Parasit

Alex Pohl · Kapitel 14 von 68

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Parasit

Kapitel 14

 

 

SCHULE, HEUTE

 

I ch lasse meinen Jeep ein paar Straßen weiter stehen und schlendere dann zurück in Richtung Schule. Für einen Moment hatte ich überlegt, ganz demonstrativ auf den Lehrerparkplatz einzubiegen, aber das wäre vermutlich keine so gute Idee gewesen. Die Wogen werden sich bald glätten, doch im Moment bin ich immer noch offiziell beurlaubt, weshalb das Fragen aufwerfen könnte – nicht nur bei Direktor Weber. Manchmal ist es besser – auch das ist eine von Sophies Weisheiten – dem Gegner die Chance zu geben, sein Gesicht zu wahren. Nichts ist gefährlicher als ein Raubtier, das sich in die Ecke gedrängt fühlt.

Stattdessen hänge ich also nun in der Nähe des Schulgeländes herum und tue so, als würde ich mir irgendwelche Schaufenster ansehen, während ich darauf warte, dass Simons Passat um die Ecke biegt. Fehlt nur noch, dass ich mir einen Kapuzenpullover überziehe und dazu eine verspiegelte Sonnenbrille aufsetze. Ich baue darauf, dass Simon wie üblich auf den letzten Drücker zum Unterricht erscheinen wird. Er fängt heute erst zur vierten Stunde an, das weiß ich, und davor ist die große Pause. Zwei Minuten später höre ich das Röhren seines altersschwachen Motors. Während sein Passat auf die Auffahrt vor dem Tor zusteuert, laufe ich hinüber.

Als Simon den Passat vor der Einfahrt zum Stehen bringt, kreischen die rostigen Bremsen des Wagens auf, und ich schaue mich instinktiv um. Niemand sonst in der Nähe, gut. Dennoch eine absurde Szene, beinahe so, als wäre ich ein Junkie, der auf seinen Dealer wartet, um die nächste Ration Stoff in Empfang zu nehmen. Simon lässt die Scheibe seines Seitenfensters herunter, auch diese quietscht ein bisschen, und schaut zu mir hoch. Lächelt. Das sollte er nicht tun, er weiß, was er damit anrichten kann.

»Äh ... Hi?«, fragt er. Ja, klar, es ist eine etwas ungewöhnliche Art der Begegnung, zugegeben.

»Hi«, sage ich. »Simon, ich wollte kurz mit dir reden.«

»Äh, okay, sicher. Ich muss aber eigentlich zum Unterricht.« Er kichert. »Bin schon etwas spät dran, genaugenommen. Der Weber wird mal wieder ausrasten, fürchte ich.«

»Es dauert nicht lange, Simon.«

»Okay«, sagt er. »Steig ein.«

Wieder schaue ich mich um, dann öffne ich die Beifahrertür und schlüpfe in seinen Wagen. Allemal besser, als auf offener Straße herumzustehen und mich mit ihm durch das Seitenfenster unterhalten. Schweigend fahren wir zu Simons Parkplatz. Der daneben ist natürlich leer. Simon nimmt es mit gerunzelter Stirn zur Kenntnis, während er schwungvoll und etwas schräg einparkt, wie üblich.

Er stellt den Motor ab und ich frage ihn ganz direkt: »Ist alles gut zwischen uns?«

»Ja, klar«, sagt er. »Was sollte denn nicht in Ordnung sein?«

»Ich weiß nicht«, sage ich. »Ich frage nur, weil ... okay, also an dem Abend, an dem ich ... an dem wir ...« Ich stammele herum wie eine Achtklässlerin. Furchtbar.

»An dem du Schluss mit mir gemacht hast, Emma. Sagt man doch so, oder?«

Ich boxe ihn sanft in den Oberarm. »Blödmann. Das war eine einmalige Sache mit uns, das wusstest du. Ein dummer Ausrutscher, und es tut mir leid, wenn ...«

»Mir nicht«, unterbricht er mich. »Aber ja, es ist alles gut zwischen uns. Ich hab´s kapiert, Emma. Du bist eine verheiratete Frau und so. Ich bin schon groß. Ich komme klar.«

»Okay, danke. Es ist nur ... jemand hat einen Stein nach mir geworfen«, sage ich. »Beziehungsweise nach meinem Auto. Auf die Windschutzscheibe.«

»Was?« Wenn seine Überraschung gespielt ist, macht er seine Sache ziemlich gut.

»Ja, an dem Abend, als ich von dir zu meinem Auto zurückgelaufen bin, nachdem wir ... es beendet hatten. Und unter dem Scheibenwischer steckte ein Zettel.«

»Dir ist doch nichts passiert?«

»Nein, und dem Auto geht’s inzwischen auch wieder gut. Die Windschutzscheibe hatte nur ein paar Risse, das war alles.«

»Mann«, sagt er, denkt kurz nach, dann: »Und was stand auf diesem Zettel?«

»Dass ich Lesbe mich verpissen soll.«

»Oh.«

»Ja.«

»Warte. Und jetzt denkst du, dass ich ...?«

»Nein«, sage ich hastig. »Ich wollte nur sicher gehen.«

»Dass zwischen uns alles okay ist.«

»Genau. Ich meine ...«

»Also nochmal, zwischen uns ist alles paletti, Emma. Und auch, wenn ich es sehr bedauere, dass es bei diesem einen Mal bleiben wird, so ist doch das letzte, über das ich mir Gedanken mache, die Tatsache, dass du mit einer Frau verheiratet bist. Von mir aus auch mit einer Bergziege oder einem Gummibaum, das ist mir völlig egal. Klar?«

»Klar«, sage ich und versuche ein Lächeln.

»Gut. Und ich gehöre auch nicht zu den Typen, denen man zigmal sagen muss, dass Schluss ist. Ich gehöre der seltenen Unterspezies von Männern an, die das beim ersten Mal kapieren. Und Zettelchen unter dem Scheibenwischer? Steine aus dem Hinterhalt? Ich glaube, du kennst mich besser als das.«

Stimmt. »Stimmt«, sage ich. »Das wäre nicht dein Stil.«

Er lacht auf. »Genau«, sagt er dann, und scheint meine Bemerkung aus irgendeinem Grund zum Schießen zu finden. »Nicht mein Stil. Haargenau.«

Nachdem er eine Weile grinsend durch die Windschutzscheibe auf die Ziegelwand der Schule gestarrt hat, fragt er: »Und wieso steht dein Wagen dann nicht hier? Oder hast du deine Klasse etwa schon mit einem Haufen Hausarbeiten in die Ferien geschickt? Was übrigens ziemlich clever wäre, Frau Stratmann.«

Ich schüttele langsam den Kopf. »Weber hat mich gestern beurlaubt.«

»Er hat was?«

Also erkläre ich es ihm. Als ich zu der Stelle mit dem Video von Mia und mir komme, nickt er. Vermutlich hat er es auch schon gesehen. Überhaupt scheint es jeder an der Schule schon gesehen zu haben. Außer mir, bis Weber es mir gezeigt hat.

»Ich habe das für einen harmlosen Schülerstreich gehalten, Emma«, sagt er. »Du weißt schon, nach dem Motto: Die lesbische Lehrerin und die Schülerin, und gleich reißen sie sich die Klamotten vom Leib, ha ha. Dumme Jungsfantasien eben. Auch vor Eliteschulen macht die Pubertät nicht halt.«

»Ich finde das überhaupt nicht lustig, Simon.«

»Ich auch nicht, ich meinte nur ... oh shit, und dann die Sache mit dem Zettel und dem Stein – und jetzt denkst du ...«

Eine eisige Hand greift nach meinem Herzen. Diesen Zusammenhang hatte ich bisher noch gar nicht gesehen. Aber er hat recht, es ist ziemlich offensichtlich, dass es da einen geben könnte zwischen dem Zettel und dem Video. Verpiss dich, Lesbe!

Als ich ihm erzähle, dass wir wegen des Videos und meiner daraus folgenden Beurlaubung gestern Abend bei den Neumanns waren, wird er plötzlich sehr still. Dann sagt er: »Du glaubst, Viktor Neumann könnte das alles angestoßen haben? Wegen Mia? Weil er glaubt, dass du kein gutes Vorbild für seine Tochter bist oder irgend so ein Schwachsinn?«

»Der Kerl ist ein absoluter Tyrann, Simon, das hat Mia mir erzählt. Er setzt sie ständig unter Druck wegen ihrer Zensuren, und bloß, weil sie in letzter Zeit hin und wieder eine Zwei oder vielleicht auch mal eine Drei nach Hause bringt. Nach dem, was sie mir erzählt hat, rastet er wegen solcher Lappalien völlig aus, brüllt herum, stellt sie unter Hausarrest und verdonnert sie zum Büffeln unter seiner Aufsicht. Das ist doch völlig übertrieben.«

»Hm«, macht Simon, dann setzt er nachdenklich hinzu: »Also, einige der Eltern hier sind schon ganz schön ehrgeizig, was ihre Kinder betrifft. Die wollen sie an Unis sehen, wo ein zwei Komma dreier-Durchschnitt nicht so ganz für eine Aufnahme reicht.«

»Und die Kids? Haben die dazu denn kein Mitspracherecht?«

Er zuckt mit den Schultern, dann nickt er in Richtung der Ziegelwand. »Das hier ist nun mal ein Privatgymnasium, das sich durch die Schulgebühren finanziert, die die Eltern bezahlen. Und das funktioniert nur, wenn es sich einen gewissen Ruf bewahrt. Frag mal Weber danach.«

»Mag sein«, sage ich. »Ich habe Mia trotzdem gesagt, sie soll sich von ihrem Vater nicht einschüchtern lassen. Sie wird schon bald auf eigenen Beinen stehen können, wenn sie das möchte. Und ich habe ihr ebenfalls gesagt, dass sie nicht ewig hier festsitzen muss. Dass man nicht automatisch auf Lebenszeit an seine Eltern gekettet ist, für den Rest seines Lebens.«

»Das hast du ihr gesagt?«, fragt er und klingt nun regelrecht entsetzt, aber ich kann nichts Verwerfliches in meinem Ratschlag sehen. Ganz besonders nicht in Anbetracht dieser anderen Sache, die Mia mir erzählt hat. Was das betrifft, ist es vielleicht sogar besser, wenn sie sich so schnell wie möglich aus dem Staub macht und Élysée den Rücken kehrt. Diese andere Sache könnte ihr deutlich mehr versauen als nur den Zugang zu irgendeiner Elite-Uni.

»Mann«, sagt Simon nachdenklich. »Dann kapiere ich es wohl allmählich. Wenn Mia das ihrem Vater gegenüber wiederholt hat, dann ... puh, das ist echt übel.«

»Was ist echt übel?«

»Andererseits ... ach, vielleicht ist es ja alles nur ein Gerücht.«

»Was, Simon? Erzähl schon!«

»Ach, es ist nur, wegen Mia. Sie war gestern nicht in der Schule, und heute hat sie auch noch keiner gesehen.«

»Woher weißt du das denn«, frage ich, »wenn das deine erste Stunde heute ist?«

»Hab eben einen guten Kontakt zu meinen Schülern«, erwidert er augenzwinkernd.

»Ihr Vater behauptet, sie ist krank, aber ich glaube, sie hat einfach keine Lust, in die Schule zu gehen, wegen diesem verdammten Video, das unter den Schülern die Runde macht. Ist doch auch irgendwo verständlich.«

»Hm«, macht er.

»Was?«

»Na, überleg mal. Ein Typ wie Neumann. Glaubst du, der würde seine Tochter wegen so etwas in Schutz nehmen? Sie daheim krankfeiern lassen, bloß, weil sie keine Lust hat, zur Schule zu gehen wegen dieses Videos? Ein Kerl, der ausrastet, wenn sie mal ´ne Zwei nach Hause bringt?«

»Stimmt, das passt nicht zu ihm. Schon gar nicht, wenn er derjenige war, der Weber das Video geschickt hat.« Wovon ich inzwischen überzeugt bin.

»Eben. Und die Schüler erzählen sich auch etwas Anderes. Weil es nämlich seit gestern Morgen niemandem gelungen ist, zu Mia durchzudringen. Sie geht nicht an ihr Handy, reagiert nicht auf Nachrichten, ist nicht auf Instagram und TikTok aufgetaucht. Ein siebzehnjähriges Mädchen!«

»Das ist in der Tat ungewöhnlich«, sage ich. Aber das trifft es nicht ganz. Ungewöhnlich wäre es, wenn Sophie ihren morgendlichen Kaffee wegließe. Das hier ist eine ganz andere Liga.

»Ja, und weißt du, was die Schüler sich so erzählen?«

Ich schüttele den Kopf, komme aber nicht umhin, ihn mal wieder für seinen unheimlich guten Kontakt zur Schülerschaft zu bewundern. Simon ist bei allen Schülern sehr beliebt und wirklich respektiert, was man nicht von vielen Lehrern behaupten kann – selbst an einer Schule wie dieser werden die meisten Lehrkräfte nur als ein notwendiges Übel geduldet. Simon aber gilt als cool und ich glaube, dass so manche der älteren Mädchen schwer in ihn verknallt sind. Verständlicherweise.

»Sie glauben, dass es Mia diesmal vielleicht wirklich durchgezogen hat. Dass sie von zu Hause weggelaufen ist. Wenn das stimmt, und Neumann glaubt, dass du sie praktisch noch dazu ermuntert hast ...«

»Ich habe Mia nicht zu irgendwas ermuntert«, sage ich schwach, aber plötzlich habe ich ein ganz flaues Gefühl im Magen, als hätte ich seit zwei Tagen nichts gegessen.

Simon greift nach meiner Hand, und ich lasse es geschehen. »Wenn wirklich Neumann hinter dieser Sache steckt, dann würde ich dir raten, jetzt verdammt vorsichtig aufzutreten. Der Kerl kann ein absolutes Arschloch sein, Emma. Und er ist der verdammte Oberstaatsanwalt. Mit dem fängst du besser keinen Krieg an, schon gar nicht in Élysée. Das ist nämlich sein Gebiet. Klar, Schwester?«

Meine Hand fühlt sich eiskalt in seiner an. Und Simons lustig gemeinte Gangstersprache kann mich auch nicht über das Gefühl hinwegtäuschen, dass der Krieg in Élysée schon längst begonnen hat.

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