Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Alt-Geltow
I do not set my life at a pin’s fee;
By heaven, I’ll make a ghost of him that hinders me:
I say, away!
Hamlet
E twa tausend Schritt hinter Baumgartenbrück, und zwar landeinwärts, liegt Alt-Geltow.
Wenn es auch bezweifelt werden mag, daß die „alte Bomgarde“, die dem
heutigen Baumgartenbrück den Namen gab, wenigstens soweit das Sprachliche
in Betracht kommt, bis in die slavische Zeit hinauf zu verfolgen ist, so haben wir
dagegen in Alt-Geltow ein unbestritten wendisches Dorf. Die ältesten Urkunden
tun seiner bereits Erwähnung und es nimmt seinen Platz ein unter den sieben
alten Wendendörfern der Insel Potsdam: Bornim, Bornstädt, Eiche, Golm,
Grube, Nedlitz und Gelte. Diese letztere Schreibweise, ursprünglich Geliti, ist
die richtigere. Geltow indes ist der übliche Name geworden.
Die Geschichte des Dorfes geht weit zurück; aber die schon erwähnten
Urkunden, von denen die älteste aus dem Jahre 933 stammt, sind dürftigen
Inhalts und lassen uns, von kleinen Streitigkeiten abgesehen, nur das eine
erkennen, daß erst die Familie Hellings von Gelt, dann die Gröbens, dann die
Hakes ihren Besitz hier hatten. 1660 gingen Dorf und Heide an den Großen
Kurfürsten über und gehörten seitdem zu den vielen Besitzungen des
Kurfürstlichen, beziehungsweise Königlichen Hauses in der Umgegend von
Potsdam. 1842 wurde die Heide zur Erweiterung des Wildparks benutzt.
Geltow war immer arm; dieser Charakter verblieb ihm durch alle Zeiten
hin, und die schlichten Wände seiner Kirche, deren wir eben ansichtig werden,
mahnen nur zu deutlich daran, daß die Pfarre, um die Mitte des vorigen
Jahrhunderts, zweihundert Taler trug.
Wir schreiten zunächst über einen Grabacker hin, der seit zwanzig oder
dreißig Jahren brach liegt und eben wieder anfängt, aufs neue bestellt zu werden.
Zwischen den eingesunkenen Hügeln wachsen frische auf; diese stehen in
Blumen, während wilde Gerste über die alten wächst.
Es ist spät Nachmittag; der Hollunder blüht; kleine blaue Schmetterlinge fliegen um die Gräber; ein leises Bienensummen ist in der Luft; aber man sieht
nicht, woher es kommt.
Die Kirchtür ist angelehnt; wir treten ein und halten Umschau in dem
schlichten Raume: weiße Wände, eine mit Holz verschlagene Decke und hart an
der Giebelwand eine ängstlich hohe Kanzel, zu der eine steile, gradlinige
Seitenstiege führt.
Und doch das Ganze nicht ohne stillen Reiz. Krone neben Krone; gestickte
Bänder, deren Farben halb oder auch ganz verblaßten; dazwischen Myrten- und
Immortellenkränze im bunten Gemisch. Das Ganze ein getreues Abbild stillen
dörflichen Lebens: er ward geboren, nahm ein Weib und starb.
Es ist jetzt Sitte geworden, die Kirchen dieses Schmuckes zu berauben. „Es
sind Staubfänger“, so heißt es, „es stört die Sauberkeit“. Richtig vielleicht und
doch grundfalsch. Man nimmt den Dorfkirchen oft das Beste damit, was sie
haben, vielfach auch ihr — Letztes. Die buntbemalten Fenster, die großen
Steinkruzifixe, die Grabsteine, die vor dem Altar lagen, die Schildereien, mit
denen Liebe und Pietät die Wandpfeiler schmückte, — sie sind alle längst
hinweg getan; „sie nahmen das Licht“, oder „sie waren zu katholisch“, oder „die
Fruen und Kinner verfierten sich“. Nur die Braut- und Totenkronen blieben
noch. Sollen nun auch diese hinaus? Soll alles fort, was diesen Stätten Poesie
und Leben lieh? Was hat man denn dafür zu bieten? Diese Totenkronen, zur
Erinnerung an Heimgegangene, waren namentlich dem aufs Saubere und
Ordentliche gestellten Sinn Friedrich Wilhelms III. nicht recht. In den
Dorfkirchen, wo er Sonntags zum Gottesdienste erschien, duldete er sie nicht. Er
gestattete aber Ausnahmen. Pastor Lehnert in Falkenrehde erzählt: Eine alte
Kolonisten-Witwe in meiner Gemeinde verlor ihren Enkel, den sie zu sich
genommen und erzogen hatte, und der ihr ein und alles war. Sie ließ eine reich
mit Bändern verzierte Totenkrone anfertigen und begehrte, solche neben ihrem
Sitze in der Kirche aufhängen zu dürfen, „weil sie sonst keine Ruhe und keine
Andacht mehr habe“. Pastor Lehnert gab nach. Der König, bei einem nächsten
Kirchenbesuche von Paretz aus, bemerkte die Krone und äußerte sich mißfällig;
als ihm aber der Hergang mitgeteilt wurde, fügte er hinzu: „Will der Frau ihre
Ruhe und Andacht nicht nehmen.“ — Solche Fälle, wo „Ruhe und Andacht“
eines treuen und liebevollen Herzens an einem derartigen, noch dazu höchst
malerischen Gegenstande hängen, sind viel häufiger, als nüchterne
Verordnungen Unbeteiligter voraussetzen mögen.
Die Alt-Geltower scheinen so empfunden zu haben und haben ihren besten
Schmuck zu bewahren gewußt. Die Giebelwand, an der sich Kanzel und
Kanzeltreppe befindet, ist ganz in Kronen und Kränze gekleidet, im ganzen zählte ich siebenzig, und dazwischen hängen jene bekannten, schwarz und
weißen Tafeln, an deren Häkchen die Kriegsdenkmünzen aus der Gemeinde ihre
letzte Stätte finden. Die eine Tafel erzählte von 1813; auf der andern las ich
Folgendes: „Aus diesem Kirchspiel starben im Befreiungskriege für ihre
deutschen Brüder in Schleswig-Holstein:
F. W. Kupfer, gef. vor Düppel am 17. März 1864;
Carl Wilh. Lüdeke, gestorben an seinen Wunden im Lazarett zu Rinkenis
am 22. März 1864.
Vergiß die treuen Toten nicht.“
Das Jahr 1866 schien ohne Opferforderung an Alt-Geltow vorüber
gegangen zu sein. Aber jetzt! Manch neuer Name wird sich zu den alten
gesellen.
In der Kirche hatte sich ein Mann aus dem Dorfe, ich weiß nicht, ob Lehrer
oder Küster zu uns gefunden. „Nun müssen Sie noch die Meusebachsche
Begräbnisstätte sehen“, so sagte er. Wir horchten auf, da wir von einer solchen
Begräbnisstätte nie gehört hatten, folgten dann aber unserm neu gewonnenen
Führer, bis wir draußen an einen Vorsprung gelangten, eine Art Bastion, wo der
Kirchhofshügel steil abfällt. Hier, an höchster Stelle, die einen Überblick über
das Dorf und seine Gärten gestattet, bemerkten wir nunmehr einen
eingefriedigten, mit Eichen und Zypressen umstellten Platz, dessen schlichtes,
mit Convolvulus und wildem Wein umranktes Gitter drei Efeugräber einschloß.
In ihnen ruhten Vater, Mutter, Sohn. Die letzten ihres Namens. Das Ganze wirkte
durch seine große Einfachheit.
Der Vater, Karl Hartwig Gregor Freiherr von Meusebach, lange Zeit
Präsident des Rheinischen Kassations- und Revisionshofes, war ein Kenner der
deutschen Literatur, zugleich ein Sammler ihrer Schätze, wie kaum ein zweiter.
Wir finden über ihn Folgendes: „Seine bibliographischen Bestrebungen
umfaßten das ganze Gebiet von Erfindung der Buchdruckerkunst bis auf die
Gegenwart, doch so, daß er dem Volks- und geistlichen Liede, den Schriften
Luthers, vor allen aber Fischarts, so wie den nach seiner Meinung zu sehr
verachteten und vergessenen Schriftstellern des 17. Jahrhunderts einen gewissen
Vorrang zugestand. Alle erheblich scheinenden Bücher, welche seine
scharfsinnigen Untersuchungen ihn kennen gelernt hatten, suchte er zu
erwerben. So gedieh seine Bibliothek zu einer seltenen Vollständigkeit und zu
einem fein gegliederten inneren Zusammenhange.“
Von 1819 an lebte er in Berlin, wenn ich nicht irre in einem der Häuser, die
bei dem Neuen-Museums-Bau verschwunden sind. Hier besuchte ihn anfangs
der zwanziger Jahre Hoffmann von Fallersleben, der über diesen Besuch in seinen „Aufzeichnungen und Erinnerungen“ berichtet.
„Schon in Koblenz hatte ich viel gehört von einem Herrn von Meusebach,
der von dort aus als Geheimer Rat an den Rheinischen Kassationshof in Berlin
versetzt worden sei.
Er besitze, so hieß es, eine große Bibliothek, reich an altdeutschen Werken,
sei ein großer Kenner und immer noch ein eifriger Sammler. Ich erfuhr bald
seine Wohnung: er wohnte in dem Hause der Frau Friedländer hinter der kleinen
Brücke, die über den Kupfergraben auf den Museumsplatz und die Neue
Friedrichsstraße zuführte. Ich ging eines Morgens zwischen neun und zehn Uhr
hin, ließ mich anmelden, wurde aber abgewiesen. Ich wiederholte noch zweimal
meinen Besuch; immer aber hieß es: ‚der Herr Geheime Rat schläft noch.‘ Ich
ließ mich nicht abschrecken und versuchte es zum vierten Male, aber erst um elf
Uhr. Diesmal hatte ich sagen lassen, der Herr von Arnim habe mich ja schon
angemeldet. Nach einiger Zeit kehrte der Bediente zurück: ich möchte eintreten.
Herr von Meusebach war in eifrigem Gespräch begriffen mit Frau von
Savigny, begrüßte mich, ließ mich stehen und setzte sein Gespräch fort. Frau von
Savigny war so gesprächig, daß sich gar kein Ende absehen ließ. Endlich nach
einer Viertelstunde war der Born ihrer Beredtsamkeit versiegt und sie empfahl
sich.
Meusebach wendete sich nun an mich. Ich sprach einfach aus, was ich von
ihm wünschte, nämlich seine Bücher zu sehen. Das gefiel ihm. Ehe er mir aber
etwas zeigte, öffnete er die Tür zur Bibliothek und holte links aus der Ecke zwei
gestopfte Pfeifen und bot mir die eine an. Als wir so recht damit im Zuge waren,
schloß er eine Tapetentür auf; in diesem unbemerkten Wandschrank wurden die
Lieblingsbücher und kostbarsten und seltensten aufbewahrt. Zuerst zeigte er mir
das Luthersche Gesangbuch von 1545. ‚Was sagen Sie dazu?‘ Ich freute mich,
staunte, bewunderte. Es folgte nun eine ganze Reihe derartiger Bücher, die ich
alle noch nie gesehen hatte. Die Bücherschau dauerte bereits über anderthalb
Stunden, da trat Friedrich der Bediente ein: ‚Herr Geheime Rat, es ist
angerichtet.‘ Das störte uns nicht, wir fuhren in unserem angenehmen Geschäfte
fort. Friedrich kam wieder: ‚Herr Geheime Rat, das Essen steht schon längst auf
dem Tische.‘ ‚Gut. Nun kommen Sie mit.‘ Ich hatte früher nie Sauerkraut essen
können, heute schmeckte es mir vortrefflich, sowie der leichte Moselwein (einen
andern führte der Herr Geheime Rat nicht). Frau von Meusebach lachte, daß ich
es heute so schön getroffen hätte. Die Unterhaltung war sehr heiter. Ich erzählte
allerlei hübsche Geschichten so unbefangen, als ob ich in einem Kreise alter
lieber Freunde mich befände.
Nach Tische begaben wir uns wieder an unsern Wandschrank. Als der Kaffee kam, holte ich mir selbst eine frisch gestopfte Pfeife, — Friedrich mußte
immer an die dreißig wohlgereinigt und gestopft im Gange erhalten. Meusebach
ergötzte sich sehr, daß ich schon so gut Bescheid wußte.
Wir begannen von neuem die Bücherschau. Es wurde Licht angezündet, wir
setzten uns. Jetzt kamen die Liederbücher und die Fischartiana an die Reihe.
Meine Freude steigerte sich. Der Tee wurde gebracht. Frau von Meusebach kam
mit ihren Kindern. Das störte uns weiter nicht. Wir unterhielten uns und besahen
Bücher; Tee und Essen war Nebensache. Die Kinder gingen wieder fort, Frau
von Meusebach folgte bald nach, wir waren wieder allein. Eine frische Pfeife
wurde angebrannt. Es war bereits spät. Ich wollte nach Haus, mußte aber
bleiben. Es wurde zwölf, es wurde eins. Immer noch kein Ende. Da kam
Meusebach auf meine ‚Liederhandschrift‘, die ich das Glück gehabt hatte auf
einem Trödel in Bonn zu entdecken, zu sprechen und meinte, es wäre hübsch,
wenn er das Buch mal sehen könnte. Das „Sehen“ verstand ich recht gut und
beschloß bei mir, es ihm zu Weihnachten zu verehren. Endlich um halb zwei
schieden wir und waren nach fünfzehntehalb Stunden erster Bekanntschaft beide
recht frisch und vergnügt. Ich mußte versprechen, meinen Besuch bald zu
wiederholen, und es fiel mir denn auch nicht im geringsten schwer, recht bald
Wort zu halten.“
Gegen Ende seines Lebens hin empfand Meusebach immer tiefer das
Bedürfnis, ungestört seinen Studien leben zu können. Er gab seine hohe
richterliche Stellung auf (1842) und zog sich nun nach Alt-Geltow zurück. Mit
ihm ging seine Bibliothek. Aber nicht lange mehr hatte er sich dieser Muße zu
freuen. Er starb am 22. August 1847. Seine Bibliothek, ein Schatz, wurde 1849
seitens der preußischen Regierung erstanden und der Berliner Bibliothek
einverleibt.
Hatte der Vater der stillen Welt seiner Bücher angehört, so gehörte der Sohn
(seiner äußeren Stellung nach ebenfalls Jurist) um so voller der Außenwelt, dem
Markt des Lebens an. Er war in eminentem Sinne ein „Lebemann“, geistreich,
schlagfertig, eine feine und spitze Zunge zugleich. Die März-Ereignisse zogen
ihn in die Politik; sein berühmter Ausspruch: „ich rieche Leichen,“ womit er in
den Oktobertagen desselben Jahres auf die Tribüne trat, ist unvergessen
geblieben und ein geflügeltes Wort geworden. Die fünfziger Jahre sahen ihn im
diplomatischen Dienst, erst als Generalkonsul in den Donaufürstentümern, dann
als Gesandten in Brasilien. Seine Wunderlichkeiten wuchsen. 1854 in Giurgewo
war er im türkischen Kugelregen nicht nur spazieren gegangen, sondern hatte
seinen Rattenfänger auf das Apportieren von Sprengstücken abgerichtet; acht
Jahre später in Rio verfiel er dem Wahnsinn. Seine Lebensweise hatte die angeborene Exzentrizität unterstützt. „Champagner in Eis“ war sein steter
Begleiter und seine oft abgegebene Versicherung, „daß er seines Vaters
Bibliothek in den Keller getragen habe,“ war nur allzu richtig. So konnte die
Katastrophe kaum ausbleiben. Eine reich angelegte Natur ging in ihm zu
Grunde.
Daß ich Gräbern wie diesen auf dem Geltower Kirchhofe begegnen würde,
der Gedanke hat mir fern gelegen. Ich las die einfachen Zuschriften, nahm ein
Efeublatt vom Grabe des Vaters und stand noch immer wie im Bann dieser
Stätte.
Unser Führer endlich löste ihn. „Da drüben ist noch ein Grab, das Sie sehen
müssen.“ — Zugleich brach er auf und gab uns dadurch das Zeichen, ihm zu
folgen.
Ein dichtes Fliedergestrüpp hatte uns wie ein Kulisse von dem eigentlichen
Kirchhof, der jetzt, wie erwähnt, seine zweite Bestellzeit hat, getrennt, und wir
standen nunmehr, nachdem wir das Gestrüpp glücklich durchbrochen, vor einer
kleinen Gräberreihe, die das solange brach gelegene Feld neu zu durchziehen
begann. Eines der Gräber war besonders gehegt und gepflegt: ein Gartenbeet mit
Rosen und Nelken, mit Levkojen und Heliotrop dicht überwachsen. Zu Häupten
des Grabes stand ein Kreuz, dahinter hohe Malven. Die Inschrift lautete: „Hier
ruhet in Gott Johann Schupke, geboren den 1. Februar 1822, gestorben den 30.
November 1865. Jesaias Kapitel 57 Vers 2: ‚Und die richtig vor sich gewandelt
haben, kommen zum Frieden und ruhen in ihren Kammern.‘“
Die Sonne war am Untergehen; die schönste Zeit des Tages zumal für eine
märkische Landschaft. Wir ließen deshalb die Gräber, unterbrachen unser
Gespräch und stiegen die Kirchturmtreppe hinauf, um uns, nachdem wir die
Luken geöffnet, der im Golde daliegenden Schwielow-Ufer zu freuen. Wie
schön! Hier oben erst erneute sich das Gespräch. „Ja, von unserm Schupke wollt’
ich erzählen“, so hob unser Führer an. Ich nickte zustimmend.
Gott hab’ ihn selig, das war ein Mann und durch schwere Schulen war er
gegangen! Wen Gott lieb hat, den züchtigt er. Und das muß ich sagen; wenn der
Himmel je einen preußischen Förster lieb gehabt hat, dann hat er Schupken lieb
gehabt.
War er ein Alt-Geltower? fragte ich, um wenigstens etwas von Teilnahme
auszudrücken.
Da seh ich, daß Sie ihn nicht gekannt haben. Er war ein Schlesier, aus dem
Riesengebirge oder so herum, und sprach das Rübezahl-Deutsch bis an sein
seliges Ende. Nie ist ein reines a über seine Lippe gekommen.
Wie kam er denn in diese Gegenden?
Wie so viele andere hierherkommen. Er wurde nicht lange gefragt. Sie
hoben ihn aus, und ein schmucker Junge, wie er war, nahmen sie ihn zur Garde.
Er stand bei den Jägern.
Und durch schwere Schulen ist er gegangen, sagten Sie?
Das will ich meinen! Lassen Sie sich erzählen. Der grüne Jägerrock sticht
in die Augen; grün geht noch über blau; kurz und gut, Schupke wurde ein
glücklicher Liebhaber. Der Himmel hing ihm voller Geigen. Ob er das Mädchen
heiraten wollte, weiß ich nicht, aber sie hielt zu ihm, und eines Tages, der Böse
hatte sein Spiel, schenkte sie ihm Uhr und Kette. Eine goldene Uhr. Es sei ein
Erbstück; ein Onkel von ihr sei gestorben.
Das hätte nun unsern Schupke wohl stutzig machen sollen; aber der Mensch
ist eitel, und wenn er hübsch ist und erst zweiundzwanzig Jahr, dann ist er’s
doppelt, kurzum Schupke nahm die Uhr und freute sich dran; die kleine goldene
Kette paradierte zwischen dem dritten und sechsten Knopf, und wenn ihm ein
Gedanke durch den Kopf ging, so dachte er: „es sterben so Viele; warum soll er
nicht gestorben sein?“
Es sterben so viele Onkel, aber ihr Onkel, des Mädchens Onkel war nicht
gestorben und schon am andern Tage hieß es: des alten Wolffenstein goldene
Uhr wird vermißt, Uhr und Kette; und eine Stunde später hieß es: man weiß, wer
sie hat; sie hat es gestanden.
Das ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt; es kam auch in die Jäger-
Kaserne. Schupke wurde leichenblaß. Ein unbescholtener Mann, makellos, aller
Leute Liebling, — und nun entehrt. „Ich hab’ es nicht gewußt“; aber wer hätte es
geglaubt? Der Schein war gegen ihn. Es schüttelte ihn am ganzen Leibe; er riß
das Fenster auf, um wieder frei zu atmen; es half nichts; ein furchtbares
Anklagewort gellte ihm vor den Ohren; er hörte das Ticken der unglückseligen
Uhr auf seiner Brust; er tat sie weg — es tickte noch.
Es mußte sein; er nahm seine Büchse und ging hinaus.
Aber das Leben ist süß. Er irrte draußen umher, erst an der Havel hin, dann
links in den Forst hinein. „Jetzt!“ Er riß seinen Rock auf. Nein, noch nicht. So
vergingen Stunden.
Wo ist Schupke? hieß es derweilen in der Kaserne. Man öffnete seinen
Schrank. Da lagen Uhr und Kette. Man sah auf den Büchsenstand. Eine Büchse
fehlte; Schupkes. Alles war klar.
Der Hauptmann seiner Kompagnie, Graf Schlieffen, warf sich aufs Pferd.
Der Weg war wie vorgeschrieben. Er sagte sich: ein Jäger ist in den Wald
gegangen. Fünfhundert Schritt hinter dem Schützenhause begegnete ihm ein
Mann, der Reisig auf seiner Karre heimkarrte. „Guten Tag, Papa, habt Ihr nicht einen Gardejäger hier herum gesehen?“
„Woll, den hebb ick sehn. Reitens man to, Herr Hauptmann. Met den Jäger
is et nich richtig. Ick kaek upp’n Kirchhof. Do läg he an een von de Gräbers up
sine Knie, un ick hürte, wie he lies’ beden und spreeken deih. Un denn legt he
sinen Kopp up det Grab, immer deeper int Gras. Mit den Jäger is et nich richtig.
Reitens man to, Herr Hauptmann.“
Also doch. Graf Schlieffen jagte vor. In einer Minute hielt er an dem halb
angelehnten Torflügel. Da lag der Gardejäger noch auf seinen Knien, wie der
Reisigsammler erzählt hatte, und betete. Schupke! rief der Graf.
Schupke sprang auf und griff nach seiner Büchse. Er sah wie gestört aus;
dann winkte er mit der Hand, wie um anzudeuten: der Graf solle ihn nicht stören.
Der aber ritt näher. Schupke winkte noch einmal. Als der Graf auch jetzt
noch weiter vorritt, legte Schupke die Büchse an die Schulter: Zurück, Herr
Hauptmann, oder ich schieße!
Der Graf hielt; — ein Gardejäger trifft seinen Mann. So war Zeit
gewonnen. Im nächsten Augenblick aber fiel ein Schuß. Schupke hatte sich in
die Brust geschossen.
Auf einer Bahre trugen sie ihn heim. Er schien ein Sterbender. Aber die
Jugend war stärker als der Tod. Drei Jahre lang lag er im Lazarett, die Kugel
hatte ihm ein Stück Tragband mit in die Lunge gejagt; dann stand er auf und war
ein genesener Mann. Kein Mensch in Potsdam sprach von dem, was
vorhergegangen war; in Mitleid war jede andere Betrachtung untergegangen;
jeder hatte ein tiefes Mitgefühl für den Mann von Ehre, der die leise Schuld, die
ihn traf, mit seinem Blute bezahlt hatte. Er verließ das Lazarett und wurde
Förster in der Pirschheide. Hier, wo die Lichtung ist, dort stand sein Haus.
Das Trauerspiel war aus; das Idyll begann. Er schloß eine glückliche Ehe,
und ehe zehn Jahr ins Land gegangen waren, war er eine „Figur“ in Havelland
und Zauche. Er trat wie ein Sonnenschein in jeden Kreis; jedes Gesicht wurde
heiterer, die Kinder liefen ihm entgegen und reichten ihm die Hand. Er hatte die
glücklichste Mischung: einen festen Sinn und ein freundliches Herz.
So lebte er in unserer Mitte, unseres Dorfes Stolz, sich und andern zur
Freude. Aber er sollte nicht zu hohen Jahren kommen. Eines Morgens — alle
Dächer lagen in Reif und die Sonne stand wie eine rote Kugel über den Bäumen,
— da lief es von Haus zu Haus: Schupke ist tot. Es war nur allzu wahr.
Er hatte einen eigenen Tod gehabt. Einen etwas engen Stiefel mit Gewalt
anziehend, war eines der vernarbten Blutgefäße wieder geplatzt und der Erguß in
die Lunge hatte seinem Leben ein Ziel gesetzt.
Drei Tage später haben wir ihn begraben. Keiner fehlte. Es waren herzliche Tränen, die auf sein Grab fielen. Die Pirschheide hatte keinen bessern Mann
gesehen.
So erzählte unser Führer. Die Sonne war inzwischen untergegangen; wir
gaben unsern Lukenplatz auf und stiegen hinunter. Ein weißer, kaum fußhoher
Nebel zog über den Kirchhof hin, und hüllte die Gräber ein; aber die Kreuze
ragten hell darüber hinaus und auf der goldenen Inschrift des einen lag es wie ein
letzter Schimmer.