenüber gelegenen Seite des Dorfes ein, und fuhren

langsam über den holprigen Kirchhof hin, bis sie vor der angebauten Gruft

hielten.

Drinnen war alles unverändert geblieben; ein einziger Steinsarkophag in

einem weiß getünchten Raume. „Nu droagt em in“, sagte Jerse, und die beiden

Männer, die bis dahin die Pferde geführt hatten, suchten jetzt an dem Sarge

umher, um einen Handgriff zu finden. Aber nichts derart war da. So schoben sie

denn das Brett, auf dem der Sarg stand, von vorn nach hinten, faßten das Brett

oben und unten und trugen es, samt dem Sarge, in den Anbau hinein. Als sie in

der Mitte der Gruft standen, fragte der Vorderste: „wo sall he hen?“ Jerse schien

unschlüssig und trat an den steinernen Sarkophag: „’t is ehr Söhn. Awer et jeiht

nich. Stellt em in de Eck.“ Und sie setzten alles nieder, hoben den Sarg einen

Augenblick und zogen das Brett fort. Und nun schlossen sich die Torflügel

wieder, und über den Kirchhof hin, an den schattenhaft dastehenden Kreuzen

vorbei, verschwand das Fuhrwerk im Dunkel. Jerse blieb noch. Er leuchtete

außen an der Gruft umher und murmelte, wie greisenhafte Leute tun,

Unverständliches vor sich hin, schüttelte dabei den Kopf und tappte zuletzt, wie

ein Irrer, zwischen den Gräbern hin in seine Wohnung zurück.

So wurde Hans Hermann von Katte beigesetzt. Ohne Sang und Klang.

Seine Familie hatten seinen Leichnam freigebeten und die Gnade des Königs

hatte es gewährt.

 

Wust 1748

 

Wieder achtzehn Jahre später. Im Herrenhause zu Wust ist es still geblieben

wie vordem, die Zimmer sind leer und nur die Gruft hat sich gefüllt. Die Mutter

Hans Hermanns und er selber sind längst nicht mehr die einzigen Bewohner

darin. Die ganze Familie des Feldmarschalls ist in den weißgetünchten Raum

eingezogen: er selber, seine zweite Frau, seine zwei Söhne zweiter Ehe. Die

Wuster Linie war mit ihnen ausgestorben und die Linie des anderen Bruders, des

Kammer-Präsidenten, war jetzt Besitzer von Wust geworden.

Aber auch dieser ältere Bruder hielt sich fern. Es schien, als ob Wust nur noch dazu dienen sollte, Begräbnisplatz der Familie zu sein.