Parasit
Kapitel 7
ÉLYSÉE, FRÜHER
W ir lebten zwar erst seit zwei Wochen in Élysée, aber Sophie fühlte sich bereits, als wären wir schon seit Jahren hier zu Hause, das war ihr deutlich anzumerken. Sie fühlte sich richtig wohl hier. So, als hätten wir von Anfang an genau hierhergehört, in dieses Viertel. Zu diesen Leuten. Sophie hatte alle möglichen Hebel in Bewegung setzen müssen, damit wir überhaupt auf der Warteliste für den Erwerb des Grundstücks landeten, aber glücklicherweise ist sie ziemlich gut darin, alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen.
Ich hatte so meine Mühe dabei, mich neu zu orientieren. Wie jedes Mal, das war schon immer so bei mir, es fällt mir deutlich schwerer als Sophie, die Vergangenheit loszulassen. Mahnmal klammere ich mich regelrecht daran.
Aber allmählich sprang das Gefühl wohl auch auf mich über. Ankommen, zu Hause sein, unter Freunden.
Akzeptiert sein.
Zum einen war unser Haus echt ein Traum. Ich nannte es insgeheim die Shiloh-Ranch, nach einer alten Westernserie, die ich als Kind gern gesehen hatte. Sophie hatte mir zigmal erklärt, welchen wichtigen Baustil das Gebäude nachahmte und wieso, aber so etwas kann ich mir einfach nicht merken. Vermutlich hatte das Gebäude mit einer echten Western-Ranch so gut wie gar nichts gemeinsam, aber mir kam es trotzdem so vor. Wenn ich nicht so genau hinsah, konnte ich mir fast einbilden, dass jenseits unserer übermannshohen Hecken die endlose Weite der Prärie wartete. Cowboys und Indianer, Pferde und Abenteuer, Schlachtrufe und Marterpfahle, aber natürlich teilte ich meine kindischen Fantastereien nicht Sophie mit. Sie hätte mich vermutlich ausgelacht.
Nun wohnten wir also in einer zweigeschossigen Villa mit einem Anbau, der groß genug gewesen wäre, um als eigenständiges Häuschen durchzugehen, und der teils als Garage, teils als Schuppen für die Gartengeräte und den Mähtraktor genutzt wurde. Das Haus war auf allen Seiten von einer gigantischen Rasenfläche umgeben, es gab ein gutes Dutzend schlanker Bäume, die sich sanft im Wind bogen, Pappeln glaube ich. Das gesamte Gelände war von akkurat gestutzten Hecken umgeben, die einen vollkommenen Sichtschutz boten und uns den eisernen Zaun vergessen lassen sollten, der sich dahinter verbarg.
Natürlich gab es auch einen Pool. Das Ding war riesig. Beheizt und überdacht, sodass man sommers wie winters seine Bahnen darin ziehen oder es sich mit einem Cocktail in der Hand auf einem Liegestuhl gemütlich machen konnte. Bisher war ich erst einmal darin gewesen, und Sophie überhaupt noch nicht, aber das stand alles schon fest auf unserem Programm – immerhin waren wir ja erst vor zwei Wochen hergezogen, und noch nicht mal die Hälfte unser Zimmer war komplett eingerichtet. Wir würden es langsam angehen, hatten wir uns gesagt. Immerhin sollte alles perfekt sein, und Perfektion braucht eben etwas Zeit. Sogar mit Sophie.
Die Küche war ein Traum mit einer riesigen Kücheninsel in der Mitte, samt Spülbecken, Herd und einer Warmhalteplatte, sogar einen kleinen Steinofen gab es. Ideal, um stundenlang mit Freunden zusammenzusitzen, Rotwein zu trinken und französische Käsesorten auszuprobieren, und dazu frisch gebackenes Steinofenbrot aus eigener Produktion, wenn man Lust dazu hatte. Wenn nicht, gab es ein bestens ausgestattetes Feinkostgeschäft und eine kleine Bäckerei innerhalb der umzäunten Wohnanlage, nebst einer kleiner und unverschämt teurer Boutiquen – so etwas wie einen SuperJuliant sucht man in Élysée natürlich vergebens.
Man hätte eigentlich komplett darauf verzichten können, Élysée jemals zu verlassen. Alles Wichtige gab es hier drin, und alles weniger Wichtige konnte man sich selbstverständlich liefern lassen, was Sophie auch häufig und gern in Anspruch nahm. Wir brauchten uns nicht mal mehr ins Fitnessstudio zu bemühen, im Keller gab es einen bestens ausgestatteten Fitnessraum, nebst Sauna, versteht sich.
Sophie igelte sich sofort in unserem neuen Zuhause ein. Sie verließ unser Grundstück während der ersten Wochen kein einziges Mal, sondern wuselte ständig im Haus und im Garten herum, nahm einen endlosen Strom von Lieferungen und handwerklichen Dienstleistungen entgegen und entfaltete dabei ihr beträchtliches Talent für Inneneinrichtungen und den stilvollen Umgang mit Lichtelementen und Farben. Alle Räume im Haus waren schon vor unserer Ankunft genau nach ihren Vorgaben gestrichen worden. Alles harmonierte perfekt – ein Talent, für das ich Sophie wirklich bewundere. Ich kenne ja noch nicht mal einen Unterschied zwischen Agave und Jade, für mich ist das alles einfach Grün.
Martha war die erste unserer Nachbarn, die uns in Élysée begrüßte. Sie wohnte zwei Häuser weiter auf derselben Straße wie wir und war der Archetyp der freundlichen, alten Dame, wenn ihre grellrot geschminkten Lippen mir zunächst auch etwas furchteinflößend erschienen. Und, so sagte sie mit Stolz, sie war die älteste Bewohnerin von Élysée, wobei sie offenließ, ob sie sich damit auf das Datum ihres Einzugs oder ihr Lebensalter bezog. Beides hätte stimmen können, Letzteres aber ganz bestimmt.
Martha brachte uns einen selbstgebackenen Kuchen vorbei (zu viel Salz und viel zu wenig Zucker, aber es war lieb gemeint) und eine Flasche Barolo (der hingegen war perfekt), und erklärte uns die organisatorischen Dinge in Élysée. An wen wir uns wenden sollten, falls es mal Probleme im Haus gab, unter welcher Nummer der Wachmann vom Tor zu erreichen war, und außerdem schärfte sie uns mehrmals ein, dass wir Élysée niemals ohne unsere Chipkarten verlassen sollen, besonders, wenn wir vorhatten, erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückzukehren.
Martha sah man ausschließlich in Begleitung ihres Pudels Buster. Ein drolliges Tier, mit großen, schwarzen Knopfaugen, der ständig wie ein kleiner, wolliger Gummiball durch die Gegend hüpfte, ganz aufgeregt, so als sähe er alles und jeden zum ersten Mal. Das Gras, den Bordstein, unsere Hecke, ja sogar Sophies Steinguttöpfe – alles wurde von Buster ausgiebig inspiziert und probehalber angebellt.
Putziger kleiner Kerl.
Ein paar Abende später hatte ich die Idee gehabt, eine Runde um das gesamte Gelände von Élysée zu joggen. Normalerweise laufe ich fast jeden Tag, es entspannt mich. Hilft mir dabei, abzuschalten und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Normalerweise bevorzuge ich dafür ein Waldstück oder wenigstens einen Park, aber an diesem Abend war es ziemlich spät geworden, und so hatte ich keine Lust, mit dem Auto in den nahen Hamstetter Forst zu fahren, wie ich das später regelmäßig tat.
Allerdings hatte ich den Umfang des Geländes drastisch unterschätzt, und dabei war die Laufstrecke noch nicht mal sonderlich toll gewesen, zu viele asphaltierte Wege für meinen Geschmack. Der Sonnenuntergang erwischte mich mitten auf der Strecke und ich stellte fest, dass ich nicht mal eine Taschenlampe oder wenigstens mein Handy mitgenommen hatte. Als ich endlich wieder am vorderen Tor ankam, war die Sonne längst untergegangen und es war stockdunkel. Zum Glück erkannte mich der Wachmann am Tor und ließ mich ein, obwohl ich neben meinem Handy auch noch meine Chipkarte für den Außenbereich vergessen hatte. Toll, Emma.
Als ich gerade in die Straße einbog, die zu unserem Grundstück führte, sah ich in einiger Entfernung eine Gestalt unter einer Straßenlaterne stehen, die mir den Rücken zuwandte, und sich just in diesem Moment zur Seite drehte, als wolle sie in meine Richtung schauen, die Drehbewegung dann aber nicht vollendete.
Ich kann bis heute nicht sagen, wieso ich mich reflexartig an die nächststehende Hecke drückte, als ich sie da so stehen sah. Doch dann bemerkte ich, das die Gestalt unter der Laterne, die mich bis dahin offenbar nicht bemerkt hatte, nicht allein war. Sie hatte einen Hund dabei, unverkennbar einen Pudel. Spätestens jetzt hätte ich aus den Schatten treten, Martha einen schönen Abend wünschen und dann endlich nach Hause gehen sollen, doch dann passierte etwas Merkwürdiges.
Martha ließ die Verriegelung der Hundeleine einschnappen, und Buster blieb wie angewurzelt stehen. War das ein kleiner Trick, den sie ihm beigebracht hatte? Dann lief der Hund in widerstrebenden, kleinen Tippelschritten auf sein Frauchen zu, während diese die Leine einholte wie ein Matrose ein Ankertau, mit beiden Händen, und dabei schwer atmete. Ich konnte es sogar in meinem Versteck hören.
Schließlich stand der kleine Buster direkt vor ihr und sah zitternd zu ihr hinauf. Er schien zu wissen, was nun kam. Und schien doch unfähig, sich aus dem Bann seines Frauchens zu lösen.
Martha beugte sich hinab und packte die Leine kurz über dem Halsband, mit beiden Händen, dann richtete sie sich langsam wieder auf, wobei sie den Hund mit sich in die Höhe zog. Buster streckte Hals und Beine, soweit es ging, bis er auf den Hinterfüßen tippelte, als vollführe er einen grotesken, kleinen Tanz. Die Fellkugel seines Schwänzchens zitterte aufgeregt, während ihn die alte Frau noch weiter in die Höhe zog, langsam und unerbittlich – und mit erstaunlicher Körperkraft.
Spätestens da hätte ich vermutlich möglichst geräuschvoll aus den Schatten treten und mich bemerkbar machen sollen, ein gekünsteltes Hüsteln ausstoßen oder so. Aber in meiner Situation war mir das vollkommen unmöglich. Ich konnte nichts anderes tun, als weiter auf diese bizarre Szene zu starren. Wie bei einem Autounfall.
Dann verlor Buster den Kontakt zum Boden.
Der Hund stieß ein klägliches Wimmern aus, als Martha seinen Körper am Halsband immer weiter in die Höhe hob, seine Hinterbeine zuckten jetzt in der Luft, inzwischen gut einen halben Meter über dem Boden. Es war ein bizarrer und zugleich zutiefst verstörender Anblick. Wie das Gemälde irgendeines verrückten Künstlers mit dem Titel: Alte Frau mit Hund – aber nicht, wie Sie sich das vielleicht vorstellen.
Und Buster unternahm nichts, um sich zu wehren. Er versuchte nicht, zu bellen, stieß nicht mal ein Winseln aus. Martha hob ihn immer höher, bis Busters Kopf vor ihrem Gesicht schwebte. Dem Pudel hing die Zunge nun aus dem Maul. Und noch immer unternahm er rein gar nichts dagegen.
Da sie direkt unter der Straßenlaterne standen, konnte ich gut sehen, wie er der Hund seine schwarzen Knopfaugen himmelwärts verdrehte, bis nur noch das Weiße darin zu sehen war, während Martha ihn jetzt wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht hielt und ganz, ganz genau hinsah. Wie ein Wissenschaftler, der eine interessante chemische Reaktion in einem Glaskolben betrachtet. Das Abstoßendste war jedoch, wie Martha sich dabei mit der Zungenspitze ganz aufgeregt über ihre Lippen leckte.
Plötzlich ertönte ein leises Plätschern und ich sah, dass Busters Blase sich in einem dünnen Strahl auf den Asphalt entleerte, offenbar hatte der Hund die Kontrolle über seine Körperfunktionen verloren. Ein paar Tropfen davon mussten auch auf Marthas Mantel gelandet sein, aber sie schien das gar nicht zu bemerken.
Als das Plätschern aufgehört hatte, nahm Martha das bewusstlose Tier auf den Arm und ging einfach davon, offenbar war Busters abendliche Gassirunde damit beendet. Auf dem Asphalt unter der Straßenlaterne blieb nur eine kleine Pfütze zurück, die bis zum Morgen verschwunden war.
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