Parasit
Kapitel 2
D as Mädchen war ungefähr elf oder zwölf Jahre alt, als es geschah, ja, das könnte ungefähr hinkommen. Damals spielte es am liebsten im Garten mit seinen Puppen und dem alten Puppenhaus, so auch an jenem Tag. Wie sie das eigentlich immer tat, wenn die Mutter das Mädchen nicht im Haus haben wollte, weil sie ihre Ruhe brauchte. Ruhe war sehr wichtig für die Mutter, besonders, wenn sie ihre Kopfschmerzen hatte. Dann verließ sie die schattige Kühle des Hauses manchmal für Tage nicht, und das Mädchen musste ganz allein draußen spielen.
Aber das machte dem Mädchen nichts.
Es war ein schöner Sommertag.
Die Sonne brach funkelnd durch die Blätter der Bäume, und streckte ihre Lichtfinger nach dem Mädchen aus, als wollten sie mit ihm Fangen spielen. Die Bäume kamen dem Mädchen wie Riesen aus dem Märchen vor, und manchmal bildete das Mädchen sich ein, dass der Wind ihren raschelnden Baumkronen Flüsterstimmen verlieh, mit denen sie miteinander sprachen, auch, wenn das Kleinmädchengedanken waren und das Mädchen sich schon fast ein bisschen zu alt dafür fühlte. Es waren vielleicht Pappeln, dort im Garten vor dem Haus. Lange, schlanke Bäume jedenfalls, und uralt. Das Mädchen mochte sie jedenfalls.
Das Mädchen besaß ein großes Puppenhaus aus Holz, und mit dem spielte es am liebsten. Es war uralt und echte Handarbeit; eine detailgetreue Miniaturversion des großen Hauses, in dem das Mädchen fast ganz allein mit seiner Mutter wohnte, einer dreigeschossigen Villa im Tudorstil, komplett mit Türmchen und Erkern und Mauern mit dekorativen Burgzinnen.
Und einem Turmzimmer.
An der Vorderseite konnte man das Puppenhäuschen aufklappen und dann in die Zimmerchen hineinschauen. Es gab winzige Stühle, die um einen winzigen Tisch herumstanden, und Lampen und Bettvorleger und Badezimmer mit Waschbecken und winzigen Wasserhähnen, und sogar eine kleine Badewanne mit Klauenfüßen aus Zinn, alles ganz detailgetreu.
Am liebsten spielte das Mädchen Familie.
Dazu nahm es immer dieselben drei Puppen – Papa, Mama, Kind. Die Puppenfamilie verbrachte die meiste Zeit gemeinsam im Esszimmer des Puppenhauses und war überhaupt sehr fröhlich. Dort saßen die um die lange Tafel, aßen winzige Brote und Früchte aus bemaltem Salzteig und erzählten sich lachend vom Tage, wie eine richtige Familie das eben so tut.
Dem Mädchen wurde dieses Spiel nie langweilig.
Es war nämlich sein Lieblingsspiel.
Das Puppenhaus musste immer auf einer Wolldecke stehen, damit es nicht schmutzig wurde, oder feucht vom Gras. Das Mädchen hatte noch andere Puppen, aber die lagen meist nur in einem unordentlichen Haufen am Rand der Decke herum. Das Mädchen brauchte sie ja nicht zum Familiespielen.
An diesem Nachmittag fiel dem Mädchen ein neues Spiel ein. Die kleine Puppenmama würde heute etwas anderes machen als sonst, etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Heute würde die Mama nämlich eine Migräne haben. Also ließ das Mädchen die Mama-Puppe von dem Tischchen aufstehen, an dem die Familie zusammensaß. Es schob das Stühlchen, auf dem die kleine Puppe gesessen hatte, zurück und ahmte dabei sogar mit dem Mund das Quietschen der Stuhlbeine auf dem Parkett nach, quieeetsch.
Dann ließ es die Mama eine höfliche kleine Verbeugung machen.
»Auf Wiedersehen, lieber Papa«, sagte das Mama-Püppchen, und dann: »Auf Wiedersehen, liebe Sophie«, dann nahm das Mädchen sie und legte sie auf das Bettchen im Schlafzimmer im ersten Stock.
Doch etwas stimmte nicht mit diesem Bild.
Natürlich, dachte das Mädchen, es war ja noch hell draußen, warum sollte sich die Mama also schon so früh zur Ruhe legen? Also stand das Püppchen wieder auf und für eine Weile wog das Mädchen sie unschlüssig in der Hand. Wohin mit dir, Mama?
Dann fiel es dem Mädchen ein.
Natürlich.
Das Turmzimmer.
Manchmal ging Mama dort hinauf, und wenn sie zurückkam, putzte sie sich stets ganz besonders gründlich die Zähne, doch das Mädchen konnte den leichten Rauchgeruch trotzdem wahrnehmen, der die Mama dann umgab. Das Mädchen fand den Geruch eklig, und es gar nicht schön, dass die Mama nach kalter Asche roch. Und ihm fiel auf, dass Mama dann manchmal ganz gerötete Augen hatte und anschließend besonders viel Zeit im Schlafzimmer verbrachte.
Plötzlich wusste das Mädchen, was die Puppe tun würde. Richtig, sie würde nach oben gehen, in das Turmzimmer, um dort zu rauchen, und dabei aus dem schmalen Fenster blicken, genau wie Mama das manchmal tat. Das Mädchen blickte sich nach einem dünnen Stöckchen um, das der Puppe als Zigarette dienen konnte, aber es fand keines.
Also stellte das Mädchen die Puppe ins Turmzimmer, ohne Miniaturzigarette, und lehnte sie an den Rahmen des schmalen Fensters, das es dort gab. Doch das Püppchen verlor sein Gleichgewicht, kippte vornüber aus dem langen Fenster und fiel, plumps, auf den Rasen, drei ganze Puppenhausstockwerke tief fiel es hinab. Der Anblick der Puppe, die mit dem Gesicht nach unten im Gras lag, löste eine beklemmende Übelkeit in dem Mädchen aus, sodass es rasch woanders hinsah.
Erst jetzt bemerkte das Mädchen, dass es so in sein Spiel vertieft gewesen war, dass es gar nicht mitbekommen hatte, wie spät es geworden war. Als das Mädchen den Blick hob, war die Sonne, die durch die Wipfel der Bäume brach, warm und rot wie frisches Blut.
Zwielicht.
Die blaue Stunde, die den Tag von der Nacht trennt, und das war die Lieblingstageszeit des Mädchens.
Doch nun verspürte das Mädchen Hunger, und durstig war es auch. Die Mutter hatte es nicht einmal zum Tee hineingerufen, wie merkwürdig, und wurde es nicht auch allmählich Zeit fürs Abendessen? Selbst, wenn ihre Migräne ganz schlimm war, ließ die Mama das gemeinsame Teetrinken doch sonst nie ausfallen, und das Abendessen schon gar nicht.
Schließlich war sie ja eine gute Mutter.
Das Mädchen ließ ihre Puppe liegen, sprang auf und lief zum Haus, hüpfte die breite Treppe hinauf, und dann betrat es die große Variante des Puppenhauses. Die, welche sich nicht aufklappen ließ an der Vorderseite, und wo so gut wie nie die Familie beisammensaß, und schon gar nicht den ganzen Tag lang. Der Vater des Mädchens war schon seit mehreren Wochen auf Geschäftsreise, wie so oft, irgendwo in Asien vielleicht, das Mädchen wusste es nicht genau. Der Vater des Mädchens war ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, er baute nämlich Häuser. Nicht so schöne wie das Puppenhaus, in dem das Mädchen und ihre Mutter lebten, aber dafür sehr viele davon, und überall auf der Welt. Er verdiente sehr viel Geld damit, und die Mama und das Mädchen waren sehr stolz auf ihn.
In der Vorhalle des großen Hauses war niemand.
Die langen Vorhänge wogten sanft im Wind, die Fenster waren weit geöffnet. Das war ungewöhnlich, fand das Mädchen, denn Mama verabscheute den kleinsten Windhauch. Sie sagte, vom Zug bekäme man eine Erkältung und einen bösen Schnupfen. Als das Mädchen die breite Freitreppe in den ersten Stock hinaufstieg, funkelten die blutig roten Sonnenstrahlen ihr im Vorübergehen verschwörerisch zu.
Nur weiter, liebes Kind, schienen sie zu sagen. Steig hinauf und sieh, ob du nicht deine Mama finden kannst. Also stieg das Mädchen weiter hinauf, bis in den dritten Stock stieg sie, doch nirgends fand es auch nur eine Spur von seiner Mutter.
Oben angekommen, begann es zu rufen: »Mama? Bist du hier irgendwo?«, doch es erhielt keine Antwort. Es war ein sehr großes Haus, und seine dünne Kleinmädchenstimme drang sicher nicht bis in jeden Winkel vor. Jedoch wusste das Mädchen, dass seine Mutter nur sehr wenige Räume der Villa überhaupt je benutzte. Die meist Zeit verbrachte sie im Schlafzimmer, besonders, wenn sie ihre Migräne hatte. Dann verließ sie das Bett höchstens, um dem Mädchen Essen zu machen und ihm dabei zu helfen, das Puppenhaus am Morgen auf die Wiese zu schleppen, wobei sie stets eine große, dunkle Sonnenbrille trug, weil das Licht ihr sonst in die Augen stach, wie sie sagte.
Doch das Mädchen fand die Mutter nicht im Schlafzimmer, und sie war auch nicht in der Bibliothek, und schließlich klopfte das Kind sogar zaghaft an der Tür zum elterlichen Badezimmer, dann klinkte es und öffnete vorsichtig die Tür.
Doch auch hier war die Mutter nicht.
Als es zurück auf die Galerie trat, hörte das Mädchen das Klopfen zum ersten Mal. Zunächst nur leise und unregelmäßig, doch als das Mädchen ganz still dastand und lauschte, kam es zu dem Schluss, dass das Geräusch von oben kommen musste. Es hob den Kopf, sah die Treppe hinauf. Über ihm befand sich nur der Dachboden und das Mädchen konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was seine Mutter dort oben anstellen und wozu sie so derart unrhythmisch auf irgendwas herumklopfen sollte. Dort oben gab es nur Staub und eklige, fette Spinnen, manche davon tot, nur leere, seltsam verkrümmte, ausgetrocknete Hüllen. Das Mädchen hatte selbst nachgesehen.
Dann kam ihr das Turmzimmer in den Sinn. Vielleicht war die Mama ja dort hinaufgegangen, um zu rauchen?
Das Turmzimmer hatte einen kreisrunden Grundriss und verfügte über einen kleinen Erker mit einem langen, doppelflügeligen Fenster. Dort oben standen nur ein paar mit alten Laken verhüllte Sitzmöbel herum, die nach Mottenkugeln rochen, und die das Mädchen ein bisschen gespenstisch fand, was den Raum jedoch nur umso interessanter machte. Der größte Reiz des Turmzimmers bestand überhaupt darin, dass der Papa dem Mädchen strengstens verboten hatte, es jemals zu betreten. Vermutlich hing das mit dem Fenster zusammen, dessen Sims kaum knöchelhoch war. Der Papa wollte sicher nicht, dass sie hinausfiele, drei ganze Stockwerke tief, und unten ins Gras plumpste.
Das unrhythmische Klopfen ertönte erneut.
Nun war das Mädchen sicher.
Ja, das Geräusch kam eindeutig aus dem Turmzimmer.
Für einen Moment stand sie noch unschlüssig am Fuße der schmalen Holztreppe, die nach oben führte, doch schließlich fasste sich das Mädchen ein Herz und beschloss, sich über das Verbot des Vaters hinwegzusetzen. Dem langen Fenster, versprach es ihrem Vater im Stillen, würde es auch ganz bestimmt nicht zu nahe kommen. Doch es musste einfach wissen, was es mit diesem Klopfen auf sich hatte. Ein geheimnisvolles Geräusch unbekannten Ursprungs, in einem uralten, riesigen Haus, das war einfach unwiderstehlich. Das Mädchen würde ein Abenteuer erleben, und vielleicht sogar einen richtigen Geist dort oben treffen. Aber kein grusliges, böses Gespenst, sondern einen freundlichen kleinen Flattergeist, mit dem sie sich vielleicht anfreunden könnte. Einen Geist, der vielleicht genauso einsam war wie das Mädchen selbst.
Also stieg sie hinauf.
Als sie das Turmzimmer betrat, stellte das Mädchen enttäuscht fest, dass der Ursprung des geheimnisvollen Klopfens erschreckend trivialer Natur war. Das lange Fenster stand weit offen, und in der leichten Brise schlugen beide Fensterflügel in unregelmäßigen Abständen gegen die Außenwand. Nicht einmal flatternde Vorhänge gab es hier. Und schon gar keinen Geist. Nur dieses nervtötende Geklapper, dachte sie enttäuscht, und ging nun doch zum Fenster mit dem flachen Sims hinüber, um es zu schließen. Und als es einmal dort stand, konnte es dann doch nicht widerstehen, noch ein Stückchen näher heranzugehen, und dann noch ein klitzekleines Stückchen, und für einen Augenblick hinauszuschauen. Wer konnte sagen, wann sich wieder eine solche Gelegenheit ergeben würde – und ob überhaupt?
Vorsichtig stellte das Mädchen sich vor den niedrigen Sims, hielt sich mit beiden Händen gut am Fensterrahmen fest und blickte dann hinaus in die Welt. Bis weit hinter das riesige Grundstück blickte das Mädchen, blickte über die Wipfel des dichten Waldes, in dessen Mitte das Haus lag, blickte in die Ferne und bis zum Horizont, hinter dem just in diesem Moment die Sonne mit ein paar letzten Strahlen glühend unterging, und dem Mädchen ein letztes Mal an diesem Tag ihre sanfte, ersterbende, blutrote Wärme sandte.
Es war wunderschön.
Dann wandte das Mädchen den Blick nach unten, vermutlich, weil man das eben so macht, wenn man an einer erhöhten Stelle steht, es ist ein ganz natürlicher Instinkt. Einen Moment lang genoss es das Gefühl, sich einzubilden, es würde fallen. Das angenehme Kribbeln in seinem Bauch, bei der Vorstellung, schwerelos durch die Luft zu gleiten wie ein Vogel. Seine Schwingen auszubreiten und einfach davonzufliegen, mitten in die weite Welt hinein.
Dann sah es nach unten.
Sah wirklich hin.
Da unten auf dem Rasen vor dem Haus lag jemand, nur ein winziger Umriss inmitten von endlosem Grün – klein und ganz verdeht, und ein sanfter Wind ließ das geblümte Sommerkleid, das sie trug, sich bauschen. Es war eine Frau, sah das Mädchen. Es war ihre Mutter, da unten im Gras.
Sie liegt da wie eine Puppe, dachte das Mädchen bei sich, während sie hinab starrte und der Tag starb. Wie eine Puppe, die man weggeworfen hatte, weil das Spielen mit ihr keinen Spaß mehr macht.
OceanofPDF.com