Parasit

Alex Pohl · Kapitel 26 von 68

PDF-Seiten

Parasit

Kapitel 26

 

H auptkommissar Kai Wiesner starrt auf die ausgedruckte Fallakte vor sich auf der Schreibtischplatte. Er hat die einzelnen Seiten zu kleinen Stapeln angeordnet, viel ist es nicht bisher, was sie haben, aber das wird sich in den nächsten Tagen noch ändern. Vielleicht wird sich auch herausstellen, dass doch alles nur ein Unfall war. Dass das Mädchen leichtsinnigerweise da oben auf dem Felsen herumgekraxelt und abgerutscht ist. Allem Anschein nach nachts, in der Dunkelheit, mutterseelenallein, wen würde das da wundern?

Man hat das Handy des Mädchens inzwischen ebenfalls aus der Felsspalte geborgen. Offenbar ging es bei dem Sturz kaputt, um genau 19:40 Uhr - somit ein theoretisch möglicher Zeitpunkt für den Tod des Mädchens, und ein Ansatzpunkt, falls sie sich in der Lage wiederfinden sollten, Alibis von möglichen Verdächtigen überprüfen zu müssen.

Man muss sich das vorstellen, da klettert das Kind mutterseelenallein auf diesen Felsen mitten im Wald herum, nachdem sie zuvor wütend aus dem Haus ihres Vaters fortgerannt ist. Nach einem heftigen Streit, den Nachbarn zufolge. Keine schöne Vorstellung, aber immerhin eine plausible. Wiesner hat sich das selbst angesehen, den Felsen, ist sogar ein Stück raufgeklettert. Bis ganz nach oben, wo der Zeuge – er wirft einen Blick auf den Stapel mit den Aussagen – wo der Zeuge namens Phillip Lasalle sie hat in der Spalte liegen sehen. Auf dem Grat entlangzugehen wie dieser Lasalle, das hat er sich dann doch nicht getraut. Das wäre der Lacher schlechthin, wenn sie ihn als nächsten da rausziehen müssten. Absperren sollte man das Gelände, aber vermutlich würde es das für die Kids nur noch attraktiver machen.

Wiesner kennt das von seinen eigenen Kindern. In dem Alter halten sie sich für unbesiegbar, und für unsterblich sowieso. Keine schöne Vorstellung, wie die Lehrer ihnen nun beibringen müssen, dass Mia Neumann nicht mehr an die Schule kommen wird, nie wieder. Kleine Erinnerung an die unausweichlichen Fakten des Lebens, denkt er bitter. Erinnerungen, auf die wir alle lieber verzichten würden, aber sich damit zu befassen, ist nun mal sein Job.

Sein Job wäre wesentlich leichter, wenn sich beweisen ließe, dass das Mädchen tatsächlich allein unterwegs war, als es starb, so traurig das auch sein mag. Besonders der Teil seines Jobs, an dem er seinem Vorgesetzten das endgültige Ergebnis seiner Untersuchungen mitteilen muss – weil dieser Vorgesetzte zufällig ein dicker Busenfreund von Herrn Staatsanwalt Neumann ist, dem Vater des verstorbenen Mädchens. Was allerdings auch bedeutet, dass Wiesner jeden Stein – oder eben jedes Blatt Papier – zweimal wird umdrehen müssen, bis die Sache lückenlos aufgeklärt ist. Über jeden Zweifel erhaben, wie es so schön heißt. Was macht es da schon, wenn ein paar seiner anderen Fälle dann ein bisschen länger herumliegen müssen?

»Also, ich fasse mal zusammen«, verkündet er dem Zimmer. Schröder, der ihm gegenüber an seinem Schreibtisch sitzt, schweigend wie meistens, starrt ihn aus müden Augen an. »Dieser Kerl, der sie gefunden hat, Phillip Lasalle, hat natürlich erst einmal die gesamte Nachbarschaft zusammengerufen, als er das Mädchen da in dieser Spalte liegen sah. Durchaus verständlich, aber leider hat das auch alle einigermaßen verwertbaren Spuren am Auffindeort unbrauchbar gemacht, sagt die Spurensicherung. Alles völlig zertrampelt dort, soweit also schon mal komplette Fehlanzeige. Gleiches übrigens auf dem Parkplatz, wo Neumann die Leute zusammengetrommelt hat. Da gab’s nur ein einziges Paar Reifenspuren, die tiefer in den Wald führen.«

»Aha«, sagt Schröder, ohne eine Spur von Interesse erkennen zu lassen.

»Diese Spur gehört zu dem Wagen eines Lehrers aus der Gegend, einem gewissen Simon Schwarz. Der wohnt da im Wald, im ehemaligen Forsthaus. Ist wohl sein Arbeitsweg zur Schule, also klar, dass er da Spuren hinterlässt.«

»Kannte er Mia Neumann?«

»Davon ist auszugehen. Er unterrichtet an der Schule, an die sie ging.«

»Na sowas«, sagt Schröder. »Wollen wir den nicht befragen?«

»Klar, das sollten wir machen«, sagt Wiesner. »Bloß geht das im Moment nicht, ich war schon da, bei seinem Haus.«

»Und wieso?«

»Weil der Kerl nicht daheim ist. Offenbar im Urlaub, wie mir der Direktor der Schule sagte. Es sind ja Ferien seit heute.«

»Stimmt«, sagt Schröder, ohne mit der Wimper zu zucken. »Lehrer müsste man sein. Was haben wir noch?«

»Inzwischen ist der Bericht aus der Rechtsmedizin eingetroffen«, sagt Wiesner und fischt ein weiteres Stück Papier vom Schreibtisch. »Das Mädchen starb offenbar an einem schweren Schädeltrauma, sieh einer an. Nicht sehr überraschend.«

»Hm. Stammt das von dem Sturz in die Spalte?«

»Könnte sein, sagen sie, muss aber nicht.«

»Sehr aufschlussreich«, bemerkt Schröder lakonisch. Und er hat recht. Dass das Mädchen eine schwere Kopfverletzung hatte, an der sie höchstwahrscheinlich starb, das hätte auch noch ein Blinder mit Krückstock erkennen können. Die Fotos, die dem Bericht anhängen, sprechen eine so deutliche wie unappetitliche Sprache.

»Toxikologie?«, fragt Schröder.

»Schon interessanter«, antwortet Wiesner. »Spuren von Alkohol, etwa eine Flasche Bier, sagen sie. Und in ihren Haaren haben sie THC nachgewiesen. Können aber nicht genau sagen, wann sie das Marihuana konsumiert hat. Vermutlich innerhalb des letzten Monats.«

»Vermutlich.«

»Ja, großartig, diese Präszision, nicht? Dann hat das Mädel halt mal ab und zu mal einen Joint geraucht und ein Bier getrunken. Ihr Vater wird nicht gerade begeistert gewesen sein, falls er davon wusste. Ist jetzt aber auch nicht direkt ein Schwerverbrechen.«

»Aber schon ungewöhnlich«, brummt Schröder.

»Wie meinst du das?«

»Na ja, diese Kids. Allesamt Einserschüler. Elitegymnasium, und die Eltern haben Geld ohne Ende. Und dann treffen die sich zum Kiffen im Wald wie ...«

»Wie ganz normale Kids?«, schlägt Wiesner grinsend vor.

»Auch wieder wahr.«

»Und es passt zu dem, was diese Lehrerin gesagt hat, Emma Stratmann, geborene Wagner.«

»Die von dem Video?«

Wiesner nickt. »Genau die. Dein Namensgedächtnis ist mal wieder phänomenal, Kollege.«

Schröder zuckt mit den Schultern, das Gesicht weiterhin bar jeder erkennbaren Emotion. Wiesner drängt sich der Gedanke auf, dass auch sein Kollege vielleicht hin und wieder mal an einem Joint ziehen könnte, denkbar wäre es immerhin. Nun, das ist vermutlich nicht Wiesners Problem, solange er das nicht auf der Toilette hier im Revier macht. Immerhin ist Schröder nicht derjenige von ihnen, der sich vor ein paar Jahren beinahe ins Koma gesoffen hätte, nachdem ihn seine Frau verließ. Schröder war schlau genug, gar nicht erst zu heiraten.

»Was ist denn nun mit der Aussage dieser Lehrerin?«, will Schröder wissen.

»Na ja, die Spusi hat in der Nähe der Felsspalte tatsächlich jede Menge Bierflaschen und Rückständen von Joints gefunden, und ich nehme mal nicht an, dass die alle von Mia Neumann stammen. Außerdem drei Kondome, offenbar benutzt, aber schon älter.«

Schröder stößt ein angeekeltes Grunzen aus.

»Ja«, fährt Wiesner fort. »Und hier wird es interessant, denn außerdem fanden sie noch ein zerbrochenes Pfeifchen, die Rückstände darin werden gerade im Labor untersucht. Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um Crystal Meth.«

»Ernsthaft?«, fragt Schröder skeptisch. »Diese reichen Kids sollen sich mitten im Wald dieses Zeug reingeballert haben? Ich meine, ein gepflegter Joint am Lagerfeuer ist eine Sache, aber das ...«

Wiesner nickt. »Wenn das stimmt, und die dort regelmäßig harte Drogen konsumieren, haben wir ein Politikum ganz anderer Art am Hals. Das könnte mächtig Ärger geben, die Eltern dieser Kinder werden davon überhaupt nicht begeistert sein. Und ich bin nicht scharf drauf, das dem Herrn Oberstaatsanwalt Neumann beibringen zu müssen, oder einem von den anderen Stinkreichen da hinter ihrem goldenen Gartenzaun.«

»Verstehe«, sagt Schröder, denkt kurz nach, dann: »Man hat ja bisher nichts von dem Zeug in Mia Neumanns Körper nachgewiesen, stimmt’s? Das Meth, meine ich. Und wir wissen noch nicht mal, was genau in dem Pfeifchen war.«

»Korrekt«, sagt Wiesner.

»Warum behalten wir diese Information dann nicht erstmal für uns, hm? Ich meine, laufende Ermittlungen und das alles. Damit müssen wir nun wirklich nicht hausieren gehen im Moment. Zumindest, solange es nicht direkt etwas mit Mias Tod zu tun hat.«

Wiesner lässt sich das einen Augenblick durch den Kopf gehen. Malt sich die erzürnten Eltern aus, wie sie von ihm Rechenschaft fordern für die ungeheuerliche Behauptung, ihre minderjährigen Kids würden sich hin und wieder in den Wald verdrücken, um sich das Hirn mit gefährlichen Straßendrogen wegzuballern. Zumal sich das bis jetzt noch gar nicht einhundertprozentig sagen lässt. Es könnte wer weiß wer dort rumhängen und wer weiß was dort tun, und wer weiß was in dem Pfeifchen gewesen sein.

»Aber mir ist trotzdem verdammt unwohl bei der Sache«, erklärt Wiesner, und Schröder nimmt es schweigend zur Kenntnis, während er sich in seinem Bürostuhl zurücklehnt, der das mit einem ärgerlichen Knarzen quittiert. »Diese Typen sind mir allesamt nicht geheuer. Den ganzen Tag hinter Schloss und Riegel sitzen, sowas ist doch nicht normal.«

»Stimmt«, erwidert Schröder, und stößt ein glucksendes Lachen aus. »Das könnte man anderswo viel günstiger haben. Sogar auf Staatskosten.«

»Sehr lustig«, sagt Wiesner. »Aber mal ernsthaft, da muss man doch ein bisschen verrückt werden, wenn man so den ganzen Tag aufeinander hockt, und dazu überall die Wachleute und Kameras.«

»Schon möglich«, sagt Schröder nachdenklich. »Und jetzt?«

»Jetzt rütteln wir mal ein wenig an diesen goldenen Gitterstäben, fühlen ein paar Leuten auf den Zahn«, sagt Wiesner. »Selbst, wenn sich das dann doch alles in Wohlgefallen auflöst und die Kleine wirklich von allein da runtergestürzt ist. Ich will mir jedenfalls nicht anhören müssen, wir hätten bei dieser Sache nur untätig auf unseren Hintern rumgesessen.«

»Na, wie du meinst«, sagt Schröder, und lässt seinen Stuhl nach vorn schnippen, dann erhebt er sich geräuschvoll.

»Bloß sollten wir dabei dringend darauf achten, nicht den Falschen auf die Füße zu treten«, sinniert Wiesner. »Das hat mir der Chef vorhin ziemlich deutlich zu verstehen gegeben. Immerhin ist Neumann Oberstaatsanwalt, sagte er, und als solcher hat er einen verdammt langen Arm. Das Ganze sei eine sensible Angelegenheit, meint der Chef.«

»Schon«, wendet Schröder ein. »Aber er ist auch ein Vater, der gerade seine Tochter verloren hat. Ich nehme an, er möchte, dass wir dieser Sache auf den Grund gehen und sie aufklären. So schnell und so gründlich wie möglich.«

Wiesner nickt düster. Genau das bereitet ihm nämlich solche Magenschmerzen. Schnell und gründlich haben sich seiner Erfahrung nach noch nie besonders gut miteinander vertragen. Aber bei irgendeinem Puzzlestück muss man nun mal anfangen.

Etwas beginnt auf Wiesners Schreibtisch zu summen, sein Handy, und als er auf das Display sieht, erkennt er die Nummer des Rechtmediziners.

»Doktor Schierling«, seufzt Wiesner ins Telefon. »Was gibt’s?«

»Neuigkeiten«, sagt Schierling am anderen Ende. »Die Sie natürlich heute noch per Mail erhalten, aber ich dachte, Sie würden sich über ein kleines Status-Update freuen, bevor es auf dem offiziellen Dienstweg bei Ihnen landet. Es geht um Mia Neumann.«

»Ich schulde Ihnen was, Doktor. Was gibt es also?«

»Die Frage ist vielmehr, was es nicht gibt an ihrer Leiche.«

»Doktor Schierling, ich bin nur sehr begrenzt in Laune für Ratespielchen im Moment.«

»Ist ja schon gut. Also. Wenn Sie in eine Schlucht fallen würden, was würden Sie dann tun, Herr Wiesner?«

»Keine Ahnung. Laut fluchen?«

»Vermutlich. Aber ich meine körperlich. Ich sag’s Ihnen, Sie würden die Arme vorstrecken, um den zu erwartenden Aufprall mit den Händen abzufangen. Ist ein natürlicher Reflex, kaum zu verhindern.«

»Verstehe. Ja, vermutlich würde ich das tun. Und?«

»Nun, bei Mia Neumanns Leiche fehlen entsprechende Spuren an den Handinnenflächen und am Handballen, wo diese mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwarten gewesen wären, wenn sie …«

»Wenn sie noch am Leben gewesen wäre, als sie in die Schlucht stürzte«, vollendet Wiesner den Satz. Plötzlich spürt er Kopfschmerzen am Rande seiner Wahrnehmung heraufdämmern. Üble Kopfschmerzen.

»Richtig«, sagt Schierling. »Hinzu kommen ungewöhnlich kleine subkutane Blutergüsse an den Stellen, wo ihr Körper an der Felswand entlangschrammte. Man kann sowas natürlich nie mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, aber Sie sollten wohl zumindest in Erwägung ziehen, dass Mia Neumann bereits tot war, als sie in die Schlucht stürzte. Den Rest finden Sie ja dann in meinem Bericht. Weidmann’s Heil, Herr Wiesner.«

Dann macht es klick, Schierling hat aufgelegt, und damit hat sich Wiesners Hoffnung auf einen raschen und unkomplizierten Ausgang der Sache erledigt. Die Kopfschmerzen kriechen in seine Schläfen, als hätten sie vor, sich dort länger einzunisten.

OceanofPDF.com