Parasit
Kapitel 32
S ophie hatte sich von dem jungen Mann namens Mathieu nach Toury mitnehmen lassen, und es war eine sehr angenehme Fahrt gewesen. Mathieu hatte beide Fenster seines rostigen Peugeots heruntergekurbelt, der Wind hatte mit ihren Haaren gespielt, und sie hatten sich über den Lärm des Motors, der Landstraße und des Windzugs auf Französisch unterhalten. Mathieu hatte nicht einmal versucht, seine Hand auf ihr Knie zu legen, womit sie halbwegs gerechnet hatte.
Mathieu schien ein ganz und gar anständiger Kerl zu sein, der zudem seine Freundin, jene Emma, ebenfalls aus Deutschland stammend, von ganzem Herzen zu lieben schien, und nur sie allein. Glücklich konnte sie sich schätzen, diese Emma, dachte die junge Frau namens Sophie, und war nun regelrecht gespannt darauf, auch sie kennen zu lernen.
Die Menschen auf dem Land waren so wohltuend anders als ihre Freunde in Paris.
Und sie lernte Emma kennen, gleich, nachdem Mathieu zur Werkstatt gefahren und wortreich das Abschleppen ihres Kleinbusses organisiert hatte wie versprochen. Danach fuhren sie zu dem kleinen Häuschen am Rand der kleinen Stadt, in dem Mathieu und jene Emma eine kleine Wohnung gemietet hatten. Das Häuschen gehörte einer alten Frau, die halb taub, aber sehr freundlich war. Mathieu und Emma hatten sich hier eingemietet, und die Alte freute sich über das junge Leben in ihrem alten Häuschen – und die kleine Nebeneinkunft auf ihre alten Tage.
Als sie gemeinsam mit Mathieu in den Garten hinter dem Häuschen trat, saß da ein Mädchen – eine junge Frau – mit angezogenen Beinen in einem Korbstuhl und las in einem Buch. Sie trug ein geblümtes Sommerkleid und einen Strohhut mit breiter Krempe, und sie war bezaubernd, ganz und gar bezaubernd.
Und so lernte Sophie Emma, Mathieus Freundin, kennen.
Emma wollte Lehrerin werden, und hatte ihr Studium für ein Jahr unterbrochen, nachdem sie Mathieu kennenlernte, der zu dieser Zeit in Deutschland gewesen war. Irgendein Zimmermannsjob, den er aushilfsweise angenommen hatte. Die beiden hatten sich in einem Studentenclub kennengelernt, in den es Mathieu während einer nächtlichen Sauftour verschlagen hatte. Als Mathieus Job in Deutschland sich dem Ende zuneigte, hatte er begonnen, Emma von seiner Heimat vorzuschwärmen, und da war sie – einem spontanen Impuls folgend, einfach mitgekommen. Sophie kam nicht umhin, diese Unbeschwertheit zu bewundern. Emma sah eine Chance, wenn sie sich ihr bot, und dann nutzte sie sie, das beeindruckte Sophie. Und Emma war schön.
So schön, dass es beinahe weh tat, sie anzusehen.
Bisher hatte Sophie Erzählungen von Liebe auf den ersten Blick immer als albernes Geschwätz abgetan, eine Erfindung mittelmäßiger Romanautoren und der Filmindustrie. So tat sie auch ihre Gefühle zunächst ab. Sagte ›Sympathie‹ dazu, und führte es darauf zurück, dass sie sich mit Emma auf Deutsch unterhalten konnte, was sie seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr getan hatte. Doch immer wieder ertappte sie sich dabei, dass sie Emma anlächelte, es ging gar nicht anders, und dass sie ihr manchmal heimlich hinterherblickte, und sich fragte, wie es wohl wäre, dieser Frau nahe zu sein. Nicht nur als Freundin, sondern so, wie Mathieu ihr nahe war, wenn sie die beiden manchmal nachts durch die Wand des Gästezimmer dabei belauschte, wie sie sich liebten.
Doch jedes Mal verbot sie sich den Gedanken sofort wieder.
Immerhin war Emma fest mit Mathieu zusammen, und für Sophie war es absolut ausgeschlossen, irgendwem die Freundin auszuspannen, schon gar nicht in einem Haus, in dem sie lediglich zu Gast war. Einmal ganz abgesehen davon, dass die schöne Emma ja gar nichts für sie empfinden konnte, da sie offenbar die Gesellschaft eines Mannes vorzog. Eines Mannes zudem, der sie anzubeten schien.
Der sie zu lieben schien, und sie ihn, und damit hatte sich die Sache ja wohl erledigt.
Zumindest gab Sophie sich alle Mühe, sich das einzureden.
Immer und immer wieder.
Die drei fanden Gefallen aneinander, und so blieb Sophie – zunächst nur ein paar Tage, dann eine Woche, dann zwei, und dann wurde aus einer flüchtigen Bekanntschaft, die mit einer Reifenpanne begonnen hatte, eine Freundschaft und Sophie beschloss, die Einladung ihrer neuen Freunde anzunehmen, noch zu bleiben, nachdem ihr Wagen längst wieder repariert war. Hier in diesem Häuschen in einem winzigen Dorf würde sie ihr Buch endlich fertigschreiben können. In diesem Garten, bei Käse und Wein, und unter diesen freundlichen, stillen Menschen. In diesem Garten, in dem auch die schöne Emma viel Zeit verbrachte. Aus den Tagen wurden Wochen, und aus der Freundschaft wurde ganz allmählich etwas Anderes. Etwas, dessen wahre Natur sich jeder Beschreibung zu entziehen schien, wie ein Stern, der unsichtbar ist, wenn man ihn direkt anblickt.
Und aus dem Sommer wurde ein rotgoldener, warmer Herbst.
Sophie mietete zwei Zimmer neben der Wohnung des Paares, das sich freute, sie als neue Nachbarin zu haben, und die alte Frau, die im Erdgeschoss wohnte, freute sich über das zusätzliche Geld. Man unternahm viel zusammen, zu dritt, und seltsamerweise kam es Sophie dabei nie so vor, als sei sie das fünfte Rad am Wagen. Vielleicht lag das daran, dass sie manchmal zu dritt auf der Couch lagen, und sich nach einem oder zwei Gläsern Wein aneinanderschmiegten, und alles dabei so selbstverständlich und so unbeschwert erschien, als sei es schon immer so gewesen.
Wenn sie ausgingen, stellten sich die jungen Frauen manchmal zum Spaß als Mathieus kleiner Harem vor, und sprachen ihn mit Meister an, was zur allgemeinen Erheiterung beitrug – und zu jeder Menge neidischer Blicke beiderlei Geschlechts. Aber natürlich war das alles nur ein Scherz, und daheim lachten sie darüber und gingen dann getrennt in ihre jeweiligen Wohnungen.
Die Wände in dem Haus waren nicht besonders dick, und häufig lag Sophie dann angenehm benebelt in ihrem Bett, und lauschte dem leidenschaftlichen Liebesspiel ihrer Nachbarn, lauschte dem spitzen Keuchen, das andeutete, dass ihre Freundin Emma nebenan einem weiteren Höhepunkt entgegenflog, emporgetragen von ihrem überaus geschickten Liebhaber Mathieu. Manchmal presste Sophie dann ein Ohr an die Wand, schloss die Augen und bildete sich ein, an Mathieus Stelle zu sein. Bildete sich ein, dass Emma dabei vielleicht auch an sie dachte, denn manchmal, wenn Emma sich auf der Couch an Mathieu schmiegte, fand ihre Hand den empfindlichen Nacken von Sophie und streichelte ihn sanft.
Doch all das waren nichts als neckische Spielereien, das war Sophie klar.
Nichts als Spielereien.
In Mathieu glaubte Sophie zudem einen Seelenverwandten gefunden zu haben, denn Mathieu war ebenfalls ein Künstler. Er schien, genau wie Emma, keiner festen Arbeit nachzugehen, offenbar war sein Job in Deutschland recht lohnend gewesen, sodass er sich jetzt für eine Weile vollkommen seinen künstlerischen Ambitionen widmen konnte. Er malte und zeichnete, und manchmal standen Emma und Sophie ihm dabei Modell. Momente, in denen Emmas Haut der von Sophie so nah waren, so schmerzhaft nah, und Mathieu sie dann mit grober Hand in neue Posen rückte, vielleicht, weil ihm Sophies Verlangen nicht entgangen war, und er sie ein bisschen ärgern wollte. Grausamer, ungestümer Mathieu.
Und schöne, unerreichbare Emma.
Mathieu schrieb ebenfalls, in einen ledergebundenen Band, den er ständig mit sich herumtrug, und manchmal ließ er ›seine beiden Frauen‹ an seinen Weisheiten teilhaben. Sophie bewunderte, mit welcher Leichtigkeit er wundervolle Sätze zu Papier brachte, allerdings war er ja auch Franzose, und diese Sprache, fand Sophie, eignete sich mehr als jede andere für schöne Worte und die Poesie. Mathieu schien sich keine Gedanken zu machen über eine Handlung, eine Form oder das Genre seines zukünftigen Werkes. Er schrieb einfach drauflos. Schrieb auf, was ihm wichtig erschien, und jedes einzelne seiner Worte brachte eine Saite in Sophie zum Schwingen, doch Emma machte sich meist nur lustig über das schwülstige Geschwafel, wie sie es nannte. Woraufhin Mathieu sich Mühe gab, erst recht viel schwülstiges Geschwafel zu fabrizieren und sie mit übertrieben strafenden Blicken musterte.
Doch all seine Leichtigkeit hatte auch eine dunkle Seite, und diese kam zum Vorschein, als der Sommer gegangen war. Es war eine Seite, die tief in Mathieu wohnte, und die dann zum Vorschein kam, wenn er zu viel getrunken hatte. Und nachdem der Sommer und der Herbst und der Winter gegangen waren und dem Frühling Platz gemacht hatte, begann Mathieu, sehr viel zu trinken.
Das war die Zeit, als die gelegentlichen Streitereien des Paares in der Nachbarwohnung lauter wurden, länger andauerten, und in Sophies Augen einen zunehmend besorgniserregenden Beigeschmack bekamen. Dies war nicht länger der gelegentliche Zank unter Menschen, die sich im Grunde ihres Herzens lieben, sondern es artete in regelrechte Kämpfe aus, wenn diese auch zunächst verbaler Natur waren. Es fielen sehr unschöne Worte, und sie fielen so laut, dass Sophie jedes einzelne davon mitbekam. Mathieu hatte seit Wochen kein einziges Bild mehr gemalt, seine Farben nicht einmal angefasst, und Emma widmete er kaum noch Aufmerksamkeit, außer, wenn er betrunken oder wütend war, und meistens war er beides gleichzeitig. Manchmal las er ihnen noch seine Notizen vor, doch nun kamen sie Sophie schal und leer vor, voll selbstverliebter Trauer, oder richtiggehend boshaft in seiner Ablehnung der Welt. Ein Möchtegern-Poet, ein spöttischer Misanthrop, verwöhnt vom Leben, und deshalb ständig damit unzufrieden.
Und eines Nachts, als Emma und Mathieu wieder einmal stritten, fiel auch Sophies Name. Da wusste sie, dass die Zeit gekommen war, zu gehen.
Etwas hatte sich verändert.
Am nächsten Morgen begann Sophie zu packen, doch schon, als sie ihre Schränke öffnete, wurde ihr klar, dass sie das nicht konnte. Sie konnte dieses Haus nicht verlassen, war daran gebunden wie durch einen Fluch. Ihr wurde klar, dass sie Emma liebte, wie sie nie zuvor in ihrem Leben einen Menschen geliebt hatte, nicht einmal sich selbst, und dass sie sie unmöglich mit einem gewalttätigen Trinker wie Mathieu alleine lassen konnte. Also blieb sie, noch einen Tag, und eine Nacht, in der sie sich vornahm, am nächsten Morgen wirklich aufzubrechen. Und schaffte es am nächsten Morgen wieder nicht. So vergingen die Tage in Unentschlossenheit und eine üble Stimmung machte sich in dem kleinen Häuschen breit.
Eines Tages schlug Sophie ihren Freunden vor, dass sie gemeinsam zur nahen Aussichtsplattform wandern sollten, und ein Picknick machen, wie sie das in den früheren Tagen ihrer Freundschaft öfter gemacht hatten. Dort würde sie ihnen eröffnen, dass sie nach Paris zurückkehren würde, und sie redete sich ein, dass dann auch für Emma alles besser werden würde.
Wie früher, bevor sie in ihr Leben getreten war.
Schweigend pilgerten sie zum Aussichtsturm. Oben auf der Plattform breiteten sie die Decken aus, die sie mitgebracht hatten, und die Frauen breiteten den Käse und das Brot auf dem Holzbrett aus, doch Mathieu interessierte sich vor allem für den Wein, den sie mitgebracht hatten. Mit gefurchter Stirn stopfte er sich Käse in den Mund und spülte jeden Bissen mit großen Schlucken Wein herunter. Als die Sonne begann, am fernen Horizont unterzugehen, waren bereits zwei der mitgebrachten drei Flaschen leer, und Mathieu hatte sich außerdem des öfteren aus dem Flachmann bedient, den er seit einiger Zeit ständig mit sich herumtrug. Je betrunkener er wurde, desto schlechter wurde die Stimmung auf der Plattform.
»Ich werde euch verlassen«, sagte Sophie schließlich und senkte den Kopf, in der Hoffnung, nicht weinen zu müssen, doch sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.
»Sophie«, rief Emma leise und umarmte ihre Freundin.
»Na endlich«, sagte Mathieu leise, rülpste, und genehmigte sich einen weiteren tiefen Schluck aus seinem Flachmann.
»Wie kannst du so etwas sagen?«, verlangte Emma zu wissen. »Sophie ist unsere Freundin.«
»Deine wohl eher«, sagte Mathieu, rülpste erneut und stand auf. Nichts war mehr geblieben von dem charmanten, jungen Mann, der einst, in einem längst vergangenen Sommer, so schien es, einer jungen Frau mit einer Reifenpanne geholfen hatte. Jetzt war da nur noch ein ärgerlicher, widerlicher Trunkenbold. Mathieu lehnte sich mit dem Rücken gegen das Geländer der Aussichtsplattform, die Arme aufgestützt, in seiner rechten Hand den Flachmann, der Wind wehte ihm die fettigen Locken in die Stirn, die nun irgendwie gar nicht mehr attraktiv wirkten, sondern nur noch ungepflegt. Er musterte die beiden Frauen abwechselnd, aus blutunterlaufenen kleinen Augen, ein bösartiges Grinsen auf den Lippen. Er sah aus wie ein garstiges Schwein.
Emma erhob sich nun ebenfalls und starrte diesen Mann an, den sie zu lieben glaubte. Der sich nach Belieben an ihrem zarten Körper verging, der sie anbrüllte und manchmal vielleicht sogar schlug, wer konnte das schon wissen, dachte Sophie, und der keine Liebe in sich trug für dieses zarte, wunderschöne Geschöpf an seiner Seite, nur Trotz und Ärger und Verbitterung und diese widerliche männliche Eifersucht auf alles und jeden, das seinen alleinigen Besitzanspruch in Frage zu stellen schien.
»Warum schenkst du ihr nicht einen kleinen Abschiedsfick, hm?«, schlug Mathieu vor. »Gleich hier, auf dieser Decke. Das wolltest du doch sowieso die ganze Zeit, stimmt’s?«
»Mathieu!«, rief Emma, nun rot im Gesicht vor Scham und ... Ist es wahr, dachte Sophie und atemlose Hoffnung regte sich in ihrem Herzen, in diesem unpassendsten aller Momente. Kann es wirklich wahr sein?
»Na los, mach schon, du Lesbe«, sagte der garstige Kerl, und stieß ein bitteres Lachen aus. »So, wie du’s mir im Bett erzählt hast. Ein kleiner Abschiedsfick, na los, ich bin auch nicht böse, wenn ich dabei zugucken darf.«
»Halt den Mund!«, schrie Emma, auf Deutsch, was Mathieu noch mehr zu amüsieren schien.
»Wusste ich es doch«, sagte er mit verschliffener Stimme. »Ich hätte bei französischen Mädchen bleiben sollen. Das sind wenigstens richtige Weiber, die einen Schwanz zu schätzen wissen, und nicht solche verkorksten ...«
Die Ohrfeige traf ihn völlig unvorbereitet. Er starrte Emma aus aufgerissenen Augen an, schien einfach nicht glauben zu können, was da gerade geschehen war. Was sie sich getraut hatte. Emma anscheinend genauso wenig, die einen kleinen Schritt zurücktaumelte, auf das entgegengesetzte Geländer der Plattform zu, den Mund vor ungläubigem Entsetzen aufgerissen.
»Was fällt dir ein, du Schlampe?«, flüsterte Mathieu, aber es war ein gefährliches Flüstern. Das Flüstern eines Mannes, der den Großteil seiner Selbstkontrolle längst an den Alkohol verloren hat, und der nun gerade dabei ist, auch noch den Rest einzubüßen.
Mit erhobener Faust stürzte er vor, auf Emma zu.
Sophie riss sie im letzten Moment zur Seite. Beide Frauen stürzten zu Boden, teils auf die Decke, teils auf die ausgebreiteten Lebensmittel. Die dritte Flasche Wein ging dabei zu Bruch, ihr Inhalt verteilte sich auf dem Blechboden der Plattform, überall waren scharfkantige Glassplitter.
Als sich Sophie wieder aufrappelte, bereits gefasst auf Mathieus nächsten Schlag, war Mathieu nicht mehr da. So, als hätte es ihn nie gegeben, dachte Sophie, während sie die zitternde und schluchzende Emma an sich presste, die allmählich auch begriff, was passiert sein musste.
»Ein Unfall, nur ein Unfall«, murmelte Sophie immer wieder, während die beiden Frauen sich aneinanderklammerten. Und als der erste Schock bei ihr nachließ, begann Sophie sich zu fragen, wer ihnen das glauben würde. Dass es ein Unfall gewesen war.
Und sie begann zu begreifen, dass sie einen Plan brauchen würden.
Einen verdammt guten.
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