Parasit
Kapitel 34
EMMA
FRANKREICH, DAMALS
W ährend Sophie den Wagen steuert, schweifen meine Gedanken zurück zu unserer gemeinsamen Zeit in Frankreich. Sophie, Mathieu und ich. Darüber will Wiesner mit uns reden, hat er gesagt. Der worst case ist eingetreten, alte Gräber wurden geöffnet, und jetzt strecken sich Knochenfinger aus nebligen Löchern und greifen gierig nach den Lebenden.
Nach uns.
Was Wiesner allerdings noch nicht weiß, ist, dass für uns die Zeit der Höflichkeitsbesuche und des Entgegenkommens damit abgeschlossen ist. Diesmal haben wir Doktor Schlesinger dabei und der hat uns vor allem eines eingeschärft. Dass er reden wird, und wir die Klappe halten sollen.
Was mir ausgesprochen recht ist.
Als er bei uns eintraf, hat ihn Sophie knapp über das in Kenntnis gesetzt, was damals in Frankreich auf dem Aussichtsturm mit Mathieu passiert ist, das heißt, sie erzählte ihm die offizielle Variante der Geschehnisse. Suizid eines alkoholkranken Künstlers, der schon länger mit sich und dem Leben im Allgemeinen unzufrieden war, wie tragisch. Die Variante, die ich als seine Freundin, gegenüber der Polizei mehrfach erzählte, und die die paar Freunde aus dem Dorf, die er zum Schluss noch hatte, bestätigten. Ja, er habe mürrisch gewirkt, zurückgezogen, regelrecht eigenbrötlerisch und ja, er sei sehr oft betrunken gewesen in letzter Zeit.
Das alles ist wahr.
Bloß hat sich Mathieu nicht selbst getötet. Das ist nur eine Variante der Wahrheit, eine plausible Möglichkeit. Aber es ist die Variante, an die zu halten wir uns gegenseitig geschworen haben, mit allen Konsequenzen. Es ist diese Variante, die wir uns selbst und anderen so oft erzählt haben, bis keine andere Wahrheit mehr übrig war außer der Lüge.
Die Wahrheit, die nirgendwo mehr zu finden ist außer in den tiefsten Gründen unserer schwarzen Herzen ist die: Ich und Sophie haben Mathieu getötet, damals auf dem Aussichtsturm. Als Sophie erklärte, sie werde uns verlassen und zurück nach Deutschland gehen, wurde Mathieu hämisch und dann reicht es mir. Ich sagte ihm, ich würde mich Sophie anschließen. Ich hatte genug von seiner Trinkerei, den wüsten Beschimpfungen und Wutausbrüchen aus den kleinsten Anlässen.
Da wurde Mathieu wütend. Ich glaube, er hätte mich getötet, dort oben auf jener Plattform, wenn Sophie nicht dazwischengegangen wäre. Er hätte mich erwürgt, oder mir mit einer Weinflasche den Schädel eingeschlagen, jedenfalls hatte er eine in der Hand, als er auf mich losging.
Doch Sophie kam ihm zuvor, stieß ihn fort, und er taumelte rücklings gegen das Geländer, prallte dagegen und kam ins Schwanken. Wir stürzten ihm nach, im Reflex. Um seinen Sturz zu verhindern, nehme ich an, zumindest war das wohl die Absicht. Aber als wir ihn erreichten, bedurfte es keiner Worte.
Es war wie Gedankenübertragung.
Jede von uns packte eins seiner Beine, knapp oberhalb des Knöchels, und riss es nach oben. Als wir den dumpfen Aufschlag seines Körpers unten auf der Erde hörten, wussten wir, dass es vorbei war. Und, als hätten wir es geprobt, wussten wir auch schon, was als nächstes zu tun war. Wir rafften alle Dinge, die wir mitgebracht hatten, wieder in den Picknickkorb, nur die Reste der zersplitterten Weinflasche ließen wir da. Später würde die Polizei reichlich Alkohol in Mathieus Blut finden.
Es würde alles zusammenpassen.
Ein paar Wochen später wurde die Aussichtsplattform gesperrt, später in Einzelteile zerlegt und abgerissen. Nachdem die Polizei uns zu verstehen gab, dass die Sache damit für sie abgeschlossen war, kehrten wir gemeinsam zurück nach Deutschland und ich beendete mein Pädagogikstudium. In meinem letzten Semester wurden Sophie und ich offiziell ein Paar. Und seitdem bindet uns diese Lüge aneinander, in guten wie in schlechten Zeiten. Bis dass der Tod uns scheidet.
Wir haben das Revier erreicht.
Doktor Schlesinger wartet bereits vor dem Eingang auf uns, sein wuchtiger Mercedes ist direkt davor geparkt. So, als wolle er sagen: »Schleppt den ruhig ab, und seht, was ihr davon habt.« Zum ersten Mal seit Wiesners Anruf vorhin fasse ich zaghaft Zuversicht. Schlesinger ist gut, hat Sophie gesagt, einer der Besten. Er wird diese Sache in Nullkommanichts aus der Welt schaffen, zumindest für uns. Er ist ein Kettenhund, das hat Sophie gesagt – in seinem Beisein wohlgemerkt, und da hat sich auf das Gesicht des gepflegten älteren Herren ein wölfisches Grinsen geschlichen.
Alles wird gut werden.
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