Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 80 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Die Werderschen

 

Blaue Havel, gelber Sand,

Schwarzer Hut und braune Hand,

Herzen frisch und Luft gesund

Und Kirschen wie ein Mädchenmund.

 

W as uns nun aber heute nach Werder führt, das ist weder die Kirche noch deren fragwürdiger Bilderschatz, das ist einfach eine Pietät gegen die besten

Freundinnen unserer Jugend, gegen die „Werderschen“. Jeden Morgen, auf

unserem Schulwege, hatten wir ihren Stand zwischen Herkules- und

Friedrichsbrücke zu passieren, und wir können uns nicht entsinnen, je anders als

mit „Augen rechts“ an ihrer langen Front vorübergegangen zu sein. Mitunter traf

es sich auch wohl, daß wir das verspätete „zweite Treffen“ der Werderschen,

vom Unterbaume her, heranschwimmen sahen: große Schuten dicht mit Tieren

besetzt, während auf den Ruderbänken zwanzig Werderanerinnen saßen und ihre

Ruder und die Köpfe mit den Kiepenhüten gleich energisch bewegten. Das war

ein idealer Genuß, ein Schauspiel, aber ach, „ein Schauspiel nur“, und siehe da,

dem ersten Treffen, das in allem Schimmer Pomonens sich bereits faßbar vor

uns präsentierte, verblieb doch immer der Sieg über unsere Sinne und unser

Herz. Welche Pfirsiche in Weinblatt! Die Luft schwamm in einem erfrischenden

Duft, und der Kuppelbau der umgestülpten und übereinander getürmten

Holztienen interessierte uns mehr als der Kommodenbau von Monbijou und,

traurig zu sagen, auch als der Säulenwald des Schinkelschen Neuen Museums.

Das sind nun fünfundvierzig Jahre, das „Neue Museum“ von damals ist

schon wieder zu einem alten geworden, die Bilder jener Tage aber sind nicht

verblaßt, und als unsere Havelwanderungen vor lang oder kurz begannen und

unser Auge, von den Kuppen und Berglehnen am Schwielow aus, immer wieder

der Spitzturm-Kirche von Werder gewahr wurde, da gemahnte es uns wie alte

Schuld und alte Liebe, und die Jugendsehnsucht nach den Werderschen stieg

wieder auf: hin nach der Havel-Insel und ihrem grünen Kranz „wo tief im Laub

die Knupperkirschen glühn“.

Und wie alle echte Sehnsucht schließlich in Erfüllung geht, so auch hier,

und ehe noch der Juli um war, brauste der Zug wieder über die große

Havelbrücke, erst rasch, dann seinen Eilflug hemmend, bis er zu Füßen eines Kirschberges hielt: „Station Werder!“

Noch eine drittel Meile bis zur Stadt; eine volle drittel Meile, die einem um

drei Uhr nachmittags, bei siebenundzwanzig Grad im Schatten und absoluter

Windstille schon die Frage vorlegen kann: ob nicht doch vielleicht ein auf hohen

Rädern ruhendes, sargartiges Ungetüm, das hier unter dem Namen „Omnibus“

den Verkehr zwischen Station und Stadt unterhält, vor Spaziergangsversuchen zu

bevorzugen sei. Aber es handelt sich für uns nicht um die Frage „bequem oder

unbequem“, sondern um Umschau, um den Beginn unserer Studien, da die

großen Kirschplantagen, die den Reichtum Werders bilden, vorzugsweise zu

beiden Seiten eben dieser Wegstrecke gelegen sind, und so lassen wir denn dem

Omnibus einen Vorsprung, gönnen dem Staube zehn Minuten Zeit sich wieder

zu setzen und folgen nun zu Fuß auf der großen Straße.

Gärten und Obstbaum-Plantagen zu beiden Seiten; links bis zur Havel

hinunter, rechts bis zu den Kuppen der Berge hinauf. Keine Spur von Unkraut;

alles rein geharkt; der weiße Sand des Bodens liegt oben auf. Große Beete mit

Erdbeeren und ganze Kirschbaum-Wälder breiten sich aus. Wo noch vor wenig

Jahren der Wind über Thymian und Hauhechel strich, da hat der Spaten die

schwache Rasennarbe umgewühlt, und in wohlgerichteten Reihen neigen die

Bäume ihre fruchtbeladenen Zweige.

Je näher zur Stadt, um so schattiger werden rechts und links die Gärten;

denn hier sind die Anlagen älter, somit auch die Bäume. Viele der letzteren sind

mit edleren Sorten gepfropft, und Leinwandbänder legen sich um den

amputierten Ast, wie die Bandage um das verletzte Glied. Hier mehren sich auch

die Villen und Wohnhäuser, die großenteils zwischen Fluß und Straße, also zur

Linken der letzteren, sich hinziehen. Eingesponnen in Rosenbüsche, umstellt von

Malven und Georginen, entziehen sich viele dem Auge; andere wieder wählen

die lichteste Stelle und grüßen durch die weitgestellten Bäume mit ihren

Balkonen und Fahnenstangen, mit Veranden und Jalousien.

Eine reiche, immer wachsende Kultur! Wann sie ihren Anfang nahm, ist bei

der Mangelhaftigkeit der Aufzeichnungen nicht mehr festzustellen. Es scheint

aber fast, daß Werder als ein Fischerort ins siebzehnte Jahrhundert ein- und als

ein Obst- und Gartenort aus ihm heraustrat. Das würde dann darauf hindeuten,

daß sich die Umwandlung unter dem Großen Kurfürsten vollzogen habe, und

dafür sprechen auch die mannigfachsten Anzeichen. Die Zeit nach dem

dreißigjährigen Kriege war wieder eine Zeit großartiger Einwanderungen in die

entvölkerte Mark und mit den gartenkundigen Franzosen, mit den Bouchés und

Matthieus, die bis auf diesen Tag in ganzen Quartieren der Hauptstadt blühen,

kamen ziemlich gleichzeitig die agrikulturkundigen Holländer ins Land. Unter dem, was sie pflegten, war auch der Obstbau. Sie waren von den Tagen Luise

Henriettens, von der Gründung Oranienburgs und dem Auftreten der Cleveschen

Familie Hertefeld an, die eigentlichen landwirtschaftlichen Lehrmeister für die

Mark, speziell für das Havelland, und wir möchten vermuten, daß der eine oder

andere von ihnen, angelockt durch den echt-holländischen Charakter dieser

Havel-Insel, seinen Aufenthalt hier genommen und die große Umwandlung

vorbereitet habe. Vielleicht wäre aus den Namen der noch lebenden Werderschen

Geschlechter festzustellen, ob ein solcher holländischer Fremdling jemals unter

ihnen auftauchte. Bemerkenswert ist es mir immer erschienen, daß die

Werderaner in „Schuten“ fahren, ein niederländisches Wort, das in den

wendischen Fischerdörfern, so viel ich weiß, nie angetroffen wird.

Gleichviel indes was die Umwandlung brachte, sie kam. Die Flußausbeute

verlor mehr und mehr ihre Bedeutung; die Gärtnerzunft begann die Fischerzunft

aus dem Felde zu schlagen, und das sich namentlich unter König Friedrich

Wilhelm I., auch nach der Seite der „guten Küche“ hin, schnell entwickelnde

Potsdam begann seinen Einfluß auf die Umwandlung Werders zu üben. Der

König, selber ein Feinschmecker, mochte unter den ersten sein, die anfingen eine

Werdersche Kirsche von den üblichen Landesprodukten gleichen Namens zu

unterscheiden. Außer den Kirschen aber war es zumeist das Strauchobst, das die

Aufmerksamkeit des Kenners auf Werder hinlenkte. Statt der bekannten Bauern-

Himbeere, wie man ihr noch jetzt begegnet, die Schattenseite hart, die

Sonnenseite madig, gedieh hier eine Spezies, die in Farbe, Größe und strotzender

Fülle prunkend, aus Gegenden hierher getragen schien, wo Sonne und Wasser

eine südliche Brutkraft üben.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte sich die Umwandlung völlig

vollzogen: Werder war eine Garten-Insel geworden. Seinem Charakter nach war

es dasselbe wie heut, aber freilich nicht seiner Bedeutung nach. Sein Ruhm, sein

Glück begann erst mit jenem Tage, wo der erste Werderaner (ihm würden

Bildsäulen zu errichten sein) mit seinem Kahne an Potsdam vorüber- und Berlin

entgegenschwamm. Damit brach die Großzeit an. In Wirklichkeit ließ sie noch

ein halbes Jahrhundert auf sich warten, in der Idee aber war sie geboren. Mit

dem rapide wachsenden Berlin wuchs auch Werder und verdreifachte in fünfzig

Jahren seine Einwohnerzahl, genau wie die Hauptstadt. Der Dampf kam hinzu,

um den Triumph zu vervollständigen. Bis 1850 hielt sich die Schute, dann wurde

sie als altehrwürdiges Institut bei Seite gelegt und ein „auf Gegenseitigkeit“

gebauter Dampfer, der bald gezwungen war, einen großen Havelkahn ins

Schlepptau zu nehmen, leitete die neue Ära der Werderaner ein. Von 1853 bis

1860 fuhr die „Marie Luise“; seitdem fährt der „König Wilhelm“ zwischen Werder und Berlin.

Noch einiges Statistisches. Auch Zahlen haben eine gewisse Romantik. Wie

viele Menschen erdrückt oder todtgeschossen wurden, hat zu allen Zeit einen

geheimnisvollen Zauber ausgeübt; an Interesse steht dem vielleicht am nächsten,

wieviel gegessen worden ist. So sei es denn auch uns vergönnt, erst mit kurzen

Notizen zu debütieren, und dann eine halbe Seite lang in Zahlen zu schwelgen.

Mit dem ersten Juni beginnt die Saison. Sie beginnt, von Raritäten

abgesehen, mit Erdbeeren. Dann folgen die süßen Kirschen aller Grade und

Farben; Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren schließen sich an. Ende Juli

ist die Saison auf ihrer Höhe. Der Verkehr läßt nach, aber nur, um Mitte August

einen neuen Aufschwung zu nehmen. Die sauren Kirschen eröffnen den Zug;

Aprikosen und Pfirsich folgen; zur Pflaumenzeit wird noch einmal die

schwindelnde Höhe der letzten Juli-Wochen erreicht. Mit der Traube schließt die

Saison. Man kann von einer Sommer- und Herbst-Kampagne sprechen. Der

Höhepunkt jener fällt in die Mitte Juli, der Höhepunkt dieser in die Mitte

September. Die Knupperkirsche einerseits, die blaue Pflaume andererseits, — sie

sind es, die über die Saison entscheiden.

Der Versand ist enorm. Er beginnt mit 1000 Tienen, steigt in rapider

Schnelligkeit auf 3000, auf 5000, hält sich, sinkt, steigt wieder und tritt mit 1000

Tienen, ganz wie er begonnen, schließlich vom Schauplatz ab. Als

Durchschnitts-Minimum wird man 3000, als Maximum 4000 Tienen täglich, die

Tiene zu drei Metzen, annehmen dürfen. Der Preis einer Tiene ist 15 Sgr. Dies

würde bei Zugrundelegung des Minimalsatzes in 4 Monaten oder 120 Tagen

einen Gesamtabsatz von 120 mal 3000, also von 360 000 Tienen[42] ergeben.

Dies ist aber zu niedrig gerechnet, da 360 000 Tienen, die Tiene zu 15 Sgr., nur

eine Gesamt-Einnahme von 180 000 Talern entsprechen würden, während diese

auf 280 000 Taler angegeben wird. Gleichviel indes; dem Berliner wird unter

allen Umständen der Ruhm verbleiben, als Minimalsatz alljährlich 1 Million

Metzen Werdersches Obst zu konsumieren. Solche Zahlen sind schmeichelhaft

und richten auf.

Sie richten auf — in erster Reihe natürlich die Werderschen selbst, die die

entsprechende Summe einzuheimsen haben, und in der Tat, auf dem Werder und

seinen Dependenzien ist ein solider Durchschnitts-Wohlstand zu Hause. Aber

man würde doch sehr irre gehen, wenn man hier, in modernem Sinne, großes

Vermögen, aufgespeicherte Schätze suchen wollte. Wer persönlich anfaßt und

fleißig arbeitet, wird selten reich; reich wird der, der mit der Arbeit hundert

Anderer Handel treibt, sie als kluger Rechner sich zunutze macht. An solche

Modernität ist hier nicht zu denken. Dazu kommen die bedeutenden Kosten, Lohnzahlungen und Ausfälle. Eine Tiene Obst, wir gaben es schon an, bringt im

Durchschnitt fünfzehn Silbergroschen; davon kommen sofort in Wegfall:

eineinhalb Silbergroschen für Pflückerlohn und ebenfalls eineinhalb

Silbergroschen für Transport. Aber die eigentlichen Auslagen liegen schon weit

vorher. Die Führung großer Landwirtschaften ist aus den mannigfachsten

Gründen, aus Mangel an Wiesen und vielleicht nicht minder aus Mangel an Zeit

und Kräften, auf dem Werder so gut wie unmöglich; so fehlt es denn an Dung

und diese Unerläßlichkeit muß aus der Nachbarschaft, meist aus Potsdam,

mühsam herbeigeschafft werden. Eine Fuhre Dung kostet sieben Taler. Dies

allein bedingt die stärksten Abzüge. Was aber vor allem einen eigentlichen

Reichtum nicht aufkommen läßt, das sind die Ausfall-Jahre, wo die

Anstrengungen, um noch größerem Unheile vorzubeugen, verdoppelt werden

müssen, und wo dennoch mit einem Defizit abgeschlossen wird. Die

Überschüsse früherer Jahre müssen dann aushelfen. Derartige Ausfalljahre sind

solche, wo entweder starke Fröste die großen Obstplantagen zerstören oder wo

im Frühjahr die Schwaben und Blatthöhler das junge Laub töten, die Ernte

reduzieren und oft die Bäume dazu. So gibt es denn unter den Werderschen eine

Anzahl wohlhabender Leute, aber wenig reiche. Es ist auch hier dafür gesorgt,

daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.