Parasit

Alex Pohl · Kapitel 1 von 68

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Parasit

Epigraph

Gestern Nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley.

– Daphne du Maurier, Rebecca

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KAPITEL 1

 

EMMA

 

E s tut mir leid, habe ich gesagt. Mehrfach. Und das stimmt. Es tut mir wirklich leid, so hätte das alles nicht laufen sollen, auf keinen Fall. Nichts davon. Und es war meine Schuld, mal wieder.

Ganz allein meine Schuld.

Die Sonne geht gerade unter, als ich aus dem Wald hervortrete. Ich komme mir vor wie eine Sagengestalt, Rübezahl vielleicht oder die böse Hexe aus dem Märchen. Ja, das trifft es besser. Die bucklige Alte mit dem zahnlosen Grinsen und der ekligen Warze auf der Nasenspitze, das würde jetzt zu mir passen: Wart ihr Kinder denn auch alle fein artig? Und gnade euch Gott, falls nicht.

Nachdem ich es hinter mich gebracht hatte, bin ich noch eine ganze Weile durch den Wald gelaufen, um irgendwie runterzukommen. Na ja, ziellos umhergestolpert trifft es wohl besser, aber ich musste einfach versuchen, meinen Kopf irgendwie klar zu bekommen, weil Sophie sonst ganz bestimmt etwas merken wird.

Ich muss mich zusammenreißen, sage ich mir immer wieder. Völlig normal wirken, ich darf auf keinen Fall die Kontrolle verlieren. Sogar ein paar der Atemübungen aus dem Yoga-Kurs, den wir früher gemeinsam besucht haben, habe ich probiert. Aber natürlich haben auch die nicht funktioniert. Durch das Herumgerenne im Wald ist mein Gedankenkarussell ja erst so richtig in Schwung gekommen. Wie dumm diese ganze Sache war. Dass mir von vornherein hätte klar sein müssen, wie das nur enden konnte, und jede Menge anderer Was-wäre-wenns, und noch mehr Was-wäre-wenn-nichts. Was wäre, zum Beispiel, wenn wir nie nach Élysée gezogen wären? Das zu denken, kommt mir beinahe vor wie Blasphemie; immerhin ist ein Haus in Élysée ja erwiesenermaßen das schönste Zuhause, das man überhaupt für Geld kaufen kann. Pervers viel Geld, um genau zu sein, aber das haben wir ja.

Oder – was wäre, wenn ich Sophie nie kennengelernt hätte?

Uh-oh, ganz dünnes Eis. Nein, diesen Gedanken verbanne ich lieber ganz schnell wieder aus meinem Kopf. Es wäre einfach unfair, so verdammt unfair. Sie liebt mich und ich liebe sie, basta. Daran müssen wir festhalten, das ist eine Tatsache. Eine unerschütterliche Wahrheit. Eine von denen, die sich nicht verbiegen oder interpretieren lassen, für jetzt und immerdar.

Bis dass der Tod uns scheidet.

Es ist schnell dunkel geworden dort drinnen, im tiefen, finsteren Märchenwald. Zwischen den Bäumen, wo der weiche Boden aus verrottenden Nadeln und Blättern meine Schritte verschluckt, als wäre ich gar nicht körperlich anwesend. Ich streiche mir die Haare glatt, fahre mir mit beiden Händen übers Gesicht und bemerke dabei, dass meine Wangen feucht und heiß sind. Na prima, eine Heulsuse bin ich also auch noch.

Als ich mein Auto erreiche, den kleinen, weißen Jeep Wrangler, den Sophie mir vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt hat, und der jetzt am Rande des Waldwegs parkt, bin ich fast der Meinung, nun wieder einigermaßen mit der Welt klarzukommen. Dass meine Hände zittern, als ich den Autoschlüssel aus der Tasche hole, ignoriere ich geflissentlich. Bis ich zu Hause bin, wird sich das schon irgendwie gegeben haben. Hoffe ich zumindest.

Ich steige ein.

Dann sehe ich den Zettel.

Also steige ich wieder aus und schnappe mir das Ding, das unter dem linken Scheibenwischer klemmt. Falte es auseinander. Es ist die Hälfte eines DIN A4-Blatts, offensichtlich hastig aus einem Schreibblock herausgerissen und mit großen und vermutlich absichtlich ungelenk ausgeführten Druckbuchstaben beschrieben, die tief in das Papier eingedrückt sind. Auf dem Zettel steht:

VERPISS DICH, LESBE!

So sehr ich auch darauf starre, die Botschaft bleibt immer dieselbe und sie ist ja nun auch nicht besonders lang. Trotzdem kommt sie irgendwie gar nicht richtig bei mir an. Gar nichts kommt an bei mir, da ist nur diese Kälte, während das Papier vor meinen Augen zu verschwimmen beginnt. Die dunklen Buchstaben beginnen zu tanzen, Blockbuchstaben aus schwarzer oder dunkelblauer Kulitinte, unmöglich zu sagen in dem Schummerlicht, aber unmissverständlich an mich gerichtet.

Nein, denke ich dann. Nicht an mich. Sondern an uns. An Sophie und mich.

VERPISST EUCH, IHR LESBEN!

Ich bemerke, dass meine Finger nicht mehr zittern, als ich den Zettel wieder zusammenfalte und ihn in meine Hosentasche stecke. Dann denke ich, dass das dumm war, weil ich ja jetzt ganz sicher irgendwelche Fingerabdrücke verwischt habe, die vielleicht auf dem Zettel waren. Dann, wie dumm das erst ist, weil so ein Zettel ja nun bestimmt nichts ist, mit dem sich jemals irgendwer je befassen wird, der sich für Fingerabdrücke interessiert. Wie die Polizei zum Beispiel, und auch diesen Gedanken verbanne ich besser ganz schnell wieder aus meinem Kopf.

Nein, keine Polizei.

Auf keinen Fall.

Was mich augenblicklich zu meiner nächsten Frage führt. Soll ich den Zettel Sophie zeigen? Damit sie mir endlich glaubt, dass man uns in Élysée vielleicht doch nicht mit ganz so offenen Armen empfangen hat, wie sie das immer behauptet? Dass es da ein paar äußerst seltsame Zeitgenossen gibt mit ein paar äußerst antiquierten Ansichten, was die Liebe betrifft – und wer weiß, was noch?

Damit sie mir vielleicht glaubt, dass man sich mit einem Haufen Geld eben vielleicht doch nicht alles kaufen kann?

Aber das geht nicht.

Sophie würde herauskriegen wollen, von wem der Zettel stammt. Sie würde mich fragen, wo und wann ich das Ding gefunden habe. Sie würde der Sache auf den Grund gehen wollen, mit detektivischem Eifer, immerhin ist sie ja Schriftstellerin. Professionelle Puzzle-Löserin, sozusagen. Sie würde alles ganz, ganz genau wissen wollen. Zum Teufel, sie würde den Zettel vielleicht tatsächlich auf Fingerabdrücke untersuchen lassen, das brächte sie zustande.

Vor allem aber würde sie mich fragen, was ich um diese Zeit hier, am Waldrand, zu suchen hatte. Und wenn sie mich das fragt, ganz direkt, und mir dabei in die Augen schaut – nein, ich könnte sie nicht belügen. Nicht so, niemals. Immerhin ist sie meine Frau. Die Frau, die ich liebe. Dann käme auch alles andere raus. Dann würde die Welt untergehen.

Also nein. Ich werde ihr den Zettel nicht zeigen. Stattdessen werde ich das Ding verbrennen und im Klo runterspülen. Ja, das ist ein guter Plan. Weg damit, aus den Augen, aus dem Sinn. Vermutlich war es sowieso nur ein dummer Streich und ... Moment.

Könnte der Zettel von ihm stammen?

Wäre das wirklich denkbar?

Unschlüssig kaue ich auf meiner Unterlippe herum, während ich das in Erwägung ziehe. Es wäre lächerlich, klar. Kindisch geradezu. Aber nicht unmöglich.

Nein, ganz und gar nicht unmöglich.

Das ist der Moment, in dem die Panik einsetzt. Ich muss weg hier, sofort. Weg von diesem verräterischen Ort, an dem einem irgendwelche Zettel unter die Windschutzscheibe gesteckt werden, die die Welt untergehen lassen könnten. Einfach so, mit einem Fingerschnippen.

Entschlossen starte ich den Wagen und trete aufs Gas. Höre, wie Erde und kleine Steine gegen die wuchtigen Radkästen meines kleinen Geländefahrzeugs prasseln, als der Motor aufheult und ich den Wagen beinahe gleich wieder abwürge. Dann endlich setzt er sich in Bewegung. Ich komme nur ein paar Meter weit, als ich aus dem Augenwinkel sehe, wie etwas aus dem Dunkel des Waldrandes heraus auf mich zuschießt.

Dann kracht es gegen meine Windschutzscheibe.

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