Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 65 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Wust 1730

Jahresfrist an die Ostseite der Kirche angebaut worden war, eine sehr einfache

Architektur mit zwei Gitterpforten und einer Klapptür in Front. Das Äußere war

öde, das Innere noch mehr. In dem frisch geweißten Raume stand ein einziger

Steinsarg, ein Marmor-Sarkophag, kunstvoll und reich gearbeitet, dessen

prächtige Schönheit in diesem schmucklosen Raume einen seltsamen Eindruck

machte.

Der Oberst nahm seinen Knaben an die Hand und trat an den Sarg heran. Er

blickte lange auf denselben. Dann beugte er sich zu dem Kinde nieder und küßte

es auf die Stirn.

Das Kind sah sich ängstlich um, drängte sich an den Vater und sagte:

„Komm, ich mag hier nicht sein.“

Und nun gingen sie über den Kirchhof wieder auf das Herrenhaus zu. Alles

war still, wie ausgestorben. Aber ein Sonnenschein lag auf dem Dach und Küster

Jerse, der zurückgeblieben war, läutete Mittag.

Es sollten noch stillere Tage kommen. Ohne Sonnenschein und ohne

Läuten.

 

Wust 1730

 

Dreiundzwanzig Jahre waren ins Land gegangen. Vieles hatte sich geändert

und nur Wust und sein Herrenhaus waren unverändert geblieben. Der „Dienst“

hielt nach wie vor den Gutsherrn in der Ferne fest, jetzt in der Ostprovinz des

jungen Landes, in Königsberg, aber der junge Oberst von damals war inzwischen

ein alternder Generalleutnant geworden. Und Geschicke bereiteten sich vor, die

innerhalb dreier Monate seine Seele völlig beugen und brechen sollten.

Verweilen wir einen Augenblick bei dem Vorspiele zu dieser Tragödie. Am

5. August hatte, unter Mitwissen und Beihilfe verschiedener Personen, darunter

der Leutnant Hans Hermann von Katte, ein Fluchtversuch des Kronprinzen

stattgefunden. Die Nachricht davon lief durchs Land. Zwanzig Tage später war

sie in Königsberg und noch am selben Tage schrieb der Generalleutnant an

seinen Bruder, den Kammerpräsidenten von Katte in Magdeburg:

Mein lieber Bruder!

Mit was Betrübniß ich diese Feder ansetze, ist Gott bekannt. Ihr werdet von

eurem Sohn aus dem Reich leider erfahren haben, wie unsere gottlosen Kinder

sich in das größte Labyrinth gesetzet, und hat euer Sohn solches dem Major von

Rochau geschrieben. Dieser hat mir dessen Brief mit der Ordonance anhero

gesandt, da ich eben anitzo hier in Königsberg sein und bleiben muß. Ich hab es als meine Pflicht erachtet, meinen Sohn zu abandonniren, meinen Eid und meine

Schuldigkeit vorzuziehen, und Eures Sohnes Schreiben dem Könige mit einer

Estafette zu senden. Hat mein Sohn in seinem dessein nicht reussiret, so wird ihn

der König wohl arretiren lassen. Ich kann nichts weiter tun als seufzen, ihn Gott

und des Königs Erbarmung überlassen. Adieu, mein lieber Bruder. Gott stärke

uns in unserem Elend. Ich bin euer treuer Bruder

H. H. Katt.

Dieser Brief trägt das Datum Königsberg, 25. August. Es ist sehr

bemerkenswert, daß der Vater Hans Hermanns von Katte in diesem Schreiben

sich ganz auf die Seite des Königs stellt. Die Loyalität ging noch über das

Vaterherz. Es darf nicht wunder nehmen, da aus späteren Briefen hervorgeht, daß

dem Generalleutnant damals noch der Gedanke fern lag, der König werde aus

der Affäre ein Kapital-Verbrechen machen. Man kannte das cholerische

Temperament Friedrich Wilhelms, seine strengen Ansichten über „Dienst“,

nichtsdestoweniger rechnete man auf Gnade. Niemand erwartete ein Äußerstes.

Aber gerade das Äußerste kam. Das Votum des Kriegsgerichts zu Köpenick hatte

auf dauernde Gefängnisstrafe gelautet. Der König, aus souveräner

Machtvollkommenheit, stieß das Urteil um und (vielleicht ein einzig dastehender

Fall in der Geschichte) schärfte das Urteil und verwandelte die Kerkerstrafe in

Tod, unter Anfügung jener berühmt gewordenen Worte: „es wäre besser, daß

Katte stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.“

Das war am 1. November. Am 2. November kannte Hans Hermann von

Katte sein Schicksal, am 3. begann seine Überführung nach Küstrin, am 5.

mittags traf er ein und am 6. früh fiel sein Haupt.

Über all dies hab ich in dem Kapitel „Die Katte-Tragödie“, Band II. Seite

302 bis 343 ausführlich berichtet.

Die letzte Szene der Tragödie, die Beisetzung, führt uns wieder nach Wust.

 

Ein bleierner Novemberhimmel hing über Dorf und Landschaft, auf Feldern

und Wegen standen Wasserlachen, und an den Ebereschenbäumen blinkten

einzelne Regentropfen. Es war um die fünfte Stunde, die Sonne, die den ganzen

Tag über nicht geschienen hatte, blinzelte im Untergehen über die triste

Landschaft hin.

Denselben Ebereschen-Weg, den damals der Oberst von Katte entlang

trabte, kam jetzt ein schmaler Leiterwagen mit zwei mageren Pferden herauf.

Der Kutscher ging nebenher, müde und matt, und tappste durch die

Regentümpel, die zu umgehen ihm den Weg verlängert hätte. Der Wagen selbst gab ihm keinen Platz mehr, denn auf dem schmalen Brett stand ein langer Sarg,