Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Sakrow unter Baron Fouqué von 1779 bis 1787
Man muß dem Grafen Hordt die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er
das elende Sakrow umgeschaffen hat. Das schöne Wohnhaus, der ganze Plan des
Gehöftes, des Gartens und des Dörfleins, alles kommt von ihm her. Wenn ich
Sakrow jetzt mit dem von 1750 vergleiche, so kann ich sagen, Sakrow war
damals ein Ratzenloch. Hordt kaufte es, wie man sagt, für fünfzehntausend
Taler, baute stark, erholte sich in der Heide und verkaufte es an Fouqué für
dreiundzwanzigtausend Taler, doch inkl. vielen Meublements. Der Gräfin
Zimmer blieb in statu quo. Der Graf, wenn er in Sakrow war, lebte sehr
eingezogen. In meinen Jahren habe ich keine fremde Seele bei ihm getroffen. Er
mochte es nicht überflüssig haben. Gegen mich hat er sich geizig betragen.
Nichts von Generosität habe ich von ihm aufzuweisen. Der Schreiber Lüdicke
war sein Herz und Werkzeug, tätig und wirtschaftlich, übrigens falsch wie eine
Schlange und dumm wie ein Schöps.
Sakrow unter Baron Fouqué von 1779 bis 1787
Der Graf Hordt hatte keine Kirchenrechnung gehalten, weil er wenig da
war. Bei der neuen Herrschaft drang ich oft darauf, aber die Baronesse Fouqué
antwortete darauf: „hat doch der Graf Hordt auch keine gehalten.“ — Ich habe in
nachstehendem, avec pardon, immer nur von der Baronesse zu sprechen. Dès-
lors règne la Baronne. Der Gemahl bedeutet wenig. Monsieur le Comte de
Schmettau est l’Aide de l’économie et — du reste.
1779, in demselben Jahre, in dem die neue Herrschaft nach Sakrow
gekommen war, starb in dem benachbarten Kartzow Herr Prediger Woltersdorf.
Er war ein Schwätzer, beliebt beim großen Haufen, weil er immer „weiland“ und
„selig“ bei der Hand hatte. Dem Branntwein ergeben bis ans Ende mit vielen
Ärgernissen. Seine Witwe wurde Haushälterin beim Baron von Monteton. Sein
Nachfolger war Herr Schulte, ein Jüngling voll Eigendünkel, der sich bald
beflissen zeigte, unserem Orden große Schande zu machen.
1780 den 30. November erging an mich Befehl, verschiedene Fragen
hinsichtlich der Kirchenländereien mit möglichster Genauigkeit zu beantworten.
Dies konnte ich nicht; Kirchenrechnung war nie gewesen. Die Herrschaft war
damals in Brandenburg; der Baron hatte sein eigen Haus daselbst, wo sie den
Winter zubrachten. Dazu kam, das Kirchenrechnungsbuch war noch beim
Grafen Hordt. Wem muß das nicht auffallen! „Wie leger“ würde die Herrschaft
ausrufen, wenn unsereiner so etwas täte.
Zum Gesangbuch-Streit. Im selben Jahre 1780, am 1. Dezember, publizierte
ich das neue Gesangbuch und kündigte an, daß ich über vierzehn Tage ausführlicher von der Sache reden wollte.
Währenddem entstanden schon allerhand Unruhen in dem orthodoxen
Nachbardorf, gestiftet und unterhalten von dem Küster, wie das allerorten der
Fall war. Madame Oberamtmann redete von nichts, als daß man wolle „neuen
Schmu“ machen.
Inzwischen (am 15.) hielt ich meine Rede über Kolosser 3,16.
Bei der Applikation sagte ich unter anderm: als König David von den vielen
Kriegen, die er führen mußte, zur Ruhe kam, richtete er seine ganze Sorge auf
die innere Verbesserung des Landes, namentlich auf das Kirchenwesen und
öffentlichen Gottesdienst. Er entwarf den Plan, wonach der Nationaltempel sollte
gebaut werden, und ordnete die Kirchenmusik nebst jeder äußeren
gottesdienstlichen Verrichtung an.
Etwas Ähnliches geschieht jetzo und schon seit zehn Jahren in den
protestantischen Ländern. Jeder gute Fürst führt bessere Kirchenlieder ein, weil
die bisherigen nicht zweckmäßig waren. Nunmehr ist auch in diesem Lande ein
neues Gesangbuch angefertigt worden. Ein Drittel unsrer Lieder konnte wegen
unbekannter Melodien nicht gesungen werden, das zweite Drittel hatte gar nichts
zur Erbauung und das dritte Drittel konnte in einzelnen Stellen noch besser sein.
Ich kann von der ganzen Veränderung um so freimütiger reden, als es nicht
meine Sache ist, die ich führe. Auch soll die königliche Verordnung nicht etwa
verteidigt werden; das wäre ein lächerlicher Einfall. Ich will nur überzeugen, daß
die Sache gut und nützlich sei. Ich will eure Gemüter gegen die schiefen Urteile
anderer verwahren und euch zu einem Betragen bewegen, das euch Ehre macht.
Der Wert eines Liedes dependiert von dessen innerer Güte. Wenn der
Ausdruck deutlich, der Begriff richtig, der Ton rührend, der Gedanke erhaben,
gleich faßlich dem Verstande und dem Herzen, passend zur Erweckung und
Stärkung der Gottseligkeit ist — dann ist das Lied gut. Unseren meisten Liedern
fehlet die Deutlichkeit die Richtigkeit, die Verständlichkeit, die Anständigkeit,
das Lehrreiche.
Darauf beantwortete ich den Einwurf, daß „Gottes Wort verfälscht worden
sei“.
So gedachte ich es gut zu machen und machte es übel. Denn es hieß bei den
Bauern: ich hätt’ ihren alten Glauben verachtet.
Die Herrschaft kaufte gleich zwanzig Stück und gleich mit Neujahr 1781
sang ich neu; der erste auf dem flachen Lande in der ganzen Provinz. Selbst Herr
Teller, der erste in Berlin, sang nur vierzehn Tage eher.
1781, am 10. Januar, fand man zu Berlin folgendes, als Beitrag zum
Gesangbuchstreit bemerkenswertes Pasquil an dem Galgen angeschlagen:
„So hat uns der Teufel abermals drei Apostel auf den Hals geschickt, die
unser Gesangbuch gotteslästerlich verdorben haben. Spalding, Teller, Dieterich.
Kaum sind es fünfzehn Jahre (es war im März 1766), als Spaldings Name zum
ersten Male am Galgen stand, und nun kommt er wieder mit zwei Bestien, Teller
und Dieterich, und machen ein neu Gesangbuch. Jesu Christi wahre Gott- und
Menschheit verleugnen sie. Jesu Leib und Blut im Abendmahl verleugnen sie.
Verwerfen die Lehre vom Satan, wollen es sei keine Hölle, keine Ewigkeit, da
doch die Bibel dieses alles deutlich beweiset. Verwerfen die alten Lieder, auch
die, welche Lutherus gemacht. Verdrehen, zerstümmeln, zerhacken die alten
schönen Lieder, daß sie aussehen, als hätten sie die Henkersknechte auf ihre
Fleischklötze gelegt. Dies alles tun die drei Höllenbrände: Spalding, Teller,
Dieterich. Diese drei sind des Teufels Apostel, nebst dem Prediger Stork (oder
Stark). Dieser dumme Mensch gehört nicht auf die Kanzel, sondern als ein
Schulknabe in die Schule. Er kann die Einsetzungsworte noch nicht lesen, viel
weniger beten; stottert, so oft er eine Predigt tut, aus dem verfluchten neuen
Gesangbuche her. Kann der verfluchte Hund nicht einen Vers aus dem alten
Porst herbeten? So gottlos handeln unsre verfluchten Geistlichen, davon die drei
Bestien: Spalding, Teller, Dieterich die drei Heerführer sind. Ach Gott im
Himmel sieh darein, und laß Dich das erbarmen.“
(Es folgen nun kurze Notizen über Acker, Ackerzins und allerhand
Wirtschaftliches aus den Jahren 1782 und 1784. Davon stehe hier nur folgendes:
im Jahre 1782 verkauften meine Kinder ihre gewonnene Seide. Sie erhielten
vierzig Taler zwölf Groschen. In anderen Jahren in der Regel nur dreißig Taler,
auch weniger.)
1785. Eins meiner Hauptleiden ist mein Küster. Vorgestern brachte mir sein
Söhnlein folgenden Zettel:
„Montag. Wird Gerste geharkt und eingefahren.
Dienstag. Schule gehalten.
Mittwoch. Habe Besuch.
Donnerstag. Zu Markt.
Freitag. Schule gehalten.
Sonnabend. Nach Döberitz.
Weil hiervon nichts abzuändern ist, so werden Sie diese Woche gütigst
als Hundstage ansehen.“
Mein Küster ist ein unausstehlicher Mensch. So viel möglich, vermeide ich
mündliche Unterredung. Er ist zu voll, hört nicht wieder auf. Daher schreib ich das notwendigste. Der vorstehende Zettel bezieht sich auf eine Unterredung
wegen der Sommerschule. Man sagt: Die Seminaristen der Realschule wären
immer solche Kerls von hohem Nagel. Der „Herr“ wird ihnen da in Fleisch und
Blut verwandelt. Als ich herkam, trug er Manschetten. Ich nicht. Nach Jahr und
Tag legte er sie ab. Er wäre der vortrefflichste Rabulist geworden. Chef de parti
ist er gern und bei jeder Gelegenheit Rat und Memorialschreiber der Bauern. Die
Frau von Wülknitz sagte mal zu mir: „ich möchte gerne meine Turmuhr
abändern lassen. Rekommandieren Sie mir doch jemand.“ — Mein Küster
versteht sich darauf. — „Ach, um Gottes Willen verschonen Sie mich mit dem
Menschen! Ich habe ihn schon hier gehabt. Aber der Kopf hat mir acht Tage von
seinem Geschwätz weh getan.“ Übrigens warne ich meinen einstigen
Nachfolger, wenn er je diese Zeilen liest: alle Leineweber stecken mit dem
Küster unter einer Decke.
1786 am 27. Mai. So habe ich ihn denn erlebt den Anfang meines
sechzigstes Jahres, nicht frisch und munter, aber doch nicht eigentlich krank oder
untätig. Mein Gott, an Dich sei mein erster Gedanke und mein bester Dank!
Aber nun auch noch eine Bitte: laß mich, Deinen Diener in Frieden fahren,
sobald meine Kräfte nicht mehr hinreichen, meinen ganzen Beruf selbst zu
bestreiten. Ich will treu arbeiten, so lange ich kann, aber wenn das aufhört, dann
gönne mir meine Bitte, und erlöse mich von dem Übel dieses Daseins auf
einmal!
28. Mai. Herr Trappiel, Prediger in Marquardt, ist erblindet. Noch schaudert
meine ganze Seele! Der Mann, in der ärmsten Lage, der wie ein Tagelöhner
arbeitete, dem jede Witterung gleichviel war — er ist blind. Ich höre es,
erschrecke und schwimme mit meinem Wagen durch die Wasser den Sipunts
nach Marquardt ... O Gott, sende ihm Hilfe! Rühre den Patron des Orts; er kann,
gib ihm wollen.
29. Mai starb der Geheime Rat Stelter; im Zimmer des Königs, beim
Vortrage, rührte ihn der Schlag. Er war Homme de fortune — aus einem
Kammerdiener Geheimer Rat! Doch hat er großes Lob der Geschicklichkeit und
Applikation in seinem Posten. Madame und der Kommerzienrat Damm kannten
sich genau.
1787 um Neujahr trat die Fouquésche Familie mit dem Grafen Hordt in
Unterhandlung wegen Rückkaufs von Sakrow. Es kam zustande. Auf Johannis
war die Übergabe.
Der Baron von Fouqué war reformiert; Graf Schmettau auch. Die
Baronesse lutherisch. Die ersten Jahre ging sie jährlich zweimal zur
Kommunion, immer mit der Gemeinde, und immer nur als die erste von den Frauenspersonen. In den letzten Jahren war sie sehr freundschaftlich mit mir und