Parasit
Kapitel 49
»W ie geht es ihr?«, fragt Sophie und sieht in Schlesingers Richtung. Blass sieht sie aus, und müde, mit einem ungesunden Glanz in ihren schönen Augen.
Der Anwalt bläst die Backen auf, stößt die Luft aus, und sagt: »Den Umständen entsprechend.« Er schenkt Sophie ein aufmunterndes Lächeln. Das sie natürlich sofort durchschaut.
»Das klingt ja furchtbar«, murmelt Sophie, während sie nach dem Weinglas greift, das vor ihr auf dem Couchtisch steht. Sicher nicht ihr erstes an diesem Tag, denkt Schlesinger, und wer könnte ihr das verübeln? Insgeheim muss der Anwalt ihr recht geben, den Umständen entsprechend klingt wirklich furchtbar. Selbst in seinen Ohren hört sich seine Antwort nach einer beschönigenden Floskel an, aber was soll er Sophie auch sonst sagen? Dass es Emma gar nicht gut geht? Dass sie aussieht, als würde sie die nächsten paar Tage in Untersuchungshaft kaum überstehen, geschweige denn, eine Haftstrafe in einem richtigen Gefängnis – und dass das inzwischen eine durchaus wahrscheinliche Möglichkeit geworden ist? Oder, dass die einzige Chance, sie da vielleicht rauszuholen, in einem offenbar flüchtigen Drogendealer bestand, mit dem sie ein außereheliches Verhältnis hatte, von dem er Sophie nichts verraten darf – auf ausdrücklichen Wunsch seiner Mandantin?
Und das, obwohl jeder weiß, von wessen Geld seine Rechnungen bezahlt werden?
Eine vertrackte Situation, wenn es je eine gegeben hat.
Aber Schlesinger ist keiner, der vor vertrackten Situationen kapituliert. »Wir sollten uns eine neue Strategie zurechtlegen«, erläutert er den Grund seines und Harforchs Hierseins. »Wir brauchen schnellstens eine, denn inzwischen ist Emma die einzige Verdächtige in einem Mordfall, und wie ich Wiesner kenne, will er die Sache jetzt schnell unter Dach und Fach bringen. Ich vermute, dass die Staatsanwaltschaft spätestens morgen Anklage gegen Emma erheben wird. Immerhin hat Wiesner bereits dringenden Tatverdacht angemeldet, sonst hätte er sie ja gar nicht erst in Untersuchungshaft bringen können, diese Runde ging also an ihn. Und ich meine damit, wir brauchen etwas wirklich Wichtiges, um ihn von der Idee abzubringen, dass Emma Mia Neumann umgebracht hat. Kleine Zweifel zu säen, wird nicht länger genügen. Wir brauchen etwas Handfestes. Ich will ganz offen sein, Sophie. Das brauchen wir um jeden Preis, wenn wir Emma vor dem Gefängnis bewahren wollen. Deshalb hat mich Herr Harforch heute nochmals begleitet. Sie verstehen, was ich damit sagen will?«
»Um jeden Preis«, wiederholt Sophie bedächtig und wirkt nur ein bisschen blasser im Gesicht als gerade eben noch, während ihr Blick abwesend in Harforchs Richtung schweift, der wie üblich schweigt. »Ich verstehe. Um jeden Preis. Von mir aus. Und was soll das nun konkret bedeuten, Herr Doktor Schlesinger?«
»Nun«, sagt Schlesinger, »es bedeutet vor allem, dass wir nicht länger in einer verteidigenden Position verharren können, sondern zum Angriff übergehen müssen.«
»Was heißen soll, dass wir den wahren Täter finden müssen«, sagt Sophie, »oder zumindest einen plausiblen Verdächtigen, um Emma zu entlasten.«
Ein weiteres Mal bewundert der Anwalt ihre schnelle Auffassungsgabe.
»Ja«, sagt er. »Genau darum geht es, Sophie. Ich denke, das wäre gut, wenn nicht sogar die einzige Möglichkeit. Wenn ein Prozess gegen Emma mir auch noch nicht als völlig aussichtlos erscheint, so würde ich es doch lieber gar nicht erst darauf ankommen lassen. Ich möchte den Teufel nicht an die Wand malen, aber selbst dann, wenn Wiesner nichts als Indizien vorzubringen hat, könnte das unter Umständen genügen, Emma für lange Zeit ins Gefängnis zu bringen. Dann hängt alles davon ab, welchen Richter wir erwischen, und wie der zu Viktor Neumann steht.«
»Ich verstehe«, sagt Sophie, dann greift sie nach ihrem Handy, das neben ihr auf der Sitzfläche der Couch liegt, entsperrt es und ruft jemanden an. Schlesinger hört ein leises Knacken aus dem Gerät, dann sagt Sophie: »Kannst du bitte zu uns rüberkommen? Mein Anwalt ist jetzt hier.« Dann beendet sie das Gespräch, legt das Handy zurück auf die Couch und erhebt sich mit einem entschuldigenden Lächeln.
»Eine gute Freundin«, erklärt sie Schlesinger und Harforch. »Ich habe sie gebeten, rüberzukommen. Sie kann uns vielleicht weiterhelfen.«
»Okay«, sagt Schlesinger und ist bemüht, sich seine Verwirrung nicht anmerken zu lassen. Eine Freundin? Was soll das jetzt bringen? Als Sophie den Raum in Richtung Flur verlassen hat, wirft ihm Harforch einen fragenden Blick unter gerunzelten Brauen zu, und Schlesinger zuckt mit den Schultern. Keine Minute später ertönt der Türgong. Beinahe so, als hätte besagte Freundin draußen in ihrem Wagen bereits auf ihren großen Auftritt gewartet.
Kurz darauf kehrt Sophie in das Wohnzimmer zurück, bei ihr ist jetzt eine andere Frau, vielleicht zehn Jahre älter, aber ebenfalls gut aussehend, wenn auch auf eine etwas künstlich wirkende Weise, und, wie Schlesinger zu erkennen glaubt, mit Hilfe einiger dezent und ausgesprochen fachgerecht ausgeführter Operationen im Bereich der Nasenflügel und Mundwinkel.
»Das ist Vivian«, erklärt Sophie. »Vivian Lasalle, eine Nachbarin und liebe Freundin.«
Man begrüßt sich ringsum, dann geleitet Sophie die Frau zur Couch, auf der sie auch selbst Platz nimmt, und ihr Handy auf den Couchtisch legt, neben das Weinglas. Dort, wo es gerade noch lag, sitzt jetzt Vivian Lasalle. Kaum hat sie Platz genommen, senkt sie ihren Blick zu Boden wie ein schuldbewusstes Schulkind, und Schlesinger beginnt zu dämmern, was das hier werden soll.
Er wird nicht enttäuscht, im Gegenteil.
Sophie legt der Frau beruhigend eine Hand auf den Oberschenkel, worauf diese dann doch wieder kurz den Kopf hebt und Sophie ein dankbares Lächeln schenkt. Die Sorte Lächeln, die weniger von Zuneigung als von grenzenloser und unbedingter Bewunderung zeugt. »Du kannst vollkommen offen sprechen, Vivian«, sagt Sophie in beruhigendem Ton. »Doktor Schelsinger und sein Mitarbeiter sind langjährige Freunde der Familie, und alles, was wir hier besprechen, ist absolut vertraulich. Das ist es doch, Doktor Schlesinger?«
»Unbedingt«, bestätigt dieser.
»Also«, sagt Vivian Lasalle, strafft sich, und beginnt mit stockender Stimme zu erzählen. »Es gab diese Party, im Haus von Viktor Neumann, es waren eine Menge Leute eingeladen, fast alle Nachbarn. Er besitzt ein großes Haus.« Auch ihre Art, zu erzählen, erinnerte an ein leicht verstörtes Schulkind, findet Schlesinger, während er aufmerksam zuhört. »Ich war gerade in der Küche, um ... ich weiß nicht mehr. Ich glaube, ich wollte mir etwas Salat holen oder sowas. Dann stand er plötzlich hinter mir.« Ihre Stimme bricht ab. Sofort ist Sophie mit einem Papiertaschentuch zur Stelle, was die Frau mit einem dankbaren Lächeln annimmt. Tränen schwimmen in ihren Augen.
»Es war Neumann«, fährt sie fort. »Er hat sich an mich herangedrängt, und nach meinen Schultern gegriffen. Hat gesagt, er wolle mich massieren, weil ich so verspannt wirke. Aber das wollte ich nicht, ich ... nein, ich wollte es nicht.«
»Moment«, sagt Schlesinger, entschlossen, das Spiel mitzuspielen, zumindest für den Moment. »Viktor Neumann hat sich Ihnen in ... unsittlicher und nicht erwünschter Weise genähert?«
Sie nickt. Dann, einen Schluchzer später, fährt sie fort. »Er hat mich an den Armen gepackt und herumgewirbelt, und versucht mich zu küssen. Ich habe ihn fortgestoßen. Er hat gesagt, das würde mir noch leidtun. Ich bin zurück zu den anderen gerannt und habe meinem Mann erzählt, es würde mir nicht gut gehen, damit wir endlich gehen konnten.«
Sie verstummt, lässt diese neue Information bei den anderen einsickern.
»Ihr Mann würde das bestätigen?«, fragt Schlesinger routinemäßig. »Dass Sie sagten, Ihnen sei übel geworden und dass Sie rasch gehen wollten?«
Sie nickt. »Ich glaube schon. Andere auch, die Jensens zum Beispiel. Helene erbot sich noch, mir irgendeins von ihren Naturheilmitteln rüberzubringen, wenn es mir am nächsten Tag nicht besser ginge. Aber natürlich ahnte niemand den wahren Grund. Es war furchtbar, ich konnte mit niemandem darüber reden. Ich hatte einfach Angst, sie würden mir nicht glauben. Niemand von ihnen.«
»Ich verstehe«, sagt Schlesinger. Und denkt, dass sich aus dieser Aussage vielleicht tatsächlich etwas machen ließe. Neumann als übler Chauvinist, der offenbar der Meinung ist, Frauen seien ausschließlich dazu da, ihm zu Willen zu sein. Und dann zieht ein paar Häuser weiter ausgerechnet ein lesbisches Ehepaar ein. Zumindest könnte das ein äußerst fragwürdiges Bild auf den Charakter des Oberstaatsanwalts werfen. »Ich kann mir vorstellen, wie schwer das für Sie ist«, sagt Schlesinger, »aber bitte verstehen Sie, dass ich das fragen muss. Gibt es irgendwelche weiteren Beweise für dieses Geschehnis? Haben Sie vielleicht direkt im Anschluss mit Ihrem Mann darüber geredet, oder ...«
»Meinem Mann?«, haucht Vivian entsetzt. »Natürlich nicht!«
»Ich verstehe«, sagt Schlesinger, dann wirft er einen Blick in Richtung Sophie, die mit kerzengerade durchgedrücktem Rücken auf der Couch sitzt, bildschön und kühl wie eh und je. »So bedauerlich es ist, dass Ihnen das zugestoßen ist, fürchte ich doch, dass es schwer werden dürfte, in dieser Richtung ...«
»Da ist noch mehr«, sagt Sophie und greift wieder nach ihrem Weinglas, während Vivian sich neben ihr auf der Couch zusehends in ein Häuflein Elend verwandelt.
»Ich habe ihn gesehen«, sagt Vivian Lasalle. »Am Dienstag Abend. Ich habe mir zunächst nichts dabei gedacht, aber als ich mit Sophie drüber geredet habe, fiel mir auf, dass es tatsächlich der Abend gewesen sein muss. Der Abend, an dem Mia verschwand.«
»Okay. Was haben Sie gesehen?«
Vivians Blick zuckt wieder zu Sophie, die ihr zunickt. Beinahe so, als würde sie um Erlaubnis bitten. Oder ihren Einsatz abpassen.
»Ich wollte noch einen Spaziergang machen vor dem Abendessen, weil es den Appetit anregen soll. Ich weiß gar nicht so recht, wieso, aber irgendwie muss ich wohl in Gedanken gewesen sein, denn plötzlich fand ich mich vor seinem Haus wieder. Dem von Viktor Neumann. Ich war richtig schockiert, wo mich meine Schritte hingeführt hatten, aber ... na ja, wo ich schon mal dort war, konnte ich dem Impuls nicht wiederstehen, und habe durch das Tor gespäht. Keine Ahnung, wieso eigentlich. Um zu schauen, ob er da ist, vielleicht. Oder um mir das Scheusal aus sicherer Entfernung anzuschauen. Ich weiß es nicht, wirklich.«
»Okay, und was haben Sie da gesehen?«
»Ihn. Er kam gerade aus der Haustür, davor ist so eine breite Freitreppe, die kam er gerade herunter. Und er schleppte etwas mit sich, länglich und schwer, und es war in schwarze Plastikfolie gehüllt, soweit ich das erkennen konnte. Erst dachte ich, es wäre eine Golftasche oder sowas, aber dann hab ich genauer hingesehen. Es war zu groß für eine Golftasche, zu lang. Und es waren auch keine Schläger drin. Er schleifte das Ding jedenfalls zum Kofferraum seines Wagens, dann wuchtete er es hoch und warf es hinein. Er hatte ziemliche Mühe damit, dabei ist er ein großer Mann, und ziemlich stark, nehme ich an.«
Schlesinger nickt. Das hier ist beinahe zu gut, um wahr zu sein. Vorsicht ist geboten. »Welcher Wagen war das, ich meine, welches Modell?«
»Der von Neumann?«
»Ja.«
»Ich weiß nicht, äh ... eins von diesen elektrischen, also ... aus Amerika.«
»Ein Tesla?«
»Ja, genau. So einen fährt er.«
»Farbe?«
»Silbergrau, ein ziemlich dunkles Grau, beinahe Anthrazit.«
»Und der Plastiksack um den länglichen Gegenstand, welche Farbe hatte der?«
»Schwarz. Glänzend. Es hätten auch mehrere große Müllsäcke sein können, das konnte ich auf die Entfernung nicht genau erkennen. Aber die Umrisse ... es hätte ein menschlicher Körper sein können, aber natürlich dachte ich mir damals nichts dabei. Verstehen Sie?«
»Ich verstehe, Vivian«, sagt Schlesinger und beginnt, sich allmählich für die Frau und ihre Geschichte zu erwärmen. Vor allem aber für Viktor Neumann als potenziellen Mörder seiner Tochter. Die Polizei vermutet den Täter immer zuerst in der direkten Umgebung des Opfers, und die lautstarken Streitereien der beiden sind inzwischen aktenkundig. Was bleiben ihnen denn sonst schon noch für Möglichkeiten, bei Lichte betrachtet? »Und um welche Uhrzeit haben Sie das beobachtet?«
»Kurz nach sieben.«
»Sie tragen keine Armbanduhr.«
»Ich hatte kurz zuvor auf mein Handy geschaut, das habe ich immer dabei.«
»Und Sie sind ganz sicher, Viktor Neumann erkannt zu haben? An diesem ganz bestimmten Dienstag Abend, um kurz nach sieben Uhr? Jeder Zweifel ausgeschlossen, Vivian?«
»Ja«, sagt sie, »ich bin mir absolut sicher.«
»Okay«, sagt Schlesinger. »Gut, Vivian. Vielen Dank, dass Sie uns das erzählt haben. Und dafür, dass Sie meine Fragen über sich ergehen ließen.«
»Kein Problem«, murmelt Vivian und senkt wieder den Blick, um ihre Schuhspitzen zu betrachten.
»Und Sie wären bereit, diese Aussage auch vor einem Gericht zu wiederholen, nachdem man Sie eingeschworen hat?«, hakt Schlesinger nach, obwohl er die Antwort bereits kennt. Aber wenn er sich schon auf dieses Spiel einlässt, kann er es auch gleich richtig spielen.
Für ein paar Augenblicke kommt keine Reaktion von Vivian, dann schließlich nickt sie, kurz und abgehackt. Schluckt, räuspert sich und krächzt dann ein zaghaftes »Ja« hervor, während Sophie ihr beruhigend den Oberschenkel tätschelt.
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