Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Die Werderschen
Blaue Havel, gelber Sand,
Schwarzer Hut und braune Hand,
Herzen frisch und Luft gesund
Und Kirschen wie ein Mädchenmund.
W as uns nun aber heute nach Werder führt, das ist weder die Kirche noch deren fragwürdiger Bilderschatz, das ist einfach eine Pietät gegen die besten
Freundinnen unserer Jugend, gegen die „Werderschen“. Jeden Morgen, auf
unserem Schulwege, hatten wir ihren Stand zwischen Herkules- und
Friedrichsbrücke zu passieren, und wir können uns nicht entsinnen, je anders als
mit „Augen rechts“ an ihrer langen Front vorübergegangen zu sein. Mitunter traf
es sich auch wohl, daß wir das verspätete „zweite Treffen“ der Werderschen,
vom Unterbaume her, heranschwimmen sahen: große Schuten dicht mit Tieren
besetzt, während auf den Ruderbänken zwanzig Werderanerinnen saßen und ihre
Ruder und die Köpfe mit den Kiepenhüten gleich energisch bewegten. Das war
ein idealer Genuß, ein Schauspiel, aber ach, „ein Schauspiel nur“, und siehe da,
dem ersten Treffen, das in allem Schimmer Pomonens sich bereits faßbar vor
uns präsentierte, verblieb doch immer der Sieg über unsere Sinne und unser
Herz. Welche Pfirsiche in Weinblatt! Die Luft schwamm in einem erfrischenden
Duft, und der Kuppelbau der umgestülpten und übereinander getürmten
Holztienen interessierte uns mehr als der Kommodenbau von Monbijou und,
traurig zu sagen, auch als der Säulenwald des Schinkelschen Neuen Museums.
Das sind nun fünfundvierzig Jahre, das „Neue Museum“ von damals ist
schon wieder zu einem alten geworden, die Bilder jener Tage aber sind nicht
verblaßt, und als unsere Havelwanderungen vor lang oder kurz begannen und
unser Auge, von den Kuppen und Berglehnen am Schwielow aus, immer wieder
der Spitzturm-Kirche von Werder gewahr wurde, da gemahnte es uns wie alte
Schuld und alte Liebe, und die Jugendsehnsucht nach den Werderschen stieg
wieder auf: hin nach der Havel-Insel und ihrem grünen Kranz „wo tief im Laub
die Knupperkirschen glühn“.
Und wie alle echte Sehnsucht schließlich in Erfüllung geht, so auch hier,
und ehe noch der Juli um war, brauste der Zug wieder über die große
Havelbrücke, erst rasch, dann seinen Eilflug hemmend, bis er zu Füßen eines Kirschberges hielt: „Station Werder!“
Noch eine drittel Meile bis zur Stadt; eine volle drittel Meile, die einem um
drei Uhr nachmittags, bei siebenundzwanzig Grad im Schatten und absoluter
Windstille schon die Frage vorlegen kann: ob nicht doch vielleicht ein auf hohen
Rädern ruhendes, sargartiges Ungetüm, das hier unter dem Namen „Omnibus“
den Verkehr zwischen Station und Stadt unterhält, vor Spaziergangsversuchen zu
bevorzugen sei. Aber es handelt sich für uns nicht um die Frage „bequem oder
unbequem“, sondern um Umschau, um den Beginn unserer Studien, da die
großen Kirschplantagen, die den Reichtum Werders bilden, vorzugsweise zu
beiden Seiten eben dieser Wegstrecke gelegen sind, und so lassen wir denn dem
Omnibus einen Vorsprung, gönnen dem Staube zehn Minuten Zeit sich wieder
zu setzen und folgen nun zu Fuß auf der großen Straße.
Gärten und Obstbaum-Plantagen zu beiden Seiten; links bis zur Havel
hinunter, rechts bis zu den Kuppen der Berge hinauf. Keine Spur von Unkraut;
alles rein geharkt; der weiße Sand des Bodens liegt oben auf. Große Beete mit
Erdbeeren und ganze Kirschbaum-Wälder breiten sich aus. Wo noch vor wenig
Jahren der Wind über Thymian und Hauhechel strich, da hat der Spaten die
schwache Rasennarbe umgewühlt, und in wohlgerichteten Reihen neigen die
Bäume ihre fruchtbeladenen Zweige.
Je näher zur Stadt, um so schattiger werden rechts und links die Gärten;
denn hier sind die Anlagen älter, somit auch die Bäume. Viele der letzteren sind
mit edleren Sorten gepfropft, und Leinwandbänder legen sich um den
amputierten Ast, wie die Bandage um das verletzte Glied. Hier mehren sich auch
die Villen und Wohnhäuser, die großenteils zwischen Fluß und Straße, also zur
Linken der letzteren, sich hinziehen. Eingesponnen in Rosenbüsche, umstellt von
Malven und Georginen, entziehen sich viele dem Auge; andere wieder wählen
die lichteste Stelle und grüßen durch die weitgestellten Bäume mit ihren
Balkonen und Fahnenstangen, mit Veranden und Jalousien.
Eine reiche, immer wachsende Kultur! Wann sie ihren Anfang nahm, ist bei
der Mangelhaftigkeit der Aufzeichnungen nicht mehr festzustellen. Es scheint
aber fast, daß Werder als ein Fischerort ins siebzehnte Jahrhundert ein- und als
ein Obst- und Gartenort aus ihm heraustrat. Das würde dann darauf hindeuten,
daß sich die Umwandlung unter dem Großen Kurfürsten vollzogen habe, und
dafür sprechen auch die mannigfachsten Anzeichen. Die Zeit nach dem
dreißigjährigen Kriege war wieder eine Zeit großartiger Einwanderungen in die
entvölkerte Mark und mit den gartenkundigen Franzosen, mit den Bouchés und
Matthieus, die bis auf diesen Tag in ganzen Quartieren der Hauptstadt blühen,
kamen ziemlich gleichzeitig die agrikulturkundigen Holländer ins Land. Unter dem, was sie pflegten, war auch der Obstbau. Sie waren von den Tagen Luise
Henriettens, von der Gründung Oranienburgs und dem Auftreten der Cleveschen
Familie Hertefeld an, die eigentlichen landwirtschaftlichen Lehrmeister für die
Mark, speziell für das Havelland, und wir möchten vermuten, daß der eine oder
andere von ihnen, angelockt durch den echt-holländischen Charakter dieser
Havel-Insel, seinen Aufenthalt hier genommen und die große Umwandlung
vorbereitet habe. Vielleicht wäre aus den Namen der noch lebenden Werderschen
Geschlechter festzustellen, ob ein solcher holländischer Fremdling jemals unter
ihnen auftauchte. Bemerkenswert ist es mir immer erschienen, daß die
Werderaner in „Schuten“ fahren, ein niederländisches Wort, das in den
wendischen Fischerdörfern, so viel ich weiß, nie angetroffen wird.
Gleichviel indes was die Umwandlung brachte, sie kam. Die Flußausbeute
verlor mehr und mehr ihre Bedeutung; die Gärtnerzunft begann die Fischerzunft
aus dem Felde zu schlagen, und das sich namentlich unter König Friedrich
Wilhelm I., auch nach der Seite der „guten Küche“ hin, schnell entwickelnde
Potsdam begann seinen Einfluß auf die Umwandlung Werders zu üben. Der
König, selber ein Feinschmecker, mochte unter den ersten sein, die anfingen eine
Werdersche Kirsche von den üblichen Landesprodukten gleichen Namens zu
unterscheiden. Außer den Kirschen aber war es zumeist das Strauchobst, das die
Aufmerksamkeit des Kenners auf Werder hinlenkte. Statt der bekannten Bauern-
Himbeere, wie man ihr noch jetzt begegnet, die Schattenseite hart, die
Sonnenseite madig, gedieh hier eine Spezies, die in Farbe, Größe und strotzender
Fülle prunkend, aus Gegenden hierher getragen schien, wo Sonne und Wasser
eine südliche Brutkraft üben.
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte sich die Umwandlung völlig
vollzogen: Werder war eine Garten-Insel geworden. Seinem Charakter nach war
es dasselbe wie heut, aber freilich nicht seiner Bedeutung nach. Sein Ruhm, sein
Glück begann erst mit jenem Tage, wo der erste Werderaner (ihm würden
Bildsäulen zu errichten sein) mit seinem Kahne an Potsdam vorüber- und Berlin
entgegenschwamm. Damit brach die Großzeit an. In Wirklichkeit ließ sie noch
ein halbes Jahrhundert auf sich warten, in der Idee aber war sie geboren. Mit
dem rapide wachsenden Berlin wuchs auch Werder und verdreifachte in fünfzig
Jahren seine Einwohnerzahl, genau wie die Hauptstadt. Der Dampf kam hinzu,
um den Triumph zu vervollständigen. Bis 1850 hielt sich die Schute, dann wurde
sie als altehrwürdiges Institut bei Seite gelegt und ein „auf Gegenseitigkeit“
gebauter Dampfer, der bald gezwungen war, einen großen Havelkahn ins
Schlepptau zu nehmen, leitete die neue Ära der Werderaner ein. Von 1853 bis
1860 fuhr die „Marie Luise“; seitdem fährt der „König Wilhelm“ zwischen Werder und Berlin.
Noch einiges Statistisches. Auch Zahlen haben eine gewisse Romantik. Wie
viele Menschen erdrückt oder todtgeschossen wurden, hat zu allen Zeit einen
geheimnisvollen Zauber ausgeübt; an Interesse steht dem vielleicht am nächsten,
wieviel gegessen worden ist. So sei es denn auch uns vergönnt, erst mit kurzen
Notizen zu debütieren, und dann eine halbe Seite lang in Zahlen zu schwelgen.
Mit dem ersten Juni beginnt die Saison. Sie beginnt, von Raritäten
abgesehen, mit Erdbeeren. Dann folgen die süßen Kirschen aller Grade und
Farben; Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren schließen sich an. Ende Juli
ist die Saison auf ihrer Höhe. Der Verkehr läßt nach, aber nur, um Mitte August
einen neuen Aufschwung zu nehmen. Die sauren Kirschen eröffnen den Zug;
Aprikosen und Pfirsich folgen; zur Pflaumenzeit wird noch einmal die
schwindelnde Höhe der letzten Juli-Wochen erreicht. Mit der Traube schließt die
Saison. Man kann von einer Sommer- und Herbst-Kampagne sprechen. Der
Höhepunkt jener fällt in die Mitte Juli, der Höhepunkt dieser in die Mitte
September. Die Knupperkirsche einerseits, die blaue Pflaume andererseits, — sie
sind es, die über die Saison entscheiden.
Der Versand ist enorm. Er beginnt mit 1000 Tienen, steigt in rapider
Schnelligkeit auf 3000, auf 5000, hält sich, sinkt, steigt wieder und tritt mit 1000
Tienen, ganz wie er begonnen, schließlich vom Schauplatz ab. Als
Durchschnitts-Minimum wird man 3000, als Maximum 4000 Tienen täglich, die
Tiene zu drei Metzen, annehmen dürfen. Der Preis einer Tiene ist 15 Sgr. Dies
würde bei Zugrundelegung des Minimalsatzes in 4 Monaten oder 120 Tagen
einen Gesamtabsatz von 120 mal 3000, also von 360 000 Tienen[42] ergeben.
Dies ist aber zu niedrig gerechnet, da 360 000 Tienen, die Tiene zu 15 Sgr., nur
eine Gesamt-Einnahme von 180 000 Talern entsprechen würden, während diese
auf 280 000 Taler angegeben wird. Gleichviel indes; dem Berliner wird unter
allen Umständen der Ruhm verbleiben, als Minimalsatz alljährlich 1 Million
Metzen Werdersches Obst zu konsumieren. Solche Zahlen sind schmeichelhaft
und richten auf.
Sie richten auf — in erster Reihe natürlich die Werderschen selbst, die die
entsprechende Summe einzuheimsen haben, und in der Tat, auf dem Werder und
seinen Dependenzien ist ein solider Durchschnitts-Wohlstand zu Hause. Aber
man würde doch sehr irre gehen, wenn man hier, in modernem Sinne, großes
Vermögen, aufgespeicherte Schätze suchen wollte. Wer persönlich anfaßt und
fleißig arbeitet, wird selten reich; reich wird der, der mit der Arbeit hundert
Anderer Handel treibt, sie als kluger Rechner sich zunutze macht. An solche
Modernität ist hier nicht zu denken. Dazu kommen die bedeutenden Kosten, Lohnzahlungen und Ausfälle. Eine Tiene Obst, wir gaben es schon an, bringt im
Durchschnitt fünfzehn Silbergroschen; davon kommen sofort in Wegfall:
eineinhalb Silbergroschen für Pflückerlohn und ebenfalls eineinhalb
Silbergroschen für Transport. Aber die eigentlichen Auslagen liegen schon weit
vorher. Die Führung großer Landwirtschaften ist aus den mannigfachsten
Gründen, aus Mangel an Wiesen und vielleicht nicht minder aus Mangel an Zeit
und Kräften, auf dem Werder so gut wie unmöglich; so fehlt es denn an Dung
und diese Unerläßlichkeit muß aus der Nachbarschaft, meist aus Potsdam,
mühsam herbeigeschafft werden. Eine Fuhre Dung kostet sieben Taler. Dies
allein bedingt die stärksten Abzüge. Was aber vor allem einen eigentlichen
Reichtum nicht aufkommen läßt, das sind die Ausfall-Jahre, wo die
Anstrengungen, um noch größerem Unheile vorzubeugen, verdoppelt werden
müssen, und wo dennoch mit einem Defizit abgeschlossen wird. Die
Überschüsse früherer Jahre müssen dann aushelfen. Derartige Ausfalljahre sind
solche, wo entweder starke Fröste die großen Obstplantagen zerstören oder wo
im Frühjahr die Schwaben und Blatthöhler das junge Laub töten, die Ernte
reduzieren und oft die Bäume dazu. So gibt es denn unter den Werderschen eine
Anzahl wohlhabender Leute, aber wenig reiche. Es ist auch hier dafür gesorgt,
daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.