Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 81 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

„Die Werdersche“ Ein Intermezzo

„Die Werdersche“

Ein Intermezzo

 

All Großes, wie bekannt, wirft seinen Schatten;

Und ehe dich, o Bairische, wir hatten,

Erschien, ankündigend, in braunem Schaum

Die Werdersche. Ihr Leben war ein Traum.

 

Unter einem Geplauder, das im wesentlichen uns die Notizen an die Hand

gab, die wir vorstehend wiedererzählt, waren wir bis an eine Stelle gekommen,

wo die große Straße nach links hin abbiegt und in ihrer Verlängerung auf die

Brücke und demnächst auf die Insel führt. Genau an dem Kniepunkt erhob sich

ein ausgedehntes Etablissement mit Betriebs-Gebäuden, hohen Schornsteinen

und Kellerräumen, und der eben herüberwehende Malzduft ließ keinen Zweifel

darüber, daß wir vor einer der großen Brauereien ständen, die der Stadt Werder

auch nach dieser Seite hin eine Bedeutung gegeben haben. Es sind eben zwei

Größen, die wir an dieser Stelle zu verzeichnen haben: in erster Reihe die

„Werderschen“, in zweiter Reihe „die Werdersche“. Eine Welt von Unterschied

legt sich in diesen einen Buchstaben n. Wie Wasser und Feuer im Schoße der

Erde friedlich nebeneinander wohnen, solange ihr Wohnen eben ein

Nebeneinander ist, aber in Erdbeben und Explosionen unerbittlich sich Luft

machen, sobald ihr Nebeneinander ein Durcheinander wird, so auch hier. Den

Erfahrenen schaudert.

Die Einheitlichkeit unserer Darstellung zu wahren, hätten wir vielleicht die

Pflicht gehabt, die „Werdersche“ zu unterschlagen und den „Werderschen“ allein

das Feld und den Sieg zu lassen, aber das Wort die „Werdersche“ ist einmal

gefallen und so verbietet sich ein Rückzug. Ein Bierkapitel schiebt sich verlegen

in das Obstkapitel ein.

Die Zeiten liegen noch nicht weit zurück, wo die „Weiße“, oder um ihr

Symbol zu nennen die „Stange“, unsere gesellschaftlichen Zustände wie ein

Dynastengeschlecht beherrschte. Es war eine weit verzweigte Sippe, die, in den

verschiedenen Stadtteilen, besserer Unterscheidung halber, unter verschiedenen

Namen sich geltend machte: die Weiße von Volpi, die Weiße von Clausing, oder

(vielleicht die stolzeste Abzweigung) einfach das Bier von Bier. Ihre

Beziehungen untereinander ließen zu Zeiten viel zu wünschen übrig, aber alle

hatten sie denselben Familienstolz und nach außen hin waren sie einig. Sie

waren das herrschende Geschlecht.

So gingen die Dinge seit unvordenklichen Zeiten; das alte Europa brach

zusammen, Throne schwankten, die „Weiße“ blieb. Sie blieb während der

Franzosenzeit, sie blieb während der Befreiungsjahre, sie schien fester als irgend

eine etablierte Macht. Aber schon lauerte das Verderben.

In jenen stillen Jahren, die der großen Aufregung folgten, wo man’s gehen

ließ, wo die Wachsamkeit lullte, da geschah’s. Eines Tages, wie aus dem Boden

aufgestiegen, waren zwei Konkurrenzmächte da: die Grünthaler und die

Jostysche.

Jetzt, wo sich ein freierer Überblick über ein halbes Jahrhundert ermöglicht,

ist die Gelegenheit gegeben, auch ihnen gerecht zu werden. Es ist jetzt die

Möglichkeit da, die Dinge aus dem Zusammenhange zu erklären, das

Zurückliegende aus dem Gegenwärtigen zu verstehen. Beide Neu-Getränke

hatten einen ausgesprochenen Heroldscharakter, sie waren Vorläufer, sie

kündigten an. Man kann sagen: Berlin war für die Bayersche noch nicht reif,

aber das Seidel wurde bereits geahnt. Die Grünthaler, die Jostysche, sie waren

eine Kulmbacher von der milderen Observanz; die Jostysche, in ihrem Hange

nach Milde, bis zum Koriander niedersteigend. Beide waren, was sie sein

konnten. Darin lag ihr Verdienst, aber doch auch ihre Schwäche. Ihr Wesen war

und blieb — die Halbheit. Und die Halbheit hat noch nie die Welt erobert, am

wenigsten Berlin.

So herrschten denn die alten Mächte vorläufig weiter. Aber nicht auf lange.

Die Notwendigkeit einer Wandlung hatte sich zu fühlbar herausgestellt, als daß

es hätte bleiben können wie es war. Die Welt, wenn auch nach weiter nichts,

sehnte sich wenigstens nach Durchbrechung des Monopols, und siehe da, was

den beiden Vorläufern des Seidels nicht hatte glücken wollen, das glückte

nunmehr, in eben diesen Interregnumstagen, einer dritten Macht, die, an das Alte

sich klug und weise anlehnend, ziemlich gleichzeitig mit jenen beiden ins Dasein

sprang.

Diese dritte Macht (der Leser ahnt bereits, welche) hatte von vornherein

den Vorzug, alles Fremdartigen entkleidet, auf unserem Boden aufzutreten; —

märkisch national, ein Ding für sich, so erschien die Werdersche. Sie war dem

Landesgeschmack geschickt adaptiert, sie stellte sich einerseits in Gegensatz

gegen die Weiße und hatte doch wiederum soviel von ihr an sich, daß sie wie

zwei Schwestern waren, dasselbe Temperament, dasselbe prickelnde Wesen, im

übrigen reine Geschmackssache: blond oder braun. In Kruken auftretend, und

über dreimal gebrauchten Korken eine blasse, längst ausgelaugte Strippe zu

leichtem Knoten schürzend, war sie, die Werdersche, in ihrer äußerlichen

Erscheinung schon, der ausgesprochene und bald auch der glückliche Konkurrent der älteren Schwester, und die bekannten Kellerschilder, diese

glücklich realistische Mischung von Stilleben und Genre, bequemten sich mehr

und mehr neben der blonden Weißen die braune Werdersche ebenbürtig

einzurangieren. Die Verhältnisse, ohne daß ein Plan dahin geleitet hätte, führten

über Nacht zu einer Teilung der Herrschaft. Die Werdersche hielt mehr und mehr

ihren Einzug über die Hintertreppe; in den Regionen der Küche und Kinderstube

erwuchs ihr das süße Gefühl, eine Mission gefunden und erfüllt zu haben; sie

wurde Nähr-Bier in des Wortes verwegenster Bedeutung und das gegenwärtige

Geschlecht, wenn auch aus zweiter Hand erst, hat Kraft und Leben gesogen aus

der „Werderschen“.

Dessen seien wir gedenk. Das Leben mag uns losreißen von unserer Amme;

aber ein Undankbarer, der sie nicht kennen will, oder bei ihrem Anblick sich

schämt. —

 

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge

Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

Wie der Fluß, in Breit’ und Länge,

So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und, bis zum Sinken überladen,

Entfernt sich dieser letzte Kahn.

 

Faust

So viel über die „Werdersche“. Wir kehren zu den „Werderschen“ zurück.

Vom Knie bis zur Stadt ist nur noch eine kurze Strecke. Wir schritten auf

die Brücke zu, die zugleich die Werft, der Hafen- und Stapelplatz von Werder ist.

Hier wird aus- und eingeladen, und die Bilder, die diesen Doppelverkehr

begleiten, geben dieser Stelle ihren Wert und ihre Eigentümlichkeit. Der gesamte

Hafenverkehr beschränkt sich auf die Nachmittagsstunden; zwischen fünf und

sechs, in einer Art Kreislauf-Tätigkeit, leeren sich die Räume des aus der

Hauptstadt zurückkehrenden Dampfers und seines Bei-Kahns wie im Fluge, aber

sie leeren sich nur, um sich unverzüglich wieder mit Töpfen und Tienen zu

füllen.

Es ist jetzt fünf Uhr. Der Dampfer legt an; die Entfrachtung nimmt ihren

Anfang. Über das Laufbrett hin, auf und zurück, in immer schnellerem Tempo,

bewegen sich die Bootsleute, magere, aber nervige Figuren, deren Beschäftigung

zwischen Land-Dienst und See-Dienst eine glückliche Mitte hält. Wenn ich

ihnen eine gewisse Matrosen-Grazie zuschriebe, so wäre das nicht genug. Sie

nähern sich vielmehr dem Akrobatentum, den Vorstadt-Rappos, die sechs Stühle übereinander türmen und, den ganzen Turmbau aufs Kinn oder die flache Hand

gestellt, über ein Seil hin ihre doppelte Balanzierkunst üben: der Bau darf nicht

fallen und sie selber auch nicht. So hier. Einen Turmbau in Händen, der sich aus

lauter ineinander gestülpten Tienen zusammensetzt und halbmannshoch über

ihren eigenen Kopf hinauswächst, so laufen sie über das schwanke Brett und

stellen die Tienen-Türme in langen Reihen am Ufer auf. Im ersten Augenblick

scheint dabei eine Willkür oder ein Zufall zu walten; ein schärferes Aufmerken

aber läßt uns in dem scheinbaren Chaos bald die minutiöseste Ordnung erkennen

und die Tienen stehen da, militärisch gruppiert und geordnet, für den Laien eine

große, unterschiedslose Masse, aber für den Eingeweihten ein Bataillon, ein

Regiment, an Achselklappe, Knopf und Troddel aufs Bestimmteste erkennbar.

So viele Gärtner und Obstpächter, so viele Kompagnien. Zunächst unterscheiden

sich die Tienen nach der Farbe und zwar derart, daß die untere Hälfte au naturel

auftritt, während die obere, mehr sichtbare Hälfte, in rot oder grün, in blau oder

weiß sich präsentiert. Aber nicht genug damit. Auf diesem breiten Farbenrande

befinden sich, zu weiterer Unterscheidung, entweder die Namen der Besitzer,

oder noch häufiger ihre Wappenzeichen: Kreuze, stehend oder liegend, Sterne,

Kreise und Sonnen, eingegraben und eingebrannt. Man kann hier von einer

völligen Heraldik sprechen. Die alten „Geschlechter“ aber, die diese Wappen

tragen und pflegen, sind die Lendels, die Mays, die Kühls, die Schnetters, und

unmittelbar nach ihnen die Rietz, die Kuhlmeys, die Dehnickes. Als altwendisch

gelten die Lendels und die Rietz, vielleicht auch die Kuhlmeys.

Ist nun aber das Landen der leeren Tienen, wie wir es eben geschildert

haben, eine heitere und malerische Szene, so kann diese doch nicht bestehen

neben dem konkurrierenden Schauspiel des Einladens, des an Bord Schaffens,

das schon beginnt, bevor das Ausladen zur Hälfte beendet ist.

Etwa von fünfeinhalb Uhr ab, und nun rapide wachsend bis zum Moment

der Abfahrt, kommen die Obstwagen der Werderaner heran, kleine,

grüngestrichene Fuhrwerke, mit Tienen hochbepackt und mit zwei Zughunden

an der Deichsel, während die Besitzer, durch Stoß von hinten, die Lokomotion

unterstützen. Ein Wettfahren beginnt, alle Kräfte konzentrieren sich, von links

her rollt es und donnert es über die Brückenbohlen, von rechts her, auf der

chaussierten Vorstadt-Straße, wirbelt der Staub, und im Näherkommen an das

ersehnte Ziel heulen die Hunde immer toller in die Luft hinein, wie verstimmte

Posthörner beim Einfahren in die Stadt. Immer mächtiger wird die Wagenburg,

immer lauter das Gebläff, immer quicker der Laufschritt derer, die die Tienen

über das Brett hin in den am Landungsdamm liegenden Kahn hineintragen. Jetzt

setzt der Zeiger ein, von der Werderschen Kirche herüber tönen langsam die sechs Schläge, derer letzter in einem Signalschuß verklingt. Weithin an den

hohen Ufern des Schwielow weckt er das Echo. Im selben Augenblick folgt

Stille der allgemeinen Bewegung und nur noch das Schaufeln des Raddampfers

wird vernommen, der, eine Kurve beschreibend, das lange Schlepptau dem

Havelkahne zuwirft, und rasch flußaufwärts seinen Kurs nehmend, das

eigentliche Frachtboot vom Ufer löst, um es geräuschlos in das eigene

Fahrwasser hinein zu zwingen.

Von der Brücke aus gibt dies ein reizendes Bild. Auf dem großen

Havelkahn, wie die wilden Männer in Wappen, stehen zwei Bootsleute mit ihren

mächtigen Rudern im Arm, während auf dem Dampfer in langer Reihe die

„Werderschen“ sitzen, ein Nähzeug oder Strickzeug in den Händen, und nichts

vor sich als den Schornstein und seinen Eisenkasten, auf dessen heißer Platte

einige dreißig Bunzlauer Kaffeekannen stehen. Denn die Nächte sind kühl und

der Weg ist weit.

Eine Viertelstunde noch und Dampfer und Havelkahn verschwinden in dem

Defilee bei Baumgartenbrück; der Schwielow nimmt sie auf und durch das

„Gemünde“ hin, an dem schönen und langgestreckten Kaputh vorbei, geht die

Fahrt auf Potsdam zu, an den Schwänen vorüber, die schon die Köpfe

eingezogen hatten und nun unmutig hinblicken auf den Schnaufer, der ihren

Wasserschlaf gestört.

Bei Dunkelwerden Potsdam, um Mitternacht Spandau, bei Dämmerung

Berlin.

Und eh’ der erste Sonnenschein um den Marienkirchturm blitzt, lachen in

langer Reihe, zwischen den Brücken hin, die roten Knupper der Werderschen.

 

[42] Ein sehr bedeutender Teil des Werderschen Obstes, namentlich aus den an der

Eisenbahn gelegenen Obstbergen, geht nicht zu Schiff, sondern vermittelst Bahn nach Berlin. Auch dieser Verkehr ist außerordentlich bedeutend. Ob er in den Zahlen, die wir vorstehend verzeichnet haben, mit einbegriffen ist oder nicht, vermögen wir nicht mit Bestimmtheit zu sagen.