Parasit

Alex Pohl · Kapitel 24 von 68

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Parasit

Kapitel 24

 

 

EMMA

 

A ls es klingelt, denke ich, das wird Vivian sein, die uns erzählen möchte, wie diese sinnlose Suchaktion im Hamstetter Forst verlaufen ist. Ergebnislos, wie ich annehme, aber bestimmt mit jeder Menge Enthusiasmus.

Es ist aber nicht Vivian.

Draußen stehen zwei Männer mittleren Alters und selbst durch das kleine Bild auf dem Display der Gegensprechanlage kann ich sehen, dass die zwei nicht nach Élysée passen. Sie tragen Anzüge und Krawatten, aber es ist die falsche Art von Anzügen und Krawatten. Nicht modisch, und schon gar nicht schick, sondern die Sorte, die Männer des reinen Anstands halber tragen, und nicht, weil sie sich in einem Anzug wohl fühlen würden.

Einer hat lichtes, helles Haar und scheint einen guten Kopf kleiner als sein Kollege zu sein, er trägt ein irgendwie verkniffen wirkendes Lächeln zur Schau, als er seinen durch den Weitwinkel der Kamera ballonförmigen wirkenden Kopf in die Kamera reckt. Sein Begleiter trägt einen derart auffälligen Schnäuzer, dass ich denke, der kann nur angeklebt sein, aber wer würde sich diese Art von Scherzen erlauben, zumal hier?

Mir rutscht das Herz in die Kniekehlen, als die beiden plötzlich Ausweise in Richtung Kamera halten.

Dienstausweise.

Sophie schmiegt sich an mich, ich habe sie gar nicht kommen hören, legt mir das Kinn auf die Schulter und sagt nur leise: »Oh.« Falls sie davon überrascht ist, dass die Polizei vor unserer Tür steht, lässt sie es sich nicht anmerken.

Mit zitternden Fingern betätige ich den Klingelknopf und frage: »Ja, bitte?« Hoffe, dass niemand das Zittern in meiner Stimme hört. Nicht die Polizisten da vor unserem Gartentor, und vor allem nicht Sophie. Sie stellen sich vor, die Herren Wiesner und irgendwas anderes, das ich sogleich wieder vergesse. Wiesner, irgendein Dienstgrad, ist offenbar der, der von den beiden das Sagen hat, und ob sie wohl mal kurz reinkommen dürften.

»Warum?«, frage ich. Eher aus Reflex.

»Es geht um Mia Neumann«, sagt Wiesner, der andere schweigt, scheinbar gewohnheitsmäßig, lässt seinen Chef reden. »Und wenn es Ihnen recht ist, würden wir gern mit Ihnen persönlich sprechen. Mit Ihnen beiden.«

Es ist mir ganz und gar nicht recht, und ich nehme an, Sophie auch nicht, aber ich sage trotzdem »Okay«, und lasse sie mit dem Summer rein. Was soll ich auch sonst tun? Es ist die verdammte Polizei!

Eine Minute später höre ich das Knirschen ihrer Schuhe auf dem Kies vor unserer Tür und öffne. Mir fällt auf, dass sich der Himmel etwas aufgeklart hat. Vielleicht kommt ja die Sonne raus, dann könnte ich später noch Laufen gehen. Ich hätte große Lust dazu, am besten jetzt gleich. Und ganz weit weg.

»Vielen Dank«, sagt Wiesner und deutet auf seine Füße, an denen er unspektakuläre Wildlederschuhe aus irgendeinem Discounter trägt. »Sollen wir die ausziehen?«

Sophie und ich schütteln synchron die Köpfe.

Wiesner, der sich uns nun nochmals als Hauptkommissar der Kriminalpolizei vorstellt, ist tatsächlich noch kleiner, als es durch die Kameralinse den Anschein hatte, ein richtiger Winzling, aber drahtig und mit entschlossenem Gesichtsausdruck. Sein Kollege scheint eher der gemütliche Typ zu sein, groß und schwerfällig, wie ein tapsiger Brummbär, und dazu noch diese wuchtige Rotzbremse, wie ein Relikt aus dem Anfang der Neunziger. Aber natürlich ist das alles nur Fassade, das ist mir klar. Ich habe genügend Krimis gesehen, um zu wissen, wie das läuft. Polizisten machen immer einen auf harmlos, zumindest am Anfang.

Wir gehen in die Küche voran, wo wir uns alle um den Stehtisch versammeln. Jetzt sieht es beinahe aus wie ein Doppeldate, denke ich und muss mir fast ein Grinsen verkneifen. Fehlt bloß noch, dass Sophie ihnen einen Drink anbietet. Was sie prompt tut, allerdings fragt sie die beiden, ob sie Lust auf einen Kaffee oder ein Wasser haben. Beide lehnen ab, aber Wiesners Kompagnon sieht aus, als würde er ausgesprochen gern mal probieren, wie so ein Kaffee wohl schmeckt, wie ihn die reichen Leute trinken. Meine Güte.

»Also«, übernimmt Sophie sogleich die Führung, und ich lasse sie das gern machen. »Wie können wir Ihnen helfen?«

»Wir würden, wie gesagt, gern kurz mit Ihnen über Mia Neumann sprechen«, sagt Wiesner. »Sie wurde vor etwas über einer Stunde aufgefunden.« Er mustert Sophie. Dann mich, eingehend, richtiggehend intensiv. Unverhohlen abschätzend. Er lächelt nicht, während er das tut.

»Ich hoffe, es geht ihr gut?«, sage ich und bemerke, dass Sophie ganz leicht zusammenzuckt.

Wiesner schüttelt langsam den Kopf, sein Kollege senkt den Blick und betrachtet dann eingehend seine ineinander verschränkten Finger, die er auf der Tischplatte abgelegt hat. »Nein«, sagt er dann. »Ich fürchte, es geht ihr nicht gut. Sie ist tot.«

Für einen Moment denke ich gar nichts, spüre ich gar nichts. Erst dann erwischt mich die volle Wucht der Erkenntnis wirklich.

»Sie ... sie ist tot?«, stammele ich.

Wiesner und sein Kollege nicken bedächtig und nahezu synchron. Sophie sitzt einfach nur da, reglos, das Gesicht zu einer Maske erstarrt. Wartet ab, wie es Etikette und Vernunft gebieten.

»Wie?«, hauche ich, meine Stimme völlig kraftlos, unter den Tisch gerutscht, und wenn ich nicht aufpasse, werde ich ihr gleich nachfolgen. »Was ist denn passiert?«

»Heute Morgen wurde von einigen Ihrer Nachbarn eine Suchaktion im Hamstetter Forst durchgeführt. Sicher haben Sie davon gehört.«

Wir bestätigen das. Neumann und sein Pfadfindertrupp. Sind sie also doch fündig geworden. Ich weigere mich, mir vorzustellen, wie das gewesen sein muss – für diejenige oder denjenigen, der das Mädchen gefunden hat. Für Neumann, für alle anderen.

Alle anderen Nachbarn, die da waren. Geholfen haben.

Nur wir nicht.

Und jetzt ist die Polizei hier bei uns.

»Einer der Nachbarn entdeckte etwas in einem Felsspalt, das sich als Mias Jacke herausstellte. Man hat sofort die Rettungskräfte verständigt, aber für das Kind kam jede Hilfe zu spät. Mia konnte nur noch tot geborgen werden.«

Das Kind, schießt es mir durch den Kopf, und es stimmt ja auch, verdammt. Mia war gerade mal siebzehn. Sicher, kein kleines Mädchen mehr, aber noch längst keine richtige Frau. Nur ein kleines bisschen Leben, ein Vorgeschmack, gerade mal der Prolog und das erste Kapitel. Und dann – weg, ausgelöscht wie eine Kerze im Wind, einfach so. Mit einem Fingerschnippen.

»Wo genau?«, will Sophie wissen.

Eine idiotische Frage, es gibt nur einen Felsen im ganzen Wald, nur eine Felsspalte, in die man überhaupt fallen könnte. Und das geht auch nicht unabsichtlich, nicht mal in schwärzester Nacht. Man muss es schon drauf anlegen. Man muss hinaufklettern, bis ganz zur Spitze, muss todesmutig an dem Grat ganz dort oben entlangspazieren, mit ausgebreiteten Armen, um das Gleichgewicht zu halten, und dann ...

Mia hat mir all das erklärt, als sie über das sprach, was dort manchmal abgeht. Wenn die Kids sich treffen, wenn sie vor all dem fliehen, was Élysée für sie bedeutet. Vor den Mauern, den Hecken und den Zäunen, und vor Vätern, die ausrasten, wenn man in irgendeinem Fach mal keine Eins nach Hause bringt.

Wiesner spricht weiter, aber ich höre nur mit einem halben Ohr zu, mein Gedankenkarussell rast schon im Autopilot weiter, immer weiter. Bilder schießen mir in den Kopf, von Mia, am Grunde dieses Felsspalts, eingeklemmt, vielleicht tagelang, die Stimme zu schwach zum Rufen, oder vielleicht auch, weil ihr Brustkorb so stark eingequetscht ist, dass ihr die nötige Luft fehlt, um sich bemerkbar zu machen. Gerade genug Luft, um nicht sofort zu ersticken. Ihre Freunde vielleicht nur wenige Meter entfernt, sie kann sie vielleicht sogar hören, doch für sie befinden sie sich in einem anderen Universum, könnten genauso gut auf dem Mond sein. Sie betet darum, dass jemand auf den Felsen steigt, den Grat entlangwandert, in den Felsspalt schaut, aber niemand kommt.

Keine Menschenseele.

Ich konzentriere mich wieder auf das, was Wiesner sagt, um mich von den wirbelnden Horrorszenarien in meinem Kopf abzulenken. Bloß gelingt mir das kaum.

»Wir werden natürlich alle beteiligten Nachbarn befragen«, versichert Wiesner gerade Sophie, aber ich kann ihr ansehen, dass sie dasselbe denkt wie ich. Bei uns haben sie angefangen, uns befragen sie zuerst. Vermutlich schon allein deshalb, weil wir nicht mit von der Partie waren bei Neumanns Suchaktion.

Weil uns das vielleicht in den Augen der Polizei zu Verdächtigen macht.

Ganz bestimmt jedoch in Neumanns Augen, und ich frage mich: Wie weit würde Viktor Neumann tatsächlich gehen, um sein Vorhaben, mich aus Élysée zu vertreiben, in die Tat umzusetzen? Ich weigere mich, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Das wäre selbst für ihn ein paar Spuren zu krank.

Oder?

»Wir versuchen jetzt, Mias letzte Stunden nachzuvollziehen, und deshalb sind wir bei Ihnen«, sagt Wiesner und gibt seiner Stimme einen beruhigenden Klang. »Im Moment fehlen uns noch viele Fakten, aber diese Puzzleteilchen werden sich in den nächsten Tagen schon noch zusammenfügen, davon gehen wir zumindest aus. Uns geht es zunächst vor allem um eine lückenloser Rekonstruktion der Ereignisse vor dem Verschwinden des Mädchens.«

»Hm«, macht Sophie, die immer noch völlig gefasst wirkt, während ich mich in einem Strudel des Unwirklichen befinde, und es überhaupt nicht fassen kann, das Mia tot sein soll. Geborgen aus dem Felsspalt im Wald, von einem Nachbarn, vermutlich Tage, nachdem sie da hineingefallen ist. Ich begreife es nicht. Sie kannte die Gegend doch, sie wusste, wie gefährlich es war, da oben herumzuklettern. »Dann war Mias Tod also ein Unfall?«, fragt Sophie. »Sie ist oben auf den Felsen herumgeklettert und ...«

»Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben wir uns diesbezüglich noch nicht festgelegt«, sagt Wiesner. Professionelles Ausweichen, denke ich. Sophie irrt sich also. Wenn die Polizisten glauben würden, Mia wäre von allein da reingefallen, wären sie jetzt nicht hier und würden die gesamte Nachbarschaft befragen. Obwohl wir das ja gar nicht wissen können, denn im Moment befragen sie lediglich uns, und wären sie vorher – beispielsweise – bei Vivian Lasalle aufgetaucht, hätte das Sophie noch in der Minute erfahren, in der sie Vivians Haus wieder verlassen hätten.

Shit.

»Da wir aber auch ein Gewaltverbrechen momentan nicht einhundertprozentig ausschließen können, wollen wir unsere Untersuchungen zeitnah voranbringen. Solange die Spuren noch frisch sind, sozusagen. Sie verstehen.«

»M-hm«, macht Sophie.

»Zur Stunde befasst sich unser Team des kriminaltechnischen Erkennungsdienstes mit der Fundstelle, anschließend wird es weitere forensische Untersuchungen geben, auch am Körper des Mädchens.« Bewundernswert, wie Wiesner diesen ganzen Fachjargon runterspult. Klar, das ist sicher nicht seine erste Leiche, und er kannte Mia ja auch nicht persönlich. Für einen Moment muss ich an Neumann denken, wie der sich jetzt fühlen muss. Nachdem er seine Tochter zum letzten Mal sah, während sie stritten. Und zwar so laut, dass es sogar die Jensens nebenan mitbekamen. Nachdem ihm Mia auf den Kopf zugesagt hatte, dass sie abhauen will. Weil ich ihr eingeredet habe, das wäre vielleicht gar keine so schlechte Idee. Zumindest ist es das, was Neumann ja anscheinend glaubt.

Wiesner wendet sich an mich. »Sie waren persönlich mit Mia Neumann bekannt?«

»Ich bin ihre ...« Ich setze ab, muss kurz durchatmen. Habe selbst dabei Angst, die falschen Signale zu senden. Und ich bin noch völlig durch den Wind. Kapiere es einfach nicht. »Ich war ihre Lehrerin.«

»Hm«, sagt Wiesner. »Wir wurden darüber informiert, dass Sie ein besonderes Vertrauensverhältnis mit Mia hatten, was können Sie uns darüber sagen?«

Darüber informiert? Was zur Hölle soll das denn heißen? Wer hat sie denn darüber informiert, wenn sie noch mit keinem der anderen Nachbarn gesprochen haben? Aber auch dafür gibt es eine Möglichkeit, und zwar genau eine. Neumann.

»Könnten Sie uns bitte erst einmal erläutern, was genau Sie mit Vertrauensverhältnis meinen?«, mischt sich Sophie ein. Sie klingt total freundlich, erhebt nicht mal die Stimme, aber die Botschaft kommt dennoch an, das ist Wiesner deutlich anzusehen. Wir werden uns nicht an der Nase herumführen lassen. Nicht von diesen beiden, nicht von Neumann. Nicht von irgend jemandem.

Wiesner wendet ihr nicht einmal den Kopf zu, er sieht mich nur einfach weiter unverwandt an, als er sagt: »Es gibt ein Video, dass Sie beide in einem vertraulichen Gespräch zeigt, Frau Stratmann. Im Wald, auf einer Lichtung, unweit des Fundorts von Mias Leiche. Ist das soweit korrekt?«

Ich nicke zögernd. Wieso fragt er das überhaupt, wenn er das Video bereits gesehen hat? Und noch etwas: Wiesner hat gelogen. Wir sind nicht die ersten, mit denen er über Mia spricht, natürlich nicht. Vorher hat er sich ausführlich mit ihrem Vater unterhalten, was ja nur logisch ist. Und höchstwahrscheinlich der Grund dafür, dass die Polizei direkt als Nächstes bei uns auftauchte. Neumann hat die beiden quasi hergeschickt, so muss es gewesen sein. Und zwar, indem er ihnen dieses verdammte Video gezeigt hat.

»Gut. Glauben Sie, Sie könnten uns bei Gelegenheit einmal zu der Stelle im Wald führen, an der das Gespräch stattgefunden hat?«

»Klar«, sage ich. »Ich denke schon.«

»Sehr schön. In dem Video sieht man außerdem, wie Sie beide sich umarmen. Können Sie uns sagen, worum genau sich Ihr Gespräch gedreht hat?«

Wiesners Kollege zieht einen kleinen Schreibblock und einen billigen Plastikkugelschreiber aus der Innentasche seines zerknautschten Sakkos und beginnt damit, eifrig auf dem Papier herumzukritzeln. Dabei achtet er darauf, dass ich nicht sehen kann, was er schreibt.

»Es ging um ihren Vater«, erkläre ich zum gefühlt hundertsten Mal, und jetzt, das wird mir mit einem Anflug von Entsetzen klar, muss ich auch keine Rücksicht mehr auf Mias Bitte nehmen, ihre Sorgen für mich zu behalten. Sie wird sich zu dem Sachverhalt nicht mehr äußern. Oder zu irgend etwas. Ihre Sorgen sind vorüber, für immer. »Sie hat sich mir anvertraut, weil er sie unter Druck gesetzt hat.«

»Inwiefern?«

»Er war mit ihren schulischen Leistungen nicht zufrieden.«

Der schnauzbärtige Kompagnon kritzelt, was das Zeug hält.

»Und hat sich Herr Neumann diesbezüglich auch einmal an Sie gewandt? Wegen der Leistungen seiner Tochter, meine ich.«

Hurra, endlich mal eine halbwegs vernünftige Frage – noch dazu eine, die mir bisher keiner zu dem Thema gestellt hat, Hut ab! Ich verneine.

»Verstehe«, sagt Wiesner. »Und wieso dann ausgerechnet ein geheimes Treffen im Wald?«

Ich zucke mit den Schultern. »Das war Mias Wunsch. Ich kann nur vermuten, dass sie nicht wollte, dass einer von den anderen Schülern mitbekommt, dass wir über private Dinge reden.«

»Weil sie Angst hatte, ihr Vater könne davon erfahren?«

Diese Frage gefällt mir regelrecht. Weil ich das nämlich durchaus glaube, ja. Also nicke ich wieder.

»Allerdings erreichte sie damit offenbar genau das Gegenteil«, sinniert Wiesner, und entblödet sich auch nicht, sich dabei nachdenklich an der Schläfe zu kratzen. Als Schauspieler ist der Kerl jedenfalls eine Niete. »Denn jemand hat Sie beide nicht nur gesehen, sondern es auch noch auf Video festgehalten und, wie wir erfahren haben, im Internet verbreitet, sodass schließlich auch Mias Vater davon erfuhr.«

Ja, denke ich. Falls er nicht selbst derjenige ist, der das Video gedreht hat. Im Moment schließe ich gar nichts mehr aus.

»Haben Sie eine Idee, von wem das Video stammt?«, fragt Wiesner, als habe er meine Gedanken gelesen. »Wer sich da im Wald hinter einem Baum versteckt haben könnte, um sie beide zu filmen?«

»Keine Ahnung«, sage ich. Wie er das so sagt, klingt es verdammt nach einem Voyeur. Bloß pflegen Voyeure ja in aller Regel andere Leute beim Sex zu beobachten. Und nicht bei harmlosen Unterhaltungen.

»Was mir ein wenig Sorgen macht«, fährt Wiesner fort und legt die Stirn in Falten – vermutlich für den Fall, dass ich nicht weiß, wie jemand aussieht, der sich Sorgen macht. »Was mir ein wenig Sorgen macht, Frau Stratmann, ist, dass Mia sich auf dem Video regelrecht von Ihnen loszureißen scheint, und dann davonstürmt. Sie sieht dabei ziemlich aufgewühlt aus. Es fällt mir irgendwie schwer, das mit dem in Einklang zu bringen, was Sie sagen. Häusliche Probleme. Ich meine ...«

»Sie meinen, ob ich vielleicht mit meiner Schülerin gevögelt habe?«, bin ich versucht, ihm an den Kopf zu werfen, aber ich nehme mir ein Beispiel an Sophie und schweige. Doch die Spannung des Unausgesprochenen hängt nun zwischen uns in der Luft wie der Geruch von verbranntem Toast. Lediglich Wiesners schnurrbärtiger Kollege scheint davon nichts mitzubekommen. Er scheint weiterhin brav jedes einzelne Wort mitzuschreiben. Vielleicht kritzelt er aber auch nur Strichmännchen in seinen Block, wer weiß.

»Es ging noch um etwas anderes«, sage ich.

Das Kratzen des eifrig kritzelnden Kulis auf dem Schreibblock des Schnurrbärtigen verstummt abrupt, alle schauen mich jetzt an. Oho, denke ich, das sind offenbar Neuigkeiten für euch alle. Und ja, auch für Sophie, der ich dieses Thema eigentlich hatte ersparen wollen. Verdammt, sie hat sich so gefreut auf Élysée, das wollte ich ihr nicht kaputtmachen. Aber ich möchte uns beiden vor allem ersparen, dass diese Polizisten unser Haus mit neuen Fragen im Kopf verlassen, womöglich sogar mit Verdächtigungen. Das wäre noch schlimmer. Besonders nach der Sache damals in Frankreich.

Also plaudere ich das Geheimnis aus, das mir eine meiner Schülerinnen anvertraut hat, die nun tot ist. Ich komme mir ausreichend schäbig dabei vor, aber leider ist das nun nicht mehr zu ändern. »Mia erzählte mir, dass sich einige ihrer Mitschüler manchmal am Felsen treffen, um ... nun ja, Party zu machen«, sage ich.

»Moment«, hakt Wiesner ein, während sein stummer Kollege wieder wie verrückt zu kritzeln beginnt. »Meinen Sie den Felsen im Wald, wo Mia aufgefunden wurde?«

»Ich nehme an, dass sie diesen Felsen meinte, ja«, sage ich. »Sophie und ich wohnen noch nicht allzu lange hier und ich weiß nicht, ob es möglicherweise noch einen anderen Felsen im Hamstetter Forst gibt. Aber falls nicht, dann meinte sie wohl diesen.«

»Okay, und was genau passierte dort, bei diesen Partys?«

»Laut Mia das Übliche«, versuche ich auszuweichen. »Ein bisschen Musik, Alkohol, die erste heimliche Zigarette. Pärchentreffen bei Nacht, solche Sachen. Die Stelle war ziemlich beliebt, weil sie so abgelegen ist.«

Wiesner denkt darüber nach, scheint regelrecht auf dem Gedanken herumzukauen wie auf einem Stück Süßholzwurzel. Seinem Magen scheint es allerdings nicht so recht zu bekommen. Er verzieht das Gesicht, als habe er gerade übel aufgestoßen, und fragt dann: »Und Sie sind sicher, dass sie damit ihre Mitschüler meinte?«

»Wen denn sonst?« Klar, der Hamstetter Forst ist ein öffentlich zugängliches Waldgebiet, bloß wohnt ja kaum jemand außer den Bewohnern von Élysée in der Nähe, von Simon in seinem einsamen Forsthaus einmal abgesehen. Und viele Touristen habe ich da während meiner Laufrunden auch noch nicht gesehen. Und schon gar nicht kann ich mir vorstellen, dass Gruppen fremder Jugendlicher dort hinpilgern. So toll ist der Felsen nun auch wieder nicht.

»Okay«, sagt Wiesner. »Aber das erklärt in meinen Augen immer noch nicht die starke emotionale Reaktion Mias Ende Ihres Gespräches, die man auf dem Video sehen kann.«

»Nun«, sage ich. »Wenn ich Mia richtig verstanden habe, ging es bei diesen Partys nicht immer nur um Alkohol.«

Wiesners Augenbrauen steigen in die Höhe, ganz langsam. »Drogen? Wollen Sie etwa behaupten, dass die Schüler dort Drogen konsumiert haben? Schüler wie Mia Neumann?«

»Ich behaupte gar nichts«, sage ich. »Ich gebe lediglich wieder, was Mia mir gegenüber angedeutet hat. Als ich versuchte, mehr zu erfahren, schien sie allerdings zu bereuen, mir überhaupt so viel verraten zu haben, und rannte davon. Das ist auf dem Video zu sehen.«

Ich höre, wie Sophie den Atem einsaugt. Ganz leise, aber trotzdem. Mist.

»Verstehe«, sagt Wiesner, und wirkt mit einem Mal ganz kühl, richtiggehend abweisend. »Und irgendwelche Beweise für diese angeblichen Drogenorgien bei den Felsen haben Sie nicht zufällig?«

»Ich sagte doch schon, das ist lediglich das, was Mia mir erzählt hat. Ich habe keine polizeiliche Untersuchung angestellt. Aber das wäre dann ja auch Ihre Aufgabe, nicht?« Ich grinse innerlich über meine spontane Schlagfertigkeit. Willkommen zurück, Tigerin.

Wiesner teilt meine Begeisterung leider nicht. Er sagt nichts dazu, aber er sieht mir nun nochmals eindringlich in die Augen. Dann greift er in die Innentasche seines Jacketts und holt ebenfalls ein Notizbuch heraus. Wollen die beiden jetzt etwa um die Wette schreiben? Offenbar nicht, denn Wiesner zückt keinen Stift, während sein Kollege sich den rechten Zeigefinger anleckt, umblättert und eifrig weiterschreibt.

»Das hier ist das Tagebuch von Mia Neumann«, sagt Wiesner mit einer Stimme, die ein wenig an einen Bühnenzauberer denken lässt. Das sind meine Hände, liebes Publikum. Wie Sie sehen, sind sie vollkommen leer. Doch jetzt passen Sie auf und sehen Sie genau hin! »Ihr Vater hat es uns vorhin zukommen lassen, er hatte es ein paar Tage zuvor in ihrem Zimmer gefunden.«

So ein Zufall, dass Neumann ausgerechnet jetzt einfällt, dass es dieses Tagebuch gibt, denke ich. Aber auch das könnte ein Grund für den lautstarken Streit gewesen sein, und das wäre ja wohl überaus verständlich. Ich hätte meinen Vater damals umgebracht, wenn er es gewagt hätte, in meinen Sachen zu schnüffeln, noch dazu in meinem Tagebuch. Bloß hatte ich in dem Alter gar keines, und wenn ich eines gehabt hätte, dann hätte es meinen Vater ganz sicher nicht interessiert. Es sei denn, es hätte eine Wunderkur für todkranke Apfelbäume dringestanden. Der Gedanke, dass Mia sich in Zeiten von Apps und Tablets und all den anderen digitalen Möglichkeiten dafür entschieden hat, ein altertümliches Tagebuch aus Papier zu führen, lässt mich wehleidig lächeln. Aber auch nur, weil immer noch nicht richtig zu mir durchgedrungen ist, worüber wir uns hier die ganze Zeit unterhalten. Mia ist nicht mehr da. Ein Mädchen von gerade siebzehn Jahren, und die Polizei glaubt nicht an einen Unfall. Meine Schülerin, die mir vertraut und sich mir geöffnet hat. Und jetzt ist sie tot, und vielleicht sogar ermordet.

»In ihrem Tagebuch schreibt sie viel von Ihnen«, sagt Wiesner. »Bewundert Sie für Ihre Fähigkeiten als Lehrerin, und dafür, dass Sie so offen mit Ihrer Sexualität umgehen.«

»Wie bitte?«

»Also, ich meine, Ihre ...« Wiesner, ein paar Augenblicke vorher noch der beherrschte Profi, gerät nun sichtbar außer Tritt. »Also, Ihre Ehe. Mit einer anderen Frau. Das meinte ich.«

»Und das führt sie direkt zu uns, weil ...?«, mischt sich Sophie ein. Dabei ist sie ganz ruhig, lächelt ihn amüsiert an, weil er sich jetzt windet wie ein Wurm am Haken. Aber innerlich kocht sie, das merke ich ihr deutlich an.

»Kein Grund«, sagt Wiesner. »Wirklich nicht, wir werden auch die anderen Nachbarn befragen, aber ...«

»Aber zuerst natürlich uns, die Lesben. Herrn Neumann hat nicht besonders gefallen, was er da im Tagebuch seiner Tochter gelesen hat, oder?«

Wiesner schweigt betreten.

Sophie lächelt ihn an. »Das dachte ich mir. Haben Sie dann sonst noch irgendwelche Fragen an uns?«

Wiesner verneint, und dann treten er und sein Kollege hastig den Rückzug an. Eins zu Null für Team Stratmann, denke ich. Nachdem sie unser Haus verlassen haben, sehen wir ihnen gemeinsam durch das Display der Klingelanlage nach. Wir halten Händchen dabei. Die Polizisten bewegen sich schnurstracks auf unser Gartentor zu, das der Schnurrbärtige seinem Kollegen mit übertriebener Vorsicht öffnet, als hätte er Angst, er könne das solide Eisentor beschädigen. Dann treten er und Wiesner hindurch, das Gartentor schließt sich wieder hinter ihnen, rastet ein, und sie stehen draußen auf der Straße.

Sophie schaltet um auf die Außenkamera. Wiesner wirft einen ausdruckslosen Blick in die linke der beiden versteckten Kameras, die über dem Tor hängen, dann bewegen sie sich auf einen weißen Audi älteren Baujahrs zu, steigen ein und fahren davon.

»Ich werde Schlesinger anrufen«, sagt Sophie entschieden.

»Was?«, frage ich. »Wen?«

»Doktor Schlesinger ist unser Familienanwalt«, sagt sie. »Schon seit vielen Jahren. Ich will, dass er von dieser Befragung gerade erfährt, und mir sagt, was er davon hält. Und was wir gegebenenfalls dagegen unternehmen können.«

»Was willst du denn unternehmen?«, frage ich. »Und wogegen?«

»Ach, ich weiß nicht. Vielleicht eine Dienstaufsichtsbeschwerde einreichen? Das, was diese beiden Herren hier gerade abgezogen haben, war ja wohl jenseits des guten Geschmacks, meine Liebe. Das grenzte schon an Belästigung, findest du nicht? Neumann deutet mit dem Finger auf uns, und sie kuschen. Das können die nicht machen. Nicht mit uns.«

Ich zucke mit den Schultern. Ich glaube nicht, dass man die beiden wegen ihres Übermaßes an Taktgefühl hergeschickt hat. Man hat sie, verdammt noch mal, hergeschickt, weil Mia Neumann gerade tot aufgefunden wurde, nachdem sie tagelang verschwunden war. Und weil ihr Vater offenbar glaubt, ich hätte mit der ganzen Sache irgendetwas zu tun. Und das, so wird mir mit Bestürzung klar, könnte bedeuten, dass es inzwischen noch viel mehr Leute in Élysée geben könnte, die das glauben.

Als mir all das mit voller Wucht bewusst wird, sacken mir tatsächlich die Beine weg, aber Sophie, wie immer die Stärkere von uns beiden, hält mich. Drückt mich an sich, und ich lasse es zu. Lasse mich fallen, atme tief den Duft ihres Parfums und ihrer Haut ein, kuschele mich an sie. Mein Fels in der Brandung, meine Festung, das ist sie.

Flüsternd frage ich: »Was glaubst du, was Mia da alles reingeschrieben hat in ihr Tagebuch? Glaubst du, es könnte, ich weiß nicht ... mich irgendwie belasten?« O Gott, wie das klingt.

Sophie streicht mir nur sanft übers Haar. »Weißt du, Liebes, kleine Mädchen schreiben allen möglichen Unsinn in ihre dummen, kleinen Bücher. Mach dir also keine Sorgen.«

Aber das mache ich. Immerhin begann auch unsere gemeinsame Geschichte mit einem solchen Eintrag in ein dummes, kleines Buch. Und einem entsetzlichen Geheimnis, das tief vergraben in unserer Erinnerung weiterlebt, und das noch heute an mir nagt. Manchmal, wenn ich mitten in der Nacht erwache, und die Lippen ganz fest aufeinanderpresse, um nicht laut schreien zu müssen. Dann, wenn ich daran denken muss, was damals in Frankreich passierte.

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