Parasit
Kapitel 38
A ls Julian Jensen am nächsten Tag vor dem Haus von Simon Schwarz steht, ist ihm sofort klar, dass damit auch das letzte bisschen Hoffnung für ihn stirbt, sauber aus dieser Sache rauszukommen. Niemand ist zu Hause, was absolut zu erwarten war. Es war Leichtsinn, überhaupt herzukommen, denn warum sollte der Lehrer ihm ausgerechnet jetzt den Gefallen tun, zurückzukehren, bloß, weil Julian ihn braucht?
Dennoch, er hatte es probieren müssen.
Weil er nicht weiß, an wenn er sich sonst wenden soll.
Doch von Simons Passat keine Spur, die Fenster und Türen des alten Forsthauses sind fest verschlossen. Julian steigt dennoch die paar Stufen auf die Veranda vor dem Haus, um an der Eingangstür zu klinken. Abgeschlossen, natürlich, auch auf sein wiederholtes Klopfen antwortet niemand.
Dann bemerkt Julian die Werbung und Tageszeitungen, die aus dem Briefschlitz in der Tür quellen. Für einen Moment überlegt Julian, ob der das Zeug nicht einfach auch in Simons Briefschlitz werfen soll, aber dann kommt ihm der Gedanke, dass es zu viel dafür ist. Es könnte steckenbleiben, halb drinnen und halb draußen, für jeden gut sichtbar, und das will Julian ganz bestimmt nicht.
Also macht er sich auf die Suche nach einer alternativen Möglichkeit.
Auf der Rückseite des Hauses findet er die Hintertür ebenfalls verschlossen vor, ebenso alle Fenster. Nichts zu machen, und schließlich kann er das Zeug auch nicht einfach so auf der Veranda liegen lassen. Als er die sich auf dem Waldweg nähernden Schritte hört, fährt er erschrocken zusammen. Er ist absolut sicher, dass ihm niemand in den Hamstetter Forst gefolgt ist.
Doch dann keimt Hoffnung in ihm auf. Vielleicht ist es Simon.
Als er vorsichtig an der Seitenwand des Hauses entlang zurück zur Vorderseite schleicht und um die Ecke lugt, bemerkt er einen Mann, der dort steht, und ihm den Rücken zuwendet, zum Glück. Kahl rasierter Schädel, das ist alles, was Julian aus seinem Versteck heraus erkennen kann. Also ist es schon mal nicht Simon, und auch wirkt der Kleidungsstil des Mannes seltsam unpassend in der Umgebung des heruntergekommenen Forsthauses mitten im Wald. Knielanger Wollmantel, enge, schwarze Jeans. Robuste, aber kostspielig aussehende Lederstiefeletten. Keiner, mit dem man Stress haben möchte, das wird auf den ersten Blick und sogar von hinten klar. Vermutlich liegt das an seiner Körperhaltung.
Der Mann klopft an der Tür, wie Julian das ein paar Minuten früher schon probiert hat, versucht danach die Klingel, aber natürlich erhält auch er keine Antwort aus dem Inneren des Hauses. Julian schlüpft wieder zurück hinter die Ecke des Forsthauses, dann schleicht er tiefer in den Wald und versteckt sich hinter einem Gebüsch. Nur für den Fall, dass der Glatzkopf ebenfalls auf die Idee kommen sollte, sich mit der Rückseite des Hauses zu beschäftigen.
Dort wartet er zehn Minuten.
Als nichts passiert, schleicht er sich wieder zum Haus zurück, doch da steht niemand mehr, der Glatzkopf ist offenbar weitergezogen. Doch allein dessen Auftauchen sorgt dafür, dass Julian seinen ursprünglichen Plan verwirft, den Inhalt seines Rucksacks einfach irgendwo in der Nähe von Simons Haus zurückzulassen, aber loswerden muss er das Zeug auf jeden Fall, denn wer kann schon wissen, was die Bullen als Nächstes vorhaben – zum Beispiel eine Hausdurchsuchung. Möglich wäre das immerhin. Schließlich geht er zurück auf den Waldweg, der ihn hergeführt hat, zurück in Richtung Parkplatz. Dabei behält er die Bäume auf beiden Seiten des Weges im Auge.
Schließlich findet er einen, der ihm markant genug erscheint, um ihn später leicht wiederfinden zu können. Eine uralte Eiche mit einem Stamm, der mal gut zwei Meter im Durchmesser gemessen haben muss, bis der Blitz einschlug und ihn in zwei Bäume verwandelte. Zwei tote Bäume, an denen jetzt kein einziges Blatt mehr hängt. Das sollte genügen, um es später leicht wiederzuerkennen oder auch, um es jemandem erklären zu können. Genau an dieser Stelle tritt Julian in den Wald, und zählt dabei seine Schritte. Als er bei fünfzig angekommen ist, bleibt er stehen und hockt sich hin.
Mit beiden Händen schaufelt Julian die lockere Erde beiseite, bis ein kleines Loch entstanden ist, so tief, dass Julians gesamter Unterarm darin verschwindet. Dann nimmt er den Rucksack von seinen Schultern, öffnet ihn und entnimmt ihm einen Plastikbeutel, den er in das Loch legt. Dann scharrt er es wieder zu, zum Schluss stampft er die lose Erde fest und schiebt noch ein paar Blätter über die Stelle.
Als das erledigt ist, geht er zu der gespaltenen, toten Eiche zurück, betritt den Waldweg und läuft in Richtung Parkplatz zurück. Nach ein paar Metern beginnt er zu rennen, froh, diese Bürde endlich losgeworden zu sein.
Nicht mehr sein Problem, soll Simon sich darum kümmern, oder wer auch immer.
Ein paar Minuten später tritt die Gestalt des kahlköpfigen Mannes geräuschlos aus den Schatten zwischen den Bäumen hervor und geht zielgerichtet auf die Stelle zu, an der Julian den Plastiksack vergraben hat. Der Mann zückt ein gefährlich aussehendes Jagdmesser und beginnt, ein Loch in die festgestampfte Erde zu graben. Er muss nicht lange graben, bis er auf den Plastiksack stößt.
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