Parasit

Alex Pohl · Kapitel 39 von 68

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Parasit

Kapitel 39

 

EMMA

 

I ch möchte nicht mehr weg aus Élysée. Je weniger Neumann mich hier haben will, desto entschlossener bin ich, darum zu kämpfen, hierzubleiben. Um mein Recht, genauso behandelt zu werden wie alle anderen hier. Soll Neumann doch ersticken an seinen mittelalterlichen Vorurteilen und seiner Egomanie. Ich überlege sogar, ob ich Sophie nicht doch von dem erzählen soll, was er mir damals an den Kopf geworfen hat, als er an jenem Abend vor unserem Gartentor auftauchte und mir versicherte, dass ich keinen Fuß mehr in diese Nachbarschaft setzen würde, wenn er erst mit mir fertig sei. Der Abend, an dem er mich eine Nutte nannte, und einen Parasiten. Wenn Sophie davon erführe, wäre es vermutlich besser für ihn, sich schleunigst aus dem Staub zu machen. Oder nie geboren worden zu sein.

Als es klingelt und wir Schlesinger einlassen, drückt er jeder von uns herzlich die Hand. Wie immer ist er ausgesprochen adrett gekleidet, auf eine beinahe schon pedantische Weise, und trägt sein übliches siegessicheres Lächeln im Gesicht. Wieder einmal frage ich mich, wie alt er wohl sein mag. Die schlohweißen Haare wirken aufgrund seines sportlichen und beinahe jugendlichen Auftretens beinahe so, als seien sie gefärbt. Ein Mann in der Blüte seines Lebens, auf dem Gipfel des Erfolgs. Es tut gut, ihn auf unserer Seite zu wissen.

Seine Begleitung ist ein jüngerer Mann von vielleicht fünfunddreißig Jahren, mit ernsten, etwas verschlossen wirkenden Gesichtszügen, Dreitagebart und einer blank polierten Glatze. Das muss dann wohl der angekündigte ›Spezialist für moralische und juristische Graubereiche‹ sein, wenn ich Schlesinger da richtig verstanden habe. Auch der jüngere Mann trägt hochwertige Kleidung, seine wirkt aber eher robust, beinahe schon militärisch. Schwarze, eng anliegende Jeans und Lederstiefel, dazu ein knielanger Mantel.

»Das ist Herr Harforch«, stellt Schlesinger ihn vor, und zwinkert Sophie fröhlich zu. »Er ist mein Mann für besondere Anlässe, und ich hatte Ihnen ja versprochen, dass Sie sich kennenlernen. Also, hier ist er.«

Harforch reicht jeder von uns seine Hand. Sein Händedruck ist fest und knapp, sein Lächeln professionell, die Lippen dünn, während er mit einem schnellen Blick seine Umgebung erfasst, als würde er sie routinemäßig auf mögliche Fluchtwege überprüfen oder sowas. Der Mann ist ein bisschen furchteinflößend, aber das kann vermutlich nur zu unserem Vorteil sein.

»Herr Harforch ist lizensierter Privatdetektiv, und, wenn ich das so sagen darf, einer der besten der Branche.«

Harforch nimmt das kommentarlos zur Kenntnis, woraus ich nur schließen kann, dass er selbst ebenfalls dieser Meinung ist oder dass ihn Schlesingers Einschätzung seiner Fähigkeiten deutlich weniger interessiert als die pünktliche Bezahlung seiner Aufträge.

Wir gehen voran ins Wohnzimmer und nehmen dann alle um den Cafétisch herum Platz. Auch hier huscht der Blick von Harforchs schwarzen Stahlmurmel-Augen blitzschnell durch das Zimmer, bevor er sich setzt. Sophie und ich nehmen auf der Couch Platz, Schlesinger und der Privatdetektiv jeweils in einem der gemütlichen Ohrensessel. Getränke und Erfrischungen jedweder Art schlagen beide aus. Schlesinger brennt förmlich darauf, endlich zur Sache zu kommen, das ist ihm deutlich anzumerken.

»Also, meine Damen«, beginnt Schlesinger und das verschmitzte Grinsen unter seinem gestriegelten weißen Schnurrbart wird jetzt noch etwas breiter. »Ich möchte nicht mehr von Ihrer Zeit als unbedingt nötig beanspruchen, also kommen wir doch gleich zur Sache, ja? Inzwischen konnte ich, dank der Bemühungen von Herrn Harforch und Kollegen, in Erfahrung bringen, von wem das Video stammt.«

Wir starren ihn beide gespannt an.

»Es wurde hochgeladen, und daher sehr wahrscheinlich auch aufgenommen von einem Schüler an Ihrer Schule, Emma.« Als er das sagt, krampft sich mein Herz zusammen. Er sieht mich direkt an. »Julian Jensen, kennen Sie ihn?«

Das verblüfft mich dann doch. »Julian?«, sage ich. »Klar, er ist in derselben Klassenstufe wie Mia, also ...« In der Mia gewesen ist, denke ich. Als sie noch lebte. »Aber ich verstehe nicht ganz, fürchte ich. Was soll denn Julian damit zu tun haben?«

»Die Beweggründe von Julian Jensen entziehen sich bisher leider meiner Kenntnis«, sagt Schlesinger. »Aber ich gehe davon aus, dass die Polizei inzwischen schon zu demselben Schluss gelangt ist und den Jungen zur Stunde über eben jene Gründe befragt. Sollte das bis morgen nicht passiert sein, werden wir wohl ein bisschen nachhelfen müssen. Anonym, versteht sich, und ohne Sie zusätzlich in die Sache zu verwickeln. In jedem Fall werde ich Akteneinsicht fordern, falls die Behörden danach immer noch Vorwürfe gegen Sie erheben sollten, Emma.«

»Vorwürfe? Was denn für Vorwürfe?«, fragt Sophie alarmiert.

»Das steht momentan noch in den Sternen, fürchte ich«, erwidert Schlesinger. »Aber ich glaube, uns allen ist inzwischen recht gut bewusst, dass der Einfluss des Herrn Oberstaatsanwalts durchaus auch bis in die inneren Kreise der Polizeibehörden reicht, und dass Herr Wiesner ... nun, sagen wir, dass er recht zugänglich für Einflüsterungen aus dieser Richtung zu sein scheint. Ganz ehrlich, meine Damen? In seiner Haut möchte ich gerade nicht stecken. Er steht unter enormem Druck, und der geht direkt von der Oberstaatsanwaltschaft aus.«

»Neumann«, ächze ich.

Er stößt ein kultiviertes Lachen aus, als hätte jemand gerade einen durch und durch sittsamen Witz gemacht. Aber meine gerade noch gute Laune ist jetzt wie weggeblasen. Ich hatte geglaubt, dass es Schlesinger gelungen sein würde, mich vollständig zu entlasten und jetzt sowas? Es steht in den Sternen, welche Vorwürfe Wiesner als Nächstes gegen mich erheben könnte?

»Sie glauben also, dass die Polizei mich vielleicht doch noch als Verdächtige sieht, in ...« Ich kann es gar nicht aussprechen. »Im Fall Mia Neumann.«

»Das kann ich noch nicht mit Bestimmtheit sagen«, fährt Schlesinger gut gelaunt fort, als wäre der Umstand, dass ich demnächst vielleicht einer Mordanklage gegenüberstehe, nichts weiter als eine kleine Unannehmlichkeit. »Aber offen gestanden glaube ich das eher nicht. Nicht nach dem, was Herr Harforch außerdem noch über diesen Julian Jensen herausgefunden hat. Der zudem im Haus direkt neben dem der Familie Neumann wohnt, richtig?«

Sophie und ich nicken synchron. Die Jensens sind außerdem die Nachbarn, die den Streit zwischen Mia und ihrem Vater mitbekommen haben, zumindest hat das Vivian Lasalle behauptet. Bloß weiß ich im Moment überhaupt nicht mehr, wem ich noch vertrauen soll. Nicht, nachdem ich gerade erfahren habe, dass der Sohn der Jensens mir oder Mia nachgeschlichen ist und heimlich ein Video von uns gemacht hat, das er anschließend noch mit ein paar kindischen Herzchen verzierte und ins Internet hochlud, damit es jeder sehen kann.

»Was haben Sie also noch herausgefunden?«, frage ich.

»Etwas, das die ganze Sache für Herrn Wiesner noch deutlich pikanter machen dürfte«, antwortet Schlesinger. »Ich glaube, er wird sich schon bald auf einen neuen Verdächtigen einschießen müssen und angesichts dieser neuen Umstände bin ich durchaus geneigt, seiner Theorie zuzustimmen, dass Mia Neumanns Tod kein Unfall war.«

Wenn er doch endlich aufhören würde, um den heißen Brei herumzureden.

»Sie glauben also inzwischen auch, dass es Mord war«, flüstere ich. Spreche es zum ersten Mal aus, dieses Wort. Mord, und ich stecke mittendrin, zumindest den Stimmen in Neumanns Kopf zufolge. Für den ich eine Nutte bin und ein Parasit, der aus Élysée herausgeschnitten gehört wie ein Krebsgeschwür. Und aus Sophies Leben. Aber das wird nicht passieren, nichts davon. Denn wir lieben uns, und mir ist egal, wie kitschig das klingen mag. Es ist einfach eine Tatsache.

Schlesinger nickt leichthin, ohne dass sein Lächeln auch nur eine Winzigkeit von seiner strahlenden Intensität einbüßt. Dann nickt er Harforch zu, der daraufhin eine große Plastiktüte unter seinem Jackett hervorzieht, wo er sie wohl die ganze Zeit mit sich herumgeschleppt haben muss. Es ist eine von diesen großen, mit einem Ziplock-Verschluss, wie man sie gelegentlich in Krimis sieht, wenn die Polizei am Tatort Beweise eintütet. Harforch legt die Tüte vor uns auf den Tisch.

Darin steckt eine weitere Plastiktüte, in der sich etwas befindet, das aussieht wie große Salzkristalle. »Das«, erläutert Harforch, »ist Methamphetamin, auch bekannt als Crystal Meth.«

Sophie saugt scharf die Luft ein. Ist der Typ irre, das in unser Haus mitzubringen? Sind das etwa die guten Nachrichten, die Schlesinger uns versprochen hat? Eine Tüte voll Drogen?

»Keine Angst«, sagt Schlesinger. »Herr Harforch wird dieses Paket umgehend der Polizei übergeben. Interessant an diesem kleinen Päckchen ist nämlich außerdem das, was man nicht sieht, jedenfalls nicht mit bloßem Auge. In diesem Fall die Fingerabdrücke eines gewissen Julian Jensen, die sich an der Plastiktüte im Inneren befinden. Herr Harforch war bereits so frei, dies zu überprüfen, und außerdem sicherzustellen, dass es sich bei dem Inhalt des Beutels tatsächlich um eine Droge handelt. Und nicht etwa bloß um ein paar Stückchen Kandiszucker.« Schlesinger gluckst vergnügt.

»Wie kommen denn Julians Fingerabdrücke da dran?«, frage ich.

Der bis dahin völlig schweigsame Harforch meldet sich zu Wort. »Nachdem wir herausgefunden haben, dass der Junge das Video gedreht hat, habe ich mich ein bisschen an seine Fersen geheftet. Wollte wissen, was der junge Mann so treibt in seiner Freizeit. Ob er vielleicht öfter durch die Gegend streift und Videos von Leuten ohne deren Einverständnis dreht. Als er Élysée das nächste Mal verließ, bin ich ihm daher gefolgt. Zu einem Forsthaus im Hamstetter Forst, vielleicht kennen Sie es? Da wohnt ein Lehrer, der auch an Ihrer Schule unterrichtet, ein gewisser Simon Schwarz.«

Sophie schüttelt den Kopf, und ich schweige, während ich innerlich zu Eis erstarre. Simons Haus. Was zur Hölle kann Julian da gewollt haben?

»Aber dort war offenbar niemand daheim, also ging Julian wieder. Das kam mir doch sehr merkwürdig vor, also folgte ich ihm weiter und sah dann zufällig, wie er dieses Zeug vergrub, offenbar, um es später wieder auszugraben. Wenn die Luft wieder rein wäre. Vermutlich war die Polizei da bereits wegen des Videos bei ihm und er dachte, es sei wohl besser, dieses Zeug vorübergehend loszuwerden, falls die Beamten erneut bei ihm auftauchen sollten und sich genauer umsehen möchten.«

»Moment«, unterbreche ich ihn. »Und Sie absolut sind sicher, dass das Zeug Julian gehört?« Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, aber bis vor wenigen Minuten hatte ich mir auch nicht vorstellen können, dass Julian derjenige ist, der das Video gedreht und ins Internet gestellt hat.

Er nickt. »Es sind Fingerabdrücke dran, jede Menge, das habe ich bereits untersucht. Und ich habe außerdem gesehen, wie er den Beutel angefasst hat, als er ihn vergrub. Demnach müssen es seine Fingerabdrücke sein. Was wiederum bedeutet, dass wir der Polizei zweifelsfrei darlegen können, dass Julian Jensen – dieselbe Person, die dem späteren Opfer Mia Neumann hinterhergeschlichen und heimlich Videos von ihr gedreht hat, in Drogengeschäfte verwickelt ist, und das hier ist auch keine Menge mehr, welche die Polizei als Eigenbedarf anerkennen würde. Wir reden hier von organisiertem Drogenhandel, und dafür, das können Sie mir glauben, interessiert sich die Polizei immer, besonders, wenn es Minderjährige betrifft. Dass Julian mit dem Opfer bekannt war, ist unbestritten. Ich denke, wir sollten es der Polizei überlassen, da eine konkrete Verbindung herzustellen, aber ich möchte weiter zu bedenken geben, dass das Video, das Sie ja überhaupt erst ins Spiel brachte, Frau Stratmann, just am Tag nach Mia Neumanns Tod an den Direktor der Schule geschickt wurde, an der Sie unterrichten.«

»Und das bedeutet?«

»Ohne dieses Video, Emma«, erklärt Schlesinger, »wäre nie auch nur der Hauch eines Verdachtes gegen Sie aufgekommen, Emma. Das zu beweisen, wird unsere primäre Strategie sein. Aus diesem Grund werde ich eine sofortige Einstellung jeglicher Untersuchungen gegen Sie fordern, und gnade ihm Gott, sollte Wiesner auch nur noch einmal sein Gesicht in Ihrer Nähe zeigen.«

Er grinst mich breit an.

Und so allmählich macht es auch bei mir Klick.

»Dann stammte das Video also doch nicht von Neumann«, sage ich leise, und Schlesinger nickt mir aufmunternd zu. »Und daher vermutlich auch nicht die Sprühfarbe auf meinem Auto.« Und nicht der Zettel unter dem Scheibenwischer und der Stein in der Windschutzscheibe. Das alles muss Julian gewesen sein, und nicht Neumann. Julian, der Mia heimlich hinterhergeschlichen ist und dabei vielleicht randvoll mit irgendwelchen Drogen war. Und sich in seiner hormongeschwängerten Umnachtung eingeredet hat, ich würde ihm die Freundin wegschnappen.

Und jetzt verstehe ich auch, wieso.

Mia hatte mir erzählen wollen, was wirklich an der Lichtung bei den Felsen passiert, doch bevor sie dazu kam, war sie gestorben. Jetzt verstehe ich, warum Schlesinger so grinst. Ja, es geht um Mord, und noch dazu an einer Schülerin, doch nun gibt es einen überaus plausiblen, neuen Verdächtigen. Einen siebzehnjährigen Jungen, dem jetzt vermutlich ein Aufenthalt im Jugendknast bevorsteht, vielleicht Schlimmeres. Aber das ist nicht das eigentlich Elegante daran, kapiere ich einen Augenblick später. Das wirklich Tolle an dieser Lösung ist, dass Neumann damit die Möglichkeit erhält, sein Gesicht zu wahren. Ein trauernder Vater, der vielleicht ein bisschen übereifrig auf die Polizei eingewirkt hat, was aber letztlich dazu geführt hat, dass der wahre Mörder seiner Tochter gefunden wurde. Neumann selbst kommt also ungeschoren davon, trotz seiner Vorwürfe, trotz seiner Einmischung.

Trotz der Dinge, die er mir an den Kopf geworfen hat.

Ist das vielleicht Gerechtigkeit?

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