Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Burg und Jagdhaus Bötzow von 1200 bis 1650
Die Luft ist warm und weich und ladet uns ein, unsern Nachmittagskaffee
im Freien zu nehmen. Da sitzen wir denn auf der Treppe des Hauses, die sich
nach rechts und links hin zu einer Art Veranda erweitert, und freuen uns der
Stille und der balsamischen Luft, die uns umgeben. Die Kronen der
Lindenbäume sind unmittelbar über uns, und so oft ein Luftzug über den Platz
weht, schüttelt er aus dem dichten Blattwerk einzelne Regentropfen auf uns
nieder. Zu unserer Linken, ziemlich in der Mitte des Platzes, ragt die Statue der
hohen Frau auf, die dieser Stadt den Namen und, über einen allerengsten Kreis
hinaus, ein Ansehen in der Geschichte unseres Landes gab. Dahinter, zwischen
den Stäben eines Gittertors, schimmern die Bäume des Parks hervor, unmittelbar
vor uns aber, nur durch die Breite des Platzes von uns getrennt, ragt der alte
Schloßbau selbst auf, dessen Bild und dessen Geschichte uns heute beschäftigen
soll.
Wir haben die Front des Schlosses in aller Klarheit vor uns, aber doch ist es
nur die kleinere Hälfte, deren wir von unserem Platz aus ansichtig werden. Die
Form des Oranienburger Schlosses in seiner Blütezeit war die eines lateinischen
H, oder, mit anderen Worten, es bestand aus einem Haupt- oder Mittelstück
(corps de logis), an das sich zwei Vorder- und zwei Hinterflügel lehnten. Die
beiden Hinterflügel existieren noch, entziehen sich aber unserem Blick; von den
Vorderflügeln wurde der eine (der rechts gelegene) durch Feuer zerstört.
Schloß Oranienburg, wenn wir diese Bezeichnung zunächst unterschiedlos
und mit einer Art rückwirkender Kraft festhalten wollen, ist ein alter Schloß-
und Burgbau, der sich an derselben Stelle, d. h. also auf der kleinen vor uns
gelegenen Havelinsel, seit nah an siebenhundert Jahren erhebt. Wir haben hier,
wie bei verschiedenen andern hohenzollerischen Schlössern, drei Epochen zu
unterscheiden, drei Epochen, die sich in aller Kürze durch drei bestimmte Worte
bezeichnen lassen: Burg, Jagdhaus, Schloß. Erst das „Schloß“ (wir werden bald
sehen, aus welcher Veranlassung) empfing den Namen Oranienburg, während
Burg und Jagdhaus den Namen Bötzow, d. h. den Namen jenes uralten
wendischen Dorfes führten, den die vordringenden Deutschen bei ihrer
Eroberung des Landes bereits vorfanden. Die Geschichte kennt also bis in die
Mitte des siebzehnten Jahrhunderts hinein nur eine „Burg Bötzow“, resp. ein
„Jagdhaus zu Bötzow“; erst von den Tagen der Oranierin an, die hier ein
„Schloß“, einen verhältnismäßig prächtigen Neubau, an alter Stelle erstehen ließ,
existiert ein Oranienburg.
Burg und Jagdhaus Bötzow von 1200 bis 1650
Wann Burg Bötzow gegründet wurde, ist nicht genau ersichtlich,
wahrscheinlich zwischen 1170 und 1200 von einem der unmittelbaren
Nachfolger Albrechts des Bären. 1217 ist urkundlich von einer Feldmark zu
Bötzow die Rede, aber freilich erst 1288 von einer Burg zu Bötzow.
Nichtsdestoweniger ist der Schluß berechtigt, daß sie schon volle hundert Jahre
früher existierte. Öfter genannt wird die Burg zu den Zeiten des Markgrafen
Waldemar; Leben und Farbe jedoch erhalten die Überlieferungen erst zu Anfang
des fünfzehnten Jahrhunderts während der Quitzow-Zeit.
Versuch ich es, in kurzen Zügen ein Bild jener Epoche zu geben?
1402 war Bötzow eine markgräfliche oder kurfürstliche Burg, die durch
einen Burgvogt im Namen des Markgrafen Jobst von Mähren, oder vielleicht
auch seines Statthalters, Günther von Schwarzburg, gehalten wurde. Das Elend
des Landes stand damals auf seiner Höhe; wie ein hingeworfener Fetzen lag es
da, von dem jeder Nachbar, ja jeder ehrgeizige Vasall im Lande selbst, glaubte
nehmen zu dürfen, was ihm gut erschien. Sie hatten es samt und sonders leicht
genug; um aber noch sicherer und bequemer zu gehen, vereinigten sie sich zu
gemeinschaftlichen Angriffen, nachdem die Verteilung der Beute zuvor
festgesetzt worden war. Im genannten Jahre (1402) kam es zu einer Art von
nordischem Bündnis gegen die offen daliegende Mark, zu einer Ligue, die aus
den Herzögen von Mecklenburg und Pommern, so wie aus den Ruppinschen
Grafen bestand, deren Seele jedoch die Quitzows waren. Die letzteren, wiewohl
selber Lehnsträger des Markgrafen, verfolgten, politisch genommen, den
richtigen und gut zu heißenden Plan, sich in dem immer herrenloser werdenden
Lande schließlich selber zum Herrn zu machen, und die Bündnisse, die sie
schlossen, dienten ihnen nur als Mittel zum Zweck. Die Völker dieser Ligue
fielen endlich in die Mark ein, sengten und plünderten, wohin sie kamen,
erstürmten Burg Bötzow und legten an Stelle der märkischen nunmehr eine
pommersche Besatzung in die Burg. Die Mark, nachdem die kurfürstliche
Autorität durch diese Vorgänge, besonders aber infolge der Gefangennahme des
Statthalters Günther von Schwarzburg (durch die Quitzows 1404) einen Schlag
nach dem andern erfahren hatte, suchte endlich eine Aussöhnung mit ihren
gefährlichsten Gegnern, den Quitzows, herbeizuführen und war in ihren
Verhandlungen — vielleicht eben deshalb, weil die beiden Brüder ein eben so
feines wie kühnes Spiel spielten — glücklich genug, diese selbst und ihren
nächsten Anhang auf ihre Seite zu ziehen. Burg Bötzow wurde nun abermals
gestürmt, diesmal von den Märkern, und die gefangenen Pommern im Triumph
nach Berlin geführt. Eine Quitzowsche Besatzung, aber keine kurfürstliche, ward
in die Burg gelegt.