Parasit
Kapitel 19
E s stellte sich heraus, dass ihn das bisschen Schweißgeruch kein bisschen störte, im Gegenteil. Nachdem wir fertig waren, und ich in seinen Armen lag – inzwischen rochen wir beide gehörig nach Schweiß – sagte ich immer wieder: »O Gott«, das weiß ich noch, mindestens ein Dutzend Mal. Simon sagte gar nichts, er starrte nur zur Decke, und griff irgendwann nach der Zigarettenschachtel auf dem Nachttisch. Er reichte sie mir. Ich nahm mir eine Zigarette, setzte mich auf, zog die Knie an die Brust.
Wir rauchten schweigend.
»Scheiße«, sagte ich leise, als meine Zigarette sich dem Ende näherte. »Das hätte nicht passieren dürfen.«
Er sagte gar nichts, und dafür war ich ihm dankbar. Ich sog ein weiteres Mal an meiner Zigarette, stieß den Rauch an die Decke. Früher, in Frankreich, hatte ich viel geraucht. Alle drei hatten wir geraucht, praktisch ständig. Sophie, Mathieu und ich. Hauptsächlich Gauloises, manchmal hatten wir sogar die Filter abgerissen, um uns ganz besonders bohéme zu fühlen. Mir fiel auf, dass dies das letzte Mal gewesen war, dass ich mit einem Mann geschlafen hatte, damals in Frankreich, als Studentin – oder zumindest hatte ich damals vorgegeben, zu studieren. Es war eine schöne Zeit gewesen mit Mathieu, zumindest, bis ...
Bis die Sache mit dem Aussichtsturm passiert war.
Ich schlug die Decke beiseite und stand auf. Ging, nackt wie ich war, um das Bett herum und drückte den Rest der Zigarette in dem Aschenbecher aus, der auf Simons Nachtschrank stand. Seine Augen folgten mir dabei, doch in seinem Gesicht konnte ich nicht lesen, was in ihm vorging. Was er empfand, angesichts meines Verrats. Schlechtes Gewissen wohl eher nicht, und schließlich hatte ich nicht ihn verraten. Wir waren jetzt Komplizen, immerhin hatte ich soeben meine Ehepartnerin betrogen und von ihm wusste ich nicht mal, ob er eine Freundin hatte, oder – und wäre das nicht der Lacher schlechthin – einen Freund. Er war auch gar nicht der Typ für ein schlechtes Gewissen. Und das sah man im Übrigen auch seinem Häuschen überdeutlich an. Dieses war unverkennbar eine Junggesellenbude. Die Behausung eines Mannes, der das Studentenalter nie wirklich hinter sich gebracht hat. Schmutzige Wäsche, überall auf dem Fußboden verstreut. Pizzakartons, die sich in den Ecken stapelten. Eine überquellende Spüle, das Übliche eben. Nur hatte ich eine solche Behausung schon seit Jahren nicht mehr betreten. Schon mal, weil Sophie freiwillig keinen Fuß in so eine Bude gesetzt hätte. Sie war all dem längst entwachsen, und ich hätte es verdammt noch mal auch sein sollen.
Davon abgesehen war der Sex nicht schlecht gewesen, kurz und heftig, aber Simon wusste definitiv, was er da tat. Und Gott, hatte ich einen Mann vermisst. Allein bei dem Gedanken schnürte sich meine Kehle zu. Ich war verheiratet, Herrgott, mit einer Frau. Ich liebte Sophie, und sie liebte mich.
Ich hatte Scheiße gebaut, richtig große.
Und was bitte hatte ich denn zu vermissen? Diese schmutzige Rumpelkammer, die zerwühlten Laken, die seit Wochen nicht gewechselt worden waren? Den Geruch von Rauch und dem ersten Feierabendbier in Simons Atem? Seinen Schwanz? Was zur Hölle sollte so furchtbar erstrebenswert an diesem Körperteil sein? Ich drehte mich noch einmal zu Simon um. »Das darf nie jemand erfahren«, sagte ich. Überflüssigerweise.
»Ist mir klar, Emma«, sagte er. Lächelte.
Ich nickte und sammelte dann meine Klamotten vom Fußboden auf. Er sah mir dabei zu. Genüsslich, glaube ich. Als ich ihn wieder anschaute, hatte er ein leicht spöttisches Grinsen im Gesicht und unter der dünnen Decke, die ihn von den Hüften abwärts bedeckte, zeichnete sich erneut seine Erregung ab. Ich ließ einen letzten Blick über seinen Oberkörper streifen. Nicht durchtrainiert, aber durchaus gut in Schuss. Breite Schultern, muskulöse Brust, ein kleiner Bauchansatz. Genau der Typ für das hier, dachte ich und mir fiel auf, dass in diesem Gedanken eine gewisse Geringschätzung Simon gegenüber mitschwang. Umso besser, denn das würde es mir leichter machen, diese Sache zu vergessen. Je schneller, desto besser.
»Okay, dann mach ich mich mal wieder auf den Weg.«
»Bis morgen«, sagte er.
»Ja, bis morgen.«
Dann ging ich in die Küche hinüber und zog mich vollständig an, denn aus irgendeinem Grund wollte ich das nicht auch noch vor ihm tun. Im Flur schlüpfte ich in meine Laufschuhe. Als ich die Schnürsenkel band, fiel mir die gut zwei Meter hohe Holzskulptur auf, die da stand, und die ich beim Hereinkommen gar nicht bemerkt hatte. Offenbar die billige Kopie eines indianischen Totempfahls. Ganz oben, über allen anderen Tieren, saß eine Eule mit ausgebreiteten Schwingen, und blickte stumm und eindeutig vorwurfsvoll zu mir hinab.
Zu Recht vermutlich.
Ich verließ das Haus und verfiel nach wenigen Metern in leichten Trab, der immer schneller wurde, bis ich schließlich völlig ausgepowert und schweißgetränkt wieder bei meinem kleinen Jeep ankam. Selbst hier bildete ich mir noch ein, den starren Blick der Eule auf meinem Hinterkopf zu spüren.
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