Parasit

Alex Pohl · Kapitel 20 von 68

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Parasit

Kapitel 20

 

ÉLYSÉE, HEUTE

 

S päter sitzen Sophie und ich bei einem vorzüglichen Cote Rotie in unserer Küche beisammen. Ich versuche, sie darüber auszufragen, wie sie mit Ihrem neuen Buch vorankommt, doch sie weicht mir nur aus. Von Direktor Weber habe ich immer noch nichts gehört, was wiederum bedeutet, dass ich wohl noch bis zum Ende dieser Woche hier mit Sophie festsitzen und mich zu Tode langweilen werde. So, wie die Dinge stehen, würde ich wohl auch einen Teilzeitjob als Kassiererin in einem SuperJuliant in der Stadt annehmen, aber ich glaube, das würde die falschen Signale aussenden. Ich liebe Sophie, und ich will mit ihr zusammen sein, bloß eben nicht vierundzwanzig Stunden an jedem Tag.

Als es an der Haustür klingelt, fahre ich zusammen. Mein Blick trifft den von Sophie, dann drehen wir beide synchron die Köpfe zur Wanduhr, die über der Spüle hängt. Es ist fast zehn Uhr abends, reichlich spät für unangekündigte Besucher. Ich bete im Stillen, dass es nicht schon wieder Martha ist, die uns wegen Busters Verschwinden nerven möchte.

Ich laufe in den Flur und sehe auf dem Monitor neben der Tür, dass es nicht Martha ist, die da vor unserem Gartentor steht. Sondern Viktor Neumann, und er sieht nicht besonders fröhlich aus. Na bitte, denke ich. Jetzt kriegen wir also dein wahres Gesicht zu sehen. Nichts ist mehr geblieben von der höflichen Zurückhaltung, mit der er uns noch gestern Abend empfangen hat.

»Oh«, sagt Sophie, die hinter mir in den Flur getreten ist, und nun auch sieht, wer uns da besuchen möchte.

»Lass mich das machen, okay?«, sage ich, aus einem spontanen Impuls von Übermut heraus. »Ich will nicht, dass dieser Kerl auch nur einen Fuß in unser Haus setzt.«

»Bist du sicher?«, fragt sie mit besorgter Miene.

Doch da bin ich schon in meine Laufschuhe geschlüpft und mache mich demonstrativ auf den Weg zum Tor. Natürlich wäre es viel einfacher, das Tor einfach mit dem elektrischen Öffner zu entriegeln, aber ich will, dass Neumann mitbekommt, dass er hier nicht willkommen ist. Er hat diesen beschissenen Kleinkrieg angefangen, jetzt soll er auch die Konsequenzen tragen.

Als ich am Tor ankomme, was ich – ebenso demonstrativ – nicht öffne, schaut er mich durch die Gitterstäbe hindurch fragend an, als ich dort stehen bleibe. Dann kapiert er es. Schüttelt den Kopf, wie über einen kindischen Streich meinerseits, aber schließlich ist er ja nicht derjenige, der gerade von seinem Job beurlaubt wurde, oder? Ich habe das Recht, mich so kindisch zu verhalten, wie ich will. Ich verzichte darauf, ihm einen guten Abend zu wünschen.

»Was wollen Sie?«

»Was ich ...?«, fragt er, und mustert mein Gesicht, als gäbe es da Wunder was zu entdecken. Dann kommt er zur Sache. »Mia ist verschwunden«, sagt er.

Darauf erwidere ich gar nichts.

»Bitte«, sagt er. »Wenn Sie irgendetwas wissen, sagen Sie es mir, Emma. Hat sie Ihnen gegenüber irgendwelche Andeutungen gemacht?«

»Welche Art von Andeutungen?«, frage ich zurück. Das ist ja fast zum Lachen. Klar, hat sie Andeutungen gemacht, jede Menge. Über das, was bei ihr daheim so läuft, und das, was vielleicht an gewissen Treffpunkten im Wald passiert, wo die ach so braven Kids von Élysée sich angeblich manchmal nachts treffen, um gar nicht so brave Dinge zu tun.

»Wohin sie wollte«, sagt er, und nun zittert seine Stimme ein bisschen. Vor kaum unterdrückter Wut, vermutlich. Er ist ein großer Mann, und ich bin froh, dass das geschlossene Eisentor sich zwischen uns befindet. »Oder zu wem? Irgendwas? Ich erreiche sie nicht auf ihrem Handy, und ... ach, verdammt!«

»Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen, fürchte ich«, sage ich.

Er starrt mir lange ins Gesicht, die Mundwinkel krampfhaft nach unten gezogen, eine Maske der Bosheit und Wut. Das echte Gesicht von Viktor Neumann, Oberstaatsanwalt und Vorzeigevater der Nation, hier ist es. Dann sagt er leise: »Das stammt also von euch beiden, dieser ganze Mist. Als Vergeltung, ja?«

»Was meinen Sie?«

»Die Lügen, die man sich plötzlich in Élysée über mich erzählt«, zischt er. »Habt ihr etwa geglaubt, ich erfahre davon nichts? Dieser Mist von wegen ich würde Mia schlagen und wollte dieser dürren Hexe an die Wäsche, die diesen beschissenen Leseclub leitet. Was soll das, hm? Wieso seid ihr beide wirklich hier, in Élysée? Was habt ihr vor?« In diesem Moment sieht er aus wie ein echter Irrer. Einer von diesen paranoiden Verschwörungstheoretikern, die auf der Straße Leute anbrüllen, weil sie glauben, die seien Reptilien in Menschengestalt oder sowas.

»Ach, wissen Sie das nicht?«, frage ich und grinse ihn an, immerhin ist da noch gut ein Meter Abstand zwischen mir und dem Gartentor, und das Tor selbst, natürlich. »Wir sind hier, um alle mit dem Lesben- und Schwulenvirus anzustecken.«

Seine Augen treten aus den Höhlen und er muss ein paar Mal schlucken, bevor er seine Sprache wiederfindet. Dann sagt er: »Du glaubst echt, dass es darum geht, wie? Dass hier irgendwer ein Problem damit hat, dass ihr lesbisch seid?«

»Ja, den Eindruck habe ich durchaus, Herr Nachbar«, sage ich und bin ein bisschen stolz auf meine Sophie-Simulation. Sie täuscht gut darüber hinweg, finde ich, dass ich in diesem Moment mein Herz bis in die Schläfen wummern höre, und sehr genau darauf achte, dem Gartentor nicht zu nahe zu kommen, das mich von diesem Kaputten trennt. »Herr Weber ließ wenig Zweifel daran, als er mich von meiner Arbeitsstelle beurlaubte. Und es besteht wohl inzwischen auch wenig Zweifel daran, wer ihm das nur eingeredet haben kann.«

»Was?«, schnappt er. »Du glaubst, dass ich ihm ...«

»Herr Neumann«, sage ich, weil es mir immer weniger passt, dass er mich unaufgefordert duzt, und ich dieses Gespräch auch allmählich satthabe. »Wenn das dann alles wäre ...«

»Das ist noch lange nicht alles, da verlass dich drauf«, schnauft er. »Du wirst keinen Fuß mehr in diese Nachbarschaft hier setzen, wenn ich mit dir fertig bin, du Nutte!«

»Was?«, schnappe ich, und plötzlich wird mir ganz übel. Meine Knie beginnen zu zittern. Mir fällt Simon ein, und die verdammte Eule in seinem Flur. Weiß Neumann etwa auch davon?

»Du hast schon richtig gehört, Mädchen!«, knurrt er. »Solche wie du sind das allerletzte. Parasiten seid ihr, die sich an alles hängen, was ein bisschen Geld hat.«

Ich kann ihn nur anstarren, denn nun kapiere ich gar nichts mehr.

»Du verstehst schon, was ich meine. Hast ja einen guten Fang gemacht, mit der Stratmann-Erbin, wie? Einen schwer reichen Bauunternehmer als Vater, und kaum lernt sie dich kennen, stirbt der Mann und sein Töchterlein verhökert die ganze Firma zum Schleuderpreis. Ich habe mich kundig gemacht über sie. Und über dich, meine Liebe. Du gehörst nicht hier her. Sophie Stratmann schon, und mit der habe ich auch kein Problem. Aber lass mich dir einen guten Rat geben, Emma. Verpiss dich aus diesem Haus und aus diesem Viertel, solange du noch kannst!«

Er dreht sich brüsk um und geht. Ich stehe noch eine ganze Weile da, mit zitternden Knien und wummerndem Herzen. Unfähig, zu verarbeiten, was er mir da gerade an den Kopf geworfen hat.

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