Parasit
Kapitel 16
ÉLYSÉE, HEUTE
A ls ich endlich wieder zu Hause ankomme, bin ich ziemlich durch den Wind. Ich habe mir sogar tatsächlich ein paar neue Schuhe in der Stadt besorgt, aber die zu kaufen war eine Qual, weil ich mich kaum auf die Worte konzentrieren konnte, mit denen die etwas übereifrige Verkäuferin die Teile anpries. Sie waren jedenfalls teuer genug, dass ich davon ausgehen kann, dass auch Sophie sie hübsch finden und mich für meinen Geschmack loben wird. Ich musste die ganze Zeit über das nachdenken, was Simon auf dem Parkplatz gesagt hat. Besonders darüber, dass die Schüler mittlerweile zu glauben scheinen, dass Mia von zu Hause abgehauen ist. Und dass Viktor Neumann ernsthaft denken könnte, dass ich ihr diese Idee erst in den Kopf gesetzt habe.
Was ich natürlich nicht habe, aber ausgeredet habe ich ihr die Idee nun auch nicht gerade, auch wenn sie das Vorhaben mir gegenüber nie so konkret erwähnt hat. Klar, ihr Vater und dessen ständige Forderungen nach Bestnoten gingen ihr auf die Nerven, verständlicherweise. Und dann noch diese andere Sache, die sie nur angedeutet hat, und von der ich nicht weiß, ob sie überhaupt wahr ist, oder vielleicht nur der Schrei eines pubertierenden Mädchens nach Aufmerksamkeit.
Sollten wir vielleicht nochmals zu Neumann gehen und ihn eindringlicher auffordern, uns mit Mia sprechen zu lassen? Was, wenn sie wirklich nicht zu Hause ist? Und sollten wir uns überhaupt noch weiter in diese Familiengeschichte einmischen? Habe ich nicht schon genug Schaden angerichtet? Viktor Neumann ist fraglos ein gefährlicher Gegner – welchen Zusammenhang auch immer Simon da konkret gemeint haben mag, und offenbar habe ich ihn bereits verärgert. So, wie die Dinge stehen, war sein freundliches Getue am Anfang unseres Besuches komplett geschauspielert, weiter nichts. Was, wenn Neumann tatsächlich hinter der E-Mail an Direktor Weber steckt? Hinter dem Video? Und, wenn wir schon dabei sind – wieso nicht auch hinter dem Zettel unter meinem Scheibenwischer und dem Stein in meiner Windschutzscheibe?
Ausschließen kann ich keine dieser Möglichkeiten.
Wo sind wir da nur hineingeraten?
Als ich den Flur betrete, höre ich Stimmen aus dem Wohnzimmer. Verdammt, ich hatte das eigentlich in Ruhe mit Sophie besprechen wollen. Ich hoffe inständig, dass das nicht Martha ist, die uns besucht. Sie war schon immer eine endlose Quasselstrippe, die einfach nicht kapiert, wann es Zeit ist, zu gehen. Und seit Buster verschwunden ist, ist die Sache nicht besser geworden. Für sie ist das lediglich ein Grund mehr, noch öfter bei uns aufzutauchen als bisher und uns die Ohren vollzujammern deswegen, wobei ich immer noch nicht ganz ausschließe, dass sie ihn vielleicht selbst umgebracht hat, in einem Anfall von – was immer diese irre alte Schachtel auch geritten haben mag.
Es ist nicht Martha.
Sondern Vivian Lasalle.
Auch nicht wirklich besser, aber immerhin beherbergen wir mit ihr keine potenzielle Hundemörderin in unserm Haus. Vivian ist nämlich ein Fan-Girl. Natürlich nicht von mir, sondern von Sophie Stratmann, der berühmten Schriftstellerin. Mit ihrem Debüt ›Der Stich der Rose‹ gelang ihr auf Anhieb der Einstieg in die Spiegel-Bestsellerliste, und es erhielt viel lobende Kritik. Auch ein paar richtig miese Verrisse in einigen der großen Zeitschriften, aber sie versicherte mir, das sei eben so in der Welt der Kunst, da gäbe es für ein erfolgreiches Werk nur Hop oder Top, Pro oder Contra, nichts dazwischen. Die Verkaufszahlen sprachen jedenfalls für sich, und nur darauf kommt es schließlich an. Die Geschichte in Sophies Buch ist verwickelt erzählt, mit vielen Rückblenden, und immer wieder unterbrochen von Gedichten und kurzen Prosatexten, die nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun haben scheinen. Ich muss gestehen, ich konnte eher wenig damit anfangen, durch die letzten Kapitel musste ich mich regelrecht quälen, aber schließlich verstehe ich auch nicht viel von hoher Kunst. Ich bin eher eine gelegentliche Krimileserin, wenn ich überhaupt mal ein Buch lese. Aber auch ich freute mich natürlich riesig über Sophies Erfolg. Was sie anpackt, wird einfach immer zu Gold. Meine goldene Sophie.
Natürlich hatte sich auch in Élysée schnell herumgesprochen, dass es sich bei Sophie um die Sophie Stratmann handelt, Autorin dieses allseits beachteten, wenn auch nicht allseits gefeierten Buches von der Rose und ihrem schmerzenden Stich, und allem, was dazwischen liegt. Sie wurde deshalb von Vivian Lasalle, der Vorsitzenden des örtlichen Lesekreises, nicht nur gebeten, bei einer der nächsten Sitzungen des Buchclubs zu lesen, sondern kurzerhand zur Ehrenvorsitzenden gemacht. Sie treffen sich seitdem alle zwei Wochen, um sich gegenseitig irgendwelche Bücher vorzustellen, und nach dem, was Sophie erzählt, handelt es sich dabei ausschließlich um hochtrabendes und schöngeistiges Zeug. Vivian benimmt sich bei jedem Treffen des Lesezirkels so, als wäre sie vierzehn und zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem echten Star zusammen in einem Raum, etwa dem Sänger ihrer Lieblingsrockband. Man könnte beinahe eifersüchtig werden, merkte Sophie einmal lachend an – wenn ich daran denke, bleibt mir allerdings das Lachen im Halse stecken. Doch ich will nicht mehr an Dinge denken, die vorüber und begraben sind, also stürze ich mich ins Getümmel, indem ich die Tür zu unserem Wohnzimmer öffne.
Wie erwartet finde ich meine Frau und unsere Besucherin nicht fummelnd auf der Couch vor, sondern Kaffee trinkend – und einen Stapel Bücher vor sich auf dem Cafétisch. Ich gehe zu Sophie und begrüße sie mit einem Kuss, dann wende ich mich lächelnd zu Vivian um. Erst da bemerke ich, dass sie ziemlich ernst dreinblickt – zumindest für ihre Verhältnisse.
Ich gebe ihr die Hand und lasse mich in den Sessel gegenüber der Couch fallen, dann beobachte ich einen Moment lang den Blickwechsel zwischen Vivian und Sophie, die ihr schließlich sanft zunickt. Vivian wendet sich an mich und sagt: »Ich bin nur kurz vorbeigekommen, um ein paar Bücher abzugeben, und ich will auch nicht länger stören, Emma ...«
»Du bist hier immer gern gesehen, Vivian«, versichere ich ihr lächelnd.
»Danke, aber ... also, Sophie hat mir gerade erzählt, dass ihr gestern Abend bei Viktor drüben wart, also ...«
»Richtig«, sage ich und werfe Sophie einen kurzen Blick mit hochgezogener Augenbraue zu. Muss sie es gleich in ganz Élysée herumposaunen, dass wir dem selbsternannten König des Viertels mal ein bisschen die Stirn geboten haben?
»Also, ich habe von meiner Tochter erfahren«, fährt Vivian fort, »dass Mia heute nicht in der Schule war, auch gestern nicht, und ...« Wieder ein kurzer Blickwechsel mit Sophie, als müsse sie die vor jedem Satz um deren Erlaubnis bitten. »Also, ich bin gut befreundet mit den Jensens, die sind ja direkte Nachbarn von Viktor Neumann. Und die haben mir gesagt, dass sie einen ziemlich üblen Streit mitgehört haben. Am Dienstag Abend. Vor zwei Tagen also.«
Der Abend, als ich den Zettel unter meinem Scheibenwischer fand, und mein Auto mit einem Stein beworfen wurde. Der Abend, an dem ich ... plötzlich ist das flaue Gefühl wieder voll da. Ich bohre den Nagel meines rechten Ringfingers kräftig ins Fleisch meines Zeigefingers. Der Schmerz bringt mich augenblicklich wieder zurück ins Hier und Jetzt. Ich lächle, es geht leichter, als ich gedacht hätte. Obwohl das Wummern meines Herzens fast meine eigenen Worte übertönt, als ich sage: »Dann muss es aber ziemlich laut zugegangen sein bei den Neumanns.«
Vivian nickt heftig. »Sie hatten die Fenster offen, und die Neumanns scheinbar ebenfalls. Sie haben nicht genau verstanden, worum es ging, aber die beiden haben sich richtig angebrüllt, Vater und Tochter Neumann. Aber das ... äh, das habt ihr nicht von mir, okay?«
»Natürlich nicht, meine Liebe«, sagt Sophie ganz souverän.
Ich lächle einfach weiter, während mein Gesicht mir vorkommt wie eine Maske, ein Fremdkörper, der nur in diesem Moment zu mir gehört, für einen kurzen Augenblick, und dann wieder zu einer anderen. Doch ich muss die Maskerade aufrecht erhalten, während ich angestrengt versuche, mich zu erinnern, ob wir eine dieser verdammten Eulenstatuen auch in Vivians Garten gesehen haben.
Später, nachdem Vivian gegangen ist, sitzen wir eng umschlungen vor dem Kamin und starren in die Flammen. Als ich Sophie frage, wie sie mit dem neuen Buch vorankommt, lächelt sie mich nur an, bleibt mir aber eine Antwort schuldig. Ich nehme daher an, dass ihre Schreibblockade weiterhin anhält. Ich wünsche ihr, dass sie bald weiterkommt, aber ich weiß, dass so etwas dauern kann. Künstler eben. Ich hoffe es auch ein bisschen für mich, denn solange Weber meine Beurlaubung nicht aufhebt, stehe ich wieder vor dem Problem, vierundzwanzig Stunden am Tag in diesem Haus herumhocken zu müssen.
»Weißt du was?«, unterbricht sie meine Gedanken, küsst die Haut meines Unterarms, und legt dann ihren Kopf darauf. Es jagt ein Kitzeln meinen Arm hinauf und ich bekomme eine Gänsehaut. Egal, wie oft sie das schon getan hat, es klappt jedes Mal aufs Neue. »Ich denke, dass Neumann das Video wirklich an Weber geschickt hat. Vielleicht, um von dem Streit abzulenken, den er mit seiner Tochter hatte. Du weißt ja, wie die Leute hier auf ihren Ruf bedacht sind – zumal er der Obertstaatsanwalt ist. Es würde vermutlich kein allzu gutes Licht auf ihn werfen, wenn das allgemein bekannt würde.«
»Glaubst du echt, das juckt den?«
»Ich denke schon, Liebes. Und ich denke ebenfalls, dass Mia ihm gesagt hat, dass sie vorhat, von zu Hause abzuhauen, und dass du sie bei dem Gedanken unterstützt hast.«
»Ich habe sie nicht ...«, protestiere ich schwach.
»Aber er sieht das so, und darauf kommt es im Moment leider an.«
»Von mir aus. Und wie erklärst du dir dann, dass Mia seitdem komplett abgetaucht ist? Dass sie nicht mal bei einem ihrer Social Media-Accounts etwas gepostet hat?«
»Sie ist siebzehn, Süße. Jung, aber nicht dumm. Die würden sie doch sofort finden, wenn sie ein digitales Lebenszeichen von sich gäbe.«
»Die?«
»Du weißt schon, die Polizei. Ihr Vater. Ich meine, es hat sicher Vorteile, Staatsanwalt zu sein. Und Neumann hat gute Kontakte zu allen möglichen Behörden, das ist bekannt. Ich wette, er könnte sogar einen SEK-Einsatz vom Zaun brechen, wenn er wollte. Mit Sturmtruppen, die sich aus dem Hubschrauber abseilen. Das volle Programm.« Sie kichert leise.
»Und jetzt?«, frage ich.
»Jetzt?«, fragt sie, »Jetzt wird es Zeit, dass wir den Spieß mal umdrehen.«
Dann steht sie auf und geht in die Küche. Wie sich herausstellt, um Vivian Lasalle anzurufen.
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