Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 10 von 82

PDF-Seiten

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Kloster Chorin

 

Den Leib des Fürsten hüllt der Rauch

Von Ampeln und von Weihrauchschwelen

Und ringsum steigt ein Trauerchor

Und ein Tedeum steigt empor

Aus hundert und aus tausend Kehlen.

 

U nter den Töchtern Lehnins war Chorin die bedeutendste, ja, eine Zeitlang schien es, als ob das Tochterkloster den Vorrang über die mater gewinnen würde.

Das war unter den letzten Askaniern. Diese machten Chorin zum Gegenstand

ihrer besonderen Gunst und Gnade und beschenkten es nicht nur reich, sondern

wählten es auch zu ihrer Begräbnisstätte. Unter den sieben Markgrafen, die hier

beigesetzt wurden, ist der letzte zugleich der hervorragendste: Markgraf

Waldemar, gestorben 1319. Nach dem Erlöschen der Askanier trat Chorin wieder

hinter Lehnin zurück.

Chorin erreicht man am bequemsten von der benachbarten

Eisenbahnstation Chorin aus, die ziemlich halben Weges zwischen Eberswalde

und Angermünde gelegen ist. Ein kurzer Spaziergang führt von der Station aus

zum Kloster. Empfehlenswert aber ist es, in Eberswalde bereits die Eisenbahn zu

verlassen und in einem offenen Wagen an Kapellen, Seen und Laubholz vorbei,

über ein leicht gewelltes Terrain hin, den Rest des Weges zu machen. Dies

Wellenterrain wird auch Ursache, daß Chorin, wenn es endlich vor unseren

Blicken auftaucht, völlig wie eine Überraschung wirkt. Erst in dem Augenblicke,

wo wir den letzten Höhenzug passiert haben, steigt der prächtige Bau, den die

Hügelwand bis dahin deckte, aus der Erde auf und steht nun so frei, so bis zur

Sohle sichtbar vor uns, wie eine korkgeschnitzte Kirche auf einer Tischplatte. Es

kommt dies der architektonischen Wirkung, wie gleich hier hervorgehoben

werden mag, sehr zu statten, weniger der malerischen, die für eine Ruine meist

wichtiger ist als jene. Wir kommen am Schlusse unseres Aufsatzes auf diesen

Punkt zurück.

 

Kloster Mariensee

 

Kloster Chorin trat nicht gleich als es selbst ins Dasein, sondern ging vielmehr aus einer früheren, an anderem Orte gelegenen Anlage hervor. Es

scheint geboten, auch bei dieser Vorgeschichte, die wenig gekannt ist, zu

verweilen.

Kloster Chorin, ehe es diesen seinen Namen annahm, war Kloster

Mariensee. Die Stelle, wo letzteres stand, war lange zweifelhaft. Die Urkunden

sagten freilich deutlich genug: „auf der Ziegeninsel im Paarsteiner See“; aber der

Paarsteiner See hatte zwei Inseln, von denen — wenigstens in den

Nachschlagebüchern — keine mehr den Namen „Ziegeninsel“ führte. Die eine

hieß, in eben diesen Büchern, der „Paarsteiner Werder“, die andere der

„Pehlitzer Werder“.

Nachfragen am Paarsteiner See selbst indes, die ich anstellen durfte, haben

die Streitfrage schnell entschieden. Der „Pehlitzer Werder“ heißt im Volksmund

an Ort und Stelle noch immer die Ziegeninsel, und wenn dennoch ein leiser

Zweifel bliebe, so würde derselbe durch die Kirchentrümmer beseitigt werden,

die, unverkennbar auf eine Klosteranlage deutend, bis diesen Augenblick noch

auf dem „Pehlitzer Werder“ — in alten Urkunden Insula Caprarum —

angetroffen werden.

Diese Ziegeninsel liegt am Südende des Sees und ist Privateigentum, etwa

wie ein eingezäuntes Stück Grasland, weshalb man auch nur vom

gegenüberliegenden Amtshof aus die Überfahrt nach derselben bewerkstelligen

kann. Die Erlaubnis dazu wird gern gewährt.

Früher, wenn die Tradition recht berichtet, war das Terrain zwischen dem

Amtshof und der Insel mehr Sumpf als See, so daß ein Steindamm, eine Art

Mole, existierte, die hinüber führte; der Paarsteiner See aber, im Gegensatz zu

anderen Gewässern der Mark, wuchs konstant an Wassermenge, so daß

allmählich der Sumpf in der wachsenden Wassermenge ertrank und mit dem

Sumpf natürlich auch der Steindamm. Die Tradition hat nichts

Unwahrscheinliches; auch erkennt man noch jetzt, bei klarem Wasser, lange

Steinfundamente, die in gerader Linie vom Ufer zur Insel führen.

Die Insel selbst, an deren Südwestseite man landet, hat die Form eines

verschobenen Vierecks, dessen vier Spitzen ziemlich genau die vier

Himmelsgegenden bezeichnen. Der Umfang der Insel mag einige Morgen

betragen.

An der Landungsstelle, in ziemlicher Ausdehnung, erhebt sich eine aus

mächtigen Blöcken aufgetürmte Wand: Roll- und Feldsteine, von denen es

schwer zu sagen ist, ob die Fluten hier vor Jahrtausenden sich ablagerten oder ob

erst unsere Freunde, die Mönche, sie zu Schutz und Trutz hier aufschichteten.

Die Insel zeigt im übrigen auf den ersten Blick nichts Besonderes; sie macht den Eindruck eines vernachlässigten Parks, in dem die Natur längst

wieder über die Kunst hinausgewachsen ist. Es vergeht eine Zeit, ehe man die

Trümmer entdeckt und überhaupt in dem bunten Durcheinander sich

zurechtfindet; dann aber wirkt alles mit einem immer wachsenden Reiz. Die

Überreste des Klosters liegen nach Osten zu, fast entgegengesetzt der Stelle, wo

man landet. Was noch vorhanden ist, ragt etwa zwei Fuß hoch über den Boden

und reicht in seinen charakteristischen Formen völlig aus, einem ein Bild des

Baues zu geben, der hier stand.[12] An der Profilierung der Steine erkennen wir,

daß wir es mit einem romanischen Bau zu tun haben, der wahrscheinlich drei

Schiffe (eher schmal als breit) hatte; an einzelnen Stellen glaubt man noch ein

Pfeilerfundament des Mittelschiffs zu erkennen. Weitere Nachgrabungen würden

gewiß mancherlei Auskunft Gebendes zutage fördern, wobei bemerkt werden

mag, daß auch das, was jetzt dem Auge sich bietet, erst infolge von Erdarbeiten,

die der Pehlitzer Amtmann anordnete, vor kurzer Zeit zutage getreten ist.

Was die Trümmer selbst angeht, so gehören sie sehr wahrscheinlich der

Ostseite der ehemaligen Klosterkirche an, woraus sich ergeben würde, daß das

Längsschiff derselben sich nicht parallel mit dem Ufer, sondern senkrecht auf

dasselbe, also inseleinwärts hingezogen haben muß. In dieser Richtung hätten

also auch weitere Nachgrabungen zu erfolgen.

Wie die eigentlichen Klostergebäude, die Mönchswohnungen, zu dieser

Klosterkirche standen, wird um so schwerer nachzuweisen sein, als die ganze

Anlage nur von bescheidenen Dimensionen war, einzelnes auch leicht

möglicherweise in dem heraufsteigenden See versunken ist. Zwischen diesem

und der Klosterkirche bemerken wir noch ein niedriges Feldsteinfundament,

über dessen Zugehörigkeit und frühere Bestimmung die Ansichten abweichen.

Ich bin indes der Meinung, daß alle diese außerhalb und doch zugleich in

nächster Nähe gelegenen, dabei durch eine eigentümliche Schrägstellung

markierten Feldsteinbauten nichts anderes waren als die Siechenhäuser, in denen

die Mönche den Hospitaldienst übten.

In der Mitte der Insel erhebt sich der sogenannte Mühlberg, der beste Punkt,

um einen Überblick zu gewinnen. Wir erkennen von hier aus unter den Zweigen

der Bäume hindurch die Kirchenstelle und die Hospitalstelle, wir sehen die

prächtige alte Lindenallee, die am Nordufer der Insel entlang den dahinter

liegenden breiten Schilfgürtel halb verdeckt, und sehen durch die offenen Stellen

hindurch die blaue Fläche des Sees, die sich wie ein Haff jenseits des

Schilfgürtels dehnt. Dieser weitgehende See, überall eingefaßt durch prächtig

geschwungene Uferlinien, gewährt ein Landschaftsbild voll imponierender

Schönheit; aber dieser Schönheit vermählt sich eine Sterilität, wie sie an märkischen Seen nur selten getroffen wird. Die Ufer, wenn sie Basalt wären,