Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 75 von 82

PDF-Seiten

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Petzow

 

Auf der Fortuna ihrem Schiff

Ist er zu segeln im Begriff;

Will einer in der Welt was erjagen,

Mag er sich rühren und mag sich plagen.

 

Schiller

 

W ie Buda-Pest, oder wie Köln und Deutz ein Doppelgestirn bilden, so auch Kaputh und Petzow. Sie gehören zusammen. Zwar ist die Wasserfläche, die die

beiden letzteren von einander trennt, um ein Erhebliches breiter als Rhein und

Donau zusammengenommen, aber nichtsdestoweniger bilden auch diese beiden

„Residenzen diesseit und jenseit des Schwielow“ eine höhere Einheit. Eine

Einheit, so verschieden sie unter einander sind. Sie ergänzen sich. Kaputh ist

ganz Handel, Petzow ist ganz Industrie. Dort eine Wasserstraße, eine Werft, ein

Hafenverkehr; hier die Tag und Nacht dampfende Esse, das nie erlöschende

Feuer des Ziegelofens. Schönheit der Lage ist beiden gemeinsam; doch ist

Petzow hierin weit überlegen, sowohl seiner eigenen unmittelbaren Erscheinung,

als dem landschaftlichen Rundblick nach, den es gestattet.

Die etwas unregelmäßig über einen Hügelrücken sich hinziehende

Dorfstraße folgt im wesentlichen dem Schwielow-Ufer; zwischen Dorf und See

aber ist ein ziemlich breites, schräg abfallendes Stück Land verblieben, in das

Schloß und Park sich teilen.

Beides sind Schöpfungen dieses Jahrhunderts; Vater und Großvater des

gegenwärtigen Besitzers, des Amtsrats von Kähne, riefen sie ins Leben. Die

genannte Familie sitzt nachweisbar seit 1630 an dieser Stelle; vielleicht viel

länger. Die Kähnes waren damals schlichte Bauern. In genanntem Jahre, also

während des dreißigjährigen Krieges, erwarben sie das Lehnschulzenamt und

hielten es nicht nur fest, sondern wußten auch ihren Besitz derart zu erweitern,

daß im Jahre 1740 der damalige Träger des Namens in den Adelstand und fünf

Jahre später (1745) der Gesamtbesitz zu einem kreistagsfähigen Rittergute

erhoben wurde.

Ein Beispiel derartigen Aufdienens „von der Pike“, wie es die Familie

Kähne gibt, ist sehr selten; viel seltener, als man glaubt. Ein Blick auf die Geschichte der Rittergüter belehrt uns darüber. Was in den altadeligen

Grundbesitz als Neu-Element eingerückt oder gar durch Zusammenlegung von

Bauergütern (und selbstverständlich unter schließlicher Ernennung seitens des

Landesherrn) neue Rittergüter kreiert, das sind entweder selbst wieder

prosperirende, ihren Besitz erweiternde Adelige, die für jüngere Söhne einen

ebenbürtigen Neubesitz stiften, oder aber — und das ist das Häufigere — es sind

Geldleute, Städter, Repräsentanten einer modernen Zeit, die den Handels- und

Industriegeist in die Landwirtschaft hineintragen. Der Bauer folgt selten dem

Beispiel; er ist stabil, er bleibt was er ist. Wenn er nichtsdestoweniger zu

spekulieren beginnt, so tut er es auf seine Weise. Es reizt ihn dann weit mehr das

Geld, als das Wachsen der Ackerfläche. Er erweitert sich nicht innerhalb seiner

eigenen Sphäre; er wird eben einfach kein Anderer.

Die Familie Kähne bezeichnet einen Ausnahmefall.

Schloß und Park, so sagten wir, sind Schöpfungen dieses Jahrhunderts.

Das Schloß in seiner gegenwärtigen Gestalt wurde nach einem

Schinkelschen Plane ausgeführt. Es zeigt eine Mischung von italienischem

Kastell- und englischem Tudorstil, denen beiden die gotische Grundlage

gemeinsam ist. Der Bau, wie er sich unter Efeu und Linden darstellt, wirkt

pittoresk genug, ohne daß er im übrigen besonders zu loben wäre. Es ist

bemerkenswert, daß alles Gotische oder aus der Gotik Hergeleitete auf unserm

märkischen Boden seit Wiederbelebung dieses Stils (eine Epoche, die kaum zwei

Menschenalter zurückliegt) nicht gelingen wollte. Im Beginn dieses Jahrhunderts

hatten wir uns zu entscheiden, nach welcher Seite hin die Entwickelung gehen

sollte; irgend eine „Renaissance“ war dem herrschenden Ungeschmack

gegenüber geboten, es konnte sich nur darum handeln, ob das Vorbild bei der

Antike oder beim Mittelalter zu suchen sei. Schinkel selbst — was jetzt so oft

vergessen wird — schwankte; der einzuschlagende Weg war ihm keineswegs

von Anfang an klar. Auch er hatte eine Epoche, wo das Malerische des

Gewölbebaues, wo Strebepfeiler und Spitzbogenfenster ihn reizten. Hätte er sich

damals, wie das bei den rheinischen Baumeistern der Fall war, für Gotik

entschieden, so würde die bauliche Physiognomie unserer alten Provinzen,

Berlins ganz zu geschweigen, überhaupt eine andere geworden sein. Wir würden

die Gotik, nach einzelnen gescheiterten Versuchen, aufs neue gelernt haben, wie

die Rheinländer und Engländer sie wieder lernten und, beim Kirchenbau (zu dem

es uns an Gelegenheit nicht gefehlt haben würde) uns wieder vertraut machend

mit der alten Technik, den zerrissenen Faden der Tradition wieder auffindend,

würden wir alsbald auch verstanden haben, unsern Privat-Bau danach zu modeln

und unsere Schlösser und Landhäuser im Kastell- oder Tudorstil aufzuführen. Dies wurde versäumt, weil — so wollen wir, halb aus Courtoisie, halb aus

Überzeugung annehmen — ein Besseres an die Stelle trat. Wie die Dinge liegen,

wird zwar auch jetzt noch gelegentlich der Versuch gemacht, es mit der Gotik

und ihren Dependenzien zu wagen; aber diese Versuche scheitern jedesmal,

wenigstens für das Auge dessen, der die Originale oder auch nur das kennt, was

mit immer wachsendem Verständnis unsere westdeutschen Neu-Gotiker danach

bildeten.

Auch das Herrenhaus zu Petzow ist ein solcher gescheiterter Versuch. Was

daran anmutend wirkt, ist, wie schon angedeutet, das malerische Element: nicht

seine Architektur. Diese, so weit man überhaupt von einer Architektur sprechen

kann, datiert aus dem Anfang der zwanziger Jahre, ist also kaum fünfzig Jahre

alt. Dies gilt auch besonders von den angebauten Flügeln. Und doch, als wir

diese näher besichtigten, nahmen wir an den Fenstern des Erdgeschosses

kunstvoll geschmiedete Eisengitter wahr, die sich unschwer auf die Mitte des

vorigen Jahrhunderts zurückführen ließen. Dies verwirrte uns. Das Rätsel sollte

sich indes in Kürze lösen. Diese Gitterfenster wurden nämlich in Potsdam bei

einem Häuser-Abbruch erstanden und hierher verpflanzt. Hier prangen nun die

einhundertfünfzigjährigen an einer erst fünfzigjährigen Front. Wir erzählen das

lediglich zu dem Behuf, um zu zeigen, wie man durch Beurteilung von

Einzeldingen, von denen man dann Schlüsse aufs Ganze zieht, erheblich irre

geleitet werden kann. Nichts war verzeihlicher hier als ein Rechenfehler von

hundert Jahren.

Der Park ist eine Schöpfung Lennés. An einem Hügelabhang gelegen wie

Sanssouci, hat er mit diesem den Terrassen-Charakter gemein. In großen Stufen

geht es abwärts. Wenn aber Sanssouci bei all seiner Schönheit einfach eine große

Wald-Terrasse mit Garten und Wiesengründen bietet, so erblickt man von dem

Hügelrücken des Petzower Parkes aus eine imposante Wasser-Terrasse, und

unser Auge, zunächst ausruhend auf dem in Mittelhöhe gelegenen,

erlenumstandenen Park-See, steigt nunmehr erst auf die unterste Treppenstufe

nieder — auf die breite Wasserfläche des Schwielow.

Der Park umschloß früher auch die Kirche des Dorfes. Alt, baufällig,

unschön wie sie war, gab man sie auf und auf einem weiter zurückgelegenen

Hügel wurde 1841 eine neue Kirche aufgeführt. König Friedrich Wilhelm IV.,

das Patronat ist bei der Landesherrschaft, ordnete an, daß der Neubau im

romanischen Stile erfolgen solle. Stüler entwarf die Zeichnungen; die

Ausführung folgte rasch. So reihte sich denn die Petzower Kirche in den Kreis

jener neuen schönen Gotteshäuser ein, mit denen der kirchliche und zugleich der

feine landschaftliche Sinn des verstorbenen Königs Potsdam und die Havelufer umstellte. Wir nennen nur: Bornstädt, Sakrow, Kaputh, Werder, Glindow. Ihre

Zahl ist um vieles größer.

Der Gottesdienst, die Gemeinde, vor allem die Szenerie, gewannen durch

diese Neubauten; aber die Lokalgeschichte erlitt erhebliche Einbuße, weil alles

Historische, was sich an den alten Kirchen vorfand, meist als Gerümpel beseitigt

und fast nie in den Neubau mit hinübergenommen wurde.

Unter allen Künstlern — diese Bemerkung mag hier gestattet sein — sind

die Architekten die pietätslosesten, zum Teil weil sie nicht anders können. Maler,

Skulptoren treffen mit ihrem Vorgänger meist wie auf breiter Straße zusammen;

sie haben Raum neben einander; die Lebenden und die Toten, sie können sich

dulden, wenn sie wollen. Nicht so der Baumeister. In den meisten Fällen soll das

neue Haus, die neue Kirche an der Stelle der alten stehen. Er hat keine Wahl.

Und es sei. Wir rechten zudem mit keiner Zeit darüber, daß sie sich für die

klügste und beste hält. Aber darin geht die jedesmalig modernste (die unsrige

kennt wenigstens Ausnahmen) zu weit, daß sie auch das zerstört, was

unbeschadet des eignen Lebens weiter leben könnte, daß sie sozusagen

unschuldigen Existenzen, von denen sie persönlich nichts zu befahren hätte, ein

Ende macht. Der moderne Basilika-Erbauer mag ein gotisches Gewölbe

niederreißen, das nun einmal schlechterdings in die gestellte Aufgabe nicht paßt;

aber das halbverblaßte Freskobild, die Inschrift-Tafel, der Grabstein mit der

Platten-Rüstung, — ihnen hätte er auch in dem Neubau ein Plätzchen gönnen

können. Er versagt dies Plätzchen ohne Not, er versagt es, und daran knüpfen

wir unsern Vorwurf. Die historische Pietät ist fast noch seltener als die

künstlerische. So entstehen denn entzauberte Kirchen, die helle Fenster und gute

Plätze haben, die aber den Sinn kalt lassen, weil mit der Vergangenheit

gebrochen wurde. Ein „gefälliger Punkt in der Landschaft“ ist gewonnen, eine

vielversprechende Schale, aber, in den meisten Fällen, eine Schale ohne Kern.

Zu diesen in historischer Beziehung „tauben Nüssen“ gehört auch die

Petzower Kirche. Aber so leer und kahl sie ist, und so verstimmend diese

Kahlheit wirkt, so gewiß ist es doch auch, daß man im Hinaustreten auf das

Flachdach des Turmes diese Verstimmung plötzlich und wie auf Zauberschlag

von sich abfallen fühlt. Sie geht unter in dem Panorama, das sich hier bietet. Die

„Grelle“, eine tiefe Flußbucht, liegt uns zu Füßen; unmittelbar neben ihr der

Glindower See. Die Havel und der Schwielow, durch Landzungen und

Verschiebungen in zahlreiche blaue Flächen zerschnitten, tauchen in der Nähe

und Ferne auf, und dehnen sich bis an den Horizont, wo sie mit dem Blau des

Himmels zusammenfließen. Dazwischen Kirchen, Dörfer, Brücken, — alles,

nach zwei Seiten hin, umrahmt von den Höhenzügen des Havellandes und der Zauche. Das Ganze ein Landschaftsbild im großen Stil; nicht von relativer

Schönheit, sondern absolut. Man darf hier getrost hinaustreten, ohne sich des

Vergleichs-Sinnes zu entschlagen. —

Eine Viertelstunde später, und wir schritten dorfan, um der „Grelle“ und

ihren Anwohnern einen Besuch zu machen. Der Weg dahin führt durch eine

Akazien-Allee und demnächst an einer ganzen Plantage von Akazien vorbei.

Schon vorher war mir der besondere Reichtum des Dorfes an dieser Baumart

aufgefallen. Man begegnet der Akazie überhaupt häufig in den Havelgegenden,

aber vielleicht nirgends häufiger als hier. Es ist ein dankbarer Baum, mit jedem

Boden zufrieden, und in seiner arabischen Heimat nicht verwöhnt, scheint er

sich auf märkischem Sande mit einer Art Vorliebe eingelebt zu haben. Alle

Akazien in Spree- und Havelland rühren mittelbar von Sanssouci her, wo der Ur-

Akazienbaum, der Stammvater vieler tausend Enkel und Urenkel an der

Bornstädter Straße, gegenüber dem Triumphbogen steht. Die Akazie,

ursprünglich als Zier- und Parkbaum gehegt, hat übrigens längst aufgehört eine

exzeptionelle Stelle einzunehmen; sie ist, wie das ihrer anspruchslosen Natur

entspricht, Nutzholz geworden und bildet einen nicht unerheblichen Handels-

Artikel dieser Gegenden. Ich erfuhr darüber folgendes:

Zu bestimmten Zeiten kommen Händler aus den Nordseehäfen, aus

Hamburg, Stade, Bremerhaven, auch von der Jade her, bereisen die

Akaziengegenden, kaufen an und markieren die Bäume, die zunächst gefällt

werden sollen. Ein Hauptpunkt für diese Händler ist Petzow. Einige Wochen

später erscheint ein Elbkahn von Hamburg oder den andern genannten Plätzen

und hat eine kleine Armee von Holzfällern und Holzspaltern an Bord. Es sind

Geschwisterkinder der Schindelmacher. Wie diese haben sie es zu einer

Virtuosität gebracht; sie fällen, zersägen, spalten; während der Schindler aber ein

Flachholz herstellt, stellt dieser nordische Holzspalter ein zylinderförmiges

Langstück her, das später, als beste Sorte Schiffsnägel, auf den Werften der

Seestädte eine Rolle spielt. Wenn der Kahn mit diesen Schiffsnägeln gefüllt ist,

wird die Rückfahrt angetreten und die Petzower Akazien schwimmen ein Jahr

später auf allen Meeren und halten die Planken der deutschen Flotte zusammen.

—

Wir hatten inzwischen „die Grelle“ und damit zugleich den großen

Ziegelofen erreicht, der sich hier am Ufer der tief einschneidenden Havelbucht

erhebt. Dieser Ziegelofen ist weit bekannt in Havelland und Zauche; er ist der

ältesten einer, und schon im vorigen Jahrhundert umgab ihn eine Kolonie von

Ziegelstreichern und Ziegelbrennern, die sich hier in Hütten und Häusern

angesiedelt hatten. Diese übertrugen den Namen, den sie hier vorfanden, alsbald auf die ganze Anlage, so daß mit dem Worte „Grelle“ nunmehr eben so oft das

Etablissement wie die seeartige Einbuchtung bezeichnet wird. Der alte

historische Ziegelofen modernisierte sich im Laufe der Jahre, vielleicht auch die

Häuser, die ihn umstanden, aber sie blieben immerhin kümmerlich genug.

Auf eins derselben, dem man ersichtlich vor kurzem erst ein neues

Stockwerk aufgesetzt hatte, schritten wir jetzt zu. Der Eingang war vom Hofe

her.

Ein alter knorriger Birnbaum, der ziemlich unwirsch aussah, legte sein

Gezweig nach links hin auf das niedrige Hausdach, nach rechts hin über ein

Konglomerat unsagbarer Örtlichkeiten: Verschläge, Ställe, Kofen. Zwischen

ihnen das gemeinschaftliche Gestade eines Sumpfes. Alles ärmlich, unsauber;

selbst das Weinlaub, dem man dürftig und kunstlos ein Spalier

zusammengenagelt hatte, spann sich verdrießlich an der Hinterwand des Hauses

aus. Ein unpoetischer, selbst ein unmalerischer Ort! Aber aus dem Weinlaub

hervor schimmerte eine weiße Tafel mit der Inschrift: „Hier ward Zelter geboren

am 11. Dezember 1758.“

Beuth, wenn mir recht berichtet, hat seinem Freunde Zelter diese Tafel

errichten lassen. Der Schüler und zweite Nachfolger des berühmten „Sohnes der

Grelle“ aber war — Grell. Auch der Zufall liebt es, gelegentlich mit Wort und

Namen zu spielen.