Parasit
Kapitel 46
H arforch zog sich noch ein wenig tiefer ins Gebüsch zurück, verstaute seine Thermoskanne wieder im Rucksack, und eine knappe Minute später sah er den zuckenden Lichtkegel eines großen Motorradscheinwerfers durch die Bäume huschen.
Wenig später knatterte die Maschine heran, eine Harley FXR mit schwerer Kustomisierung. Natürlich, dachte Harforch, und vermutlich ein Päckchen Gras im Tank wie Dennis Hopper und Peter Fonda in Easy Rider. Auffälliger ging es kaum, aber so waren diese Typen eben, die lernten es nie. Glaubten einfach, dass ihnen die Welt gehörte, dass sie unantastbar wären. Und manchmal, wenn die Organisation weit genug gestrickt war, stimmte das sogar. Harforch war vor langer Zeit einmal Zeuge geworden, wie die Hells Angels des Westend-Chapters eine ganze Stunde lang eine Frankfurter Hauptverkehrsstraße lahmgelegt hatten, um ihre Macht zu demonstrieren, nachdem ein Mitglied irgendeiner feindliche Rockergang zwei der Angels-Burschen in einem Stripclub ausgeknipst hatte. Die Rocker hatten daraufhin ihre Harleys eine Stunde lang zur Hauptverkehrszeit über die gesamte Straßenbreite mehrerer großer Straßen aufgestellt, um den Bezirk abzuriegeln, bis sie den Täter ausfindig gemacht hatten. Kein einziger Streifenwagen war aufgetaucht, und die Autofahrer hatten betreten geguckt, gewendet, und sich eine Umleitung gesucht. Nicht mal gehupt hatten die, kein einziger von ihnen.
Der Typ auf der Harley fuhr in einem weiten Bogen vor das Haus, bremste und würgte den Motor ab. Das Licht ließ er an – er hatte die Harley so geparkt, dass der Scheinwerfer direkt auf die Eingangstür des Forsthauses gerichtet war. Dann stieg er von seinem schweren Bike. Klopfte sich den Staub von der Jacke wie ein Cowboy in einem alten Western. Ohne die Harley wirkte der Mann beinahe schmächtig, und für einen Moment fragte Harforch sich, ob der Kerl am Ende vielleicht doch Simon Schwarz höchstpersönlich war. Auch wenn er bezweifelte, dass man ihm die Harley im Tausch gegen seinen klapprigen Passat überlassen hatte.
Harforch zog ein kleines Militärfernglas aus der Seitentasche seiner Armeehose und begann, den Mann zu beobachten. Nein, es war nicht der Lehrer, und ein Hells Angel war es vermutlich auch nicht, dazu war sein Outfit etwas zu gepflegt, trotz des wuchtigen Vollbarts, den der Mann aber wohl eher aus modischen Gründen trug, und an dem rein gar nichts zerzaust oder rockerhaft wirkte. Auch fehlte eine Kutte mit dem typischen Schädel-Emblem des Motorclubs. Der Mann zog sich den Schüsselhelm vom Kopf, dann ging er schnurstracks auf die Haustür des alten Forsthauses zu, als hätte er das schon hundertmal gemacht.
Ohne sich darum zu scheren, dass nirgendwo im Haus Licht brannte.
Interessant, dachte Harforch.
Gut beleuchtet vom Scheinwerfer seines Motorrads klopfte der Typ einen Rhythmus an die Tür, offenbar ein vorher vereinbartes Klopfzeichen. Auf das ihm erwartungsgemäß niemand antwortete. Der Mann griff daraufhin ins Innere seiner robusten Lederjacke und holte etwas heraus, das Harforch mit einiger Mühe als ein Stück Papier erkannte. Dann kritzelte er etwas darauf und warf es in den Briefschlitz der Tür, stiefelte zurück zu seinem Bike, setzte sich darauf. Brüllend erwachte der Motor zum Leben und der Mann knatterte auf seiner Harley davon.
Zwanzig Sekunden später war Harforch wieder allein, nichts und niemanden zur Gesellschaft außer die gelegentlichen, müden Rufe irgendwelcher Nachtvögel, die der späte Besucher wohl im Schlaf gestört hatte. Es wäre sicher interessant zu wissen, was auf diesem Zettel steht, dachte Harforch, und dass es mindestens ebenso interessant sein würde, sich zumindest einmal flüchtig im Inneren des alten Forsthauses umzusehen. Wer konnte wissen, was man dort finden würde? Vielleicht ja sogar Simon Schwarz, in welchem Zustand auch immer.
Also zog Harforch sich Latexhandschuhe über und begann dann, langsam um das Haus herum zu spazieren. Außerdem inspizierte er eingehend die Türschlösser auf der Vorder- und der Rückseite des Hauses, und drückte beiläufig gegen ein paar der verschlossenen Fensterläden.
Schließlich entschied er sich dafür, die Hintertür zu knacken. Aufgrund der Tatsache, dass Harforch teures Spezialwerkzeug für diese Tätigkeit benutzte, dauerte das keine fünf Sekunden. Und, was noch wichtiger war, es hinterließ keinerlei Spuren, die später auf einen Einbruch hinweisen würden.
Dann war er drin.
Er zog die Hintertür hinter sich ins Schloss und wartete, bis seine Augen sich an diese neue, noch tiefere Dunkelheit im Inneren des Hauses gewöhnt hatten. Eine Lampe anzuknipsen, verkniff er sich, weil er nicht wusste, wer heute Abend vielleicht noch so alles beim Haus des Lehrers vorbeischauen mochte. Offenbar war dieses ein beliebter Treffpunkt – sogar in Abwesenheit seines Besitzers, so bedauerlich dieser Umstand auch für Schlesinger und seine Klientin sein mochte.
Für einen Augenblick verharrte Harforch mit geschlossenen Augen und sog tief die Luft in seine Nase. Diese war abgestanden, offenbar war schon länger nicht mehr gelüftet worden, aber der typisch süßliche Geruch, der auf ein Hiersein seines Besitzers in einem für diesen eher ungünstigen Zustand hindeutete, fehlte. Allem Anschein war Simon Schwarz tatsächlich ausgeflogen.
Harforch schlich zur Vordertür und fand dort den Zettel, den der Biker eingeworfen hatte, und darunter einen ziemlich großen Stapel Werbekataloge, was ihn vermuten ließ, dass Simon Schwarz nicht wieder hier gewesen war, seit sein Verschwinden erstmalig aufgefallen war. Keine Briefe, Pakete oder sonstige persönliche Post für Simon Schwarz, nur dieser anonyme Werberamsch. Mit behandschuhten Händen faltete Harforch den Zettel des Bikers vorsichtig auseinander und zog dann sein Handy aus der Tasche, nachdem er sich vergewissert hatte, dass der lange Flur kein Fenster nach außen hatte.
Dann schoss er mit geschlossenen Augen ein Blitzlichtfoto, faltete den Zettel wieder zusammen und betrachtete das Foto, das er soeben gemacht hatte, auf dem Display des Gerätes. Auf dem Zettel stand nur eine kurze Botschaft. Keine Anrede, kein Absender.
MORGEN. SONST GIBT ES ÄRGER.
Ja, dachte Harforch, nach Ärger hatte dieser wortkarge Biker tatsächlich ausgesehen. Oder vielmehr wie einer, den Leute vorschicken würden, die tatsächlich in der Lage waren, Ärger zu machen. Doch was hatte ein Lehrer an einem Elitegymnasium mit solchen Typen zu schaffen?
Auf dem Zettel stand die Antwort auf diese Frage natürlich nicht, aber Harforch war kein Idiot. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, dieses Puzzle zusammenzusetzen. Ein Schüler, der harte Drogen in der Nähe des Hauses seines Lehrers versteckt, das einsam und abgelegen mitten im Wald steht. Ein Mordfall, der die Polizei auf den Plan ruft, und dann taucht eben jener Lehrer plötzlich spurlos unter. Kids mit zu viel Freizeit und zu viel Geld auf der Suche nach ein bissen Abenteuer und Realitätsflucht, und jetzt ein Biker, der Drohungen auf kleine Liebesbriefchen kritzelt und sie in den Briefschlitz jenes untergetauchten Lehrers wirft. Nein, es gehörte wirklich nicht viel dazu, da die offensichtlichen Zusammenhänge zu erkennen.
Zunächst sah Harforch sich in jedem der Zimmer des Hauses um, was nicht allzu lange dauerte. Simon Schwarz hinterließ nicht den Eindruck eines besonders gründlichen oder gar ordnungsliebenden Menschen. Alles lag so ziemlich überall verstreut herum, im Inneren wirkte das Haus genauso heruntergekommen wie von außen. Daher war dieser Schwarz vermutlich nicht der Typ, der sich allzu viele Gedanken über ein geeignetes Versteck machen würde, schätzte Harforch. Eher der Typ, der sich für clever hielt, wenn er Dinge in Keksdosen, hinter Büchern oder unter einer losen Bodendiele versteckte.
Also suchte Harforch weiter, und je länger er das tat, desto mehr verfestigte sich sein Verdacht. Simon Schwarz war durchaus nicht bloß irgendein Lehrer, der einen schäbigen Passat fuhr und geistig nie dem Studentenalter entwachsen war, und auch diese Bruchbude hier war vermutlich bloße Fassade. In Wahrheit war Simon Schwarz alles andere als arm. Er hatte nur das weit verbreitete Problem, das die allermeisten Kriminellen haben. Er besaß die Art von Geld, mit der man nicht angeben kann, weil das sofort die falschen Fragen aufwerfen würde. Schwarz mochte ein Chaot sein, aber offenbar war er wenigstens schlau genug, seinen Reichtum vor der Welt zu verstecken. Also ging Simon Schwarz weiter seiner Beschäftigung als Lehrer nach, lebte in einem vergammelten Forsthaus und fuhr mit einem klapprigen Passat zur Schule. Alles nur, um die Fassade aufrecht zu erhalten.
Vermutlich hatte er das Ziel, sich irgendwann mit einem Haufen Kohle auf irgendeine karibische Insel zu verdrücken, um dort für den Rest seiner Tage wie ein Fürst zu leben. Zumindest war dies eine beliebte Strategie unter den Kriminellen dieses Schlages, wie Harforch aus reichhaltiger Erfahrung wusste. Als ob das so einfach wäre.
Als Harforch bei seiner Rückkehr aus dem Schlafzimmer den Totempfahl im Flur entdeckte, musste er grinsen. Ein so billiges wie hässliches Touristenmitbringsel, das die Angehörigen eines echten Indianerstammes vermutlich augenblicklich in den Kriegszustand versetzt hätte. Natürlich, das musste es sein, das Ding schrie einem förmlich entgegen: »Hallo, hier bin ich, und in meinem Bauch habe ich jede Menge Geheimnisse«. Eine löchrige Strickjacke hing über dem hölzernen Flügel eines Dings, das wohl einen Adler oder einen indianischen Kopfschmuck darstellen sollte. Ganz oben auf der Spitze thronte eine Eule mit ausgebreiteten Flügeln und musterte den Betrachter aus strengen, gelb bemalten Augen.
Hab ich dich, schien die Eule zu sagen.
Nein, dachte Harfroch und musste wieder grinsen. Umgekehrt.
Ich hab dich, meine Liebe.
Harforch klopfte an mehreren Stellen gegen das Holz des Totempfahls. Er war nicht massiv, das hatte er bei dieser billigen Kopie auch gar nicht erwartet. Es dauerte daher nicht lange, bis er das Geheimfach fand, das man öffnen konnte, indem man den Kopf eines Affen (oder was immer das Ding darstellen sollte) ein wenig zur Seite drehte. Auf diese Weise öffnete sich der Zugang zu einem Hohlraum, der tief in den Pfahl hineinreichte. Darin fand Harforch mehrere Kilogramm Crystal Meth, säuberlich abgepackt in kleine und große Plastiktüten, sowie etliche zusammengerollte Geldbündel, in der Hauptsache Zehn- und Zwanzig-Euro-Scheine. Er inspizierte beides flüchtig, dann stopfte er das meiste von dem Zeug wieder zurück in das Versteck. Einen Beutel Crystal Meth steckte er vorsichtig in eine weitere Plastiktüte, und dann in seine Jacke. Man wusste schließlich nie, wozu man sowas mal gebrauchen konnte.
Deshalb war der Biker also hier gewesen, und das war auch der Grund, aus dem Julian, aufgeschreckt durch die Polizei, hier aufgekreuzt war. Die ganze Sache war ihm zu heiß geworden, und so hatte er bei Simon Schwarz, allem Anschein nach der hiesige Drogengroßhändler, Zuflucht und Rat in seiner Not gesucht. Sieh mal einer an.
Allerdings waren Julians Bemühungen offenbar vergeblich gewesen, denn zu diesem Zeitpunkt war Simon Schwarz bereits ausgeflogen, der Lehrer hatte wohl selbst inzwischen kalte Füße bekommen. Was Harforch nur zu gut nachvollziehen konnte. Und hatte Schlesinger nicht gesagt, dass Mia Neumann dabei gewesen war, ihrer Lehrerin die ganze Sache mit den Drogen anzuvertrauen? Und könnte Simon Schwarz, der eine Affäre mit eben jener Lehrerin gehabt hatte, das dann nicht ebenfalls mitbekommen haben? Könnte sie es ihm nicht sogar selbst brühwarm erzählt haben, während eines ihrer heimlichen Schäferstündchen nach dem Unterricht? Nicht ahnend, dass Schwarz selbst hinter der ganzen Angelegenheit steckte.
Möglich wäre es immerhin, entschied Harforch. Doch was bedeutete das nun für Schlesingers Klientin und inwiefern war das Harforchs Problem?
Schwer zu sagen, ohne Simon Schwarz selbst dazu befragen zu können. Eine spannende These war es dennoch, und durchaus plausibel, und den Nutzen dieser These einzuschätzen, war letztlich nicht Harforchs Job. Schlesinger würde wissen, was mit dieser Art von neuer Information anzufangen war, auch wenn die Chance, dass Schwarz als glaubwürdiger Alibizeuge für Emma Stratmann taugen würde, falls man ihn überhaupt rechtzeitig fand, eher gering war.
Was Harforch allerdings nicht verstand, war, wieso Simon Schwarz seinen kompletten Großvorrat an Crystal Meth in diesem lächerlichen Totempfahl zurückgelassen hatte, als er abgehauen war. Und wie zur Hölle es der Kerl geschafft hatte, sich derart schnell und gründlich in Luft aufzulösen.
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