Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 54 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Marquardt seit 1858

Meine Frau und ich waren geladen. Gegen Ende des Mahls, als wir seine

Gesundheit in gutem „Cliquot veuve “ getrunken hatten, nahm er mich bei Seite,

küßte mich, bedankte sich für alle Liebe, die ich ihm und seiner Familie so viele

Jahre lang bewiesen hätte, und sagte dann: ‚Sie haben heute mit mir das letzte

Glas Champagner getrunken; ich werde in dieser Welt keinen Geburtstag mehr

feiern. Mein Großvater ist im dreiundsechzigsten Jahre gestorben, mein Vater

auch, und ich werde ebenfalls im dreiundsechzigsten Jahre sterben. Gehen Sie

übers Jahr auf unsern Kirchhof und beten Sie an meinem Grabe für meine arme

Seele.‘“

Und so geschah es. Als sein dreiundsechzigster Geburtstag kam, war er

hinüber. Nicht in der Gartengruft, auch nicht in der Gruft unterm Altar, sondern

auf dem kleinen Friedhofe, der die Kirche einfaßt, ward er begraben. Zu

Häupten des efeuumzogenen, von einer Esche beschatteten Hügels wurde ein

Kreuz errichtet, das die Inschrift trägt: „Hier ruht in Gott der Königliche

Generalleutnant Hans Rudolf Wilhelm Ferdinand von Bischofswerder, geboren

am 9. Juli 1795, gestorben am 24. Mai 1858“; auf der Rückseite des Kreuzes

aber stehen die Worte:

„Der Letzte seines Namens.“

 

Marquardt seit 1858

 

Der letzte Bischofswerder hatte seine Ruhestatt gefunden. Nur zwei Töchter

verblieben. Die ältere, Pauline von Bischofswerder, der Liebling des Vaters,

vermählte sich mit Herrn von Damnitz, der nun, sei es durch Kauf, sei es durch

Erbschaft, auf kurze Zeit in den Besitz von Marquardt gelangte. Im ganzen nur

auf zwei Jahre. Aber diese zwei Jahre schnitten tief ein. Herr von Damnitz, so

wird erzählt, voll Anhänglichkeit gegen das blau-bordierte und blau-gepaspelte

Kürassier-Regiment, bei dem er Jahre hindurch gestanden hatte, benutzte eine

Neuweißung der Kirche, um den Wänden, den Kirchenstühlen, den Tür- und

Kanzelfeldern einen blauen Einfassungsstreifen zu geben. Die oben erwähnte

Tonne aber, auf der vielleicht einzig und allein die Möglichkeit einer exakten

Geschichtsschreibung der Epoche von 1786 bis 1797 beruhte, wurde zum

Feuertode verurteilt. Zwei Tage lang wurde mit ihrem Inhalt der Backofen

geheizt. Omar war über Marquardt gekommen.

Keine Frage, daß Herr von Damnitz aus einer gewissen Pietät heraus in

dieser Weise handeln zu müssen glaubte; „wozu der alte Skandal, wozu die

erneute Kontroverse!“ Viele alte Familien denken ebenso: „der Gewinn ist

prekär, der Schaden ist sicher“ — und so verlieren sich unersetzliche Aufzeichnungen in Ruß und Rauch. Wir begreifen die Empfindung, aber wir

beklagen sie; es ist der Triumph des Familiensinns über den historischen Sinn.

Und der letztere ist doch das Weitergehende, das Idealere.

Herr von Damnitz blieb nur bis 1860. Herr Tholuck, ein Neffe des

berühmten Hallenser Theologen, folgte. In ihm war dem devastierten Gute

endlich wieder ein Wirt gegeben, eine feste und eine geschickte Hand. Die erste

seit dem Tode des älteren Bischofswerder (1803). Ein Geist der Ordnung zog

wieder ein. Der Park klärte sich auf, das alte Schloß gewann wieder wohnlichere

Gestalt und an der Stelle verfallender oder wirklich schon zerbröckelter

Wirtschafts-Gebäude erhoben sich wieder Ställe und Scheunen, alles sauber,

glau, fest. Marquardt war wieder ein schöner Besitz geworden.

Wir treten jetzt in ihn ein.

Der prächtige, zwanzig Morgen große Park nimmt uns auf. Er ist, in seiner

gegenwärtigen Gestalt, im wesentlichen eine Schöpfung des Günstlings-

Generals. Seine Lage ist prächtig; in mehreren Terrassen, wie schon zu Eingang

dieses Kapitels angedeutet, steigt er zu dem breiten, sonnenbeschienenen

Schlänitz-See nieder, an dessen Ufern, nach Süden und Südwesten hin, die

Kirchtürme benachbarter Dörfer sichtbar werden. Mit der Schönheit seiner Lage

wetteifert die Schönheit der alten Bäume: Akazien und Linden, Platanen und

Ahorn, zwischen die sich grüne Rasenflächen und Gruppen von Tannen und

Weymouths-Kiefern einschieben.

In der Nähe des Herrenhauses steht eine mächtige Kastanie in vollem

Blütenflor. Sie ist wie ein Riesenbukett; die weitausgestreckten Zweige neigen

sich bis zur Erde. Es ist dies der Baum, der am Tauftage des Sohnes und Erben,

in Gegenwart des Könige, gepflanzt wurde. Die Familie erlosch, der Baum

gedieh.[36] An ihm vorbei treten wir in das Herrenhaus.

Es ist ein relativ neuer Bau. 1791 legte ein rasch um sich greifendes Feuer

das halbe Dorf in Asche, auch das „Schloß“ brannte aus; nur die

Umfassungsmauern blieben stehen. Das Herrenhaus, wie es sich jetzt präsentiert,

ist also nur achtzig Jahre alt. Es macht indessen einen viel älteren Eindruck, zum

Teil wohl, weil ganze Wandflächen mit Efeu überwachsen sind. Aber das ist es

nicht allein. Auch da, wo der moderne Mörtel unverkennbar sichtbar wird, ist es,

als blickten die alten Mauern, die 1791 ihre Feuerprobe bestanden, durch das

neue Kleid hindurch.

Die innere Einrichtung bietet nichts Besonderes; hier und dort begegnet

man noch einem zurückgebliebenen Stück aus der „historischen Zeit“: Möbel

aus den Tagen des ersten Empire, Büsten, Bilder, englische und französische

Stiche. Das baulich Interessanteste ist die doppelte Keller-Anlage, die dem französischen Chasseur so verderblich wurde; man blickt die Stufen hinunter wie

in einen Schacht. In den oberen Geschossen schieben sich Treppen und

Verschläge, Schrägbalken und Rauchfänge bunt durcheinander und schaffen eine

Lokalität, wie sie nicht besser gedacht werden kann für ein Herrenhaus, „drin es

umgeht“.

Die Sonne geht nieder; zwischen den Platanen des Parkes schimmert es wie

Gold; das ist die beste Zeit zu einem Gange am „Schlänitz“ hin. Unser Weg, in

Schlängellinien, führt uns zunächst an der Gruft, dann an der Geistergrotte, an

den beiden historischen Punkten des Parkes, vorbei. Die Gruft ist wie ein großes

Gartenbeet, ein mit Efeu und Verbenen überwachsenes Rondell; nur das

griechische Kreuz in der Mitte, das die ursprüngliche Urne ablöste, deutet auf

die Bestimmung des Platzes.

Weiterhin liegt die Grotte. Der Aufgang zu ihr ist mit den blauen Schlacken

eingefaßt, die einst mosaikartig das ganze Innere des Baues ausfüllten. Jetzt ist

dieser, weil er den Einsturz drohte, offengelegt. Durch ein Versehen (der Besitzer

war abwesend) wurde bei dieser Gelegenheit die Innenmauer niedergerissen und

dadurch der sichtbare Beweis zerstört, daß diese Grotte eine doppelte Wand und

zwischen den Wänden einen mannsbreiten Gang hatte. Nur die äußeren Mauern,

mit Ausnahme der Frontwand, sind stehen geblieben und schieben sich in den

Akazien-Hügel ein. Strauchwerk zieht sich jetzt darüber hin.

Nun stehen wir am Schlänitz-See, über der Kirche von Phöben hängt der

Sonnenball; ein roter Streifen schießt über die leis gekräuselte Fläche. Der

Abendwind wird wach; ein leises Frösteln überläuft uns; an Grotte und Gruft

vorbei kehren wir in das alte Herrenhaus zurück.

Hier ist Dämmerung schon. Es ist die Minute, wo das Licht des Tages

erloschen und das Licht des Hauses noch nicht gezündet ist. Wir stehen allein;

dort sind die Stufen, die in Souterrain und Keller führen; im Dunkel steigt es

draus herauf. Im Hause alles still. In der Ferne klappt eine Tür, eine zweite, eine

dritte; jetzt ist es, als würde es dunkler; es rauscht vorbei, es schlurrt vorüber.

Die alte „Gräfin“ geht um.

 

[32] Dies Geburtsdatum festzustellen, war schwierig. Die Geschichts- und

Nachschlagebücher geben abwechselnd 1737, 1738 und 1741 an. Monat und Tag werden gar nicht genannt. In dieser Verlegenheit half endlich das Marquardter Kirchenbuch: Es heißt in demselben: Hans Rudolf von Bischofswerder starb am 30. Oktober 1803, in einem „ruhmvollen Alter“ von zweiundsechzig Jahren elf Monaten und neunzehn Tagen. Dies ergibt das oben im Text angegebene Geburtsdatum. — Eine verwandte Mühe (was gleich hier bemerkt sein mag) haben alle andern Namen-, Zahlen- und Verwandtschafts-Angaben gemacht und nicht immer ist das Resultat ein gleich befriedigendes gewesen. Vieles war absolut nicht in Erfahrung zu bringen. Ich habe das Vermählungsjahr Bischofswerders mit

seiner zweiten Gemahlin, Gräfin Pinto, nicht mit Sicherheit feststellen können. Bestimmte Angaben hierüber würden mit Dank entgegengenommen werden.

[33] Auch dies ist bestritten worden. Man gefiel sich darin, den König, seinen

Günstling, den ganzen Hof als absolut unlitterarisch, als tot gegen alles Geistige darzustellen. Sehr mit Unrecht. Ignaz Feßler, in seinem Buche „Rückblicke auf meine siebzigjährige Pilgerfahrt“ (Breslau, W. G. Korn 1824) schreibt: Ich stand mit auf der Liste, die der Minister für Schlesien, Graf Hoym, als eine Art Konspiratoren-Verzeichnis beim Könige eingereicht hatte. Es traf sich aber, daß General von Bischofswerder, wenige Tage zuvor, einiges aus meinem „Marc Aurel“ dem Könige vorgelesen hatte, der nunmehr ohne weiteres den Namen Feßler durchstrich, dabei bemerkend: „Der ist kein Schwindelkopf, er ist monarchisch gesinnt, wie sein Marc Aurel zeigt.“ So geringfügig dieser Hergang ist, so lehrreich ist er doch auch. Er zeigt, ebenso wie das oben aus Massenbachs Memoiren Mitgeteilte, daß sich der Hof Friedrich Wilhelms II. (und in erster Reihe sein Generaladjutant) sehr wohl um literarische Dinge kümmerte, scharf aufpaßte und sich danach ein Bild von den Personen machte.

[34] Es waren dies zwei Töchter. Die eine, Karoline Erdmuthe Christiane, blieb

unverheiratet und starb 1842. Über ihr Begräbnis in Marquardt berichten wir an anderer Stelle ausführlich. Die andere vermählte sich schon 1794 oder 1795 mit dem jungen Grafen Gurowski, dem Besitzer der Starostei Kolo. Die „vertrauten Briefe“ sagen von ihm: „Er war ein junger Krüppel mit einem kurzen Beine, sonst ein Ungetüm und unter den jungen Polen der verdorbenste. Ein Libertin, auf der untersten Stufe des Zynismus. Wenige Wochen nach der Heirat kam es zur Scheidung; er nahm dann teil an der Insurrektion, und trat später das schöne Gut Murowanna Goßlin an seine geschiedene Frau ab.“ Über die weiteren Schicksale dieser verlautet nichts. — Beide Fräulein von Bischofswerder waren übrigens sehr liebenswürdig, von feiner Bildung und Sitte. Nichts war unwahrer und bösartiger als eine Schilderung derselben in den mehrgenannten „Anmerkungen“ zu den Geheimen-Briefen, worin es heißt: „Les Demoiselles Bischofswerder sont deux petites filles mal élevées. L’ainée a dans ses yeux le flambeau de l’hymen. On les dit intriguantes. A propos jaloux. Au reste il faut distinguer les ridicules des vices et dire que jusqu’ici la conduite de ces Demoiselles est intacte.“

So die „Anmerkungen“. Die „Vertrauten-Briefe“, „Geheimen Briefe“ etc. jener Epoche

sind nie impertinenter, wie wenn sie sich zu einer halben Huldigung oder Anerkennung herablassen.

[35] Auch hieran knüpft sich ein eigentümlicher Zwischenfall, freilich aus viel späterer

Zeit. Herr von Ostau hatte sich wieder vermählt, die Kinder dieser zweiten Ehe waren herangewachsen und hatten nur eine ganz allgemeine Kenntnis davon, daß ihr Vater einmal in erster Ehe mit einem Fräulein von Bischofswerder vermählt gewesen sei. Ein Sohn aus dieser zweiten Ehe kam, während der Manövertage, nach Marquardt in Quartier. Er besichtigte Schloß, Park, Kirche und stieg auch in die Gruft. Ein Lichtstümpfchen gab die Beleuchtung; alles Staub und Asche; ein solcher Besuch hat immer seine Schauer. Der junge Offizier mühte sich, die Inschriften der einzelnen Särge zu entziffern; da las er plötzlich auf einem Bleitäfelchen: „Bertha von Ostau, gestorben 1824“. Die Begegnung mit diesem Namen an dieser Stelle machte einen tiefen Eindruck auf ihn.

[36] In der Nähe dieses Baumes, auf einem Gras-Rondell, steht ein leichtes

österreichisches Feldgeschütz, wie jedes Bataillon in alten Tagen eins aufzuweisen hatte. Es wurde in einer der Schlachten des siebenjährigen Krieges von den Preußen genommen. Friedrich II. schenkte es dem Grafen Pinto auf Mettkau; durch dessen Witwe, „die Gräfin“, kam es nach Marquardt. An gewissen Tagen wird ein Schuß daraus abgefeuert. Jedesmal vorm Laden schüttet der Gärtner Pulver ins Zündloch und zündet es an, um das Geschütz auszubrennen. Als es das letzte Mal geschah, flogen, zu heiterer Überraschung aller

Umstehenden, nicht nur Eierschalen aus der Mündung heraus, sondern mit den Eierschalen zugleich ein halbverbranntes Wiesel, das in dem Kanonenrohr Quartier genommen und von hier aus den Hühnerstall geplündert hatte.