Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
„Die Werdersche“ Ein Intermezzo
„Die Werdersche“
Ein Intermezzo
All Großes, wie bekannt, wirft seinen Schatten;
Und ehe dich, o Bairische, wir hatten,
Erschien, ankündigend, in braunem Schaum
Die Werdersche. Ihr Leben war ein Traum.
Unter einem Geplauder, das im wesentlichen uns die Notizen an die Hand
gab, die wir vorstehend wiedererzählt, waren wir bis an eine Stelle gekommen,
wo die große Straße nach links hin abbiegt und in ihrer Verlängerung auf die
Brücke und demnächst auf die Insel führt. Genau an dem Kniepunkt erhob sich
ein ausgedehntes Etablissement mit Betriebs-Gebäuden, hohen Schornsteinen
und Kellerräumen, und der eben herüberwehende Malzduft ließ keinen Zweifel
darüber, daß wir vor einer der großen Brauereien ständen, die der Stadt Werder
auch nach dieser Seite hin eine Bedeutung gegeben haben. Es sind eben zwei
Größen, die wir an dieser Stelle zu verzeichnen haben: in erster Reihe die
„Werderschen“, in zweiter Reihe „die Werdersche“. Eine Welt von Unterschied
legt sich in diesen einen Buchstaben n. Wie Wasser und Feuer im Schoße der
Erde friedlich nebeneinander wohnen, solange ihr Wohnen eben ein
Nebeneinander ist, aber in Erdbeben und Explosionen unerbittlich sich Luft
machen, sobald ihr Nebeneinander ein Durcheinander wird, so auch hier. Den
Erfahrenen schaudert.
Die Einheitlichkeit unserer Darstellung zu wahren, hätten wir vielleicht die
Pflicht gehabt, die „Werdersche“ zu unterschlagen und den „Werderschen“ allein
das Feld und den Sieg zu lassen, aber das Wort die „Werdersche“ ist einmal
gefallen und so verbietet sich ein Rückzug. Ein Bierkapitel schiebt sich verlegen
in das Obstkapitel ein.
Die Zeiten liegen noch nicht weit zurück, wo die „Weiße“, oder um ihr
Symbol zu nennen die „Stange“, unsere gesellschaftlichen Zustände wie ein
Dynastengeschlecht beherrschte. Es war eine weit verzweigte Sippe, die, in den
verschiedenen Stadtteilen, besserer Unterscheidung halber, unter verschiedenen
Namen sich geltend machte: die Weiße von Volpi, die Weiße von Clausing, oder
(vielleicht die stolzeste Abzweigung) einfach das Bier von Bier. Ihre
Beziehungen untereinander ließen zu Zeiten viel zu wünschen übrig, aber alle
hatten sie denselben Familienstolz und nach außen hin waren sie einig. Sie
waren das herrschende Geschlecht.
So gingen die Dinge seit unvordenklichen Zeiten; das alte Europa brach
zusammen, Throne schwankten, die „Weiße“ blieb. Sie blieb während der
Franzosenzeit, sie blieb während der Befreiungsjahre, sie schien fester als irgend
eine etablierte Macht. Aber schon lauerte das Verderben.
In jenen stillen Jahren, die der großen Aufregung folgten, wo man’s gehen
ließ, wo die Wachsamkeit lullte, da geschah’s. Eines Tages, wie aus dem Boden
aufgestiegen, waren zwei Konkurrenzmächte da: die Grünthaler und die
Jostysche.
Jetzt, wo sich ein freierer Überblick über ein halbes Jahrhundert ermöglicht,
ist die Gelegenheit gegeben, auch ihnen gerecht zu werden. Es ist jetzt die
Möglichkeit da, die Dinge aus dem Zusammenhange zu erklären, das
Zurückliegende aus dem Gegenwärtigen zu verstehen. Beide Neu-Getränke
hatten einen ausgesprochenen Heroldscharakter, sie waren Vorläufer, sie
kündigten an. Man kann sagen: Berlin war für die Bayersche noch nicht reif,
aber das Seidel wurde bereits geahnt. Die Grünthaler, die Jostysche, sie waren
eine Kulmbacher von der milderen Observanz; die Jostysche, in ihrem Hange
nach Milde, bis zum Koriander niedersteigend. Beide waren, was sie sein
konnten. Darin lag ihr Verdienst, aber doch auch ihre Schwäche. Ihr Wesen war
und blieb — die Halbheit. Und die Halbheit hat noch nie die Welt erobert, am
wenigsten Berlin.
So herrschten denn die alten Mächte vorläufig weiter. Aber nicht auf lange.
Die Notwendigkeit einer Wandlung hatte sich zu fühlbar herausgestellt, als daß
es hätte bleiben können wie es war. Die Welt, wenn auch nach weiter nichts,
sehnte sich wenigstens nach Durchbrechung des Monopols, und siehe da, was
den beiden Vorläufern des Seidels nicht hatte glücken wollen, das glückte
nunmehr, in eben diesen Interregnumstagen, einer dritten Macht, die, an das Alte
sich klug und weise anlehnend, ziemlich gleichzeitig mit jenen beiden ins Dasein
sprang.
Diese dritte Macht (der Leser ahnt bereits, welche) hatte von vornherein
den Vorzug, alles Fremdartigen entkleidet, auf unserem Boden aufzutreten; —
märkisch national, ein Ding für sich, so erschien die Werdersche. Sie war dem
Landesgeschmack geschickt adaptiert, sie stellte sich einerseits in Gegensatz
gegen die Weiße und hatte doch wiederum soviel von ihr an sich, daß sie wie
zwei Schwestern waren, dasselbe Temperament, dasselbe prickelnde Wesen, im
übrigen reine Geschmackssache: blond oder braun. In Kruken auftretend, und
über dreimal gebrauchten Korken eine blasse, längst ausgelaugte Strippe zu
leichtem Knoten schürzend, war sie, die Werdersche, in ihrer äußerlichen
Erscheinung schon, der ausgesprochene und bald auch der glückliche Konkurrent der älteren Schwester, und die bekannten Kellerschilder, diese
glücklich realistische Mischung von Stilleben und Genre, bequemten sich mehr
und mehr neben der blonden Weißen die braune Werdersche ebenbürtig
einzurangieren. Die Verhältnisse, ohne daß ein Plan dahin geleitet hätte, führten
über Nacht zu einer Teilung der Herrschaft. Die Werdersche hielt mehr und mehr
ihren Einzug über die Hintertreppe; in den Regionen der Küche und Kinderstube
erwuchs ihr das süße Gefühl, eine Mission gefunden und erfüllt zu haben; sie
wurde Nähr-Bier in des Wortes verwegenster Bedeutung und das gegenwärtige
Geschlecht, wenn auch aus zweiter Hand erst, hat Kraft und Leben gesogen aus
der „Werderschen“.
Dessen seien wir gedenk. Das Leben mag uns losreißen von unserer Amme;
aber ein Undankbarer, der sie nicht kennen will, oder bei ihrem Anblick sich
schämt. —
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit’ und Länge,
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Faust
So viel über die „Werdersche“. Wir kehren zu den „Werderschen“ zurück.
Vom Knie bis zur Stadt ist nur noch eine kurze Strecke. Wir schritten auf
die Brücke zu, die zugleich die Werft, der Hafen- und Stapelplatz von Werder ist.
Hier wird aus- und eingeladen, und die Bilder, die diesen Doppelverkehr
begleiten, geben dieser Stelle ihren Wert und ihre Eigentümlichkeit. Der gesamte
Hafenverkehr beschränkt sich auf die Nachmittagsstunden; zwischen fünf und
sechs, in einer Art Kreislauf-Tätigkeit, leeren sich die Räume des aus der
Hauptstadt zurückkehrenden Dampfers und seines Bei-Kahns wie im Fluge, aber
sie leeren sich nur, um sich unverzüglich wieder mit Töpfen und Tienen zu
füllen.
Es ist jetzt fünf Uhr. Der Dampfer legt an; die Entfrachtung nimmt ihren
Anfang. Über das Laufbrett hin, auf und zurück, in immer schnellerem Tempo,
bewegen sich die Bootsleute, magere, aber nervige Figuren, deren Beschäftigung
zwischen Land-Dienst und See-Dienst eine glückliche Mitte hält. Wenn ich
ihnen eine gewisse Matrosen-Grazie zuschriebe, so wäre das nicht genug. Sie
nähern sich vielmehr dem Akrobatentum, den Vorstadt-Rappos, die sechs Stühle übereinander türmen und, den ganzen Turmbau aufs Kinn oder die flache Hand
gestellt, über ein Seil hin ihre doppelte Balanzierkunst üben: der Bau darf nicht
fallen und sie selber auch nicht. So hier. Einen Turmbau in Händen, der sich aus
lauter ineinander gestülpten Tienen zusammensetzt und halbmannshoch über
ihren eigenen Kopf hinauswächst, so laufen sie über das schwanke Brett und
stellen die Tienen-Türme in langen Reihen am Ufer auf. Im ersten Augenblick
scheint dabei eine Willkür oder ein Zufall zu walten; ein schärferes Aufmerken
aber läßt uns in dem scheinbaren Chaos bald die minutiöseste Ordnung erkennen
und die Tienen stehen da, militärisch gruppiert und geordnet, für den Laien eine
große, unterschiedslose Masse, aber für den Eingeweihten ein Bataillon, ein
Regiment, an Achselklappe, Knopf und Troddel aufs Bestimmteste erkennbar.
So viele Gärtner und Obstpächter, so viele Kompagnien. Zunächst unterscheiden
sich die Tienen nach der Farbe und zwar derart, daß die untere Hälfte au naturel
auftritt, während die obere, mehr sichtbare Hälfte, in rot oder grün, in blau oder
weiß sich präsentiert. Aber nicht genug damit. Auf diesem breiten Farbenrande
befinden sich, zu weiterer Unterscheidung, entweder die Namen der Besitzer,
oder noch häufiger ihre Wappenzeichen: Kreuze, stehend oder liegend, Sterne,
Kreise und Sonnen, eingegraben und eingebrannt. Man kann hier von einer
völligen Heraldik sprechen. Die alten „Geschlechter“ aber, die diese Wappen
tragen und pflegen, sind die Lendels, die Mays, die Kühls, die Schnetters, und
unmittelbar nach ihnen die Rietz, die Kuhlmeys, die Dehnickes. Als altwendisch
gelten die Lendels und die Rietz, vielleicht auch die Kuhlmeys.
Ist nun aber das Landen der leeren Tienen, wie wir es eben geschildert
haben, eine heitere und malerische Szene, so kann diese doch nicht bestehen
neben dem konkurrierenden Schauspiel des Einladens, des an Bord Schaffens,
das schon beginnt, bevor das Ausladen zur Hälfte beendet ist.
Etwa von fünfeinhalb Uhr ab, und nun rapide wachsend bis zum Moment
der Abfahrt, kommen die Obstwagen der Werderaner heran, kleine,
grüngestrichene Fuhrwerke, mit Tienen hochbepackt und mit zwei Zughunden
an der Deichsel, während die Besitzer, durch Stoß von hinten, die Lokomotion
unterstützen. Ein Wettfahren beginnt, alle Kräfte konzentrieren sich, von links
her rollt es und donnert es über die Brückenbohlen, von rechts her, auf der
chaussierten Vorstadt-Straße, wirbelt der Staub, und im Näherkommen an das
ersehnte Ziel heulen die Hunde immer toller in die Luft hinein, wie verstimmte
Posthörner beim Einfahren in die Stadt. Immer mächtiger wird die Wagenburg,
immer lauter das Gebläff, immer quicker der Laufschritt derer, die die Tienen
über das Brett hin in den am Landungsdamm liegenden Kahn hineintragen. Jetzt
setzt der Zeiger ein, von der Werderschen Kirche herüber tönen langsam die sechs Schläge, derer letzter in einem Signalschuß verklingt. Weithin an den
hohen Ufern des Schwielow weckt er das Echo. Im selben Augenblick folgt
Stille der allgemeinen Bewegung und nur noch das Schaufeln des Raddampfers
wird vernommen, der, eine Kurve beschreibend, das lange Schlepptau dem
Havelkahne zuwirft, und rasch flußaufwärts seinen Kurs nehmend, das
eigentliche Frachtboot vom Ufer löst, um es geräuschlos in das eigene
Fahrwasser hinein zu zwingen.
Von der Brücke aus gibt dies ein reizendes Bild. Auf dem großen
Havelkahn, wie die wilden Männer in Wappen, stehen zwei Bootsleute mit ihren
mächtigen Rudern im Arm, während auf dem Dampfer in langer Reihe die
„Werderschen“ sitzen, ein Nähzeug oder Strickzeug in den Händen, und nichts
vor sich als den Schornstein und seinen Eisenkasten, auf dessen heißer Platte
einige dreißig Bunzlauer Kaffeekannen stehen. Denn die Nächte sind kühl und
der Weg ist weit.
Eine Viertelstunde noch und Dampfer und Havelkahn verschwinden in dem
Defilee bei Baumgartenbrück; der Schwielow nimmt sie auf und durch das
„Gemünde“ hin, an dem schönen und langgestreckten Kaputh vorbei, geht die
Fahrt auf Potsdam zu, an den Schwänen vorüber, die schon die Köpfe
eingezogen hatten und nun unmutig hinblicken auf den Schnaufer, der ihren
Wasserschlaf gestört.
Bei Dunkelwerden Potsdam, um Mitternacht Spandau, bei Dämmerung
Berlin.
Und eh’ der erste Sonnenschein um den Marienkirchturm blitzt, lachen in
langer Reihe, zwischen den Brücken hin, die roten Knupper der Werderschen.
[42] Ein sehr bedeutender Teil des Werderschen Obstes, namentlich aus den an der
Eisenbahn gelegenen Obstbergen, geht nicht zu Schiff, sondern vermittelst Bahn nach Berlin. Auch dieser Verkehr ist außerordentlich bedeutend. Ob er in den Zahlen, die wir vorstehend verzeichnet haben, mit einbegriffen ist oder nicht, vermögen wir nicht mit Bestimmtheit zu sagen.