Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 70 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Der Schwielow und seine Umgebungen

Der Schwielow

 

Mit der Wasser Steigen steigt auch das Gefühl ihm seiner

Kraft,

Und der Damm, er ist zertrümmert und durchbrochen ist die

Haft.

 

„Der Wenersee.“

* ⁎ *

 

Sieh den Schwan,

Umringt von seiner frohen Brut,

Sich in den roten Widerschein

Des Himmels tauchen! Sieh, er schifft,

Zieht rote Furchen in die Flut

Und spannt des Fittigs Segel auf. (Irin)

 

Ewald von Kleist

 

D er Schwielow ist eine Havelbucht im großen Stil wie der Tegeler See, der Wannsee, der Plauesche See. Allesamt sind es Flußhaffe, denen man zu Ehre

oder Unehre den Namen „See“ gegeben hat. In etwaige Rangstreitigkeiten treten

wir nicht ein, sie mögen unentschieden bleiben wie andere mehr.

Unter allen Havelbuchten, welchen Namen sie immer führen mögen, ist der

Schwielow die größte und sehr wahrscheinlich auch die neueste. Vielleicht zählt

dies weitere Wasserbecken noch keine tausend Jahre, keinenfalls geht es weit in

die Vorgeschichte zurück. Mannigfachen Anzeichen nach ging in den ersten

Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die südliche Ausbuchtung der Havel nur

etwa eine Meile über Potsdam hinaus und ein Erdwall, über dessen Ausdehnung

und Beschaffenheit es nutzlos wäre zu konjekturieren, schob sich etwa in der

Höhe des Dorfes Kaputh trennend zwischen die höher gelegene Havel im

Norden und ein tiefer gelegenes Moorland im Süden. Da, in einer Sturmnacht,

staute ein Südwest die ihm entgegenfließenden Havelwasser bis an die

Potsdamer Enge zurück und plötzlich umschlagend in einen eisigen Nord-Nord-

Ost stieß er die aufgetürmte Wassermasse mit solcher Gewalt gegen den Erdwall, daß dieser zerbrach und die bis dahin abgedämmten Havelwasser wie

aus einem Schleusenwerk sich in das tiefer gelegene Moorbecken ergossen. In

jener Nacht wurde der Schwielow geboren.

Im Einklange hiermit ist es, daß die weite Wasserfläche, die jetzt diesen

Namen führt, mehr durch ihre Masse als durch ihre Tiefe imponiert: der

Schwielow hat ganze Striche, wo man Grund fühlen, noch andere, wo man ihn

durchwaten kann. Unter allen unseren Seen kommt er dem Müggelsee am

nächsten. An Fläche und Ausdehnung diesem Könige der märkischen Gewässer

nah verwandt, weicht er im Charakter doch völlig von ihm ab. Die Müggel ist

tief, finster, tückisch, — die alten Wendengötter brauen unten in der Tiefe; der

Schwielow ist breit, behaglich, sonnig und hat die Gutmütigkeit aller breit

angelegten Naturen. Er hält es mit leben und leben lassen; er haßt weder die

Menschen noch das Gebild aus Menschenhand; er ist das Kind einer andern Zeit

und der Christengott pochte vielleicht schon an die Tore, als er ins Dasein trat.

Der Schwielow ist gutmütig, so sagten wir; aber wie alle gutmütigen

Naturen kann er heftig werden, plötzlich, beinahe unmotiviert, und dann ist er

unberechenbar. Eben noch lachend, beginnt ein Kräuseln und Drehen, nun ein

Wirbel, ein Aufstäuben, ein Gewölk — es ist, als führe eine Hand aus dem

Trichter, und was über ihm ist, muß hinab in die Tiefe. In solchen Augenblicken

gibt er der Müggel nichts nach. Es gibt ganze Linien, wo die gescheiterten

Schiffe liegen.

Ihn zu befahren in seiner ganzen Breite, war seit lange mein Wunsch. Heute

bot sich die Gelegenheit. Der Wind war gut, ein regelrechter Südost. An der

Fährstelle zu Kaputh lag das Boot; grün und weiß die Planken und Ruder; das

Segel war noch an den Mast gebunden. Wir stiegen ein zu dritt, mit uns die

Söhne des Fährmannes, drei junge Kaputher Midshipmen zwischen zehn und

vierzehn, die auf dem Schwielow für den vaterländischen Dienst sich

vorbereiten, wie einst der Peipus die hohe Schule war für die werdende russische

Flotte. Sie hatten bereits die Ruhe des Seemanns; dazu blaue Mützen mit

Goldstreif und den Anker daran. Der Älteste nahm den Platz am Steuer; nun los

die Bänder, der Wind fuhr in das flatternde Segel und wie ein Pfeil glitten wir

über die breite Fläche hin. Der Fährmann, eine prächtige Gestalt, stand am Ufer

und wünschte gute Fahrt. Wir gaben Antwort mit Hohiho und

Mützenschwenken.

Eine Weile ging das Geplauder, aber bald wurden wir still. Wir waren jetzt

in der Mitte des Sees, die Sonne stand hinter einem Gewölk, so daß alles

Glitzern und Blenden aufhörte, und nach links hin lag jetzt in Meilentiefe der

See. Ein Waldkranz, hier und da von einzelnen Pappeln und Ziegelessen überragt, faßte die weiten Ufer ein; vor uns, unter Parkbäumen, Petzow und

Baumgartenbrück, nach links hin, an der Südspitze des Sees, das einsame Ferch.

Dieser einsame Punkt war mit unter den Lieblingsplätzen Friedrich

Wilhelms IV., der in Sommertagen, wenn er abends zu Schiff in die Havel-Seen

hinausfuhr, gern hier anlegte und seine Teestunde im engsten Kreise

verplauderte. Noch zeigt eine umfriedete Stelle den Platz am Abhang, wo er zu

sitzen und das schöne Bild zu überblicken liebte.

Jetzt lag die Breite des Sees hinter uns; noch durch einen Schilfgürtel

hindurch und wir glitten das schlammige Ufer hinauf; nur der Stern des Kahns

lag noch im Wasser. Hügelan steigend suchten wir eine schattige Stelle unter

dem Dach zweier halb zusammengewachsener Akazienbäume und sahen nun

hinaus auf die blanke Fläche, auf das Spiel wechselnder Farben und auf das stille

Leben, das darüber hinglitt. Blaue Streifen zogen sich durchs Grau, dann

umgekehrt, und quer durch diese Linien, über die das Licht hinglitzerte, kamen

und gingen die Schiffe. Die Segel standen blendend weiß in der Sonne.

Stunde und Stimmung waren günstig zum Plaudern. Unser Schwielow-

Führer nahm das Wort und an den Rand des Schattens tretend, der unsern Platz

umzirkelte, hob er jetzt geschäftig an: „Dort, wo Sie den grauen Streifen sehen,

fast in der Mitte, aber mehr nach Kaputh zu, dort liegen die Schiffe, die der

Schwielow hinabgerissen; was er hat, das hält er fest; er gibt sie schwer wieder

heraus. Und doch soll er’s und doch wird er darum angegangen. Die

Versicherungs-Gesellschaften setzen ihm scharf zu und fragen nicht lange, ob er

will oder nicht. Es ist noch nicht lange, da haben sie’s wieder versucht. In

Kaputh gibt es immer einen Freudentag; ob’s glückt oder nicht, es bringt uns

Geld ins Dorf.

Wie werden denn diese Hebungs-Versuche gemacht?

Das ist einfach genug. Eines Tages erscheinen zwanzig Mann oder mehr,

und mit ihnen kommen zwei große, starke Havelkähne, mit hohen Wänden,

zugleich mit allerhand Maschinen und Hebevorrichtungen an Bord. Nun legen

sich die beiden Havelkähne zu Seiten des untergegangenen Schiffes, von einem

Kahn zum andern werden drei starke Bohlenbrücken gelegt und auf diese

Brücken drei Drehbassen gestellt. Ein Assekuranz-Taucher, der immer mit zur

Stelle ist und zu den Hauptfunktionären zählt, tritt nun seine Niederfahrt an, und

unter dem Rumpf des gesunkenen Schiffes hinweg — an den Stellen, die oben

den drei Brückenlagen entsprechen — zieht er jetzt drei eiserne Ketten, die

nunmehr jede einzelne zusammengeknotet und an dem Krahnhaken befestigt

werden. Nun beginnen die Drehbassen ihr Werk. Geht alles gut und denkt der

Schwielow bei sich: ‚nun meinetwegen‘, so bringen sie das Schiff heraus und halten es zwischen den beiden gesunden Kähnen fest, bis die Ladung geborgen

ist; ist aber der Schwielow schlechter Laune und weiß er’s dahin einzurichten,

daß der eine Krahn schärfer anzieht als der andere, so ist alles verloren: das

Schiff zerbricht, die Ladung geht in die Tiefe und die Trümmer treiben umher.

Wie es mit dem Strandrecht am Schwielow steht, kann ich nicht sagen.“

So ging die Rede. Noch manches Wort fiel, vom Ziegelbetrieb, von

Maulbeerbäumen und Seidenzucht, vom Kornhandel nach Sachsen, vom

Weinbau, der einst an diesen Hügelhängen blühte, zuletzt von der Jagd und den

Wilderern am Schwielow hin.

„Sie treiben’s arg,“ hob unser Erzähler wieder an. „In den kleinen

Ortschaften, da, südlich über Ferch hinaus, da sitzen sie; jeder kennt sie, aber

keiner kann es beweisen. In Kittel oder Joppe geht es zum Tore hinaus, tausend

Schritt weiter hin, unter einem dichten Wachholderbusch, hat er seine Büchse

vergraben; nun holt er sie aus Moos und Erde hervor und — der Wilderer ist

fertig. Ja, Ihr Herren Berliner — und dabei hob er scherzhaft den Finger gegen

mich — um Euren Festbraten säh’ es schlecht aus, wenn die Wilderer nicht

wären und ihren Hals dran setzten. Wenn der Rehrücken erst auf der Tafel steht,

schmeckt es keiner mehr, wessen Blei ihn getroffen. Manch einem mundet’s

auch wohl um so besser, je mehr er weiß, es ist so was wie verbotene Frucht.

Aber sie zu pflücken, ist mühevoll; das muß wahr sein. Der Förster da unten ist

ihnen zu hart auf der Spur, der versteht keinen Spaß, ‚du oder ich;‘ zwei haben

es schon bezahlen müssen und beide Male haben ihn die Gerichte frei

gesprochen. Es ist ein eigen Ding um Menschenblut. Ich hätt’s nicht gern an

meinen Händen. Aber am Ende, wenn es hieße: meins oder deins, ich dächt’

auch lieber: deins.“

Unser Auge hatte sich unwillkürlich nach Ferch hinübergerichtet; ein

Schuß, der in den weiten Waldungen widerhallte, durchzitterte uns leise. Die

Sonne neigte sich; in einer Viertelstunde mußte sie unter sein. Wir eilten zu

unserm Boot und nahmen, uns rückwärts setzend, unseren Blick gegen Westen,

um vom Wasser aus dem Schauspiel folgen zu können.

Noch eh wir die Mitte des Sees erreicht, hing der rote Ball über dem

Sparren- und Schattengerüst der Zugbrücke von Baumgartenbrück, während das

glühende Spiegelbild der Sonne nur drei Handbreit tiefer stand. Die eine Sonne

dicht über dem Horizont, die andere dicht über dem Wasser, und nur der

schwarze Streifen des Brückengebälks zwischen beiden!

Nun unter. Die Nebel fingen an leise zu brauen. Ein Schleier über Wasser

und Wald; Ferch dämmerte immer unbestimmter herauf; nur am Kaputher Ufer

war es noch hell.

Welch Bild jetzt! Da wo das „Gemünde,“ das tiefgehende eigentliche

Fahrwasser, das aus der Havel in den Schwielow führt, sich als ein blauer

Streifen markiert, zogen in langen Rudeln die Havel-Schwäne; zu beiden Seiten

des „Gemündes“ aber, an den einfassenden seichten Stellen Spalier bildend,

blühten in dichten Guirlanden die weißen Teichrosen aus dem Wasser auf. In

einiger Entfernung war es nicht zu unterscheiden, wo das Blühen aufhörte und

das Ziehen und Schwimmen begann. Und durch all das Weiß hin, das eben jetzt

einen leisen Schimmer der scheidenden Abendröte trug, schob sich unser Kahn

an die Kaputher Fähre heran und der Fährmann, am Ufer unser harrend, hieß uns

willkommen und beglückwünschte uns als „wieder zurück vom Schwielow.“