Parasit

Alex Pohl · Kapitel 25 von 68

PDF-Seiten

Parasit

Kapitel 25

 

Das schönste und wichtigste aller Dinge ist die wahre Liebe.

Doch alles im Leben hat einen Preis, und die schönsten Dinge haben die

schrecklichsten Preise, denn um sie zu gewinnen, muss man bereit sein,

alles zu geben. Bis zum Letzten, bis zum Tod.

Denn die wahre Liebe ist jeden Preis wert – selbst den des Lebens selbst.

– Sophie Stratmann

 

D ie junge Frau hatte eine Zeitlang in Paris gelebt, und sich dort sehr wohl gefühlt. Sie hatte Partys besucht, in Ateliers und in Chateaus genächtigt, hatte gelacht und geliebt und getrunken, immer in bester Gesellschaft, und immer im Übermaß. Schließlich war sie jung. Und dennoch hatte sie noch immer nicht gefunden, wonach sie suchte.

Eines Tages hatte sie der lachenden Stadt und dem Trubel den Rücken gekehrt, im Juni, bevor die Hitze und der Smog sich auf die uralte Stadt an der Seine herabsenken würden wie eine schwere Wolldecke, und hatte getan, wozu ihr die erfahrenen unter ihren Freunden geraten hatten.

Sie hatte die Flucht angetreten aufs Land, wo es schattige Obsthaine gab und freundliche, bodenständige Menschen, die Obst und Käse und Wein verkauften, den man so nicht bekam in der Stadt. Hier würde sie endlich die Ruhe finden, um ihr Buch zu schreiben, das nahm sie sich fest vor. Sie würde damit beginnen, ihre Gedanken und Eindrücke von Land und Leuten festzuhalten, und die Geschichte, da war sie sicher, würde sich dann schon von ganz allein daraus ergeben. In der Stadt hatte sie sich einen Montblanc-Füllfederhalter besorgt, und ausreichend Tinte dazu. Sie würde in ein ledergebundenes Buch schreiben, würde dem Fließen ihrer Handschrift zusehen, während sich Seite um Seite mit Worten füllte, und die Kreativität aus ihr herausfloss direkt auf das Papier.

Sie hatte auch schon eine Idee für den Titel ihres Buch, es sollte um Rosen gehen und deren gefährliche Dornen. Ein Symbol für die Höhen und Tiefen Liebe. Die Aussicht auf Gefahr, die ein Ziel erst erstrebenswert machte. Ein Symbol, das jeder sofort verstehen würde.

Auf dem Land fand sie endlich das wahre Frankreich, das sie so lange im Trubel der Großstadt vergeblich gesucht hatte, fand es abseits der Touristenmetropole, während sie allein in einem gebrauchten Kleinbus über staubige, löchrige Landstraßen fuhr. Sie fuhr, bis sie keine Lust mehr zum Fahren hatte, und hielt an, wo es ihr gefiel. Dort zückte sie ihr Notizbuch und schrieb mit dem schönen Federhalter schöne Worte auf das edle Papier, und die Welt war voller Wunder, und sie war im Einklang mit sich selbst, und die Worte sprudelten nur so aus ihr hervor.

Manchmal schlief sie unter freiem Himmel. Millionen Sterne über ihr und ringsum keine Menschenseele. Das, fand sie, war das wahre Leben, doch auch die Einsamkeit verliert nach einer gewissen Zeit ihren Reiz, und die Stille und das ungebundene Leben auf der Straße, und die Worte, die man in das Büchlein kritzelt, bekommen einen schalen Beigeschmack, so als versuchten sie vergeblich, sich zu einer Geschichte zu verbinden. Einer Geschichte, die zu erzählen sich lohnte.

Doch manchmal kam es der jungen Frau so vor, als seien all die schönen Worte nur Fassade.

Und dahinter gar nichts weiter.

Jedoch zögerte die junge Frau, nach Paris zurückzukehren, zu ihren Freunden und den lauten Partys und der Hektik in der Metropole. Sie fürchtete, dann könne sie vielleicht erst recht die Lust am Schreiben verlieren, vielleicht sogar für immer. Der Zufall kam ihr zu Hilfe, und traf die Entscheidung für sie, als sie am Rande irgendeiner staubigen Landstraße stand, ein rostfleckiges Radkreuz in der Hand, weil sie sich den rechten Vorderreifen mit einem spitzen Stein am Wegesrand aufgeschlitzt hatte.

Das nächste Problem, so stellte sie fest, bestand darin, dass sie sich von dem windigen Autoverkäufer in Paris einen Wagen hatte aufschwatzen lassen, dessen Ersatzrad leider ebenfalls bereits einen Platten hatte. Ihr blieb wohl wenig übrig, als einen Pannendienst zu rufen, wenn sie nicht auf drei Reifen zurück in die Stadt holpern wollte, was dem Fahrzeug vermutlich den Rest gegeben hätte. Also zückte sie ihr Handy und rief eine Notrufnummer in der Nähe an, und konnte die gierige Vorfreude des Kerls vom Pannendienst aus dessen Stimme heraushören, als sie ihm erklärte, sie habe keine Ahnung, wo genau sie sich befinde, nur, dass sie irgendwo auf der Landstraße zwischen Angerville und Toury festsäße mit einem Platten und keinem funktionierenden Ersatzrad. Der Kerl würde ein Vermögen verdienen an ihrem Unglück.

Aber daran ließ sich nun nichts ändern, also warf sie das rostige Radkreuz neben das platte Ersatzrad in den Staub und setzte sich an den Straßenrand, um auf den Mann vom Pannendienst zu warten. Schon kurze Zeit später bemerkte sie eine Staubwolke am Horizont und sah verwundert auf die Uhr. Tatsächlich waren seit ihrem Telefonat noch keine zehn Minuten vergangen und so, wie sich der Mann mit dem Abschleppwagen angehört hatte, würde er in frühestens zwei Stunden hier sein. Was vermutlich eher vier Stunden bedeutete, denn französische Pannendienste waren nicht eben für ihre Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit bekannt.

Es war nicht der Pannendienst, sondern ein weinroter Peugeot, der sich ihr näherte, ironischerweise in einem Zustand, der ihren eigenen Wagen praktisch als fabrikneu erscheinen ließ. Der rostfleckige Peugeot bremste ab und ein junger Mann leierte die Scheibe herunter: »Besoin d’aide? – brauchen Sie Hilfe?«

Sie antwortete, dass Hilfe bereits unterwegs sei, und betrachtete den jungen Mann. Ein hübscher Bursche, ganz nach französischer Art. Braungebrannnt, die Ärmel aufgekrempelt, das Hemd fast bis zum Bauchnabel geöffnet, von schlanker Gestalt, aber mit sehnigen Muskeln, die man nur von echter Arbeit bekommt. Lockiges, dunkles Haar fiel ihm keck in die Stirn, er besaß ein Paar fröhlich blitzender Augen. Ein attraktiver junger Mann, und die Frau musste ein wenig grinsen, weil die Situation gerade dabei war, in ein Klischee aus einem billigen Sexfilmchen abzugleiten. Oder beinahe.

Der junge Mann interpretierte ihr Lächeln indes falsch und öffnete die Tür seines Peugeots. Dann stieg er aus, warf seine Zigarettenkippe fort und schüttelte sich eine neue aus der Schachtel. Er hielt ihr die Schachtel hin, und sie nahm eine.

Gauloises, filterlos.

Er gab ihr Feuer.

Die Zigarette schmeckte würzig und stark, wie das Land ringsum. Die Sonne knallte auf sie hinab, und sie spürte den Schweiß unter ihrem T-Shirt kitzeln. Sie sog den Rauch tief in die Lungen.

Schenkte ihm ein Lächeln.

Und versicherte ihm dann nochmals, dass Hilfe bereits auf dem Weg sei. Der junge Mann winkte ab, wollte davon nichts wissen. Sagte: »Pah, der Pannendienst. Da stehen Sie morgen noch hier, Mademoiselle.« Spuckte aus, auf den Pannendienst, vermutlich, und vermutlich zu Recht. Ihr gefiel, dass er sie Mademoiselle genannt hatte, ein gut erzogener Bursche vom Land. Ein Bursche, in den sich ein einsames Mädchen Hals über Kopf hätte verlieben können.

Aber sie natürlich nicht, da bestand ja gar keine Gefahr.

Ihr fiel eine schmale silberne Kette auf, die er um den Hals trug, mit einem kleinen Kruzifix daran, halb verdeckt von seiner behaarten, muskulösen Brust. Der Herr Jesus, verloren gegangen im dichten Dschungel, na sowas.

Er hielt ihr die Hand hin. Eine kräftige Arbeiterhand, die sie gern ergriff. Sagte, er heiße Mathieu. Sie sagte, sie heiße Sophie, und sie begannen, sich zu duzen, während sie weiterrauchten und sich unterhielten. Wo sie herkomme, wollte er wissen, und vermutete Deutschland, obgleich er ihr Französisch lobte. »In Paris«, sagte er, »würdest du damit glatt durchkommen, aber die Leute hier, sie reden anders. Ihr eigenes Kauderwelsch, verstehst du?«

Sophie sagte, dass sie das verstehe.

Er sagte, er sei Künstler und bemerkte, dass sie in die gleiche Richtung unterwegs sein müssten, schon mal zwangsläufig, weil die Landstraße, auf der sie hier herumstanden, nun mal nur von Angerville nach Toury und zurück führte, abgesehen von ein paar Abfahrten zu irgendwelchen Bauernhöfen, und wie ein Bauer oder Schweinezüchter sähe sie ja nun nicht gerade aus.

Sie stimmte ihm zu und sagte, sie sei Studentin, oder so etwas Ähnliches.

»So etwas Ähnliches?«, fragte er interessiert.

»Ich studiere vor allem das Land und die Leute«, sagte sie, und jetzt, wo sie es ausgesprochen hatte, kam es ihr beinahe etwas großspurig vor. Ihm offenbar nicht. Er nickte nur und sagte, das fände er gut.

Als sie fertig mit der Zigarette waren, schlug er vor, sie solle ihr Gefährt hier stehen lassen, und sich von ihm nach Toury fahren zu lassen. Als sie zögerte, fügte Mathieu hinzu, er kenne da einen Automechaniker, der sei ein echter Fuchs, und ein Freund von ihm. Der könne ihren Kleinbus abschleppen und reparieren, in Nullkommanichts. Er, Mathieu, würde höchstpersönlich dafür sorgen, dass sie dafür einen Freundschaftspreis bekäme.

Warum nicht, dachte Sophie, immerhin war sie hier, um Land und Leute kennenzulernen, und Mathieu wirkte nun wirklich nicht gefährlich. Nicht mit diesen fröhlichen blauen Augen, die unter seinen schwarzen Locken hervorblitzten, und der ehrlichen, sonnengebräunten Haut und dem alten, rostfleckigen, weinroten Peugeot. Also sagte sie, das sei sehr nett von ihm, und fragte, ob es in Toury auch ein Hotel gäbe, in dem sie übernachten könne, bis ihr Wagen wieder flott sei.

Da lachte Mathieu: »Natürlich wirst du nicht in einem Hotel wohnen, sondern bei uns. Als unser Ehrengast aus Deutschland.«

»Bei uns?«, fragte Sophie skeptisch.

»Ja«, versicherte Mathieu. »Bei mir und meiner Freundin. Sie heißt Emma und sie kommt ebenfalls aus Deutschland. Sie wird dir gefallen.«

OceanofPDF.com