Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 71 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Kaputh

 

Wer hat nicht von Kaputh (so heißt das Dorf) gehöret,

Das, in verwichner Zeit, die größte Zier besaß,

Als Dorothea sich, die Brandenburg noch ehret,

Das Schloß am Havelstrom zum Witwensitz erlas.

Bellamintes: „das itz-blühende Potsdam.“

 

* ⁎ *

 

Man hat bei diesem Schiff das Schiff sich vorzustellen,

Mit dem Kleopatra, in göttlicher Figur

So einer Venus glich, aus Cydnus blauen Wellen

Zu dem Antonius, als ihrem Bacchus, fuhr.

 

Ebendaselbst.

 

D ie Sonne war eine halbe Stunde unter, als wir wieder diesseits des Schwielow standen; es war keine Zeit mehr für Kaputh; die schmale

Mondessichel reichte nicht aus; — die Stunde war verpaßt. So sahen wir uns

denn vor die Alternative gestellt, ob wir, mit der Chance den letzten Zug zu

versäumen, unseren Rückweg antreten oder coûte que coûte in Kaputh

übernachten wollten. Ich tat die entsprechende Frage, meine Bedenken

hinsichtlich des Nachtlagers nicht verschweigend.

Unser Führer (der Leser wird sich freundlichst seiner entsinnen) sah mich

leise vorwurfsvoll an und erwiderte dann ruhig: Sie kennen Boßdorf nicht.

Nein.

Nun, es ist Liebhaberei, daß er hier festsitzt. Er hat das beste Bier und die

besten Betten. Von allem andern rede ich gar nicht. Boßdorf ist ein Name in

diesen Gegenden.

Gut denn. Also Boßdorf!

Diese Unterredung war zwischen Fährstelle und Dorf geführt worden; als

wir eben schlüssig geworden, hielten wir vor dem Gegenstand unseres

Gesprächs. Er reichte vielleicht nicht voll an die Höhe heran, die ihm der Lokal-

Patriotismus unseres Freundes anzuweisen trachtete, aber er hatte doch, wie ich auf der Stelle wahrnehmen konnte, die unerläßlichste aller Wirtseigenschaften:

er war freundlich. Sein Bier und seine Rede lullten mich ein und ich schlief bis

an den hellen Tag. Nur einmal wacht’ ich auf; ich glaubte in einem Trichter zu

liegen (was auch zutraf) und hatte geträumt, der Schwielow habe mich in seine

Tiefe gezogen.

Unter einem Lindenbaum in Front des Hauses wurde der Kaffee

genommen; die Spatzen musizierten über mir; endlich, als sie ihren Mann

durchschaut, hüpften sie vom Gezweige nieder auf den Tisch und nahmen, nach

dem Maße meiner Guttat, an meinem Frühstück teil. Ich konnte es ohne Opfer

tun; es waren Semmeln in großem Format. Jenseit des Staketenzaunes ging das

Leben des Dorfes stillgeschäftig seinen Gang: junges Volk, die Sense auf der

Schulter, eilte zur Mahd hinaus; Kinder mit Erdbeeren kamen aus dem Walde;

Schiffersleute, in weiten Teerjacken, schritten auf den See zu. Ein anmutiges

Bild. Ich verstand jetzt Boßdorf vollkommen und warum er hier festsitzt.

Ein Wagen fuhr vor, ein vollgestopfter Kremser. Vormittagsgäste;

unverkennbar eine animierte Gesellschaft. Ältliche Herren, junge Damen; aber

nicht zu jung.

Boßdorf sprang an den Wagen. Als er wieder an mir vorbei wollte, suchte

ich ihn zu fassen und fragte leise: „Potsdamer?“ Er aber — mit einer

Handbewegung, in der sich eine Welt widerstreitender Empfindungen:

Diensteifer und Geschmeicheltsein, Verlegenheit und ironische Schelmerei

aussprach — antwortete im Vorüberfliegen: Berliner.

Berliner. Es gereichte meiner Menschenkenntnis wenig zur Ehre, diese

Tatsache auch nur einen Augenblick verkannt zu haben. Es war Vollblut. Dabei

unverkennbar auf einer sogenannten „ernsten Partie“ begriffen.

Dieser Ausdruck mag einzelne meiner Leser überraschen; aber es hat seine

Richtigkeit damit. Es gibt zwei Arten von Landpartien. Da sind zunächst die

heiteren. Sie sind weithin kenntlich durch ihren starken Prozentsatz an Kindern;

nie weniger als die Hälfte. In dem Moment der Landung, wo immer es sei,

scheint die Welt aus lauter weißgekleideten kleinen Mädchen mit Rosa-Schleifen

zu bestehen. Die Väter bestellen den Kaffee; das Auge der Mutter gleitet

befriedigt über die glücklichen Gänseblümchen hin, von denen immer drei auf

den Namen Anna und sechs auf den Namen Martha hören. Nun geht es in die

Wiese, den Wald. Die Parole ist ausgegeben: Erdbeeren suchen. Alles ist Friede;

die ganze Welt ein Idyll. Aber schon beginnen die dunklen Wetter zu brauen. Mit

dem Eintritt in den Wald sind die weißen Kleider ihrem Verhängnis verfallen.

Martha I. ist an einem Wacholderstrauch hängen geblieben, Martha II. hat sich in

die Blaubeeren gesetzt — wie Schneehühner gingen sie hinein, wie Perlhühner kommen sie wieder heraus. Der Sturm bricht los. Wer je Berliner Mütter in

solchen Augenblicken gesehen, wird die kriegerische Haltung der gesamten

Nation begreiflich finden. Die Väter suchen zu intervenieren. Unglückliche!

Jetzt ergießt sich der Strom in sein natürliches Bett.

Und doch sind dies die heiteren Landpartien, denen wir die ernsten

entgegenstellen. An diesen letzteren nehmen Kinder nie teil. Es gibt auch rote

Schleifen, aber das Rosa ist Ponceau geworden. Man spricht in Pikanterien, in

einer Art Geheimsprache, für die nur der Kreis der Eingeweihten den Schlüssel

hat. Bowle und Jeu lösen sich unter einander ab; unglaubliche Toaste werden

ausgebracht und längst begrabene Gottheiten steigen triumphierend wieder auf.

Sonderbar. Auf den heiteren Landpartien wird immer geweint, auf den ernsten

Landpartien wird immer nur gelacht.

Vor mir, am Staket, hielt eine ernste Landpartie. Zwei Herren, Fünfziger,

mit großen melierten Backenbärten, Lebemänner aus der Schicht der

allerneusten Torf- und Ziegel-Aristokratie, sprangen mit berechneter

Leichtfüßigkeit vom Wagen und gaben dadurch Gelegenheit, das im Wagen

verbliebene Residuum der Gesellschaft besser überfliegen zu können. Das

meiste war Staffage, bloße Najaden und Tritonen, die als Beiwerk, auch wohl als

Folie notwendig da sein müssen, wenn Venus aus den Wellen steigt. Wem die

Rolle der letztern oblag, darüber konnte kein Zweifel sein. Sie war dreißig,

überthronte das Ganze, trug das Haar kurz geschnitten à la Rosa Bonheur und

hielt eine große italienische Laute auf ihren Knien. Übrigens war sie wirklich

hübsch; alles im Brunhilden-Stil; dieselbe weiße Hand, die jetzt auf der Laute

ruhte, hätte auch jeden beliebigen Stein fünfzig Ellen weit geschleudert.

In diesem Moment, ehe ich noch den Kremser völlig durchmustert hatte,

erschien Boßdorf mit einem großen Tablett. Es war ein Morgenimbis, der für den

Rest des Tages einige Perspektiven eröffnete: vier Kulmbacher, vier Werdersche,

mehrere Kognak und eine Pyramide von Butterbroten. Alle Macht ist ein

Magnet; — Boßdorf präsentierte der Lautenschlägerin zuerst. Diese, ohne

weiteres, machte eine halbe Schwenkung, glitt, nicht ohne einen Anflug von

Entsagung, über die kleinen Gläser hin, nahm eine Kulmbacher, prüfte das

Verhältnis von Schaum und Saft und trank aus. Ohne abzusetzen. Als ihr

Boßdorf die Butterbrot-Seite des Tabletts zudrehte, nickte sie abwehrend.

In kürzester Frist war übrigens das Tablett leer, nicht alle waren wählerisch;

die Entrepreneurs eilten zu ihren Plätzen; die Pferde zogen an. Ein Lindenzweig

streifte noch huldigend die Stirn der Primadonna; im nächsten Augenblicke

verschwand der Kremser in einer Querstraße des Dorfes. Ich horchte ihnen nach.

Es war mir, als trüge der Wind herüber: „Im Wald, im schönen, grünen Wald“ und dazwischen verlorene Lautenklänge.

Ich war nun wieder allein und wollte bereits — was immer einen äußersten

Grad von Verlegenheit ausdrückt — zu den „Territorien der Mark Brandenburg“,

einer Art märkischem Bädeker, meine Zuflucht nehmen, als das Erscheinen

unseres freundlichen Führers vom Tage vorher meiner Verlegenheit ein Ende

machte und mich aus der toten Aufzeichnung in das frisch pulsierende Leben

stellte. Wir schlenderten am See hin, das Dorf entlang, an Schloß und Park

vorbei; es war eine anmutige Vormittagsstunde, anregend, lebendig, lehrreich.

Kaputh ist eines der größten Dörfer der Mark, eines der längsten gewiß; es

mißt wohl eine halbe Meile. Daß es wendisch war, besagt sein Name. Was dieser

bedeutet, darüber existieren zu viele Hypothesen, als daß die eine oder andere

viel für sich haben könnte. So zweifelhaft indes die Bedeutung seines Namens,

so unzweifelhaft war in alten Zeiten die Armut seiner Bewohner. Kaputh besaß

keinen Acker, und die große Wasserfläche, Havel samt Schwielow, die ihm vor

der Tür lag, wurde von den Potsdamer Kiezfischern, deren alte Gerechtsame sich

über die ganze Mittel-Havel bis Brandenburg hin erstreckten, eifersüchtig

gehütet und ausgenutzt. So stand es schlimm um die Kaputher; Ackerbau und

Fischerei waren ihnen gleichmäßig verschlossen. Aber die Not macht

erfinderisch, und so wußten sich denn schließlich auch die Bewohner dieses

schmalen Uferstreifens zu helfen. Ein doppeltes Auskunftsmittel wurde

gefunden; Mann und Frau teilten sich, um von zwei Seiten her anfassen zu

können. Die Männer wurden Schiffer, die Frauen verlegten sich auf Gartenbau.

Die Nachbarschaft Potsdams, vor allem das rapide Wachstum Berlins,

waren dieser Umwandlung, die aus dem Kaputher Tagelöhner einen Schiffer

oder Schiffsbauer machte, günstig, riefen sie vielleicht hervor. Überall an Havel

und Schwielow hin entstanden Ziegeleien, und die Millionen Steine, die Jahr

aus, Jahr ein am Ufer dieser Seen und Buchten gebrannt wurden, erforderten

alsbald hunderte von Kähnen, um sie auf den Berliner Markt zu schaffen. Dazu

boten die Kaputher die Hand. Es entstand eine völlige Kahnflotte, und mehr als

sechzig Schiffe, alle auf den Werften des Dorfes gebaut, befahren in diesem

Augenblicke den Schwielow, die Havel, die Spree. Das gewöhnliche Ziel, wie

schon angedeutet, ist die Hauptstadt. Aber ein Bruchteil geht auch havelabwärts

in die Elbe und unterhält einen Verkehr mit Hamburg.

Kaputh — das Chicago des Schwielow-Sees — ist aber nicht bloß die große

Handels-Empore dieser Gegenden; nicht bloß End- und Ausgangspunkt der

Zauche-Havelländischen Ziegel-Distrikte, nein, es ist auch Stationspunkt, an

dem der ganze Havelverkehr vorüber muß. Der Umweg durch den Schwielow ist

unvermeidlich; es gibt vorläufig nur diese eine fahrbare Straße. Eine Abkürzung des Weges durch einen Nordkanal ist geplant, aber noch nicht ausgeführt. So

wird denn das aus eigenen Mitteln eine Kahnflotte hinaussendende Kaputh, das,

wenn es sein müßte, sich selbst genügen würde, zugleich zu einem allgemeinen

See- und Handelsplatz, zu einem Hafen für die Schiffe anderer Gegenden, und

die Flottillen von Rathenow, Plaue, Brandenburg, wenn eine Havarie sie trifft

oder ein Orkan im Anzuge ist, laufen hier an und werfen Anker. Am

lebendigsten aber ist es auf der Kaputher Reede, wenn irgend ein großer Festtag

einfällt und alte gute Sitten die Weiterfahrt verbietet. Das ist zumal um

Pfingsten. Dann drängt alles hier zusammen; zu beiden Seiten des „Gemündes“

liegen hundert Schiffe oder mehr, die Wimpel flattern, und hoch oben vom Mast,

ein entzückender Anblick, grüßen hundert Maienbüsche weit in die Ferne.

Das ist die große Seite des Kaputher Lebens; daneben gibt es eine kleine.

Die Männer haben den Seefahrer-Leichtsinn; das in Monaten Erworbene geht in

Stunden wieder hin, und den Frauen fällt nun die Aufgabe zu, durch Bienenfleiß

und Verdienst im kleinen die Rechnung wieder ins Gleiche zu bringen.

Wie wir schon sagten, es sind Gärtnerinnen; die Pflege, die der Boden

findet, ist die sorglichste, und einzelne Kulturen werden hier mit einer solchen

Meisterschaft getrieben, daß die „Kaputhschen“ imstande sind, ihren Nachbarn,

den „Werderschen“, Konkurrenz zu machen. Unter diesen Kulturen steht die

Erdbeerzucht obenan. Auch ihr kommt die Nähe der beiden Hauptstädte

zustatten, und es gibt kleine Leute hier, mit einem halben Morgen Gartenland,

die in drei bis vier Wochen hundertundzwanzig Taler für Ananas-Erdbeeren

einnehmen. Dennoch bleiben es kleine Leute, und man kann auch in Kaputh

wieder die Wahrnehmung machen, daß die feineren Kulturen es nicht zwingen,

und daß fünfzig Morgen Weizenacker nach wie vor das Einfachste und das Beste

bleiben. —

Unter Gesprächen, deren Inhalt ich in vorstehendem zusammenzufassen

gesucht habe, hatten wir das Dorf nach Norden hin passiert, und hielten jetzt an

einer Havelstelle, von wo aus wir über einen parkartigen, grüngemusterten

Garten hinweg auf das Herrenhaus sehen konnten, einen Hochparterrebau, mit

Souterrain und zweiarmiger Freitreppe.

Dies Herrenhaus führt den Namen „Schloß“, und trotz bescheidener

Dimensionen immer noch mit einem gewissen Recht, wenigstens seiner inneren

Einrichtung nach. Man geht in der Mark etwas verschwenderisch mit diesem

Namen um und hilft sich nötigenfalls (wie beispielsweise in Tegel) durch das

Diminutivum: Schlößchen.

Schloß Kaputh war in alten Zeiten Rochowisch. Im dreißigjährigen Kriege

zerfiel es oder wurde zerstört, und erst von 1662 an erstand hier ein neues Leben. In diesem Jahre ging Kaputh, Dorf wie Schloß, in den Besitz des Großen