Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 21 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Burg und Jagdhaus Bötzow von 1200 bis 1650

Die Luft ist warm und weich und ladet uns ein, unsern Nachmittagskaffee

im Freien zu nehmen. Da sitzen wir denn auf der Treppe des Hauses, die sich

nach rechts und links hin zu einer Art Veranda erweitert, und freuen uns der

Stille und der balsamischen Luft, die uns umgeben. Die Kronen der

Lindenbäume sind unmittelbar über uns, und so oft ein Luftzug über den Platz

weht, schüttelt er aus dem dichten Blattwerk einzelne Regentropfen auf uns

nieder. Zu unserer Linken, ziemlich in der Mitte des Platzes, ragt die Statue der

hohen Frau auf, die dieser Stadt den Namen und, über einen allerengsten Kreis

hinaus, ein Ansehen in der Geschichte unseres Landes gab. Dahinter, zwischen

den Stäben eines Gittertors, schimmern die Bäume des Parks hervor, unmittelbar

vor uns aber, nur durch die Breite des Platzes von uns getrennt, ragt der alte

Schloßbau selbst auf, dessen Bild und dessen Geschichte uns heute beschäftigen

soll.

Wir haben die Front des Schlosses in aller Klarheit vor uns, aber doch ist es

nur die kleinere Hälfte, deren wir von unserem Platz aus ansichtig werden. Die

Form des Oranienburger Schlosses in seiner Blütezeit war die eines lateinischen

H, oder, mit anderen Worten, es bestand aus einem Haupt- oder Mittelstück

(corps de logis), an das sich zwei Vorder- und zwei Hinterflügel lehnten. Die

beiden Hinterflügel existieren noch, entziehen sich aber unserem Blick; von den

Vorderflügeln wurde der eine (der rechts gelegene) durch Feuer zerstört.

Schloß Oranienburg, wenn wir diese Bezeichnung zunächst unterschiedlos

und mit einer Art rückwirkender Kraft festhalten wollen, ist ein alter Schloß-

und Burgbau, der sich an derselben Stelle, d. h. also auf der kleinen vor uns

gelegenen Havelinsel, seit nah an siebenhundert Jahren erhebt. Wir haben hier,

wie bei verschiedenen andern hohenzollerischen Schlössern, drei Epochen zu

unterscheiden, drei Epochen, die sich in aller Kürze durch drei bestimmte Worte

bezeichnen lassen: Burg, Jagdhaus, Schloß. Erst das „Schloß“ (wir werden bald

sehen, aus welcher Veranlassung) empfing den Namen Oranienburg, während

Burg und Jagdhaus den Namen Bötzow, d. h. den Namen jenes uralten

wendischen Dorfes führten, den die vordringenden Deutschen bei ihrer

Eroberung des Landes bereits vorfanden. Die Geschichte kennt also bis in die

Mitte des siebzehnten Jahrhunderts hinein nur eine „Burg Bötzow“, resp. ein

„Jagdhaus zu Bötzow“; erst von den Tagen der Oranierin an, die hier ein

„Schloß“, einen verhältnismäßig prächtigen Neubau, an alter Stelle erstehen ließ,

existiert ein Oranienburg.

 

Burg und Jagdhaus Bötzow von 1200 bis 1650

Wann Burg Bötzow gegründet wurde, ist nicht genau ersichtlich,

wahrscheinlich zwischen 1170 und 1200 von einem der unmittelbaren

Nachfolger Albrechts des Bären. 1217 ist urkundlich von einer Feldmark zu

Bötzow die Rede, aber freilich erst 1288 von einer Burg zu Bötzow.

Nichtsdestoweniger ist der Schluß berechtigt, daß sie schon volle hundert Jahre

früher existierte. Öfter genannt wird die Burg zu den Zeiten des Markgrafen

Waldemar; Leben und Farbe jedoch erhalten die Überlieferungen erst zu Anfang

des fünfzehnten Jahrhunderts während der Quitzow-Zeit.

Versuch ich es, in kurzen Zügen ein Bild jener Epoche zu geben?

1402 war Bötzow eine markgräfliche oder kurfürstliche Burg, die durch

einen Burgvogt im Namen des Markgrafen Jobst von Mähren, oder vielleicht

auch seines Statthalters, Günther von Schwarzburg, gehalten wurde. Das Elend

des Landes stand damals auf seiner Höhe; wie ein hingeworfener Fetzen lag es

da, von dem jeder Nachbar, ja jeder ehrgeizige Vasall im Lande selbst, glaubte

nehmen zu dürfen, was ihm gut erschien. Sie hatten es samt und sonders leicht

genug; um aber noch sicherer und bequemer zu gehen, vereinigten sie sich zu

gemeinschaftlichen Angriffen, nachdem die Verteilung der Beute zuvor

festgesetzt worden war. Im genannten Jahre (1402) kam es zu einer Art von

nordischem Bündnis gegen die offen daliegende Mark, zu einer Ligue, die aus

den Herzögen von Mecklenburg und Pommern, so wie aus den Ruppinschen

Grafen bestand, deren Seele jedoch die Quitzows waren. Die letzteren, wiewohl

selber Lehnsträger des Markgrafen, verfolgten, politisch genommen, den

richtigen und gut zu heißenden Plan, sich in dem immer herrenloser werdenden

Lande schließlich selber zum Herrn zu machen, und die Bündnisse, die sie

schlossen, dienten ihnen nur als Mittel zum Zweck. Die Völker dieser Ligue

fielen endlich in die Mark ein, sengten und plünderten, wohin sie kamen,

erstürmten Burg Bötzow und legten an Stelle der märkischen nunmehr eine

pommersche Besatzung in die Burg. Die Mark, nachdem die kurfürstliche

Autorität durch diese Vorgänge, besonders aber infolge der Gefangennahme des

Statthalters Günther von Schwarzburg (durch die Quitzows 1404) einen Schlag

nach dem andern erfahren hatte, suchte endlich eine Aussöhnung mit ihren

gefährlichsten Gegnern, den Quitzows, herbeizuführen und war in ihren

Verhandlungen — vielleicht eben deshalb, weil die beiden Brüder ein eben so

feines wie kühnes Spiel spielten — glücklich genug, diese selbst und ihren

nächsten Anhang auf ihre Seite zu ziehen. Burg Bötzow wurde nun abermals

gestürmt, diesmal von den Märkern, und die gefangenen Pommern im Triumph

nach Berlin geführt. Eine Quitzowsche Besatzung, aber keine kurfürstliche, ward

in die Burg gelegt.