Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
2. Die Pfaueninsel von 1685 bis 1692 Johann Kunckel
2.
Die Pfaueninsel von 1685 bis 1692
Johann Kunckel
„He, Holla, halt,“ schreit’s hinter ihm, „wir kennen euch,
nicht von der Stelle!
Hoch euer Galgenmännlein, hoch der kleine, rauchige
Geselle!
Und wieder hoch! und dreimal hoch! Alräunchen, Hütchen
meinetwegen,
Mag’s ferner goldne Eier euch und andern tote Bälge legen.“
Annette von Droste-Hülshoff
Johann Kunckel, zu Hütten bei Rendsburg und zwar wahrscheinlich 1638
geboren, hatte sich von Jugend auf der Alchimie befleißigt, den Stein der Weisen
gesucht, den Phosphor entdeckt und war 1677 in kursächsische Dienste getreten,
wo ihm das für damalige Zeit außerordentlich hohe Gehalt von tausend Talern,
nebst Vergütung für alle Materialien, Instrumente, Gläser und Kohlen zugesagt
worden war. Er erhielt aber schließlich diese Summe nicht ausgezahlt und auf
seine desfallsige Beschwerde einfach den Bescheid: „kann Kunckel Gold
machen, so bedarf er kein Geld; kann er solches aber nicht, warum sollte man
ihm Geld geben?“
Die Verlegenheiten, die ihm daraus erwuchsen, veranlaßten ihn, einen Ruf
an den brandenburgischen Hof anzunehmen, freilich unter bescheideneren
Bedingungen, die aber das Gute hatten, daß sie gehalten wurden. Der Große
Kurfürst sagte ihm in einer ersten Unterredung, in der diese Dinge zur Sprache
kamen: „Ich kann Euch tausend Taler nicht geben, denn ich gebe meinen
Geheimen Räten nicht mehr; um keine Jalousie zu machen, so will ich Euch
geben, was ich meinen Geheimen Kammerdienern gebe.“ So erhielt Kunckel ein
Jahresgehalt von fünfhundert Talern. Er nahm erst die Drewitzer Glashütte in
Pacht, wurde dann Kompagnon der Glashütte auf dem Hakendamm bei Potsdam,
erfand hier das Rubinglas, das zu schönen Pokalen verarbeitet wurde, und erhielt
endlich, da es ihm um ein möglichst abgelegenes, schwer zugängliches
Plätzchen für seine Arbeiten zu tun war, in dem schon genannten Jahre 1685 den
ganzen Kaninchenwerder (Pfaueninsel) zum Geschenk. Die Schenkungsurkunde
besagte, daß ihm, unter Befreiung von allen Abgaben, die ganze Insel erb- und
eigentümlich übereignet, das Recht des freien Brauens, Backens und
Branntweinbrennens zuerkannt und der Bau einer Windmühle gestattet werden solle, „damit seine Leute nicht gezwungen seien, des Backens und Brauens, des
Mahlens und Schrotens halber, die Insel zu verlassen.“ Gleichzeitig wurde er in
seiner Rubinglas-Fabrikation durch ein Privilegium geschützt, wogegen er es
übernahm, „alljährlich für fünfzig Taler Kristallgläser an die Kurfürstliche
Kellerei abzuliefern und seine Glaskorallen nur an die Guineasche Kompagnie
zu verkaufen“.
Die Errichtung der Glashütte erfolgte bald darauf an der nordöstlichen Seite
der Insel dicht am Ufer. Er erbaute besondere Öfen, um die beste Art der
Kondensierung des Feuers zu ermitteln, kein Fremder durfte die Insel betreten,
nur der Kurfürst besuchte ihn wiederholt, um die Anlage des Ganzen, sowie den
Kunstbetrieb kennen zu lernen. Dabei wurde, über die Glasfabrikation hinaus,
viel experimentiert.
Worauf diese Bemühungen gerichtet waren, ist nicht mit Sicherheit
festzustellen. Daß es sich um Goldmachekunst und um Entdeckung des Steins
der Weisen gehandelt habe, ist sehr unwahrscheinlich. Nachweisbar verhielt sich
Kunckel gegen solche Versuche, wenigstens wenn sie von andern ausgingen,
sehr ablehnend.
So entzog ihm denn auch der Große Kurfürst nie seine Gnade, wiewohl die
Erfolglosigkeit, auch die wissenschaftliche, aller der damals unternommenen
Experimente so ziemlich feststeht. Friedrich Wilhelm rechnete, wie Kunckel ihn
selbst sagen läßt, die daran gewendeten Summen zu solchen, die er verspielt
oder im Feuerwerk verpufft habe. Da er jetzt weniger spiele, so dürfe er das
dadurch Gesparte an Forschungen in der Wissenschaft setzen.
Mit dem Hinscheiden des Kurfürsten schied aber auch Kunckels Ansehen,
wenigstens innerhalb der Mark Brandenburg. Man machte ihm den Prozeß auf
Veruntreuung und Unterschleif und wenn auch nichts bewiesen werden konnte,
weil eben nichts zu beweisen war,[24] so mochte er dennoch von Glück sagen,
durch eine Aufforderung König Karls XI. von Schweden seiner alten Umgebung
entrissen zu werden. Dies war 1688. Er ging nach Stockholm, wurde
schwedischer Bergrat und unter dem Namen Kunckel von Löwenstern in den
Adelsstand erhoben. Er starb wahrscheinlich 1703.
Sein Laboratorium auf dem Kaninchenwerder hatte nur allerkürzesten
Bestand gehabt. Noch vor seiner Übersiedelung nach Schweden brannten die
Baulichkeiten nieder; — am östlichen Ufer der Insel finden sich bis heute
einzelne verstreute Schlackenreste, die ungefähr die Stelle angeben, wo die
alchimistische „Hütte“ stand. Mehr als ein Jahrhundert verging, bevor die
Zauberer-Insel zu einer Zauber-Insel wurde.